Was früher vor allem Armani, Gucci oder Zara, also die Marken, betraf, ist zum Problem für alle geworden. Zum Spiel mit dem Leben wird dies, wenn es um Bremsbeläge aus Indien geht, die sich als billige Fälschung aus Kuhdung und Schuhcreme entpuppen. „Produktpiraterie ist schädlich für die ganze Gesellschaft“, betont Daniel Dünnebacke, Branchenmanager bei der Standardisierungsorganisation GS1 Germany, Köln. Peter Paul, Leiter der Abteilung Sicherheitsdruckfarben und Produktschutz beim Unternehmen Printcolor, pflichtet ihm bei: „Der Markt scheint unendlich groß. Zehn Prozent der Weltwirtschaft werden mit Fälschungen verdient, ein großer Teil dieser Erträge wird für die Finanzierung von Terror und organisierter Kriminalität verwendet.“

Keine Frage: Das Geschäft blüht. Allein für den deutschen Maschinenbau wird der Schaden aktuell nach der Studie des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) von 2012 auf 7,9 Milliarden Euro (Umfrage 2010: 6,4) bei einem Umsatz von 200,5 Milliarden Euro geschätzt. Das entspricht vier Prozent des Umsatzes und bedeutet einen rasanten Anstieg um 24 Prozent gegenüber der vorausgegangenen Umfrage. Nur noch ein Drittel der Unternehmen in Deutschland kann angeben, von Produkt- oder Markenpiraterie nicht betroffen zu sein, 67 Prozent (2010: 62 Prozent) sind bereits betroffen. Rechnerisch gehen damit der Branche 37.000 Arbeitsplätze verloren.

 

Tracking und Tracing: Per Datamatrix-Code lässt sich das Produkt zurückverfolgen. Die Lösung stammt vom VDMA und der Standardisierungsorganisation GS1 Germany.

Tracking und Tracing: Per Datamatrix-Code lässt sich das Produkt zurückverfolgen und seine Herkunft eindeutig identifizieren. Foto: TecIdentify

Die Piraten agieren weltweit. Mit Hilfe der globalen Produktionsketten gelingt es ihnen, einen Fuß in die Tür zu bekommen, und der Online-Handel öffnet die Schleusen. Andererseits „wissen viele Unternehmen gar nicht, wie leicht ihre Produkte kopiert werden können“, sagt Bartol Filipovic, Leiter der Abteilung für Produktschutz an der Fraunhofer-Einrichtung für Angewandte und Integrierte Sicherheit AISEC in Garching bei München. Piraterie macht nicht an Ländergrenzen halt. Zudem werden die Fälscher dreister und schneller. 64 Prozent der Unternehmen erkennen, dass die Fälschungen ihrer Produkte schon nach weniger als einem Jahr auf den Markt kommen. Der Großteil der Plagiate stammt aus China (72 Prozent), gefolgt von Deutschland mit 26 Prozent (2010: 19 Prozent), Indien 16 und Italien 13 Prozent. Jedoch ist die Aktivität in China (2010: 79 Prozent) erstmals rückläufig gewesen, während die deutschen Piraten zulegten.

Alle fünf Jahre eine neue Technologie einführen

Die erste gemeinsame Umfrage des VDMA und des japanischen Maschinenbauverbands hat Ende 2012 ein weiteres erstaunliches Ergebnis zutage gefördert. Zwar sehen sich nur 43 Prozent der Unternehmen in Fernost betroffen, aber sie rechnen mit einem deutlich höheren Schaden. Vor allem die Vernachlässigung von Schutzmaßnahmen wird für die Schadensumme von umgerechnet 13 Milliarden Euro verantwortlich gemacht. Im Land der aufgehenden Sonne stehen Aussehen und Design besonders hoch im Kurs der Fälscher, ganze Maschinen erst an zweiter Stelle. Lediglich ein Drittel der japanischen Maschinenhersteller setzt auf innovative Technologie zum Schutz des Eigentums. „Wenn man den Fälschern voraus sein will, muss man alle fünf Jahre eine neue Technologie einführen“, sagte Peter Paul, Sicherheitsexperte bei der Printcolor im schweizerischen Mutschellen.

