Thilo Brodtmann, Bild: VDMA

Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des VDMA, Bild: VDMA

| von Angela Unger-Leinhos

Herr Brodtmann, der deutsche Maschinen- und Anlagenbau steht unter Druck. Könnten Sie bitte kurz zusammenfassen, was aktuell die größten Belastungen sind?

Schon seit längerem verspüren wir die Auswirkungen von Handelsstreitigkeiten, einer schwachen Weltwirtschaft sowie des Strukturwandels in der Automobilindustrie. Nun kommt auch noch eine Pandemie hinzu – mit noch nicht konkret abschätzbaren Folgen für eine so stark exportorientierte Industrie wie den Maschinenbau. Solch ein ganz besonderer exogener Schock macht die Planbarkeit temporär zunichte und wird heftige Bremsspuren auslösen.

 

Was genau bedeutet der Corona-Virus für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau?

Losgegangen ist es in China, und die dort entstandenen Produktionsausfälle kommen nun erst so richtig bei uns an, wenn zum Beispiel wichtige Bauteile und Komponenten für die Fertigstellung von Maschinen und Anlagen fehlen, die jetzt eintreffen müssten. Zugleich erleben wir ja gerade, dass auch die europäischen Regierungen in Rekordzeit Maßnahmen treffen, die die Produktion ganz empfindlich treffen werden. Eine konkrete Abschätzung der Folgen ist zum aktuellen Zeitpunkt daher nicht möglich. Was selten vorkommt: Nicht nur die Angebotsseite ist betroffen, sondern auch die Nachfrageseite, weil auch bei unseren Kunden diese Verwerfungen herrschen und Bestellungen nicht wie gewohnt ausgelöst werden können.

„Das oberste Gebot in Krisen: Kühlen Kopf bewahren und verantwortungsbewusst handeln.“

Thilo Brodtmann, VDMA

Haben Sie Rückmeldung von Ihren Mitgliedern, die bereits konkret betroffen sind? Wie ist deren Situation und wie gehen sie damit um?

Auch in den Unternehmen herrscht natürlich große Verunsicherung, wie es jetzt weitergeht – und vor allem darüber, wie lange es dauern wird, bis sich das Wirtschaftsleben wieder normalisiert. Alle müssen auf Sicht fahren und ihre Produktionen irgendwie aufrechterhalten, obwohl zum Beispiel Schulen und Kindergärten für fünf Wochen geschlossen sind und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter die kleinen Kinder zuhause betreuen müssen. Jetzt ist es umso wichtiger, dass die Firmen genug Liquidität zur Überbrückung der kommenden Wochen haben, und deshalb sind die diesbezüglichen Ankündigungen der Regierung wichtig und richtig.

 

Welche Unterstützung benötigt der deutsche Maschinen- und Anlagenbau in der aktuellen Situation von der Politik?

Die Politik hat mit der schnellen Änderung der Kurzarbeitsregeln eine erste wichtige Entscheidung getroffen, ebenso zum Beispiel mit den vorgesehenen Steuerstundungen. Jetzt müssen unter anderem die staatlichen Förderbanken wie die KfW – aber auch die Hausbanken – ihren Teil beitragen und mithelfen, dass die Unternehmen auch während der Krise genug Liquidität haben.

Können Sie konkrete Tipps geben, wie Ihre Mitglieder mit der Situation umgehen sollen?

Wie immer in Krisen gilt als oberstes Gebot: kühlen Kopf bewahren und verantwortungsbewusst handeln. Kurzarbeit wird vielerorts ein wichtiges Thema sein, ebenso die Prüfung und Nachverhandlung vieler laufender Verträge. Zudem müssen die Unternehmen die Herausforderung angehen, wie eine gewisse Produktion selbst in diesen extrem herausfordernden Zeiten aufrechterhalten werden kann. Das geht nur gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, es müssen kreative Lösungen gefunden werden. Wir im VDMA stehen den Mitgliedern dafür natürlich mit Rat und Tat zur Seite.

 

Was können Unternehmen tun, wenn es infolge des Corona-Virus zu Lieferengpässen von zugelieferten Teilen und zu Absatzschwierigkeiten kommt?

Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich zu beurteilen, hier gibt es kein Einheitsrezept. Der VDMA hat deshalb für seine Mitglieder eine eigene Internetseite eingerichtet (https://www.vdma.org/corona), auf der sie sich viele praktische Ratschläge im Umgang mit Corona und den Folgen abholen können. Was davon auf eine einzelne Firma passt, muss jedes Unternehmen nach individueller Betroffenheit entscheiden.

Neue VDMA-Arbeitsgemeinschaft:

Industrial Drone Solution

Drohnen oder auch UAV (Unmanned Aerial Vehicles) erobern immer mehr Anwendungsbereiche in Logistik und Industrie. Auch für Maschinen- und Anlagenbauer können Drohnen zu einer spannenden Erweiterung ihres Portfolios werden oder die eigenen Prozesse unterstützen. Deshalb gründet der VDMA aktuell die Arbeitsgemeinschaft Industrial Drone Solutions, um die wirtschaftlichen und industriellen Aspekte der Drohnentechnologie für die gesamte Branche zu bündeln.  „Für Anbieter von Drohnenlösungen geht es um wirtschaftlich tragfähige Anwendungskonzepte und deren öffentliche Positionierung“, sagt Sascha Schmel, Geschäftsführer der neuen VDMA-Arbeitsgemeinschaft Industrial Drone Solutions. „Der Maschinenbau wiederum profitiert von Ideen und Know-how rund um Drohnenanwendungen. Die VDMA-Arbeitsgemeinschaft bringt das zusammen und bietet unter anderem das Netzwerk, um diese Themen gemeinsam zu bearbeiten und zu stärken.“

Apropos Kurzarbeit: Die aktuelle Wirtschaftslage ist ja sowieso schon angespannt. Gibt es Zahlen, wie viele Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau bereits Kurzarbeit haben?

Leider sind die letzten verfügbaren Zahlen der amtlichen Statistik inzwischen deutlich veraltet, aber wir wissen, dass Kurzarbeit nun immer stärker in Anspruch genommen wird.

 

Sie kritisieren, dass die Verlängerung der Kurzarbeit nach dem Gesetzentwurf der Großen Koalition an Qualifizierungsmaßnahmen gebunden ist. Was gefällt Ihnen daran nicht?

In der jetzigen Situation macht eine solche Verknüpfung keinen Sinn und schafft nur unnötige Bürokratie. Die Unternehmen begreifen Weiterbildung als dauerhafte eigene Aufgabe und verfügen über hervorragend qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wenn diese jetzt keine Arbeit haben, liegt das an fehlenden Aufträgen und/oder Brüchen in der Lieferkette. Kommt alles wieder in Gang, können die Leute wieder einen hervorragenden Job machen.

Unsere Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau können ja nichts gegen Rahmenbedingungen wie beispielsweise den wachsenden Protektionismus tun. Welche Handlungsmöglichkeiten kann der VDMA aktuell empfehlen, um mit der Konjunkturschwäche bestmöglich umzugehen?

Mittel- und langfristig wird es auch darum gehen, sich resilienter gegen Protektionismus und andere Regulatorik aufzustellen. Das bedeutet, in Amerika, Europa und Asien über eigene belastbare Wertschöpfungsketten zu verfügen. Einige Staaten zwingen ja heute schon über Local Content-Vorschriften dazu, hier aktiv zu werden. Weil das für kleinere und mittlere Unternehmen mitunter keine Option ist, aber auch aus Überzeugung, kämpft der VDMA entschieden gegen den schleichenden Protektionismus.

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