Indien ist ein Land der Gegensätze: Rund 600 Millionen Landbewohner sind noch weitestgehend von der

Indien ist ein Land der Gegensätze: Rund 600 Millionen Landbewohner sind noch weitestgehend von der Entwicklung des Landes abgekoppelt. Bild: Dr. Kiefer

Die Euphorie über die Perspektiven Indiens ist bei ausländischen Unternehmen deutlich abgekühlt. Bürokratie behindert die Geschäfte, der Urheberschutz ist in der Praxis oft nicht gegeben, die Gewinne brechen ein, die ehrgeizigen Projekte zum Infrastrukturausbau kommen nur schleppend voran. Doch der Subkontinent mit weit über einer Milliarde Menschen muss sich modernisieren. Mit einem genaueren und realistischen Blick auf die realen Verhältnisse bietet Indien weiter in einigen Branchen gute Geschäftschancen.

Hohe Zinsen, der Reformstau der vergangenen Jahre sowie die Ungewissheit über den Kurs nach den Parlamentswahlen 2014 verunsichern die Wirtschaft in Indien. Deutsche Unternehmen sehen dort jedoch gleichzeitig weiter gute Geschäftschancen. Der im Juni 2013 veröffentlichte Business-Monitor der Deutsch-Indischen Handelskammer verdeutlicht dieses zwiespältige Bild. Denn das für indische Verhältnisse geringe Wirtschaftswachstum von fünf Prozent gibt Anlass zu Sorge. Die Mehrheit der Befragten korrigierte deshalb ihre Wachstumsaussichten nach unten. Gleichzeitig zeigen sich viele Manager optimistisch und erwarten im eigenen Unternehmen höhere Einnahmen- und Gewinnzuwächse als im letzten Jahr. Auch bei Investitionen sind deutsche Unternehmen zurückhaltender geworden. Kaum ein Unternehmen möchte jedoch sein Engagement in Indien zurückzufahren, doch knapp die Hälfte der Befragten will auch nicht expandieren. Die am häufigsten genannten Hürden für Investitionen sind die mangelhafte Infrastruktur, die Korruption und bürokratische Hürden.

In Indien sind nach Schätzung der AHK Indien über 1000 deutsche Unternehmen über Kooperationen, Joint Ventures und Tochtergesellschaften vertreten sowie weitere rund 1500 Firmen über Repräsentanzen, Agencies oder Verbindungsbüros. Ein Schwerpunk ist der Maschinenbau, insbesondere bei Werkzeugmaschinen. Die Automobilbranche, IT, Nahrungsmittel, Biotechnik/Pharma, Energie und Textilverarbeitung bilden weitere Schwerpunkte. Die deutschen Unternehmen möchten ihre Abläufe optimieren, um trotz der wirtschaftlichen Lage Gewinne zu steigern. Rund 42 % der Befragten wollen im laufenden Finanzjahr die Beschäftigtenzahl konstant halten, weitere 7 % planen sogar den Abbau von Arbeitskräften. Gleichzeitig sollen die Gehaltserhöhungen für die Belegschaft geringer ausfallen als in den Jahren zuvor. Die Steigerungen sollen der Umfrage zufolge im Durchschnitt kaum hoch genug sein, um die Inflation auszugleichen.

Indienreise

Die Märkte vor Ort erkunden

Indien ist ein Land der Gegensätze

Indien ist ein Land der Gegensätze: Rund 600 Millionen Landbewohner sind noch weitestgehend von der Entwicklung des Landes abgekoppelt. Bild: Dr. Kiefer

