Bühnentechnik in der bayerischen Staatsoper 1

Ob in der Bühnentechnik nun hydraulische oder elektrische Antriebstechnik zum Einsatz kommt, hängt von allerlei Rahmenbedingungen ab. An der bayerischen Staatsoper arbeiten jedenfalls hinter den Kulissen Hydraulik und Elektrik Seite an Seite.
Inszenierungen von Bühnenwerken waren immer schon gerne spektakulär, auf die ein oder andere Weise. Schon im antiken Rom hat Kaiser Titus im Jahr 80 n. Chr. zur Einweihung des Kolosseums im Rahmen eines 100-tägigen Festes den 54 x 96 Meter großen hölzernen Arenaboden entfernen, die darunterliegende, zunächst noch unbebaute Fläche mit Wasser fluten und eine Seeschlacht aufführen lassen. Später entstanden dort im Unter­boden komplizierte bühnentechnische Einrichtungen wie Falltüren, Rampen und Aufzüge, die mit Winden und Flaschen­zügen funktionierten und das Bühnenbild binnen Minuten umgestalten konnten.

Adalbert Schmid

Adalbert Schmid, Chef der Betriebstechnik des Münchener Nationaltheaters, in der Untermaschinerie: „Wir leben von der Illusion.“

Auch heute wird am Theater im Prinzip mit den gleichen Grundmechanismen gearbeitet – allerdings mit den technischen Mitteln unserer Zeit. Die Untermaschinerie reicht im Münchener Nationaltheater unter der Bühne neun Meter in die Tiefe und besteht im Wesentlichen aus: drei Hubpodien, die einzeln vertikal bewegt werden können, darin integrierte Personenversenkungen, welche Requisiten oder Künstler aus der Tiefe auftauchen lassen, und den sechs Bühnenwägen, die ein ganzes, fertig montiertes Bühnenbild nach hinten oder zur Seite weg- und herbeifahren.

Die Obermaschinerie ermöglicht mit dem in 30 Meter Höhe hinaufreichenden sogenannten Schnürboden das Wegziehen ganzer Kulissenteile und Vorhänge nach oben, oder umgekehrt das Hinabsegeln von Kulissenteilen, Beleuchtungsapparaturen oder Künstlern aus der „Oberwelt“ bis in das sichtbare Bühnenbild hinein.
Dazu sind im Schnürboden insgesamt 107 Züge montiert, bei denen die Bühnenteile entweder an bühnenbreiten Zugstangen aufgehängt werden, o

der die als einzelne Punktzüge ausgelegt sind. Jeder einzelne Zug kann bei einer zwölffachen Sicherheit ein Gewicht von 500 kg tragen. Die Seile werden über Rollen in der Decken­konstruktion des Bühnenhauses auf die Seite geführt und computergesteuert durch Elektromotoren angetrieben. Die Lastzüge für die Oberlichter sind mit sechs Tonnen belastbar und werden von Asynchronmotoren mit bis zu 0,6 m/s bewegt. Die übrigen Züge laufen aufgrund der hohen Last aus statischen Gründen über vertikal in die Wand eingesenkte Winden und fahren über ein von Synchronmotoren angetriebenes Planetengetriebe mit 1,2 m/s.

„Wir leben von der Illusion“, sagt Adalbert Schmid, Chef der Betriebstechnik des Münchener Opernhauses, und damit ist sehr vieles gemeint. Zunächst sind zwar die Solisten, das Orchester und der Opernchor die Helden im Vordergrund. Im Hintergrund arbeiten aber rund 250 Mitarbeiter der technischen Abteilungen daran, die Illusionen auf der Bühne Wirklichkeit werden zu lassen.

Was die Zuschauer zum Beispiel in der Regel nicht ahnen – es ist schon mal ein vielfaches der sichtbaren Bühnenfläche nötig, um die Sensationen überhaupt bereitstellen zu können. In München macht die sichtbare Bühne nur knapp ein Viertel der gesamten verfügbaren Bühne aus, was auf viel Platz für Technik zu weisen scheint. Aber gemessen an den Erfordernissen des Betriebes könnten es schon auch ein paar tausend Quadratmeter mehr sein.

Platz ist das begrenzende Moment

Blick auf die Steuerblöcke im Untergeschoß

Blick auf die Steuerblöcke im Untergeschoß.

