Matthias Zelinger, Bild: VDMA

Matthias Zelinger, Leiter des Competence Centers Klima & Energie im VDMA, kennt die Herausforderungen für die Branche. - Bild: VDMA

Auf die nächste Bundesregierung wartet mit dem zu bewältigenden Klimawandel eine große Herausforderung. Betroffen von den Veränderungen und insbesondere von den Rahmenbedingungen, welche die neue Regierung setzen muss, ist auch der deutsche Maschinen- und Anlagenbau. ke-NEXT-Redakteurin Angela Unger-Leinhos sprach mit Matthias Zelinger, Leiter des Competence Centers Klima & Energie im VDMA, darüber, was die Branche braucht und was sie tun kann, um den Wandel gut zu bewältigen.

Herr Zelinger, auf der VDMA-Homepage findet sich ein Beitrag mit dem Titel „Maschinenbau wird zum entscheidenden Enabler für Green Technology“. Inwieweit nimmt der deutsche Maschinen- und Anlagenbau im Kampf gegen den Klimawandel eine Schlüsselrolle ein?

Matthias Zelinger: Technisch ist der Maschinenbau ganz klar der Lösungsanbieter zur Bewältigung des Klimawandels. Und zwar ein Lösungsanbieter, der den heutigen Komfort und das heutige Wohlstandsniveau erhalten kann! Der VDMA hat von der Boston Consulting Group ausrechnen lassen, wie viele Emissionen die Industriestaaten über alle Sektoren, also von klassischen Industriebetrieben bis hin zur Landwirtschaft, reduzieren könnten. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir mit den Technologien, die heute zwar teilweise noch nicht marktreif, jedoch bereits bekannt sind, insgesamt 86 Prozent der Emissionen in den Industriestaaten reduzieren könnten! Dabei geht es um Technologien zu erneuerbaren Energien, wie Windenergie- oder PV-Anlagen, Wasserstoff- und Effizienztechnologien. Das Thema Energieeffizienz wird mittlerweile leider oft vergessen. Es betrifft beispielsweise die Optimierung energieintensiver Verfahren in der Chemie-, Stahl- und Zementindustrie, aber auch die Herstellung von erneuerbaren Brennstoffen. Darüber hinaus geht es auch um andere Lösungen für die Landwirtschaft, anderen Verfahren in der Chemie sowie in der Stahlherstellung. Berücksichtigt man dies alles, kommt man drauf, dass technisch sehr, sehr vieles lösbar ist. Das ist dann teilweise eine ökonomische Frage. Letzten Endes ist es auch die Frage, ob die Märkte sich so herausbilden, dass wir diese Technologien bis zur Marktreife entwickeln können. Hier kommen die Politik und die Rahmenbedingungen ins Spiel.

„Ein Unternehmen sollte selbstkritisch schauen, was es für Produkte hat und in welche Bereiche es diese verkauft.“

Was müsste dafür getan werden, um 86 Prozent weniger Emissionen zu erreichen?

Matthias Zelinger: Am Ende geht es um viele einzelne wirtschaftliche Entscheidungen, wann und wo investiert wird. Dies umfasst zwei Aspekte. Der Erste ist: Lohnt sich die Technik wirtschaftlich unter den aktuellen regionalen Bedingungen? Dabei ist es unerheblich, ob es sich um Steuern oder das individuelle Unternehmensprofil handelt. Bei den lokalen Bedingungen geht es manchmal bis hin zu Faktoren wie die Außentemperatur und damit Effizienzen. In puncto Wirtschaftlichkeit stellt sich auch die Frage, ob man an den dortigen Bedingungen etwas ändern will oder kann. Wir haben beispielsweise im Moment eine intensive Diskussion darüber, ob wir nicht eine umfassende Reform der Steuern und Abgaben auf Strom und andere Energieträger in Deutschland brauchten. Diese Problematik sehen wir in vielen Regionen der Welt. Es ist doch klar: Wenn Sie heute bei Gas und Strom völlig unterschiedliche Belastungen haben, dann können Sie als wirtschaftendes Unternehmen nicht frei zwischen diesen beiden Energieträgern wählen. Für das Unternehmen ist die Bewertung dadurch verschoben. Deshalb müssen wir dorthin kommen, dass die Rahmenbedingungen angepasst werden und idealerweise dabei auf die Emissionsbelastung ausgelegt sind.

