Das Briefzentrum in der Arnulfstraße 195 ist eines der modernsten in ganz Europa. Täglich können hier bis zu 4,5 Millionen Briefe sortiert werden. Für die interne Beförderung setzt die Deutsche Post auf Dematic-Anlagen, die mit SEW-Motoren ausgestattet sind. Aus diesem Grund war antriebspraxis-Redakteur Joachim Vogl für Sie vor Ort.

Räumen wir zunächst mit ein paar Irrtümern auf: Die Deutsche Post verlangt für den Versand von Standardbriefen – nach 15 Jahren Preisstabilität – seit 1. Januar dieses Jahres 58 anstatt 55 Cent, der Maxibrief kostet 2,40 statt 2,20 Euro. Soweit so gut, denn in allen Bereichen werden die Preise immer wieder mal angepasst. Warum also nicht auch bei der Post? Allerdings gab es, wie viele Menschen hierzulande glaubten, offiziell keine Übergangsfrist oder Kulanzzeit, in der die Briefe weiterhin für 55 Cent oder 2,20 Euro versendet werden durften. Viele davon kamen dennoch beim Empfänger an, ohne dass dafür Nachporto erhoben oder der Brief an den Absender zurückgeschickt wurde. Da hat die Post dann wohl ein oder zwei Augen zugedrückt – ganz im Interesse ihrer Kunden.

Bestimmt haben auch Sie schon einmal Geld in einem Brief verschickt – das ist laut Klaus-Dieter Nawrath, Pressereferent der Deutschen Post in München, unzulässig. Und bestimmt hat auch der eine oder andere von Ihnen schon mal vermutet, dass die Post im Bereich der Briefsendungen keine Mitbewerber hat. Auch das entspricht nicht den Tatsachen, denn beispielsweise die Logistic-Mail-Factory GmbH in Augsburg ist in der Region Bayerisch-Schwaben ein ernstzunehmender Marktbegleiter der Deutschen Post – allerdings mit orangen, anstatt den gewohnt gelben Briefkästen.

In Deutschland werden jedenfalls täglich rund 64 Millionen Briefe verschickt – Tendenz, bedingt durch den zunehmenden E-Mail-Verkehr, leicht fallend. Dafür stehen hierzulande insgesamt 82 Briefzentren der Deutschen Post zur Verfügung, „die in amerikanischen Wäschegrößen eingeteilt sind, also von S bis XXL“, erklärt Thilo Ferckel, Serviceingenieur bei der Deutschen Post in München.

Im Briefzentrum München in der Arnulfstraße 195 schlagen täglich Briefe aus Briefkästen, Filialen und von Großkunden aus dem PLZ-Bereich 80 sowie 81 und am Wochenende auch aus der Umgebung (PLZ-Bereiche 82, 83, 84, 85) auf, die in drei Schichten sortiert werden wollen. Pro Schicht sind dafür etwa 200 Mitarbeiter und diverse Briefsortieranlagen zuständig.

Imposantes Bauwerk unter Denkmalschutz

Nawrath ergänzt: „Im Zeitraum zwischen Ende August über den Jahreswechsel bis Ostern brummt das Geschäft so richtig – das Ende der Sommerferien, Weihnachten und die werbende Wirtschaft sind die Gründe dafür. Da kommen wir bestimmt an manchen Tagen auf die doppelte der sonst üblichen Menge.“

Das Münchner Briefzentrum ist jedenfalls ein imposantes Bauwerk unter Denkmalschutz, das um 1970 als Paketpostamt errichtet wurde und damals als größte freitragende Halle Europas galt. Sie misst 124 x 148 Meter und wurde 1998 zum heutigen Briefzentrum, das zur Kategorie XXL gehört und damit fördertechnikwürdig ist, umfunktioniert. Auch heute kommen hier noch Pakete an, die dann direkt nach Aschheim ins Paketzentrum weitergeleitet werden.

Nachdem die Briefe durch die Kastenleerungsfahrzeuge in gelben Postkisten gesammelt und in Kommissionierwagen verstaut im Briefzentrum ankommen, werden die gelben Kunststoffbehälter, die es in drei unterschiedlichen Größen gibt, über eine Pic-and-Place-Einheit direkt auf den Förderbändern abgeladen und deren Inhalt wenige Meter weiter in einen Sammelbehälter gekippt. An dieser Stelle erfolgt die erste Sortierung, die Menschenhände übernehmen: großformatige Sendungen werden von den Standardbriefen separiert und so zusammengetragen, dass diese mit den Empfängeradresse gleich ausgerichtet sind. Ultraschallsensoren erkennen dabei, ob Briefe auf dem Förderband liegen und diese fortbewegt werden müssen. „Aber an den meisten anderen Stellen kommen Lichtschranken zum Einsatz, die einfach über hell oder dunkel entscheiden, ob Post da ist oder nicht“, sagt Ferckel.