Indien ist für den deutschen Maschinen- und Anlagenbau der zweitwichtigste Markt in Asien. VDMA-Mitgliedsunternehmen schauen deshalb verstärkt auf den Subkontinent und seine Möglichkeiten. Auch die Identifizierung von qualifizierten Lieferanten gehört dazu. Dies ist nicht nur für Unternehmen wichtig und interessant, die bereits in Indien investiert haben. Auch „Newcomer“ recherchieren intensiv, welche Angebote der indische Beschaffungsmarkt bereithält. Die VDMA-Außenwirtschaft bietet vom 23. – 29. September 2013 für VDMA-Mitgliedsunternehmen die Delegationsreise „Beschaffungsmarkt Indien – Partner und Produkte“ an. Die Delegation besucht in diesem Zeitraum die Standorte Ahmedabad, Pune und Coimbatore. Im Fokus stehen insbesondere Guss- und Schmiedeteile sowie der Bereich mechanische Bearbeitung. Lieferantenbesuche und eine „Match-Making“-Veranstaltung in Pune bilden die Plattformen, um sich über die Einkaufsmöglichkeiten der jeweiligen Standorte zu informieren. Darüber hinaus wird die Delegation vor Ort ansässige VDMA-Mitgliedsfirmen besuchen, um zusätzlich einen Überblick über die aktuellen lokalen Rahmenbedingungen zu erhalten.
Im Gegenzug lädt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) immer wieder indische Manager zu einem Fortbildungsprogramm nach Deutschland ein. In Deutschland werden die Gruppen durch Baden Württemberg International in Stuttgart und Cognos in Hamburg betreut. In Follow-Up-Treffen in Indien geht es dann um den Erfahrungsaustausch zum Deutschlandaufenthalt, die Vernetzung untereinander und mit deutschen Firmen und Wirtschaftsverbänden vor Ort.

Trotz Bestrebungen der indischen Regierung, den Markt stärker zu liberalisieren – durch die weitere Öffnung des Einzelhandels für ausländische Direktinvestitionen (FDI) – bewertet jeder dritte Befragte (34 %) das regulative Rahmenwerk und das Investitionsklima in Indien als negativ für sein Unternehmen. Nur 28 % beurteilen das Investitionsklima als mäßig positiv, für weitere 36 % hat es weder einen positiven noch einen negativen Einfluss. Die drei am häufigsten genannten Hürden für Investitionen sind wie in den Jahren zuvor Infrastrukturengpässe (23 %), Korruption (22 %) und bürokratische Hürden (17 %). Mehr als die Hälfte (58 %) der Befragten beobachten eine Zunahme der Korruption.

Umfragen anderer Organisationen liefern ein ähnliches Bild. Im „Global Competitiveness Report 2012-13“ erreicht Indien zwar mit Rang 59 von 144 den besten Platz der südasiatischen Länder, liegt weltweit jedoch nur im Mittelfeld und 30 Plätze hinter dem großen Nachbarn China. Seit seiner bisher besten Platzierung 2009 hat Indien zehn Plätze verloren. Das World Economic Forum (WEF) sieht Infrastrukturmängel als größtes Hemmnis für die Wettbewerbsfähigkeit Indiens. So sei die Infrastruktur in den Bereichen Transport, Energie sowie Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zumeist unzureichend und schlecht an die Erfordernisse der Wirtschaft angepasst (Rang 84). Das schlechtere Investitionsklima führt jedoch kaum dazu, dass sich deutsche Unternehmen aus Indien zurückziehen. Die große Mehrheit der Befragten hält unverändert an ihren Investitionen fest.

Die deutschen Exporteure bekommen Indiens Konjunkturschwäche bereits zu spüren. Die Warenlieferungen aus Deutschland nach Indien gingen 2012 um 4,6 % zurück. Über ein Drittel der deutschen Exporte für den indischen Markt sind Maschinen und Anlagen. Die verlangsamte Investitionstätigkeit und verzögerte Projektumsetzung wirken sich deshalb besonders negativ auf die deutschen Lieferungen aus. Deutschland ist das wichtigste Lieferland Indiens in der Europäischen Union und liegt weltweit auf Rang sieben.

Indiens Wirtschaftswachstum ist auf ein Zehnjahrestief abgesunken. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im vergangenen Finanzjahr 2012/13 (1.4. bis 31.3.) nur um real 5 % gestiegen, meldet Germany Trade and Invest (gtai). Eine schnelle Erholung der Konjunktur zeichne sich nicht ab. Die makroökonomischen Indikatoren seien auf breiter Front abgeflaut, und die Investoren aus dem In- und Ausland zeigten sich zurückhaltend.

