„In der Pilotstudie, die vom Schweizer Bundesamt für Sport (BASPO) finanziert wurde, haben sich deutliche Unterschiede zwischen der Elite und schwächeren Schützen gezeigt“, berichtet Ralf Kredel. „Es wurde deutlich, dass die Elite eher über unterschiedliche Hüftpositionen kompensiert und weniger über die Schrittstellung, wie es die schwächeren Schützen tun. Zudem streuen die Kräfte bei den Spitzenleuten deutlich weniger.“

Will heißen: Je weniger aktive Kräfte auf das Gewehr wirken, desto exakter der Schuss. Letztlich wird also immer angestrebt, dass sich sämtliche Kräfte gegenseitig aufheben, bis die Gewehrmündung auf der Zielposition stillsteht. Zudem seien deutliche Unterschiede zwischen einzelnen Schützen zutage getreten: „Jan beispielsweise setzt aufgrund seiner Körperstatur wesentlich höhere Kräfte ein als weibliche Schützen mit demselben Gewehr.“ Wie so oft beim komplexen Gebilde Mensch, geht es also auch hier weniger um universell nutzbare Patentrezepte als vielmehr um ein hochindividuelles Trainingstool.

Gezielte Optimierung von Mensch und Material

Kontaktfläche zwischen Kopf und Gewehr, Bild: Schunk
Der Sensor in der Backenauflage detektiert, welche Kräfte und Momente an der Kontaktfläche zwischen Kopf und Gewehr wirken. Bei einigen Athleten wurde aufgrund der Erkenntnisse bereits die Position der Auflage verändert. Bild: Schunk

Bei den Athleten am Schießstand des Schweizer Schießsportverbands SSV in Biel kommt die neue Technologie gut an. Jan Lochbihler ist mittlerweile als Profi aktiv, kann damit mehr Zeit ins Training investieren und nun auch neue Technologien, wie den Einsatz der Kraft-Momenten-Sensoren eingehend testen. „Mit dem Sensorsystem analysieren wir sämtliche Kraftwerte in x-, y- und z-Richtung sowie die Drehmomente“, berichtet Dino Tartaruga, der innerhalb des SSV für den Bereich Leistungsdiagnostik verantwortlich ist. „So konnten wir erkennen, dass bei Jan die Streuung des Kraftwerts Fx an der Schulter bei guten Schüssen deutlich geringer ist als bei schlechten“, erläutert der Sportwissenschaftler. „Das heißt im Umkehrschluss, dass der Schütze verstärkt auf seine Schulter achten muss.“

Eine solche Aussage sei mit aktuellen Technologien, wie der Kameratechnik oder dem aus Russland stammenden „Scatt-System" zur Zielweganalyse bislang nicht möglich gewesen. „Jetzt zeigen die Sensoren, wo die Bewegung herkommt“, betont der Trainer. „und sie bieten künftig die Möglichkeit, gezielt einzelne Themen wie die Backenposition oder die Schulter zu trainieren.“

Auch konkrete Ergebnisse aus den Versuchsreihen kann Ralf Kredel bereits vorweisen: Bei zwei Athletinnen beispielsweise wurde auf Grundlage der Messwerte die Position der Backenauflage verändert, da Krafteinwirkungen über die Auflage den Schuss gestört haben. Es geht also um beides: die Optimierung des Athleten und die Optimierung des Geräts im zulässigen Rahmen. „Bereits die Pilotstudie hat gezeigt, dass sich auf Gewehrseite vieles optimieren lässt, was von den Athleten positiv wahrgenommen wird“, betont der Wissenschaftler.

Akustisches Live-Feedback zum intuitiven Training

Wireless Transmitter, Bild: Schunk
Über einen Wireless Transmitter werden die Daten der Sensoren kabellos per WLAN an den Rechner übertragen. Bild: Schunk

Aktuell liegt der Fokus vor allem auf den Schützen. Schon werden Stimmen laut, die Technologie auch auf weitere Disziplinen auszudehnen, sei es Kleinkaliber, Biathlon oder andere Sportarten. „Man kann sicher 30 Sportarten nennen, bei denen dieses System relevant wäre“, taxiert Kredel.

Beim SSV selbst hat man mit dem System vor allem die Europameisterschaften 2017 und 2019, die Weltmeisterschaft 2018 und die Olympischen Spiele 2020 im Blick. Die Ideen für den künftigen Einsatz gehen noch weit darüber hinaus: „Letztendlich wollen wir bei den Athleten mithilfe der Sensoren ein individuelles Gesamtgefühl entwickeln, wie sie das Gewehr ruhig halten“, betont Dino Tartaruga. Das kann je nach Sportler fortlaufend geschehen, fallweise oder auf Nachfrage.

Ergänzend zur optischen Auswertung, die als Offline-Feedback im Nachhinein ausgewertet wird und eine nachträgliche Reflexion der Ausführung ermöglicht, favorisiert er zusätzlich ein akustisches Live-Feedback unmittelbar beim Zielen, Halten und Schießen. Je höher der Ton, desto mehr aktive Kräfte wirken auf das Gewehr, je tiefer desto weniger. So soll es möglich werden, intuitiv die Bewegungsausführung anzupassen und zu optimieren.