Bild: somartin - Fotolia

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Mit seinen fast 1,3 Milliarden Einwohnern wird Indien China bald als bevölkerungsreichstes Land der Erde überholen. Eine weiter zunehmende Bevölkerung, die wachsende Mittelschicht und kontinuierliches Wirtschaftswachstum machen den Subkontinent zu einem der bedeutendsten Wirtschaftsstandorte der Welt. Der Nachholbedarf ist enorm. Dem stehen jedoch gewaltige Probleme gegenüber, wie ineffektive Verwaltung, ausufernde Korruption, marode Infrastruktur, Massenarmut und Analphabetismus. Nach seiner Verfassung ein demokratischer Rechtsstaat, ist Indien in der Realität noch oft in seiner Tradition gefangen. Seit seiner wirtschaftlichen Öffnung vor nunmehr fast 25 Jahren kündigten die verschiedenen Regierungen vollmundig umfassende Modernisierungsprogramme an. In der Praxis verliefen viele im Sand oder kommen nur schleppend voran. Der seit Mai amtierende neue indische Präsident Narendra Modi möchte eine Trendwende schaffen, indem er viele Probleme an ihren Wurzeln anpackt.

Unter dem Motto „Make in India“ sollen bürokratische Hürden weiter abgebaut und Steuerregeln vereinfacht werden, sagte Industrie- und Handelsministerin Nirmala Sitharaman im September bei der Vorstellung der neuen Kampagne in Neu Delhi. Außerdem sollen nun Arbeiter besser ausgebildet sowie Industriekorridore und -parks geschaffen werden. In Indien werden verhältnismäßig wenig Güter produziert. Die Warenproduktion beträgt derzeit lediglich 16 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, dafür ist Indien im Dienstleistungssektor stark. Hinzu kommt noch ein gewaltiger informeller Sektor, die Schattenwirtschaft und weite Landesteile, die kaum in das nationale Wirtschaftssystem eingebunden sind.

Indien ist ein Land der Gegensätze: Zum Teil herrschen vorindustrielle Zustände und das Gros der Bevölkerung ist vom Wirtschaftswachstum ausgeschlossen.

Indien ist ein Land der Gegensätze: Zum Teil herrschen vorindustrielle Zustände und das Gros der Bevölkerung ist vom Wirtschaftswachstum ausgeschlossen.

Der Ausbau der Infrastruktur kommt jedoch nur sehr schleppend voran, groß angekündigte Investitionen verzögern sich. Positive Impulse für den Maschinenbau gehen von der Textilindustrie aus. Bei hochwertigen Maschinen und Ausrüstungen bleibt Indien stark importabhängig. Die Brancheneinfuhren aus Deutschland sanken im Finanzjahr 2013/14 um 9 Prozent, meldet Germany Trade & Invest (gtai).
Die Bruttoanlageinvestitionen sind real um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorjahrjahreszeitraum gesunken. Allerdings sollen 2014/15 noch Vorhaben im Wert von 7,9 Billionen indischer Rupien (iR; knapp 95,1 Mrd. Euro) abgeschlossen werden. Der Großteil der neu angekündigten Großprojekte entfiel zuletzt auf die Bereiche Strom- und Metallerzeugung, verarbeitende Industrie, Transport sowie Chemie. Eine schnelle weitere Erhöhung der Stromversorgung ist dringend notwendig, da es tagtäglich immer noch zu stundenlangen Stromausfällen kommt, weite Teile des Landes noch nicht an die Stromversorgung angeschlossen sind.

Absatzeinbruch bei Werkzeugmaschinen

Der Absatz von Werkzeugmaschinen ist 2013/14 nach Daten des indischen Branchenverbandes IMTMA um ein knappes Drittel auf 79,1 Mrd. iR gesunken. Bei metallschneidenden Maschinen ging der Umsatz um 27 Prozent zurück, die Importe fielen um mehr als ein Drittel. Der Verkauf von metallformenden Maschinen sank um 39 Prozent, die Einfuhr von Neumaschinen um fast die Hälfte. Aufgrund der anhaltenden Schwäche im verarbeitenden Gewerbe bleiben die kurzfristigen Aussichten schwierig. Die schwache Entwicklung der Kfz-Branche und im Infrastruktursektor macht den Werkzeugmaschinenherstellern zu schaffen.