Scheitert das Freihandelsabkommen?

Seit 2007 verhandeln die EU und Indien über eine drastische Reduzierung der Zölle auf die meisten Waren. Ein solches Abkommen dürfe die Regierung nicht unterzeichnen, warnt Praveen Khandelwal, Generalsekretär der Confederation of All India Traders (CAIT): „Indien kann dabei nur verlieren. Wir kämpfen schon gegen die chinesische Konkurrenz, wie sollen wir gegen vermehrte Importe aus der EU bestehen?“ Die anstehenden Parlamentswahlen könnten die Beratungen im Parlament nicht nur verzögern. Im Wahlkampf spielen populistische Abschottungstendenzen eine große Rolle. In Asien schließen Japan, Südkorea, China und den ASEAN-Staaten untereinander und auch mit der EU und den USA eine Reihe von Freihandelsabkommen. Indien könnte in diesen globalen Wirtschaftsräumen zunehmend im Abseits stehen, wenn sich die Politik nicht weiter öffnet.

Indien wirbt mit seinem westlichen Image. Doch wer die Szenerie beispielsweise von Shanghai und Mumbai vergleicht, für den ist Modernisierungsrückstand offensichtlich. Frauen fehlen weitgehend in der Öffentlichkeit, Kinderarbeit ist alltäglich, große Elendsviertel umsäumen die Städte. Indien ist das Land mit den meisten Analphabeten der Welt. Das Bevölkerungswachstum liegt bei 1,4 Prozent pro Jahr, was einem jährlichen Zuwachs von 15 Millionen Menschen entspricht. Etwa im Jahr 2025 könnte Indien China als bevölkerungsreichstes Land der Erde überholen.

Doch schon jetzt fehlen Arbeitsplätze, unzählige Menschen leben von der Schattenwirtschaft. Sinkende Realeinkommen und explodierende Preise für Lebensmittel könnten sich schnell als gesellschaftliche Zeitbombe erweisen. Besonders schwierig ist die Lebenssituation der 600 Millionen Landbewohner, die weitgehend von der Entwicklung abgekoppelt sind.

Große Teile des Landes werden von maoistische Rebellen (Naxaliten) kontrolliert, die Aufstände fordern jedes Jahr tausende Tote. Unter anderem toben zurzeit Kämpfe im ostindischen Jharkhand. Hinzu kommen Religionsunruhen, das entwicklungshemmende Kastenwesen und die Aufteilung in hunderte Völker. In Indien existieren alleine fünf verschiedene Schriften. Neben der Amtssprache Englisch, die viele nicht sprechen, existieren 21 andere Amtssprachen.

Herausforderung Logistik

Handelshemmnis

Ein großes Handelshemmnis ist die marode Infrastruktur in Indien – ein Drittel der Ernte verdirbt auf den langen Wegen von den Bauern in die Geschäfte. Bild: Dr. Kiefer

Die marode Infrastruktur ist ein großes Wachstumshemmnis. Die meisten Verkehrswege sind veraltet und hoffnungslos überfüllt, ein Drittel der Ernte verdirbt auf dem Weg vom Bauern zum Geschäft. Ein Lastwagen braucht für 1500 Kilometer manchmal fünf Tage. Stromausfälle sind alltäglich. Seit Jahren kündigt die Regierung umfassende Infrastrukturmaßnahmen an, eine Billion Euro sollen in neue Projekte fließen. Doch die Mittel wandern oft in die Taschen von Beamten und Politikern. Internationale Unternehmen versuchen in Indien Logistikdienste aufzubauen, um insbesondere auch der Exportwirtschaft verlässliche und sichere Transportdienste anzubieten. Der Logistikdienstleister Logwin hat im Juli in der ostindischen Stadt Kolkata, nahe der Grenze zu Bangladesch, ein Büro eröffnet. Am Standort Chennai in Südindien betreibt Logwin nach dem Umzug in ein größeres Gebäude ein Transitlager. Viele indische und multinationale Logwin-Kunden haben ihren Hauptsitz in der Nähe. Chennai ist eines der führenden indischen Standorte für Computertechnologie und Hardware. Rund ein Drittel der nationalen Automobilindustrie ist im Bundesstaat Tamil Nadu angesiedelt, dessen Hauptstadt Chennai ist.