Klaus-Dieter Nawrath
„Geld mit dem Standardbrief zu versenden ist unzulässig.“
Klaus-Dieter Nawrath, Deutsche Post

Die Fördertechnik stammt komplett von Dematic, Offenbach, und ist mit Teilerneuerungen noch original wie beim Einzug 1998 in das Briefzentrum. „Zwischendurch sind natürlich Antriebe, Rollen und so weiter ausgetauscht worden“, weiß der Serviceingenieur zu berichten. Laut Ferckel wurden in der Förderanlage für Briefbehälter (FöA) insgesamt 370 SEW-Motoren verbaut, 185 davon mit einer Nennleistung von 0,55 kW und Schnecken­getriebe sowie weitere gut 100 Motoren mit einer Nennleistung von 0,37 kW und Spiroplangetriebe. Der stärkste Motor hat eine Nennleistung von 1,4 kW, die 50 kleinen, vor allem für die Kurvenstrecken, 0,25 kW.

In München sorgen neun Briefsortieranlagen für Ordnung

Im nächsten Bearbeitungsschritt werden die ausreichend frankierten Briefe abgestempelt. Aufgabe der Stempelmaschine ist es daher auch, die Sendungen so zu drehen, dass die Briefmarken immer an der gleichen Stelle stehen. Anschließend folgt die Sortierung in einer der insgesamt neun Briefsortieranlagen von Siemens. Zwei davon sind Großbriefsortieranlagen (GSA), in denen knapp 200 bürstenlose Gleichstrommotoren von Dunkermotoren zum Einsatz kommen. Diese warten mit Leistungen zwischen 36 und 400 Watt auf. Neben den sieben Standard- und Kompaktbrief-Sortieranlagen des Typs IRV 3000 sind zwei GSA mit der Modellbezeichnung OMS im Einsatz. Eine davon ist sogar die weltweit erste ausgelieferte OMS des Herstellers. Nach einem mehrmonatigen Testbetrieb zur Überprüfung der vollen Funktionsfähigkeit erteilte die Deutsche Post die Baumusterfreigabe für den bundesweiten Einsatz der Anlagen in den weiteren Briefzentren.

Die Postsendungen werden hier über die Reibvereinzelung stückweise von einem Stapel eingezogen. Ferckel dazu: „Auf der einen Seite haben wir Gummiriemen, die gelocht sind und durch die Bewegung einen Unterdruck erzeugen. Papier auf Papier rutscht einfach leichter, als Papier auf Gummi, wodurch die Briefe dann der Reihe nach eingezogen werden.“ Hier sitzt auch der Scanner, der die Anschrift auf dem Brief liest und die Sendung in ein entsprechendes Sortierfach, nach Postleitzahlen aufgeteilt, ablegt. Von dort aus gehen die vorsortierten Briefe über die Kommissionierungsan­lage, die von Linearmotoren angetrieben wird und in der beispielsweise Sensoren und Lichtschranken von Leuze und Sick zum Einsatz kommen, wieder auf die Reise zum Empfänger – und im Idealfall bereits nach der Gangfolge des Briefträgers vorsortiert. Erkennt der Scanner die Anschrift auf dem Kuvert nicht, ist der Inhalt zu sperrig oder tauchen andere Unstimmigkeiten auf, wird das Sorgenkind aussortiert und manuell, also händisch, verarztet.

Investigatives Verfahren für unanbringliche Sendungen

Führt auch dieser Vorgang dazu, dass die Sendung nicht in ein entsprechendes Sortierfach abgelegt werden kann, weil die Empfängeradresse selbst mit bloßem Auge nicht zu erkennen ist und die Absenderadresse fehlt, wird der Brief in die Ermittlungsstelle nach Marburg geschickt – das sind dann die sogenannten unanbring­lichen Sendungen. „Dort sitzen speziell auf das Postgeheimnis vereidigte Kolleginnen und Kollegen, die die Briefe öffnen dürfen, um dadurch herauszufinden, wer der Absender oder der Empfänger sein könnte“, beschreibt Ferckel das investigative Geschehen. „Bleibt auch dieser Vorgang erfolglos, wird der Brief für ein Jahr in Marburg archiviert.“ Umso größer ist die Freude bei den Millionen Empfängern, die täglich und rechtzeitig ihre Post bekommen – ganz nach dem Motto: „Trari-trara, die Post ist da.“

Joachim VoglAutor: Joachim Vogl, Redakteur

Viele Grüße vom Oktoberfest

INTERVIEW: Thilo Ferckel und Klaus-Dieter Nawrath, Deutsche Post

Wo gibt es im Briefzentrum München die größten technischen Herausforderungen?
Ferckel: In einigen Bereichen sind wir für mein Dafürhalten technisch fast schon zu weit gegangen. Bei den Großbriefsortieranlagen wurden beispielsweise sehr viele Schrittmotoren verbaut – selbst für kleinere Hübe, für die auch pneumatische Antriebe ausgereicht hätten. Die Anlagen wären damit weniger wartungsintensiv gewesen.