Eine innovative Lösung für den Plagiatschutz plant der Dienstleister GS1 Germany derzeit gemeinsam mit dem VDMA auf Basis global eindeutiger Kennzeichnungs- und Identifikationsstandards. Der Prototyp wird während der Hannover Messe präsentiert, der Service soll mit Beginn des Jahres 2016 starten. Eine branchenübergreifende und unabhängige Authentifizierungsdatenbank wird dem Anwender, Endkunde oder Beteiligten in der Lieferkette, signalisieren, ob es sich bei dem Produkt um ein Originalteil handelt. Die Umsetzbarkeit dieses Konzepts wurde durch Lösungen im Automotive After Market bereits bewiesen und soll nun branchenunabhängig implementiert werden. Mit einem Smartphone lässt sich die weltweit einzigartige Identifikationsnummer des Produkts, aufgebracht beispielsweise mit einem zweidimensionalen GS1-Datamatrix-Code, prüfen. Grün authentifiziert den gescannten Code als Original, gelb oder gar rot signalisieren einen Verdacht oder ein Plagiat. Die im Standard für die Serialisierung eines Produkts vorgesehenen 20 alphanumerischen Stellen erlauben 7,5.1035 verschiedene Möglichkeiten, wodurch die zufällige Treffer-
wahrscheinlichkeit gegen null tendiert: „Wir wollen die Hürde für Fälscher hochsetzen, obgleich wir wissen, dass es eine hundertprozentige Sicherheit nie geben wird“, so Dünnebacke.

Unkopierbare Strukturen einbauen

Ebenfalls eine Verschlüsselung mit einigen Billionen verschiedenen Zahlencodes ermöglicht der Marker des Freiburger Unternehmens Polysecure. „Es handelt sich um ein einzigartiges Material“, berichtet Geschäftsführer Dr. Thomas Baqué. Die Struktureigenschaften sind nicht kopierbar – „nicht einmal von uns“, betont er. Das kristalline oder keramische Material wird dem Produkt beigemischt und sorgt für Unverwechselbarkeit. „Der Produktschutz könnte viel lebhafter genutzt werden“, meint Peter Paul, aber einige Firmen haben sich in dem unübersichtlichen Markt mit unseriösen und kurzlebigen Engagements die Finger verbrannt. „Jedes Produkt, das einen Wert hat, wird gefälscht“, nimmt der Experte jenen Firmen die Hoffnung, die bisher nicht betroffen sind. Man könne nur versuchen, diese Fälschungen einzugrenzen. Dafür sei es sinnvoll, zunächst den Schaden, der entsteht, zu quantifizieren. „Damit haben wir eine Bemessungsgrundlage“, sagt er. Ab der Summe von 400.000 Euro Schaden lohnen sich bereits umfangreiche Schutzmaßnahmen.

Der Spezialist für Leuchtstoffe Tailorlux entwickelt Materialien, die Licht spektral verschieben, fokussieren, streuen oder absorbieren können.

Der Spezialist für Leuchtstoffe Tailorlux entwickelt Materialien, die Licht spektral verschieben, fokussieren, streuen oder absorbieren können.

Für die besonders komplexe Verschlüsselung hat Printcolor eine Methode mit pflanzlicher Desoxyribonukleinsäure (DNS) entwickelt, die in winzigen  Mikrocontainern verpackt zusammen mit Lumineszenz oder anderen Sicherheitsmerkmalen dafür sorgt, dass Originale auch nach Katastrophen eindeutig erkannt werden. So war es beispielsweise bei den explodierenden Akkus in Mobiltelefonen. Die Spezialisten aus der Schweiz machen auch den Bankräubern das Leben schwer. Mit den explodierenden Farbbeuteln haben sie in fast allen Fällen Beweismittel geschaffen, die zur Verurteilung der Täter führten.

Regressforderungen treiben zum Handeln an

Die Marker des Unternehmens Polysecure werden dem Grundmaterial des Produkts zugefügt. Anhand des kleinen Detektors lässt sich die optische Lumineszens unkompliziert nachweisen.

Die Marker des Unternehmens Polysecure werden dem Grundmaterial des Produkts zugefügt. Anhand des kleinen Detektors lässt sich die optische Lumineszens unkompliziert nachweisen.