Moderne Maschinen sollen Indien den Anschluss an die weltweite Konkurrenz ermöglichen. Und doch werden in Indien verhältnismäßig wenig Güter produziert.

Moderne Maschinen sollen Indien den Anschluss an die weltweite Konkurrenz ermöglichen. Und doch werden in Indien verhältnismäßig wenig Güter produziert.

Auch die Baumaschinenbranche bekommt diese Verzögerungen zu spüren und zeigt schwache Konjunkturdaten. Ihr Umsatz belief sich 2013 auf etwa 3 Mrd. US-Dollar und dürfte seither kaum gestiegen sein. Derzeit liegt die Anzahl der verkauften Maschinen bei etwa 66.000. Bis 2017 könnte eine Steigerung auf 100.000 Stück möglich sein, melden Branchenorganisationen. Dazu muss die Regierung jedoch ihre gewaltigen Ausbaupläne für die Infrastruktur umsetzen. Im Laufe des 12. Fünfjahresplans (2012 bis 2017) soll hier eine Billion US-Dollar investiert werden. Viele Projekte sind jedoch ins Stocken geraten. Besonders in Indien müssen solch blumige Zukunftsprognosen, welche lediglich auf Plänen und Ankündigungen beruhen, hinterfragt werden. Auch im Wohnungs- und Gewerbebau führen die unsichere Wirtschaftslage, hohe Kapitalkosten sowie regionale Überkapazitäten zu einer schwachen Entwicklung.

Hoher Bedarf an Verpackungsmaschinen

Gut sind jedoch die Perspektiven für Nahrungsmittel- und Verpackungsmaschinen. Die stark wachsende Nachfrage nach verarbeiteten Lebensmitteln treibt dort den Bedarf weiter an. Der Weiterverarbeitungsanteil bei Lebensmitteln ist mit rund zehn Prozent bislang gering. Er dürfte jedoch dank steigender Einkommen und der kürzlich beschlossenen Öffnung des Mehrmarkeneinzelhandels für ausländische Direktinvestitionen zunehmen. Bislang verderben viele Lebensmittel, da sie nicht angemessen verarbeitet und verpackt werden. Um die dringend notwendige Entwicklung der Lebensmittelindustrie voranzutreiben, will die Regierung im 12. Fünfjahresplan den Bau von Mega Food Parks mit einem Investitionszuschuss von 17 Milliarden iR fördern. Ende 2013 wurden bereits zwölf neue Projekte genehmigt. Das Indian Institute of Packaging erwartet in den nächsten Jahren eine jährliche Umsatzsteigerung der Branche von 12 Prozent.

Auch die Aussichten für die indischen Textilproduzenten sind gut. Infolge der Weltwirtschaftskrise haben sie sich stärker auf den lokalen Markt sowie andere Schwellenländer konzentriert. Zudem zieht das Geschäft mit den traditionell wichtigen Abnehmern in Europa und den USA wieder an. Aufgrund stark gestiegener Löhne schließen in China viele Textilproduzenten und verlagern ihre Produktion.
Um die Branche zu modernisieren, hat die Regierung das Technology Upgradation Fund Scheme bis 2017 verlängert und neben Anreizen für die Modernisierung auch eine gesonderte Förderung für „Apparel Parks for Exports“ aufgelegt. Die lokalen Hersteller von Textilmaschinen konnten ihre Produktion 2013/14 um 15 Prozent steigern. Sie decken rund 40 Prozent des Inlandsbedarfs.

Die Aussichten für indische Textilproduzenten sind gut. Das Geschäft mit wichtigen Abnehmern in Europa und den USA zieht wieder an. Die lokalen Hersteller von Textilmaschinen konnten ihre Produktion 2013/2014 um 15 Prozent steigern. Bild: Fyle - Fotolia

Die Aussichten für indische Textilproduzenten sind gut. Das Geschäft mit wichtigen Abnehmern in Europa und den USA zieht wieder an. Die lokalen Hersteller von Textilmaschinen konnten ihre Produktion 2013/2014 um 15 Prozent steigern. Bild: Fyle – Fotolia

Für deutsche Lieferanten von Maschinen und Ausrüstungen erweist es sich als problematisch, dass die überwiegend preissensiblen indischen Kunden zunehmend auf günstige Konkurrenzprodukte zurückgreifen. Die Schwäche der indischen Rupie im vergangenen Finanzjahr verteuerte zudem die Einfuhren. Deutsche Technik genießt jedoch ein hohes Ansehen und wird insbesondere von exportorientierten Industrien nachgefragt.