Im Gegensatz zu einem reinen Musical-Haus, das über Jahre hinweg nur ein einziges Stück vergleichsweise unverändert zur Aufführung bringt, hat nämlich ein Repertoirebetrieb wie die Bayerische Staatsoper, der pro Woche drei bis fünf verschiedene Stücke und pro Jahr insgesamt zwischen 250 und 300 anbietet, ganz andere logistische

Aufgaben zu lösen. Gerade in historischen Häusern ist der Platz das begrenzende Moment.

Platz wird benötigt für die Lagerung der aktuell benötigten Kulissen und Bühnenwägen, ausreichende Fahrwege für die raumgreifenden Anlagen sowie Stellflächen für die Umbaumaßnahmen. Die meisten Bühnenbilder und Requisiten aus den Münchener Beständen sind deshalb in rund 600 Containern im 20 km entfernten Poing ausgelagert und werden bei Bedarf per Sattelzug über einen knapp sieben Meter hohen Aufzug direkt in das Kulissenlager hinein angeliefert.

Aber die Anforderungen an die Kulissen und die technische Ausstattung steigen weiter: Die Aufbauten werden immer monumentaler und haben immer mehr Gewicht. Bühnenbilder aus Stahlgerüst, die 30 Tonnen und mehr auf die Waage bringen, sind keine Seltenheit mehr. Vieles soll daran auch beweglich sein, dafür braucht es auch auf der Bühne weiteres technisches Gerät, das leistungsstark, aber für den Zuschauer möglichst unsichtbar sein soll.

Und nicht nur unsichtbar, sondern möglichst auch unhörbar. Denn eine weitere Anforderung für die technischen Anlagen der Bühne ist, dass sie nur sehr wenig Geräusch verursachen dürfen. In der Bühnentechnik ist das von entscheidender Bedeutung, denn die Regieanweisungen und Inszenierungen können und sollen nicht immer Rücksicht auf das technisch Machbare nehmen. Wenn also ein solch monströses Bühnenbild genau in dem Moment bewegt werden soll, in dem die Musik nur noch aus einem

Hauch von Pianissimo besteht, kann ein Bühnentechniker schon mal ins Schwitzen geraten.

In der ersten Reihe des Zuschauerraumes dürfen nur 35 bis höchstens 40 db(A) ankommen. Interessant ist, dass beispielsweise im Bereich der Staatsoper München ein Grundschallpegel von 27 db(A) vorliegt. Dieses Grundrauschen aus Versorgungsanlagen, Straßenverkehr und allgemeiner Lebensgeräusche durch Besiedlung ist zwar messbar, wird von den Menschen aber nicht bewusst wahrgenommen, sondern ausgeblendet. Ein Münchner empfindet 27 db(A) also als vollkommene Stille. Ein Pegel von 35 db(A) entspricht demnach einem leisen Flüstern und mehr dürfen die Bühnenmaschinen eben auch nicht produzieren – eine echte Herausforderung. Platzbedarf, Ausfallsicherheit und geringe Geräuschemissionen sind also oft bestimmend für die Wahl des Antriebes in der Maschinerie.

Im Falle der Hubpodien setzt man an der bayerischen Staatsoper auf Hydraulik. Hier sind drei Podien zu bewegen, von denen jedes leer 80 Tonnen wiegt und bis zu 50 weitere Tonnen Nutzlast tragen können muss. Sie werden von je zwei Plungerzylindern gehoben – das Sinken besorgt ihr eigenes Gewicht.

Elektrischer Antrieb als energiesparende Alternative

Die Druckstation der Hydraulikanlage versorgt von einem Nebengebäude aus die hydraulischen Anwendungen der Oper.

In der Waagerechten gehalten werden die 6 x 20 Meter großen Plattformen über ein endloses Seilsystem. Dies gleicht bis zu einem gewissen Maß Schiefstellungen aus, die durch ungleichmäßige Belastungen, etwa durch randständig montierte Kulissen, bewirkt werden können. Als energiesparende und in der Wartung weniger kostenintensive Alternative wäre für die Hubpodien durchaus auch ein elektrischer Antrieb an Seilen über Umlenkrollen mit Gegengewichten denkbar. Aber aus Platzgründen ist dies in dem 1818 eröffneten Theater schwer zu realisieren. Und so steht im Keller des Opernhauses eine zentrale Druckstation von Bosch Rexroth. Für die Podien und die Personenversenkungen sowie sämtliche Aktuatoren stellt sie 150 bar Systemdruck zur Verfügung, außerdem ein Kolbenspeichervolumen von 400 Liter mit sofortiger Verfügbarkeit und eine Hydrau

likpumpenleistung von 2300 l/min. Bei Einsatz aller Podien fließen pro Sekunde rund 180 Liter Öl durch die Leitungen.