Welche Teile der Anlagen sind denn besonders wartungsintensiv?
Ferckel: Durch den Abrieb haben wir überall mit Papierstaub zu kämpfen. Besonders betroffen sind davon natürlich die lesenden Geräte, aber auch die Bereiche, die geschmiert sind und wodurch sich der Staub festsetzt.

Wie beeinflusst beispielsweise das steigende E-Mail-Aufkommen die Postsendungen?
Nawrath: Bei den Briefen haben wir einen Rückgang von jährlich etwa zwei Prozent. Nachdem in Deutschland aber täglich immer noch 64 Millionen Briefen verschickt werden, gehen wir nicht davon aus, dass wir in absehbarer Zeit keine Briefe mehr zu sortieren haben.

Wie erfolgt die Texterkennung auf Briefen und welche Hardware kommt dabei zum Einsatz?
Ferckel: Die Texterkennung erfolgt mit einem mehrstufigen Lesesystem, an dem mehrere große Rechner hinten dranhängen – primär in Form von 19-Zoll-Einschüben in den Maschinen und sekundär in Blade-Technik im Serverraum. Im Extremfall, also bei Nichterkennung, werden die eingelesenen Bilder auf Videocodierplätze aufgeschaltet und die Postleitzahlen dann von Hand eingetippt. Bei den Blades setzten wir auf Hewlett-Packard.

Wie werden Sendungen mit Sonderstellungen behandelt, zum Beispiel „Einschreiben mit Rückschein“?
Nawrath: Der Unterschied ist, dass diese Briefe mit einem Barcode versehen und mittels Track&Trace erfasst werden. So können wir sie inklusive der Auslieferung zurückverfolgen, was ja beim gewöhnlichen Brief nicht der Fall ist. Ansonsten laufen Einschreiben mit Rückschein hier ganz normal in den Sendungströmen mit den anderen Briefen mit und werden daher auch nicht schneller befördert.
Ferckel: Internationale Wertbriefe und Expresssendungen werden allerdings nicht im Briefzentrum, sondern von DHL Express verarbeitet – in einem separaten Sendungsstrom, der nichts mit der normalen Briefpost zu tun hat.

Wie sieht es mit der Arbeitssicherheit im Briefzentrum München aus?
Nawrath: Das Thema Arbeits­sicherheit spielt eine enorm große Rolle. Wir sind auf dem Stand der Technik und unterschreiten alle Höchstgrenzen, die für den Mitarbeiterschutz da sind, deutlich. Auch stellen wir unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Sicherheitsschuhe und Handschuhe zur Verfügung. Zudem wollen wir den Mitarbeitern das Arbeiten so angenehm wie möglich machen.

Immer wieder hört oder liest man davon, dass Briefe und Postkarten nicht oder erst Jahre später beim Empfänger ankommen. Was sind die Ursachen dafür?
Nawrath: Normalerweise ist der Brief beim Versand innerhalb von Deutschland am nächsten Tag beim Empfänger – vorausgesetzt, man wirft diesen in den Briefkasten vor der letzten Leerung ein. In der Regel schaffen wir das zu 95 Prozent. Wenn aber ein Brief beispielsweise 30 Jahre unterwegs ist, handelt es sich um einen Einzelfall – kein Vergleich gemessen am täglichen Gesamtvolumen. Ein Grund dafür könnte sein, dass die Sendung versehentlich hinter ein Möbelstück im Zustellstützpunkt gerutscht ist und erst beim Umzug – möglicherweise Jahre später – entdeckt wird. Oder ein Haushalt wird aufgelöst und dabei finden sich irgendwo auf dem Speicher bereits vor ein paar Jahren zugestellte Briefe, die – aus welchen Gründen auch immer – wieder im Postkreislauf landen. Nicht immer haben wir die Schuld an der Verzögerung.

Welche Anekdoten können Sie uns über das Briefzentrum München erzählen?
Nawrath: Sie glauben nicht, was die Leute alles in den Brief­kasten werfen. Von Bananenschalen bis hin zum Geldbeutel mit sämtlichen Papieren drin sind uns schon so einige Dinge unter die Nase gekommen.
Ferckel: Lange Zeit hatten wir auch auf dem Oktoberfest Briefkästen stehen, die zu Recht separat geleert wurden. Denn da waren mehr Pappteller, Bierdeckel und andere Sachen drin als Briefe oder Postkarten. Vielleicht noch eine andere Geschichte: Vor Jahren ist eine in Tränen aufgelöste Sekretärin zu uns gekommen. Sie bräuchte die zwei Briefe zurück, die sie in den Briefkasten geworfen hat. Da steht etwas drin, was der jeweils andere auf keinen Fall erfahren darf. Dann haben wir ihr unser Briefzentrum gezeigt und Ihr erklärt, wie viel Sendungen wir hier täglich durchschleusen. Ihren Gesichtsausdruck werde ich nicht vergessen.

Konnten Sie der Sekretärin dennoch helfen?
Ja, wir haben die beiden Briefe gefunden – ein glücklicher Zufall.

Das Interview führte Joachim Vogl