Sie erwähnten vorhin, dass es noch einen zweiten Aspekt gibt, der bei der Reduzierung der Emissionen um 86 Prozent eine Rolle spielt. Um welchen Aspekt handelt es sich dabei?

Matthias Zelinger: Der zweite Aspekt ist recht simpel, Zeit! Vor allem bis zu politisch definierten Klimazielpunkten. Dabei geht es beispielsweise um die Frage des Zeitpunkts, also wann sich der Umstieg auf energieeffizientere oder klimafreundlichere Technologien lohnt. Wenn ich eine noch nicht abgeschriebene Anlage vorzeitig gegen eine effizientere oder klimafreundlichere Anlage ersetze, fahre ich in dem Augenblick des Austauschs einen Wertverlust ein. Ich verliere also Geld. Um diese Frage geht es oft. Sie stellt sich auch bei sich verändernden Rahmenbedingungen. Nehmen Sie zum Beispiel das Stichwort CO2-Preis: Liegt zu dem Zeitpunkt, zu dem ich investieren muss, eine durch den CO2-Preis gegebene Wirtschaftlichkeit vor? Diese Problematik kann uns zum Beispiel bei Stahlwerken auf die Füße fallen.

Inwiefern wird uns diese Problematik auf die Füße fallen?

Matthias Zelinger: Die deutschen Stahlwerke müssen relativ bald erneuert werden. Solange aber weder die Frage „Wie regeln wir den Wettbewerb aus nicht-klimaorientierten Ländern?“ noch die Frage „Wo liegt der CO2-Preis, zu dem die Investitionsvoraussetzungen vorliegen?“ beantwortet wurden, existiert für die deutschen Stahlwerke ein Riesenproblem. Im Zweifelsfall wollen sie gar nicht investieren und das Stahlwerk wird woanders gebaut. Oder das Alte wird irgendwie am Laufen gehalten.

Das klingt nicht nach einer einfachen Aufgabe?

Matthias Zelinger: Bezogen auf das einzele Stahlwerk gibt es Förderinstrumente, die das lösen können. Das ist aber eigentlich eine breitere Diskussion! Und dabei muss man natürlich zu größeren Lösungen kommen, am besten im internationalen Rahmen. Denn am Ende hängt der Maschinen- und Anlagenbau nach wie vor zu 70, 80 oder teilweise noch mehr Prozent am Export. Es stellen sich also die Fragen: Wann bekommen wir das Volumen? Ist dieses Volumen groß genug, um die Technologie wirklich marktreif zu entwickeln und an den Markt zu bringen? Diesbezüglich muss auch verstanden werden, dass die wenigsten Technologien nur für Deutschland entwickelt werden! Deshalb brauchen wir weltweit Perspektiven! Dann sind wir bereits bei dem gesamten weltweiten Marktkonstrukt.

Wie können die Hersteller ihr Unternehmen fit machen für die Zukunft? Gibt es dazu Empfehlungen?

Matthias Zelinger: Ja, es gibt Empfehlungen des VDMA. Die Unternehmen haben im Prinzip zwei Baustellen. Zunächst geht es um die Produkte: Was habe ich für Produkte? In welche Anwendungen verkaufe ich meine Produkte? Wird es diesen Markt zukünftig noch geben? Diesbezüglich empfiehlt der VDMA sehr dringend mit offenen und selbstkritischen Augen zu schauen, wie der Klimafußabdruck des Produktes aussieht. Hierzu muss berücksichtigt werden, wie das eigene Produktportfolio aussieht und ob es womöglich umgestellt werden muss. Das geht soweit, dass bereits heute manchmal die örtliche Sparkasse bei der Investition fragt, was denn zum Beispiel auf dem Bearbeitungszentrum produziert werden soll. Und wenn das Unternehmen antwortet, dass dort Einspritzpumpen für Dieselmotoren gefertigt werden, dann überlegt sich die Sparkasse ernsthaft, ob sie sich mit dem Kredit nicht ein Risiko ins Haus holt. Das war jetzt ein leicht überspitztes Beispiel. Aber genau diese Überlegung muss man hier treffen: Wenn man heute investiert, wie sieht dann das künftige Marktvolumen unter den ambitionierten Klimaschutzbedingungen aus?