Langer Atem erforderlich

„Um in Indien erfolgreich zu sein, braucht man vor allem eines: Geduld“, erklärt João Cravinho, Botschafter der Europäischen Union in Indien. Deutsche Unternehmen sollten sich von den Herausforderungen bei einem Eintritt in den indischen Markt nicht abschrecken lassen. Mit entsprechender Marktkenntnis, Vorbereitung und Geduld lohne sich der Start in den Wachstumsmarkt. „Es dauert länger als geplant bis zur Gewinnzone“, berichteten indien-erfahrene Unternehmensvertreter indes. Doch sei dort erst einmal Fuß gefasst, ließen sich hohe Gewinne erzielen.

Die Euphorie zur Zukunft Indien resultierte auch daraus, dass sich das Land als demokratischer Rechtsstaat darstellt. In der Praxis ist das Land jedoch von traditionellen Machtstrukturen geprägt – das Gesetz gilt weniger als ein Bündel Rupienscheine. China ist da oft moderner. „Indien ist eine Katastrophe. Unsere Patente werden dort ung

ehemmt verletzt. Absprachen hält unser Importeur nicht ein. Juristische Klagen nutzen da nichts. Ganz anders in China. Dort hatte ein Unternehmen unsere Technik kopiert. Mithilfe der chinesischen Lokalregierung konnten wir dies schnell und nachhaltig unterbinden“, erklärt der Inhaber eines norddeutschen Schiffstechnik-Zulieferers.

Gute Geschäfte machen in Indien hauptsächlich Unternehmen, welche bereits lange im Land sind und sich den dort herrschenden Geschäftspraktiken angepasst haben. Doch viele große neue Projekte scheitern, und auch langjährig gut laufende Geschäftsbeziehungen können sich plötzlich zu einer Katastrophe entwickeln.

So hatte Porsche nach der Übernahme durch VW 2011 den Vertrag mit seinem indischen Importeur Ashish Chordia gekündigt. Chordia erhob Einspruch, unterlag aber vor dem Zivilgericht. Danach erstattete der Importeur Strafanzeige und erwirkte damit einen „Warrant of Arrest“ gegen die Porsche-Vorstände. Die Warrants of Arrest, die gegen die Porsche-Vorstände vorliegen, sind eigentlich nur eine Vorladung zum Verhör. Die Haftbefehle, die auf dieser Anzeige beruhen, betreffen nicht nur den Vorstand, sondern auch drei weitere Porsche-Manager. Diese sollten über eine neue Verkaufsorganisation den Absatz in Indien steigern. Jetzt können sie den Subkontinent jedoch nicht bereisen. Über die indische Bundespolizei CBI sind die Haftbefehle an Interpol weitergeleitet worden. Der Porsche-Sprecher geht nicht davon aus, dass Interpol sie vollstrecken wird. Porsche-Kommunikationschef Hans-Gerd Bode hält eine außergerichtliche Einigung für möglich.

Die komplexe Kunst der Zustimmung

Die Bengalin Sujata Banerjee wuchs in Baden-Württemberg auf. Sie fühlt sich sowohl in Deutschland als auch in Indien zuhause. In Deutschland und Indien führt sie hauptsächlich Seminare/Trainings/Coachings in den Bereichen interkulturelle Teamkompetenz/Teambuilding, kommunikative Kompetenz, Entsendungscoachings für Führungskräfte sowie Cultural Awareness Trainings, Rhetorik- und Präsentationstrainings und länderspezifische Trainings zu Indien, Asien, Europa und Deutschland durch.