Für die Inszenierung der Beethoven-Oper Fidelio werden viele der Möglichkeiten, die die Bühnentechnik bietet, genutzt. So wird die Bühne von einem zehn Tonnen schweren Stahlgestell eingenommen, das abstrakt für ein in der Handlung vorkommendes Gefängnis steht. Mit einer Tiefe von gut zwei Meter können sich darin Sänger und Artisten bewegen, darin klettern und so neue Räume darstellen. Im Laufe der Vorstellung werden dann Bodenverrieglungen an der Vorderseite des Gestells gelöst, das ganze Gerüst über einen hinteren Drehpunkt gekippt, und mittels vier Hydraulikzylindern langsam und fast lautlos nach hinten umgelegt, sodass es zeitweise ein Laby­rinth darstellen kann, um später zum Finale dann erneut wieder aufgerichtet zu werden.

Hierfür stellt die Bühnentechnik ein Sonderaggregat zur Verfügung, das ein Volumen von 2000 Liter hat und mit einem eigenen Achsrechner versehen ist, welcher für die Positionierung und Überwachung der ihm zugeordneten Antriebs­achse zuständig ist. Das Bühnenbild ist als Ganzes auf drei zusammengekoppelte Bühnenwägen montiert, von denen jeder wie die Podien 6 x 20 Meter groß ist und satte 17 Tonnen wiegt und die von außen mit ihrer schwarzen Verkleidung wie ein schlichtes, 30 Zentimeter hohes Podest aussehen. In dessen Innerem arbeitet eine von einer Siemens-SPS gesteuerte 48V-Hydraulikanlage über Batteriesätze. Die Bühnenwägen werden mittels Unterflurketten mit einem asynchronen Elektrogetriebemotor mit 27 kW über einen Zahnstangenantrieb betrieben.

Der Wagen bewegt sich mit bis zu 80 cm/s auf Rädern, die sich je nach Bedarf auf Quer- und Längsfahrt umsetzen können, wobei der unterschiedliche Reibwiderstand die Regelung des Antriebs zu Höchstleistungen fordert. All diese Bewegungen und Funktionen kann der Maschinist von seinem Führerhaus per Funkfern­steuerung anwählen und dabei die zentrale Computersteuerung nutzen.

Im zweiten Akt der Oper gibt es dann ein Zwischenstück, in dem vier wagemutige Streicher des Orchesters samt Notenpulten und Instrumenten in drei Käfigen von der Decke des Schnür­bodens aus herabgelassen werden – und dann in knapp sechs Meter Höhe, über allem schwebend, sehr eindringlich spielen und (dem antiken „deus ex machina“ gleich) die Szenerie beruhigen.

Nerven brauchen die Künstler nicht nur, wenn sie von oben herab­schweben, sondern auch, wenn sie aus einer Personenversenkung von unter der Bühne heraufgefahren werden sollen. In jedem der drei Podien sind hierfür zwölf Personenversenkungen aneinandergereiht, die einzeln gesteuert werden können. Unter dem Podiumboden befindet sich ein Krantisch, der über eine Spannweite von 18 Meter freitragend aufgehängt ist und gegen Durchbiegen zwölf Zentimeter vorgespannt wurde.

Techniker verstehen sich als Dienstleister der Künstler

Die jeweilige Personenversenkung kann mit einer Geschwindigkeit von 70 cm/s nach oben fahren, wobei die Klappen über demjenigen, der sich in dem Aufzug befindet, elektrohydraulisch weggefahren werden. Hierbei ist eine exakte Positioniermöglichkeit erforderlich, denn der 30 Tonnen schwere Krantisch wird unter den Podien para­llel längs zur Bühnenkante bewegt und muss bis auf wenige Millimeter genau unter der Aufzugsöffnung zum Stehen kommen – was durch Wegmessung über Inkrementalgeber erreicht wird. Die Bewegung unter den Podien vor und zurück erzeugen dabei zwei elektrische Asynchronmotoren, den Hub von 4,3 m die Hydraulikanlage.

