Die Maschinen- und Anlagenbauer begrüßen die geplante Schaffung eines großen Wirtschaftsraums

Die Maschinen- und Anlagenbauer begrüßen die geplante Schaffung eines großen Wirtschaftsraums ohne Zollschranken zwischen den USA und der EU, aber mit gemeinsamen Regularien und Standards für über 800 Millionen Menschen. Bild: Fotoloa - quistis

Torsten Schultz, Nord Gear, Bild: VDMA
"Eine Angleichung der technischen Standards wäre schon vor großem Vorteil", sieht Torsten Schultz von Nord Gear die Lage. Bild: VDMA

Die Maschinen- und Anlagenbauer begrüßen die geplante Schaffung eines großen Wirtschaftsraums ohne Zollschranken, aber mit gemeinsamen Regularien und Standards für über 800 Millionen Menschen. Hierzu interviewte der VDMA Torsten Schultz, Präsident bei Nord Gear, der US-Tochtergesellschaft von Getriebebau Nord. Das international aufgestellte Unternehmen aus Bargteheide in Schleswig-Holstein ist in der mechanischen und elektrischen Antriebstechnik zuhause.

Wie würde TTIP Ihnen in Ihrem Geschäft helfen?

Schultz: Mit TTIP könnten wir noch viel schneller wachsen. Denn wir könnten neue Produkte viel schneller in den US-Markt bringen. Die Extra-Zertifizierungen, die wir bislang brauchen, dauern sehr lange. In Deutschland bei Nord neu entwickelte Produkte können wir hier in den USA erst mit einer Verzögerung von einem halben, manchmal auch erst von einem Jahr verkaufen. In Europa sind sie dann schon längst auf dem Markt. Wir stellen neben Getriebemotoren auch Elektromotoren und Frequenzumrichter her. Vor allem für diese beiden Produktgruppen brauchen wir gleich mehrere Zertifizierungen. Das verursacht natürlich auch Extra-Kosten.

Wie wichtig ist der amerikanische Markt für Ihr Unternehmen?

Schultz:  Wir sind schon seit 1979 in den USA. Wir haben hier inzwischen drei Standorte. Neben dem Hauptsitz in Wisconsin noch einen in North Carolina und Kalifornien. Insgesamt sind 350 Mitarbeiter bei uns beschäftigt. In den vergangenen fünf bis zehn Jahren sind wir sehr schnell gewachsen. Für uns ist es sehr wichtig, nah am Markt zu sein, schnell liefern zu können und auch lokale Lösungen anbieten zu können. Wir machen überwiegend Montage hier. Viele Komponenten werden aus Deutschland und Europa eingeführt. Wir bekommen pro Woche zwischen zwölf und 14 Container mit Komponenten aus Europa. Durch den Zoll kommt es auch immer wieder zu Verzögerungen. Das alles wäre bei einem Freihandelsabkommen viel einfacher und unkomplizierter.

Bekommen Sie auf dem amerikanischen Markt Konkurrenz durch Chinesen?

Schultz: Noch sehen wir nicht sehr viel  chinesische und indische Konkurrenz. Das liegt aber daran, dass wir mit unseren Produkten ganz überwiegend im Premium-Bereich liegen. Dort sind die Anbieter aus Asien noch nicht etabliert. Die Chinesen und Inder kommen in den Markt mit wenigen Standardprodukten. Sie haben auch keine großen Lager, kein großes Logistiknetz und natürlich noch keine angepassten Lösungen. Aber man sieht sie immer häufiger und sie werden mit ihren Produkten in die Spitzenliga drängen. Man darf diese Konkurrenz daher keinesfalls unterschätzen. Man versucht natürlich, sich dann anders im Markt aufzustellen. Das ist besonders schwierig, wenn man in Branchen unterwegs ist, die sehr preissensibel sind.

Würde TTIP da nicht helfen?

Schultz: Eine Angleichung der technischen Standards wäre schon vor großem Vorteil. In dieser Frage gibt es schon viel gute Zusammenarbeit auf Verbandsebene zwischen den USA und Europa. Das bewegt sich schon in die richtige Richtung. Es gibt eine grundsätzliche gegenseitige Akzeptanz. Eine grundsätzliche Vereinheitlichung von Standards würde uns allen sehr helfen. Wir liegen da im Maschinenbau nicht so weit auseinander wie beispielsweise bei Fragen des Umweltschutzes oder des Arbeitsrechts.

Dann wäre ein TTIP-light, das nur industrielle Fragen berührte, relativ schnell umsetzbar?

Schultz: Auf jeden Fall. Standards sind in unserer Industrie sicher recht leicht anzugleichen. Schwieriger wird es bei den Lizensierungen. In den USA gibt es hier einen anderen Ansatz als in Europa. Einfachere Produkte kann man in Europa selber zertifizieren. In den USA muss es immer eine unabhängige dritte Instanz sein. Die Unternehmen, die zertifizieren dürfen, bilden hier eine ganze Branche. Es würden viele Arbeitsplätze wegfallen, wenn Zertifizierungen durch TTIP weniger würden.

Wie steht die amerikanische Öffentlichkeit zu TTIP?

Schultz: Man hört recht wenig darüber. Eher schon über das TPP, das Trans-Pacific Partnership, das mit Ländern wie Mexiko, Vietnam, Australien und Malaysia verhandelt wird. Man muss schon ein sehr aufmerksamer Beobachter der politischen Berichterstattung sein, wenn man zu TTIP etwas finden will. Wenn es Kritik gibt, dann richtet sie sich vor allem gegen die Intransparenz, mit der die Verhandlungen geführt werden. Präsident Obama wird dann vorgeworfen, er versuche, das Abkommen ganz schnell und am Kongress vorbei abzuschließen. Kritisiert wird aber auch der europäische Markenschutz. Die Amerikaner verstehen nicht, warum ein Parmesan oder Feta einen besonderen Schutz als Handelsmarke beanspruchen sollte. Das ganze Abkommen selbst steht nicht in der Kritik.

Seit die Republikaner den Kongress dominieren, ist das Verhältnis zu Präsident Obama sehr angespannt. Wird in dieser Stimmungslage ein TTIP-Abschluss noch unter Obama möglich sein?

Schultz: Die Republikaner betreiben eine sehr negative Politik. Alles, was von der Regierung kommt, wird blockiert. Auch wenn es eine gute Idee ist und eigentlich in ihrem Sinne. Obama wiederum will noch einige Erfolge in seiner Amtszeit erzielen und versucht daher, bei einigen Themen aufs Tempo zu drücken, auch bei TTIP. Er hat auch ein starkes Argument, denn es sind ja gerade die Republikaner, die für freien Handel sind.

Was halten Sie von dem geplanten Investorenschutz über Schiedsgerichte?

Schultz: Investorenschutz ist wichtig und muss in einem Freihandelsabkommen richtig geregelt werden. Investorenschutz gibt es ja bereits in Europa und auch hier in den Vereinigten Staaten und zwar durch das normale Recht. Schiedsgerichte sollten aber vielmehr das Recht der Staaten schützen, im öffentlichen Interesse zu regulieren. Gesetze etwa zum Schutz der Verbraucher oder der Umwelt müssen wir unbedingt behalten. Die dürfen nicht von einzelnen Unternehmen in Frage gestellt werden. Staaten sollten nicht in Haftung genommen werden können.

Das Interview führte der VDMA im Rahmen einer Interviewserie zum Freihandelsabkommen TTIP