Fluid Power Conference Anlauf, Bild: Adobe Stock

Die International Fluid Power Conference findet, wie so manche Veranstaltung dieser Tage, virtuell statt. Bild: Adobe Stock/fizkes

| von Dagmar Merger
Fluid Power Banner, Bild: TU Dresden

Das Kolloquium sollte ja bereits im März 2020 stattfinden und wurde dann verschoben. Welchen Ausweichtermin haben Sie gewählt und wie ist die Resonanz bei den Anmeldungen?

Professor Jürgen Weber: Wir alle haben einige recht turbulente Monate hinter uns, und das ist auch an der Organisation des IFK nicht vorübergegangen. Wir haben, nachdem das IFK im März nicht stattfinden konnte, einen Ersatztermin vom 12. bis 14. Oktober finden können. Aufgrund der weiterhin prekären Lage in Bezug auf die Reisebeschränkungen durch Auflagen von Unternehmen und Behörden sind wir nun dabei, die Tagung als digitale Veranstaltung zu planen.

Nun, fortschrittlicher und sicherer ist die virtuelle Variante zweifellos. Aber kann man eine Konferenz dieser Größenordnung digital umsetzen?

Ich hätte mich persönlich durchaus auf ein Wiedersehen mit den verschiedenen Akteuren der Fluidtechnik gefreut. Nach anfänglichem Hadern freunde ich mich aber mit der digitalen Lösung an und sehe durchaus große Chancen darin. Wir haben in letzter Zeit die Erfahrung gemacht, dass sich in digitalen Kolloquien aus unserer hauseigenen Vortragsreihe sehr fruchtbare Diskussionen mit reger externer Beteiligung ergeben haben. Nicht zuletzt ist ja bei der digitalen Konferenz die Teilnahmeschwelle durch geringe Ticketpreise und ausfallende Reisekosten sehr niedrig.

Wir entwickeln derzeit mit unseren Partnern eine Veranstaltungsplattform, die alle Wünsche und Anforderungen an das IFK erfüllen. Ich bin mir sicher, dass die Diskussionen über Vortrags- und Posterthemen am digitalen Format sogar gewinnen werden. Eine Herausforderung ist das Ersetzen der Abendveranstaltungen und der Kaffeepausen. Wir arbeiten aber an innovativen Konzepten mit offenen oder themenbezogenen Diskussionsräumen, die dem Social Networking auch in Zeiten physischer Distanz gerecht werden.

Vortragssaal 12. IFK, Bild: André Wirsig
In Dresden fand das IFK zuletzt im Jahr 2016 statt. Veranstalter des 12. IFK sind die Professur für Fluid-Mechatronische Systemtechnik (LFD) der TU Dresden, der Fachverband Fluidtechnik im VDMA und der Dresdner Verein zur Förderung der Fluidtechnik. Bild: André Wirsig

Was denken Sie, werden dieses Mal die wichtigsten oder spannendsten Themen des Kolloquiums sein? Was treibt die Branche um?

Unser Programm mit über 100 internationalen Fachbeiträgen bietet den Teilnehmenden einen Überblick über aktuelle Entwicklungen, neuartige Anwendungen sowie Forschungsarbeiten auf dem Gebiet der Fluidtechnik. Klassische Grundlagenfragestellungen wie die Beschreibung der Fluideigenschaften zur genaueren Modellierung unserer Antriebe sind immer ein aktuelles Thema, aber zunehmend werden Aspekte rund um Digitalisierung und Automatisierung, wie Predictive Maintenance und Digital Systems mit direktem Bezug zu fluidtechnischen Systemen diskutiert, zu denen wir mehrere eigene Sessions im Programm haben. Sie tragen der Tatsache Rechnung, dass fluidtechnische Antriebe aufgrund vielfältiger Ansteuerungsmöglichkeiten und einfach zu implementierender Schnittstellen zur Steuerung und Zustandserfassung Enabler für Produktions-, Transport und Verarbeitungssysteme der Zukunft werden. Am Beispiel einer Fertigungsstraße zur Herstellung von Umformwerkzeugen von der Firma Kamax wird uns im Rahmen der Keynote Speech ein erfolgreiches Beispiel zur Umsetzung der Digitalisierung in der Praxis präsentiert.

Die Software- und auch Hardware-Anbieter versprechen teilweise sehr viel, wenn es um Predictive Maintenance geht. Wo steht die Forschung in diesem Bereich: Was ist möglich, was ist noch Zukunftsmusik?

