Kann die EU Milliarden einsparen, wenn die Zollschranken zwischen der Europäischen Union und den

Kann die EU Milliarden einsparen, wenn die Zollschranken zwischen der Europäischen Union und den USA fallen? Bild: Fotolia - M. Johannsen

Rainer Hundsdörfer, Ebm-papst, Bild: VDMA
Für Rainer Hundsdörfer, Ebm-papst ist TTIP eine Fortsetzung der Geschichte. "Wir hatten früher auch in Europa unterschiedliche Standards, die wir Zug um Zug angeglichen haben." Bild: VDMA

Wie sehr beeinträchtigen die in den USA nötigen Zertifizierungen Ihr Geschäft?

Hundsdörfer: Wir sind durchaus in der Lage, unsere Produkte in Nordamerika nach den dortigen Standards zu zertifizieren. Wir geben gut vier Millionen Euro im Jahr allein für die Zertifizierung unserer Produkte in den USA aus. Damit könnte man noch leben und sagen, na gut, solche Summen geben die anderen auch aus. Das ist noch keine Wettbewerbsverzerrung. Wichtiger sind vielmehr zwei andere Aspekte. Erstens: Die Zertifizierung kostet viel Zeit. Dadurch dauert es viel länger, bis ein neues Produkt dort auf den Markt gelangt. Zweitens verbrauchen wir wertvolle Entwicklungsressourcen für ein Thema, das wir eigentlich schon einmal erledigt haben, als wir das neue Produkt in Europa haben zertifizieren lassen. Und das ist eine Wettbewerbsverzerrung. Hinzu kommt, dass wir zahlreiche Produkte haben, die wir in Nordamerika nur in geringen Stückzahlen verkaufen können. Für die lohnt sich eine Zertifizierung einfach nicht. Wir verlieren dort mehrere zehn Millionen Euro jedes Jahr dadurch, dass wir Geschäfte nicht wahrnehmen können, weil sich der Zertifizierungsaufwand gar nicht rechnet.

Wie wichtig ist der US-Markt für ebm-papst?

Hundsdörfer: Das ist einer der wesentlichen Märkte für uns. Er macht bei uns heute rund 15 Prozent vom Umsatz aus. Wir würden gerne mehr von unserem Geschäft in Nordamerika machen. Es könnten auch 25 oder 30 Prozent sein. Wir haben auch eine eigene Produktion dort, die wir derzeit weiter ausbauen. Dass wir in den USA vertreten sind hat mehrere Gründe. Der Wesentliche ist, dass wir nah bei unseren Kunden sein wollen, um diese optimal bedienen zu können. Ein weiterer wichtiger Grund ist das leidige Thema Wechselkurse. Dem kann man nur entkommen, wenn man möglichst viel in der jeweiligen Währung produziert.

Was halten Sie Kritikern entgegen, die befürchten, dass sich die hohen europäischen Standards im TTIP nicht durchsetzen lassen?

Hundsdörfer: Wir hatten früher auch in Europa unterschiedliche Standards, die wir Zug um Zug angeglichen haben. Heute sind die Standards in Europa relativ einheitlich. Ich sehe keine Schwierigkeiten, dass wir, wenn ein guter Wille da ist, die Standards auch auf beiden Seiten des Atlantiks angleichen können. Es gibt natürlich immer Protektionisten, die ihre Standards behalten wollen, weil sie den Wettbewerb scheuen. Für die Verbraucher wäre die Angleichung der Standards vorteilhaft denn die Produkte werden verbilligt.

Was halten Sie von einem TTIP-light, ohne Regeln zu umstrittenen Themen wie Verbraucherschutz, Umweltschutz, Landwirtschaft?

Hundsdörfer: Damit wäre uns als Unternehmen auch geholfen. Nur verstehe ich einfach nicht, dass man solche Horrorvorstellungen von der anderen Seite hat. Ich habe selbst fünf Jahre in den USA gelebt und ich habe mich, was Lebensmittel oder Medikamente anging, keinen Moment unsicher gefühlt. Das Vernünftigste wäre doch auch im Lebensmittelbereich oder im Gesundheitsbereich zu fragen, was ist Best Practice. Und das dann zu übernehmen. Die Zulassungsbedingungen der amerikanischen Lebensmittel und Gesundheitsaufsicht FDA halte ich übrigens für deutlich strenger als die in der EU.

Wie beurteilen Sie den geplanten Investorenschutz über Schiedsgerichte?

Hundsdörfer: Schiedsgerichte sind eine gute Sache. In unseren Geschäften vereinbaren wir in der Regel ein Schiedsgericht, um, wenn wir uns mal streiten, eine schnelle Entscheidung zu bekommen. Ich habe also nichts gegen Schiedsgerichte, aber ich habe etwas gegen die Notwendigkeit eines Investorenschutzes, wie er bei TTIP geplant ist. Dieser Investorenschutz ist gar nicht notwendig, denn sowohl Europa als auch die USA haben rechtsstaatliche Strukturen. Jeder, der will, kann Recht bekommen. Wenn aber beispielsweise Finanzinvestoren, die sich irgendwo beteiligt haben, einen Staat auf Schadenersatz verklagen können, weil sich die Rahmenbedingungen für die Investition aufgrund anderer Gesetze verändert haben, dann wird es kritisch, insbesondere wenn solche Streitigkeiten von Schiedsgerichten entschieden werden. Das bedeutet nicht nur eine Wettbewerbsverzerrung gegenüber Konkurrenten, die in dem Land zuhause sind, sondern das könnte auch das Rechtssystem eines Landes aushebeln.

Was wären die Folgen eines Scheiterns von TTIP für Ihr Unternehmen?

Hundsdörfer: Wir würden auch in Zukunft viele unserer möglichen Geschäfte nicht wahrnehmen können, weil sich eine Zertifizierung bei niedrigen Stückzahlen nicht lohnt. Dennoch: Wir werden unsere Präsenz in Nordamerika weiter ausbauen, um nah am Kunden zu sein und schneller beliefern zu können. Wir werden aber mit Sicherheit deutlich langsamer wachsen und weniger Menschen beschäftigen können.

Das Interview führte der VDMA im Rahmen einer Interviewserie zum Freihandelsabkommen TTIP