Bei diesem Vorgang zeigt sich plastisch, dass sich die Techniker des ganzen Teams als Dienstleister der Künstler verstehen und bei allen technischen Anwendungen versuchen, die innere Situation der Darsteller mit zu berücksichtigen. So ist der Kranwagen unter der Bühne auf seiner Vorderseite nicht optisch geschlossen, sondern mit Plexiglas verkleidet, damit die Techniker am Steuerpult Blickkontakt mit dem Künstler in seinem engen Aufzugbereich halten und vorher besprochene Handzeichen geben können.

Auch das ein oder andere beruhigende Wort wird da gesprochen, denn Künstler sind eben keine Techniker und haben ganz andere Dinge im Kopf. So mancher ist derart auf seine Rolle konzentriert, dass er Gefahr läuft, vor Konzentration und Anspannung eben nicht auf all die Details zu achten, die die Technik vorgibt. Kommt er aber oben an, ist er trotzdem sofort für das Publikum sichtbar, muss sich im grellen Scheinwerferlicht orientieren und sofort wissen, wohin der nächste Schritt zu setzen ist ohne völlig in Gedanken aus seinem Aufzug irgendwohin zu treten.

Deshalb sind die Arbeiten eines Maschinisten an einem Theater auch nicht zu vergleichen mit dem eines Ingenieurs in der Industrie. Der Bühnenbetrieb erfordert nicht nur menschliches Feingefühl, sondern auch eine lückenlose Ausfallsicherheit. Daher sind sämtliche Anlagen – von der Hydrauliksteuerung über die Seilsysteme bis zur zentralen Rechnereinheit – durchgehend redundant ausgelegt.

Extreme Hochverfügbarkeit ist besonders bei einem Aspekt geboten, der nach all diesen technischen Kraftleistungen als fast banal erscheint – bei den Vorhängen. Lässt sich der Schmuckvorhang nicht öffnen, kann keine Vorstellung stattfinden. Die beiden Vorhanghälften, von denen jede 400 kg auf die Waage bringt, werden von einem Elektromotor bewegt, wobei die Mechanik dabei beachtenswert ist. Dass der Faltenwurf auch beim seitlichen Aufziehen erhalten bleibt und der Vorhang nicht unelegant einfach flachgezogen wird, wird über einen Antrieb mit spezieller Seilführung erreicht. Die Seilwinde liegt dabei oben in der Führungsschiene an einer Scherenkonstruktion an.

Enormer Energieaufwand

Opernabend

Die Zuschauer freuen sich auf einen Opernabend und werden dank reibungsloser Abläufe in der Bühnentechnik sicher nicht vom Kunstgenuss abgelenkt.

Weniger schmuck, aber sicherheitstechnische Notwendigkeit, ist das Öffnen und Schließen des eisernen Vorhanges. Dieser zwölf Tonnen schwere Vorhang schließt den Bühnenraum gegen den Zuschauerraum im Falle eines Brandes innerhalb von 30 Sekunden luftdicht und verhindert so, dass ein Feuer übergreifen kann. Das Fehlen einer solchen Trennung hat in vielen Theatern, oft ausgehend von der Illumination mit Gas oder Kerzen, zu einem vollständigen Ausbrennen geführt.

Die Beleuchtung ist heute kaum mehr ein Sicherheitsrisiko, aber durchaus im Hinblick auf den Energieaufwand ein gewichtiger Punkt. Auf die entsprechende Frage meint Maschinist Thomas Stirn, man bekäme mit dem Strom für die Beleuchtungsanlage schon durchaus eine Kleinstadt durch den Winter. Das ist zwar wohl doch ein wenig zu hoch gegriffen, wenn auch sofort glaubhaft, denn das gesamte Haus ist am Tag einer Beleuchtungsprobe bis in die Büros im Verwaltungsteil des Opernhauses hinein so warm, dass man selbst im Oktober noch die Fenster im Büro des Technikchefs gerne offen hat. Obwohl man da drei Stockwerke und viele Gänge von der Bühne entfernt ist.

Dennoch liegt der Energieverbrauch der gesamten Bühnentechnik einschließlich Beleuchtung und allen Fahrten am Tag in etwa bei dem, was ein Einfamilienhaushalt im Jahr verbraucht. Da ist es gut, dass der Betrieb des Nationaltheaters nicht wie zu Kaiser Titus´ Zeiten das Kolosseum durch Kriegsbeute, sondern ganz zivil durch Eintrittsgelder und Zuschüssen von Fördervereinen getragen wird.

Autor: Ragna Sonderleittner, freie Journalistin für antriebspraxis