Die meisten CM-Anbieter sind heute schon in der Lage, eine qualitative Aussage mit relativ guter Trefferquote über den Zustand einer Komponente zu treffen. Der verfolgte Einsatz hierbei beruht auf zwei Säulen, der Software und der Hardware. Softwareseitig tendieren die Entwickler dazu, die Trends im Bereich der künstlichen Intelligenz auszunutzen und selbstlernende Auswertealgorithmen anzubieten, aber auch modellbasierte oder gemischte Ansätze sind für viele Anwendungen vielversprechend. Hardwareseitig werden immer mehr intelligente Komponenten mit integrierter Sensorik auf den Markt eingeführt, die die notwendige Peripherie zur Vernetzung mitbringen.

Von einem Rückkehrer

Professor Jürgen Weber ist Direktor des Instituts für Mechatronischen Maschinenbau und Inhaber der Professur für Fluid-Mechatronische Systemtechnik (Fluidtronik) an der Technischen Universität Dresden. Bild: Juliane Weber

Jürgen Weber wurde 2010 an die TU Dresden berufen. Er übernahm die Professur für fluidmechatronische Systemtechnik und die Leitung des Instituts für Fluidtechnik. Seit 2018 leitet er das Institut für Mechatronischen Maschinenbau. Er hat an dieser TU auch selbst Maschinenbau studiert. Die Promotion schloss er 1991 ab und blieb zunächst als Oberingenieur am damaligen Lehrstuhl für Hydraulik und Pneumatik. Dann war er bis zu seiner Berufung beim Land- und Baumaschinenhersteller CNH in verschiedenen Positionen tätig.

Ein häufiges Problem bei der Umsetzung von CM-Konzepten ist die korrekte Auswahl der Sensorkonfiguration. Hier spielt die Anzahl, die Abtastfrequenz und die Positionierung der verwendeten Sensoren eine große Rolle für die Zuverlässigkeit der CM-Strategie. In dem Zusammenhang herrscht Forschungsbedarf.

Darüber hinaus stellt die Frage der Datenverarbeitung im Hinblick auf die Datenspeicherung und Datensicherung eine große Herausforderung dar und bietet gleichzeitig die Möglichkeit, dass branchenübergreifende Kooperationen zwischen der Fluidtechnik und der IT entstehen können. Ich denke, der Umgang mit den gesammelten Daten wird in der Zukunft ein relevanter Aspekt bei der Bewertung der CM-Ansätze. In diesem Sinne wird der Bedarf der Unterstützung der Industrie riesig sein.

Wie weit können Instandhalter und Betreiber mit Predictive-Maintenance-Maßnahmen heute in die Zukunft schauen?

Zurzeit dürfen die jetzigen Predictive-Maintenance-Ansätze als Insellösungen gesehen werden, deren Güte von der Systemarchitektur, den eingesetzten Komponenten und der Datenbasis abhängen. Nach jetzigem Stand ist man mit der Erfassung des Ist-Zustands in der Praxis bereits gut bedient. In der Zukunft wird sich durch bessere Auswertemethoden und steigende Konnektivität zwischen den Anlagen das Potenzial der Condition-Monitoring drastisch entfalten. Das Konzept „intelligent Maintainance“ wird sich hoffentlich in den kommenden Jahren durchsetzen, sodass sich dadurch Kostenersparnisse durch Verkürzung der Stillstandzeiten und Steigerung der Produktivität für den Betreiber ergeben.

„In der Fluidtechnikbranche nehme ich derzeit aber eine Art Aufbruchsstimmung wahr.“

Prof. Jürgen Weber, TU Dresden

Über welches Herzensthema wollen Sie selbst mit den Branchen-Experten auf dem IFK diskutieren?

Meiner Meinung nach ist es wichtig, weiter über Energieeffizienz, dezentrale Antriebe und einfache Nutzerschnittstellen zu diskutieren, um die Vorteile der Fluidtechnik großflächiger zum Einsatz bringen zu können. Dazu sehe ich es als meine Aufgabe, den breiten Transfer unserer Forschungsergebnisse in die Praxis voranzutreiben.

Darüber hinaus möchte ich über alternative Antriebe und unkonventionelle Ansätze diskutieren, wie beispielsweise das optimale Druckniveau in mobilen Arbeitsmaschinen zu hinterfragen, oder ob durch konsequente Auslegung unserer Verdrängereinheiten in Richtung geringerer Viskosität des Druckmediums Hydraulikanlagen insgesamt effizienter werden können. Neben der Behandlung und Strukturierung von Funktionsoberflächen sind auch Sensorintegration und Fragen der lokalen Intelligenz weitere Aspekte, die mich derzeit gedanklich beschäftigen.

In welchem Bereich der Fluidtechnik sehen Sie, was die Entwicklung und Forschung angeht, momentan am meisten Dynamik?

