Die Industrie verdient nicht genug mit Dienstleistungen. Grafik: Erhebung Modernisierung der Produktion 2001-2015, Fraunhofer ISI

Industriebetriebe scheinen insgesamt in den vergangenen Jahren immer weniger in der Lage, Umsätze aus ihren Dienstleistungsangeboten zu generieren. Grafik: Erhebung Modernisierung der Produktion 2001-2015, Fraunhofer ISI

Deutsche Industriebetriebe sind insgesamt in den vergangenen Jahren immer weniger in der Lage, Umsätze aus ihren Dienstleistungsangeboten zu generieren. Dies hat nun eine gemeinsamen Studie des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI), des Instituts für angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) und des Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) aufgedeckt.

So existiere eine kontinuierlich wachsende Gruppe an Betrieben – aktuell etwa 30 Prozent –, die keinerlei Umsätze aus ihren Dienstleistungsangeboten erzielten. Zwar zeige sich andererseits auch, dass "bundesweit fast ein Drittel der Industriebetriebe wirtschaftlich erfolgreich ihr Dienstleistungsgeschäft betreibt, dabei hybride Wertschöpfungskonzepte anbietet und auch Dienstleistungsinnovationen hervorbringt". Jedoch hätten sich dabei viele Unternehmen wieder ganz oder teilweise aus dem Dienstleistungsgeschäft zurückgezogen. Dies führe so möglicherweise zu einer Polarisierung der Dienstleistungsaktivitäten im Industriesektor. Die Forscher bezeichnen die Entwicklung als „besorgniserregend“. Es gelte, die Wertschöpfung und Produktivität insbesondere bei den unternehmensnahen Dienstleistungen zu stärken.

Umsatzrückgang: Das könnten die Gründe sein

Vor diesem Hintergrund lassen sich aus Sicht der Studienpartner verschiedene Gründe für die sinkenden Dienstleistungsumsätze ableiten:

1.) Als mögliche Ursache für den Umsatzrückgang nennen die Studienpartner eine hohe Kundenabhängigkeit, die dazu führe, dass Dienstleistungen als unentgeltlicher Zusatz zum eigentlichen Produkt verlangt werden. Somit könnte ein zunehmender Wettbewerbsdruck die Dienstleistungsumsätze über die Jahre schrumpfen lassen.

2.) Ein ausbleibender Dienstleistungserfolg führt bei Betrieben möglicherweise zum Ausstieg, zu einer deutlichen Reduktion ihrer Dienstleistungsangebote und somit zu einem Rückgang der Dienstleistungsumsätze.

3.) Die Ergebnisse lassen zudem vermuten, dass Dienstleistungsunternehmen aus dem technischen Bereich möglicherweise verstärkt im Industriesektor aktiv werden und mit den eigentlichen Produktanbietern in Konkurrenz treten. Diese Umsatzanteile wären dann der Dienstleistungswirtschaft zuzurechnen, obgleich sie durch Services am technischen Produkt generiert wurden.

4.) Ein weiteres Erklärmodell: Während Umsätze aus Wartung, Reparatur oder Schulung klar den Dienstleistungsumsätzen zuzurechnen sind, sind Einnahmen beispielsweise aus Betreibermodellen oder Miet- und Leasingkonzepten nicht eindeutig aufzuschlüsseln.

5.) Schließlich lässt sich die These formulieren, dass aufgrund der fortschreitenden Dienstleistungsorientierung im Industriesektor bereits ein hoher Spezialisierungs- und Anforderungsgrad erreicht ist.

Nachgehakt: Was können Unternehmen tun?

Die Industrie verdient mit Dienstleistungen zu wenig. Bild: IAW
Sieht die Digitalisierung und die hybride Wertschöpfung als wesentliches Erfolgskriterium bei Dienstleistungen in der Industrie: Günther Klee, Geschäftsführer beim IAW. Bild: IAW

Schlechte Umsätze bei Dienstleistungen in der Industrie - ke NEXT wollte wissen: Was können Unternehmen jetzt tun? Ein "Nachgehakt" bei Günther Klee, Geschäftsführer des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW):

ke NEXT: Das Thema Service/Dienstleistungen wird im Zuge der Digitalisierung immer wichtiger. Viele Unternehmen verkaufen nicht mehr nur Produkte, sondern auch das Wissen und die Beratung dazu. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein und wie müssen sich Unternehmen hierfür rüsten, die dies zukünftig anbieten wollen?

