"Das Datenvolumen nimmt immer mehr zu. Alles, was gemessen, gesteuert, automatisiert und überwacht wird, muss kommuniziert werden." Reiner Schönrock, Siemens

Nicht nur Sensoren werden die industrielle Kommunikation beherrschen. Siemens setzt auf eine Funktechnik, mit der Mitarbeiter Maschinen auch via Smartphone bedienen können.

Welchen Trend in der industriellen Kommunikation beobachten Sie?
Wir sehen, dass die Datenvolumen immer mehr zunehmen. So wie wir in unserer Fabrik in Amberg immer mehr Kontrollpunkte für die Qualitätssicherung und zur Steuerung der Produktion eingebaut haben, machen es auch andere Unternehmen. Alles, was gemessen, gesteuert, automatisiert und überwacht wird, muss kommuniziert werden. Und über die Kommunikation kann dann eine Entscheidung ausgelöst werden. Dieser Datenverkehr hat sehr stark zugenommen über die letzten Jahre, sowohl drahtgebunden als auch drahtlos. Hinzugekommen sind neue Anforderungen wie Hochverfügbarkeit und die Sicherheit der Netze. Neben der Redundanz haben wir deshalb auch eine Security Appliance in unsere Produkte integriert.

Was verändert sich mit der Vision der Industrie 4.0?
Die Kommunikation zwischen der Maschine und dem Produkt ist heute schon ziemlich weit entwickelt. Heute kann ein Produkt über RFID oder einen Barcode der Maschine sagen, was zu tun ist. Unklar ist noch, wie die Maschinen mit Software und Hardware so befähigt werden, Entscheidungen zu treffen. Auf der Hannover Messe zeigten wir eine Fertigungszelle, in der Roboter Türen in eine Karosse einhängen. Die Anlage erkennt, welchen Automobiltyp sie als nächstes zusammensetzen soll und stellt sich darauf ein. Das war das erste Mal, dass eine solche Anlage vorgestellt wurde und zeigt, wie die Kommunikation entsprechend der Vision Industrie 4.0 funktionieren kann.

Was muss sich nach diesem Konzept im Betrieb ändern?
Viele der erforderlichen Komponenten sind vorhanden. Cyber-physische Systeme, die beispielsweise bohren, schweißen, fräsen, hobeln sind per Kommunikationsfunktionen in einen übergeordneten Verbund – also ein Produktionsnetzwerk – integriert. Heute wird dieses Produktionsnetzwerk durch ein MES gesteuert. Für die Vision der Industrie 4.0 muss dieses MES zu einem Manufacturing Operations Management (MOM) entlang der Wertschöpfungskette des Produktes erweitert werden. Dieses würde die Produktion weiter optimieren, sie dynamisch konfigurieren – und das über Unternehmensgrenzen hinweg. Für den reinen Datenverkehr sind die Komponenten da. Aber das übergeordnete System muss noch auf Basis von Industriestandards entwickelt werden, sodass unterschiedliche Anbieter und Hersteller in einem dynamischen Produktionsnetzwerk zusammenarbeiten können.

Wie sieht die Produktion der Zukunft in Bezug auf die Vernetzung aus?
Wir sehen in der industriellen Kommunikation, dass immer mehr Dienste und immer mehr Funktionen auf einem Netz transportiert werden müssen. Und diese Dienste brauchen eine immer höhere Bandbreite. Für die Produktion muss es in diesem Netz auch Kanäle geben, die für besonders zeitkritische Anwendungen reserviert sind.

In der privaten Kommunikation hat das mobile Telefon das drahtgebundene fast ersetzt. Wie sieht das jetzt in der Industrie aus?
Die Verwendung von mobilen Endgeräten in der Industrie wird steigen, denn sie bringen Flexibilität in die Anwendungen. Vermehrt werden inzwischen die Maschinen nicht nur mit mehr Sensoren, sondern auch mit Near Field Communication ausgerüstet. Auf diese Weise kann dann ein Mitarbeiter vor Ort über sein Smartphone oder das Tablet den Puls der Maschine fühlen.
Mit IWLAN haben wir eine Funktechnik entwickelt, die dies unterstützt. Wir setzen dabei auf Standardübertragungstechnik und ergänzen diese um Siemens-Hard- und -Software, was zu einer hervorragenden Stabilität der Verbindung im industriellen Umfeld führt.

Nun macht aber die drahtlose Kommunikation nicht an den Betriebsgrenzen halt und könnte abhört werden. Was bietet Siemens?
Wir haben mit Ruggedcom WIN ein WiMAX-System nach IEEE 802.16e-Standard, das völlig unabhängig von öffentlichen Infrastrukturen arbeitet und eine Reichweite von bis zu 40 Kilometern hat. Damit kann der Kunde sein eigenes unternehmensweites Mobilfunk-Netzwerk unabhängig von öffentlichen Betreibern aufbauen. Mit abgesicherten Protokollen erreichen wir einen sehr hohen Sicherheitsstandard.

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Für eine schnelle Diagnose lassens ich Daten vor Ort perNear Field Communication (NFC) auslesen. Quelle: Siemens

Das Interview führte Roland Hensel, freier Mitarbeiter der ke NEXT