Und welches ist die zweite Baustelle?

Matthias Zelinger: Als Unternehmen muss ich mir angucken, wie ich selbst wirtschafte: Sind Unternehmen und Produktion klimaneutral möglich? Die Antworten darauf sind im Maschinenbau meistens noch relativ einfach, weil dieser nicht sonderlich emissionsintensiv ist und weil die Hauptenergie Strom ist. Diesbezüglich müssen sich Unternehmen mit der Frage beschäftigen: Wo nehme ich den Strom in Zukunft her? Wenn man heute sieht, welche Diskussionen es um den Ausbau erneuerbarer Mengen gibt, dann könnte es durchaus sein, dass der Stromversorger „ausverkauft!“ antwortet, wenn Sie 2028 zu ihm kommen und eine bestimmte Menge Megawattstunden erneuerbare Energie pro Jahr anfordern. Das heißt, um den Strom muss man sich rechtzeitig kümmern.

Betrifft dies auch die Lieferketten?

Matthias Zelinger: Diese dürfen wir auch nicht vergessen! Denn mit grünem Strom im Unternehmen ist noch nicht alles gut, wenn das Rohmaterial beispielsweise aus Asien kommt und dort mit Kohlestrom hergestellt wird. Damit werden Unternehmen auch in Zukunft nicht mehr durchkommen! Durch die Digitalisierung werden wir eine annähernd komplette Verfolgung der Lieferkette bekommen. Der Treibhausgasrucksack wird für jede Komponente irgendwann erfassbar sein. Das werden übrigens auch die Kunden fordern!

Das klingt nach einer großen Herausforderung für die Unternehmen!

Matthias Zelinger: Ja, das ist schon eine ambitionierte Aufgabe, gerade für Mittelständler. Hier braucht es noch wahnsinnig viel Standardisierung und gemeinsame Arbeit. Dann braucht es auch Unterstützung von den Kunden. Es muss auch Diskussionen darüber geben, ob das dem Kunden einen höheren Preis wert ist. Diese Diskussionen müssen die Unternehmen jetzt zunehmend führen.

Was würden Sie sich von der neuen Bundesregierung wünschen? Was wären die dringendsten Anliegen?

Matthias Zelinger: Das Entscheidende ist, dass wir in eine Knappheit reinlaufen: Wenn man sich den heutigen Energiebedarf anguckt, der durch den Import fossiler Energie gedeckt wird, muss der Ausbau erneuerbarer Energien Priorität haben, um den Strombedarf in Zukunft abzudecken. Es müssen viel mehr Flächen bereitgestellt werden. Dann folgen auch die Investitionen. An zweiter Stelle kommt das Thema der Abgaben- und Umlagenreform, weil sonst viele Dinge nicht wirtschaftlich funktionieren und sich gegenseitig behindern werden. Als nächstes brauchen wir an vielen Stellen einen Abbau von Hürden wie bürokratische Genehmigungsverfahren. Was noch dazu gehört ist die Ehrlichkeit über die Belastungen, die mit dieser Menge an Investitionen entstehen: Es wird auch ein paar Zumutungen geben. Man muss beispielsweise auch damit leben, wenn der Strommast nicht 2 km, sondern 800 m vor dem eigenen Haus steht. Zur Ehrlichkeit gehört auch, dass man solche Dinge, wenn sie demokratisch legitimiert sind, durchsetzt. Denn sonst wird es einfach nicht funktionieren.

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