Günther Klee, IAW: In den letzten 15 Jahren haben sich sowohl digitale Techniken bei Dienstleistungsangeboten als auch die hybride Wertschöpfung in der industriellen Praxis in Deutschland stark verbreitet. Beide spielen inzwischen eine entscheidende Rolle für den betrieblichen Erfolg mit Dienstleistungen. So werden mobile Endgeräte sowie das Internet inzwischen bei vier von zehn Industriebetrieben im Rahmen ihrer Dienstleistungsangebote eingesetzt. Bundesweit bieten mittlerweile 42 Prozent aller Betriebe mindestens ein hybrides Wertschöpfungskonzept an, wie zum Beispiel Betreibermodelle, Verfügbarkeitsgarantien sowie Miet-, Leasing- oder Sharing-Konzepte.

Ein überdurchschnittlicher Erfolg mit dem Dienstleistungsgeschäft resultiert also tatsächlich aus der Kopplung von digitalen Techniken und hybrider Wertschöpfung. Die Digitalisierung dürfte auch künftig eine Rolle als Befähiger oder gar als Treiber der weiteren Tertiarisierung der Industrie einnehmen. Ein sehr probates Mittel für den Einstieg in die hybride Wertschöpfung wäre es, verstärkt Innovationskooperationen (= die aktive Teilnahme eines Unternehmens an Innovationsprojekten inklusive FuE-Projekten gemeinsam mit anderen Unternehmen oder Einrichtungen) mit IT-Dienstleistern einzugehen. Dies gilt insbesondere für die kleinen und mittleren Industrieunternehmen, wo vielfach noch ein hoher Nachholbedarf besteht.

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ke NEXT: Als mögliche Gründe für den Umsatzrückgang mit Dienstleistungsangeboten in der Industrie führen Sie mehrere Thesen auf. Welche dieser Thesen klingt für Sie besonders vor dem Hintergrund der Digitalisierung am plausibelsten?

Günther Klee, IAW: Im Rahmen unserer Untersuchung haben wir festgestellt, dass einerseits fast ein Drittel der Industriebetriebe wirtschaftlich erfolgreich ihr Dienstleistungsgeschäft betreibt, andererseits aber eine fast gleich große (und wachsende) Gruppe keinerlei oder kontinuierlich sinkende Umsätze aus Dienstleistungsangeboten erzielt. Dies hat verschiedene Gründe, die es im Einzelnen noch näher zu untersuchen gilt. Ein Grund (insbesondere im Maschinen- und Anlagenbau) dürfte sein, dass die Dienstleistungen (wie zum Beispiel Kaufberatung, Wartung, Instandhaltung, Anwenderschulung) in die Kosten des Produkts eingepreist sind und damit oft nicht oder nur zum Teil explizit erfasst sind (Embedded Pricing). Mit Blick auf die fortschreitende Digitalisierung dürfte die Strategie des Outsourcens neuer Serviceangebote besonders bedeutsam sein. Trumpf mit Axoom Solutions und Testo Industrial Services sind zwei besonders markante Beispiele hierfür.

ke NEXT: Haben Sie Lösungsansätze, um diesen Trend zu stoppen?

Günther Klee, IAW: Problematisch ist dieser Trend insofern es häufig gerade kleinen und mittleren Unternehmen (noch) nicht gelingt, das Potenzial, das in den produktbegleitenden Serviceprozessen liegt, zu realisieren. Diese Prozesse sind zwar nicht neu, aber sie müssten reorganisiert werden, um für die Anbieter und deren Kunden gleichermaßen einen Mehrwert zu generieren. Hier gilt es also erst die Voraussetzungen für die Smart Services (intelligente, datenbasierte Dienstleistungen) zu schaffen. Ein wichtiger Ansatzpunkt hierfür ist das Service-Engineering. Multiplikatoren aus Kammern, Wirtschaftsverbänden und Unternehmensberatungen sind hier gleichermaßen gefragt, um die entsprechenden Beratungsleistungen für KMU zu erbringen. Die Einrichtung von Smart-Service-Plattformen wäre eine weitere Möglichkeit, auch kleineren Unternehmen mit ihrem Leistungsportfolio neue Vertriebschancen zu eröffnen. Aktuell gibt es eine Vielzahl von Plattform-Initiativen und es bleibt abzuwarten, welche davon sich am Markt durchzusetzen werden. Der Trend geht eindeutig in die Richtung.

* Hinweis: Die Antworten von Günther Klee basieren auf Ergebnissen eines Gutachtens, das vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg in Auftrag gegeben wurde.

Die komplette Studie zum Nachlesen gibt es hier.