In einer kürzlich mit dem 5G-Lab und Bosch Rexroth durchgeführten Studie, in der 30 Unternehmen der Branche befragt wurden, kam heraus, dass Hersteller wie Anwender Verfügbarkeits- und Produktivitätsthemen wie vorausschauende Wartung oder automatisierte Inbetriebnahme als wichtigste Herausforderungen sehen. Aber auch die Digitalisierung mit der Erfassung und Auswertung größerer Sensordatenmengen treibt die Unternehmen um.

Die Firmen beschäftigen sich aktiv mit den Themen und suchen nach weitergehenden Lösungen, um Energiebedarf, Ausschuss, Rüst- und Stillstandszeiten zu reduzieren und ihre Produktivität zu erhöhen.

Zurzeit dürfen die jetzigen Predictive-Maintenance-Ansätze als Insellösungen gesehen werden, deren Güte von der Systemarchitektur, den eingesetzten Komponenten und der Datenbasis abhängen.

Professor Jürgen Weber, TU Dresden

Was denken Sie, wie es mit der Fluidtechnik in den nächsten Monaten und in 2021 weitergeht?

Was die Entwicklung der Wirtschaft angeht, gehen die Prognosen ja stark auseinander. In der Fluidtechnikbranche nehme ich derzeit aber eine Art Aufbruchsstimmung wahr. Man ist begierig darauf, sich endlich wieder zu zeigen und gemeinsam die Technologie voranzutreiben. Ich bin da optimistisch, dass man sich bald wieder der alten Trajektorie annähern wird und an den genannten Themen tüftelt.

Wie sehen Ihre Pläne für die kommenden zwölf Monate aus?

Wir haben viele interessante Forschungsthemen und Anträge auf dem Tisch, an denen wir in naher Zukunft arbeiten. Viele davon knüpfen an unsere Vorarbeiten auf den Gebieten der automatisierten Inbetriebnahme, der autarken und intelligenten Sensoren und Antriebe, der Digitalisierung von Wertschöpfungsketten beispielsweise auf Baustellen und diversen Grundlagenuntersuchungen an. Ich kann mit Freude sagen, dass uns nicht langweilig wird!

Die Fragen stellte: Dagmar Merger, Redaktion fluid

Auf einen Blick

Das IFK Dresden findet als virtuelle Konferenz von 12. bis 14. Oktober 2020 statt. Neben der Grundlagenforschung werden Themen rund um die Digitalisierung und Automatisierung in Bezug auf fluidtechnische Systeme diskutiert. Wichtige Themen sind zum Beispiel Predictive Maintenance und Condition Monitoring.

Professor Weber sieht das IFK auch als Plattform für die Diskussion über Energieeffizienz, dezentrale Antrieben und einfache Nutzerschnittstellen sowie alternative Antriebe und unkonventionelle Ansätze zur Verbesserung fluidtechnischer Systeme (zum Beispiel geringere Viskosität des Druckmediums, ideales Druckniveau).

Die Unternehmen interessieren sich insbesondere für Verfügbarkeits- und Produktivitätsthemen sowie Handling größerer Sensordaten-Mengen.

Virtuelle Erstausgabe einer Traditionsveranstaltung

Die International Fluid Power Conference, kurz IFK, fand erstmals 1998 als Internationales Fluidtechnisches Kolloquium statt. Seitdem treffen sich alle zwei Jahre Hersteller, Anwender und Forscher aus der Fluidtechnik auf der Veranstaltung. Gastgeber sind abwechselnd die RWTH Aachen und die TU Dresden. Vor zwei Jahren informierten sich rund 750 Teilnehmer aus 31 Ländern über die neusten Trends der Fluidtechnik. Dieses Jahr stehen die Veranstalter nun vor der Herausforderung, die Konferenz in den virtuellen Raum zu überführen. Was ist von einer virtuellen IFK zu halten? Nun, einige Nachteile liegen auf der Hand: Die Kontaktaufnahme und -pflege ist möglicherweise nicht so einfach wie beim persönlichen Treffen. Zufallsbekanntschaften fallen eventuell weg – wobei die Veranstalter dieses Manko über innovative Konzepte beheben wollen. Als Teilnehmer braucht es etwas Disziplin, um sich vor dem (heimischen) PC nicht ablenken zu lassen. Alles in allem überwiegen aber die Vorteile: Die Ticket- und Reisekosten fallen geringer aus beziehungsweise entfallen, es sinkt das Risiko problematischer Infektionskrankheiten und es ist im virtuellen Raum möglich Gäste aus Ländern treffen, die pandemiebedingt gar nicht anreisen dürften.

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