Mit maßgeschneidertem Licht reagiert das Unternehmen Tailorlux aus Münster auf die Versuche, Personalausweise oder Zigarilloverpackungen zu fälschen. Durch Zugabe von winzigen Kristallen gelingt es, eine eindeutige Zuordnung der Lichtstrahlen zu finden. „Signifikant wie ein Fingerabdruck“ ist diese Methode, sagt Geschäftsführer Alex Deitermann. Einer der Kunden musste sich mit Reklamationen auseinandersetzen. Als Antwort auf die Produktpiraten wurde eine sichere Authentifizierung entwickelt. Ebenso wichtig war es für den Hersteller eines medizinischen Produkts für Zahnärzte, dafür zu sorgen, dass billige Kopien der eigenen Produkte nicht zu hohen Schadenersatzansprüchen führten. „Warum werden nur 15 Prozent der Unternehmen aktiv?“ fragt Deitermann, und sieht die Antwort in großer Unsicherheit. Die größte Herausforderung sei es doch, überhaupt darüber zu sprechen. Erst ungerechtfertigte Regressionsforderungen treiben seiner Erfahrung nach zum Handeln an.

Opfer der Produktpiraten

67 Prozent der deutschen Unternehmen sind von Produkt- und Markenpiraterie betroffen.

Entstandener Schaden

7,9 Milliarden Euro beträgt nach einer Studie des VDMA der Schaden für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau.

Verlorene Arbeitsplätze

37.000 Arbeitsplätze gehen der Branche durch Produkt- und Markenpiraterie rechnerisch verloren.

Nicht mehr zeitgemäße Kennwörter

Schutz ist nicht nur für die materiellen Produkte notwendig, sondern auch für das geistige Eigentum. Doch was macht man, wenn man keine Sicherheitspartikel einbringen kann? Sei es das Know-how, das in einer Betriebsanleitung steckt, oder die Software, die die Maschine steuert: In einer vernetzten Welt wird die Frage der Sicherheit immer größer geschrieben. Denn Software wird im Maschinenbau immer wichtiger. Sie kann bereits bis zu 40 Prozent des Wertes einer Maschine ausmachen. Eine Lösung zum Schutz dieser Programmcodes wird folglich immer nötiger.

„Kennwörter sind nicht mehr zeitgemäß“, erklärt Oliver Winzenried, Vorstand von Wibu-Systems. „Wir verstecken unsere Passwörter gesichert in der Codemeter-Hardware, da ist eine Weitergabe aus Bequemlichkeit oder Nachlässigkeit nicht mehr möglich.“ Die Authentifizierung erfolgt über kryptographische Verfahren. Mit dieser Technik kann man entweder das Kopieren mit Hilfe eines Schlüssels in der Smartcard und einem symmetrischen AES-Algorithmus von 128 Bit verhindern, oder den Schutz vor Manipulation mit Hilfe einer elektronischen Unterschrift gewährleisten, die etwa einem respektablen RSA-Schutz von 2048 bis 4096 Bit Länge entspricht.

Das Wettrüsten geht weiter

Von den Meistern lernen und sie kopieren: Wenn man sich der chinesischen Philosophie verschreibt, könnten sich die deutschen Firmen ob der Wertschätzung durch die Plagiateure freuen. Doch ohne Schutzrecht hat ein Unternehmen kaum Chancen, sich gegen Nachbauten zu wehren. „Neben dem Know-how-Schutz haben Hersteller auch die Möglichkeit, zum Schutzrecht für eine Marke oder ein Geschmacksmuster zu greifen“, erklärt Marc Wiesner, Rechtsanwalt in der VDMA-Abteilung Recht. „Oft sind Fälschungen nur noch vom Fachmann zu unterscheiden“, ergänzt Ingrid Bichelmeir-Böhn. Die Rechtsanwältin ist seit 1998 bei Schaeffler Technologies für das Thema Produktpiraterie zuständig. „Allerdings genügen auch optisch sehr gute Fälschungen oft den Qualitätsansprüchen nicht“, erklärt sie: Die Zeit der einfachen Fälschungen ist vorbei. Global gesehen kann sich daraus der Kampf ums Überleben entspinnen. „Jedes vierte Unternehmen sagt, dass die Plagiate aus Deutschland kommen“, ergänzt Deitermann. Das Wettrüsten wird also weitergehen, dessen ist er sich sicher.

Autor: Georg Dlugosch, freier Autor für ke NEXT