Sujata Banerjee

Vermittelt zwischen deutschen und indischen Unternehmens-kulturen: Sujata Banerjee

Von den Kulturmustern, die ich während meines Übersommerns in Deutschland an Indien am meisten vermisse, rangiert oben genanntes Phänomen an erster Stelle: Auf Fragen, die in Indien mit überwiegender Tendenz als Einstimmung für einen längeren, beziehungsaufbauenden Autausch gesehen würden, werden in Berlin Fragen wie: Sind Karten für dieses Konzert noch zu haben? Ist dies die endgültige provisorische Haltestelle für den Bus nach Tegel? Funktioniert diese Verkehrsampel? dieser Tage mit einem knappen „Nö“. Oder: „wat denn sonst?“ Oder: „selbstverständlich!“ beantwortet. Abgefertigt. Beiseitegeräumt. Irgendwie sehr effizient, entscheidungsfindungsprozessverkürzend, und dennoch – oder gerade deshalb? – äußerst unbefriedigend. (Sie merken schon, ich wohne in Berlin Mitte. Das genieße ich auch deshalb, weil ich mich bei der Betrachtung der U-Bahn-Bauarbeiten nicht müßigen Betrachtungen hingebe wie, Wo kommt sie her? Wo führt sie hin? Warum wird sie benötigt?, sondern mir immer voll Bewunderung sagen kann, bei uns in Delhi hat beim Metrobau dieser Prozessabschnitt nicht gaanz so lange gedauert, wie derzeit in Berlin. Das führt immerhin zu einem Nachhall der Euphorie und großen Verwunderung, sorry, Bewunderung, die das DMRC-Projekt, bei dem so manches Zeitfenster unterschritten wurde, noch immer erzeugt… doch ich schweife ab, und das kommunikative Weitekreise-Ziehen, um durch einen möglichst großen Radius möglichst vielen Interessen gerecht zu werden, gilt in Deutschland nicht unbedingt als Erfolgsfaktor zum Aufbau von Beziehungen.) In Indien erhalte ich auf plane Fragen, wie die oben Genannten, Antworten wie : „We can do this together!“ I’ll try! On the one hand, yes, and, then you could also consider…. , No Problem! The issue is currently being considered!” Oder auch :„ let us find out together, I am about to try this out myself…” Und dann bricht man, wer weiß? gemeinsam irgendwohin auf, möglicherweise in die falsche Richtung, und hat am Ende des Prozesses viel über die Welt, den anderen, und über sich gelernt, ist sehr oft am Ziel der Ausgangsintention angekommen, mit der Erkenntnis, gepaart mit Dankbarkeit, dass es auch anders hätte ausgehen können , also mit einer unglaublichen Lernkurve, bei der das Ergebnis nur ein Nebenprodukt ist, und einem ungeheuren Respekt vor der Komplexität, die vermeintlich einfachen Fragen innewohnt… weshalb der Tipp, dass Sie, wenn Sie knappe Antworten erhalten möchten, besser KEINE geschlossenen Fragen stellen sollten, bei denen ein Ja den Beginn, aber nicht das Ende eines Kommunikationsprozesses bedeuten kann, durchaus etwas für sich hat… aber ich schweife mal wieder ab, nicht wahr? Bald steht das Überwintern in Indien an, wenn nach einer Weile vor Ort der spröde Charme des „Nein“ zu den Kultur-Phänomenen gehören wird, die ich an Deutschland so vermisse.

Autorin: Sujata Banerjee

Im Jahr 2007 hatte Vodafone eine indische Mobilfunkfirma gekauft. Den Gewinn der Transaktion blieb wie üblich beim indischen Verkäufer. Dennoch forderte das indische Finanzamt von Vodafone hohe Kapitalertragsteuern. Vodafone zog bis vor den Supreme Court in Neu-Delhi und gewann den Prozess. Daraufhin schaltete sich die indische Re

gierung ein. Sie kündigte wenige Wochen nach dem Richterspruch an, ein altes Gesetz zu modifizieren. Die Änderungen sollten 50 Jahre rückwirkend gültig sein. Damit würde das Urteil ausgehebelt. Vodafone müsste bis zu fünf Milliarden Dollar an Steuern, Zinsen und Strafen zahlen. Nach heftigen Protesten internationaler Wirtschaftsverbände überprüft jetzt das Kabinett das Gesetzesvorhaben. Aber das kann dauern…

Windkraft

Die Probleme des Windanlagenbauer Enercon mit seiner Joint-Venture-Tochter begannen im Jahr 2007. Nach 13 Jahren Zusammenarbeit brach der indische Partner mit dem deutschen Unternehmen. Der indische Geschäftspartner stieg aus und enteignete faktisch Enercon. Damit die indische Tochter überhaupt weiter produzieren durfte, klagte sie auf Freigabe der weltweit geschützten Enercon-Patente. Daraufhin erklärte das indische Patentgericht IPAB zwölf deutsche Patente für ungültig. Die Begründung lautete in allen Fällen mangelnde Erfindungshöhe. Enercon muss jetzt befürchten, seinen Patentschutz in Indien vollständig zu verlieren. „Unser Unternehmen ist gekapert worden mit rechtswidrigen und teilweise auch strafrechtlich relevanten Maßnahmen“, empört sich Stefan Knottnerus-Meyer, Leiter der Rechtsabteilung von Enercon. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag hält Indiens Vorgehen im Fall von Enercon für Rechtsbeugung. „Deutsche Patente halten in allen Ländern, nur in Indien nicht, weil sie den nationalen Interessen widersprechen, wie es in der Urteilsbegründung heißt“, so Doris Möller von der DIHK Berlin. fa

Dr. Thomas Kiefer

Autor: Dr. Thomas Kiefer, freier Autor für ke NEXT

Das Wachstum geht weiter

Auch wenn derzeit der Subkontinent nur ein Wachstum von jährlich fünf Prozent aufweisen kann, stehen die Chancen für Indien aber nicht schlecht. Um an den langfristig hervorragenden Perspektiven teilzuhaben, verstärken immer mehr Maschinen- und Anlagenbauer ihre Präsenz in Indien.

Indien ist ein Land der extremen Gegensätze. Mehr als 1,2 Milliarden Einwohner machen Indien zum Land mit der weltweit zweitgrößten Bevölkerung. Der Unterschied zu China: In Indien ist das Durchschnittsalter mit rund 26 Jahren zehn Jahre niedriger als in China, und die Geburtenrate sinkt nur langsam. Durch die „demographische Ernte“ wächst, anders als in China, die Arbeitsbevölkerung noch über Jahrzehnte an. Jedes Jahr drängen rund 13 Millionen Menschen neu auf den Arbeitsmarkt, von denen aber heute nur ein verschwindend kleiner Teil gut ausgebildet ist. Nach Angaben der indischen Regierung haben nur zwei Prozent der unter 30-Jährigen eine formale Berufsausbildung.

Ein Grund ist die Wirtschaftsstruktur: Rund 70 Prozent der Bevölkerung lebt auf dem Land. Jeder zweite ist in der wenig produktiven Landwirtschaft tätig. Der Dienstleistungssektor dagegen nimmt mit 65 Prozent den Löwenanteil am Bruttoinlandprodukt ein, beschäftigt aber nur 30 Prozent der Arbeitnehmer. Die Industrie und das verarbeitende Gewerbe stehen für 27 Prozent der Wirtschaftsleistung. Um Arbeitsplätze für die immer noch wachsende und schlecht ausgebildete Landbevölkerung zu schaffen, investiert Indien in die Ansiedlung von Industriebetrieben.

So stehen die Chancen langfristig gut: Die indische Zentralregierung hat im Fünfjahresplan 2012 bis 2017 Investitionen in Höhe von einer Billion US-Dollar geplant, vor allem für Infrastrukturmaßnahmen im Bereich Stromversorgung und Verkehr. Davon profitieren beispielsweise die Anbieter von Baumaschinen. Langfristig zeigt sich hier der Trend hin zu einer stärkeren Mechanisierung der Bauindustrie und der Landwirtschaft. Gleichzeitig möchte die indische Regierung den Beitrag des Produktionssektors zur Industrieleistung von heute 16 auf 25 Prozent bis 2022 ausbauen.

Ein Megatrend, der quer durch Asien zu beobachten ist, betrifft die veränderten Ernährungsgewohnheiten. Gerade die wachsende Mittelschicht legt immer mehr Wert auf verarbeitete Lebensmittel in hoher Qualität. Gleichzeitig öffnet Indien, wenn auch sehr langsam, den Markt für internationale Lebensmittel-Einzelhändler. Das steigert langfristig die Nachfrage nach Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen. Die Boston Consulting Group erwartet, dass sich die Kapazitäten für die Lebensmittelherstellung und -verpackung auf dem Subkontinent bis 2020 verdreifachen werden.

Bosch Rexroth

Bosch Rexroth investierte in den vergangenen beiden Jahren rund 40 Mio. Euro in den Neubau eines Werks in Ahmedabad und verdreifachte damit die Produktionsfläche. Bild: Bosch Rexroth

Um an den langfristig hervorragenden Perspektiven teilzuhaben, verstärken immer mehr Maschinen- und Anlagenbauer ihre Präsenz in Indien. Einer der deutschen Pioniere auf dem indischen Markt ist Bosch Rexroth. Der Antriebs- und Steuerungshersteller produziert bereits seit 1975 in Ahmedabad im Bundesstaat Gujarat Hydraulikkomponenten und -systeme, unterhält einen weiteres Werk und einen großen Customizing-Standort für Automatisierungstechnologien in Bangalore, ist mit mehreren Sales und Service Centern in den Industrieregionen des Landes vor Ort. Seit 2007 hat Bosch Rexroth sein Geschäftsvolumen in Indien fast verdoppelt. In den vergangenen beiden Jahren investierte der Zulieferer für den Maschinenbau rund 40 Millionen Euro in den Neubau eines neuen Werks in Ahmedabad und verdreifachte damit die Produktionsfläche. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen in Indien rund 900 Mitarbeiter, 560 davon in der Produktion in Ahmedabad. Über die Fertigung hinaus hat Bosch Rexroth das Werk Ahmedabad zu einem Technologiezentrum ausgebaut. Dort entwickelt und produziert das Unternehmen an die lokalen Anforderungen angepasste Produktvarianten. Dieses „Design to Region“ greift die regionalen Anforderungen nach einer angepassten Funktionalität, hoher Robustheit und niedrigem Preis auf. So hat Bosch Rexroth in Indien gemeinsam mit Bosch in Indien eine Systemlösung „Elektrohydraulische Hubwerksregelung“ speziell für den indischen Markt entwickelt. Sie ersetzt die bislang übliche mechanische Hubwerksregelung mit einer auf indische Anforderungen abgestimmten Funktionalität. Damit erschließt der Systempartner zusätzliche Marktsegmente in Indien, die mit Lösungen aus Deutschland gar nicht zu erreichen wären.

Neben der Ausrüstung von mobilen Arbeitsmaschinen für die Bauindustrie und die Landwirtschaft fokussiert sich Bosch Rexroth in Indien auf Automationslösungen rund um den Ausbau der Energieversorgung und der Infrastruktur, insbesondere den Stahlwasserbau. Aber auch die Modernisierung und der Neubau von Stahlwerken bieten zahlreiche Geschäftsmöglichkeiten. In der Fabrikautomation steht vor allem die Automatisierung von Werkzeug- und Kunststoffmaschinen im Mittelpunkt.

Eine wichtige Rolle in der lokalen Strategie von Bosch Rexroth spielt darüber hinaus die praxisorientierte Aus- und Weiterbildung von technischen Fachkräften. Das Unternehmen setzt dafür auf eine enge und langjährige Zusammenarbeit mit indischen Universitäten und Forschungsinstituten. Am Mangalore Institute of Technology and Engineering in Indien ist Bosch Rexroth ein kooperativer Partner in einem Regional Centre of Competence in Automation Technology.

Im Januar 2013 eröffnete der frühere Präsident A.P.J. Abdul Kalam das Centre of Excellence for Reasearch and Training in Automation Technologies – gemeinsam errichtet von der Periyar Maniammai University und Bosch Rexroth. Damit vernetzt sich das deutsche Unternehmen immer stärker mit der indischen Industrie – ein guter Ansatz, um am künftigen Wachstum in Indien zu partizipieren. fa

Autor: Dr. Johannes T. Grobe, Managing Director Bosch Rexroth in Indien