In Indien wird die gesamte Produktpalette von Maschinen hergestellt. Indische Maschinenbauer bedienen jedoch zumeist das untere bis mittlere Preissegment. Den technologischen Rückstand gegenüber hochwertiger Importware aus Lieferländern wie Deutschland, Japan, Italien und den USA schätzen Branchenvertreter zum Beispiel bei Werkzeugmaschinen auf zehn Jahre. Bei technisch anspruchsvollen Ausrüstungen ist Indien daher überwiegend auf Importe angewiesen. Der Einfuhranteil nimmt weiter zu und belief sich 2011 über alle Sparten hinweg auf rund 30 Prozent der Inlandsnachfrage. Bei Werkzeugmaschinen wurden 2013/14 rund 60 Prozent des Bedarfs aus dem Ausland gedeckt. Der Aufwand für Forschung und Entwicklung ist im Land traditionell gering, das Interesse an Kooperationen mit ausländischen Anbietern entsprechend groß.

Außenhandel bricht ein

Indien importierte im Finanzjahr 2013/14 Maschinen und Anlagen im Wert von 9,2 Mrd. US-Dollar. Dies ist ein Einbruch um 18 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Die Maschineneinfuhren aus Deutschland sanken um neun Prozent auf 1,6 Mrd. US-Dollar. Die Bundesrepublik zählt mit der VR China, Japan, den USA und Italien zu den wichtigsten Importländern. Das untere bis mittlere Preissegment bedienen vor allem chinesische und südkoreanische Lieferanten. Durch die schnelle Modernisierung des Nachbarn China sind preisgünstige Maschinen in Indien besonders interessant. In China beginnen auch Produktionswerke deutscher Maschinenbauer verstärkt, einfachere, preiswerte Maschinen zu fertigen, welche auch für Schwellenländer besonders geeignet sind. In Maschinenexporten aus China dürfte daher ein wachsender Anteil von Maschinen und Anlagen deutscher Maschinenbauer vorhanden sein.

Im einstigen Mutterland der Industrie und der ehemaligen Kolonialmacht England sollen Konzerne aus Indien bereits größter industrieller Arbeitgeber sein. So ist Tata Steel der zweitgrößte Stahlhersteller in Europa und produziert auch in Deutschland. In Deutschland gehören auch bereits einige Mittelständische Unternehmen zu indischen Konzernen, wie Matec in Köngen, die seit 2011 mehrheitlich zum indischen Maschinenbaukonzern Bharat Fritz Werner Ltd. gehört.

Bild: J BOY - Fotolia

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Zahlen, Daten, Fakten

Die Einwohnerzahlen: In Indien leben 1,2 Milliarden Menschen auf 3.287.469 Quadratkilometern. In Deutschland sind es rund 80 Millionen Menschen, die auf 357.340,08 Quadratkilometern leben.

Die wichtigsten Handelspartner Indiens: Mit einem Handelsvolumen von 16,1 Milliarden Euro ist Deutschland der wichtigste Handelspartner Indiens innerhalb der EU. Gefragt sind insbesondere Investitionsgüter. So machen Maschinen etwa ein Drittel der deutschen Gesamtexporte nach Indien aus. China hat Deutschland als Maschinenlieferant allerdings mit einem Export von 3,8 Milliarden Euro überholt.

Maschinenexporte nach Indien:

  1. Japan: 1,963 Milliarden Euro
  2. Deutschland: 2,765 Milliarden Euro
  3. China: 3,875 Milliarden Euro

Indien ist kein Billigstandort der Industrie

Rein rechnerisch liegt das Durchschnittseinkommen in Indien bei umgerechnet lediglich 1000 Euro. Dieser Globalwert ist jedoch kaum aussagekräftig. Die Gehälter der breiten Masse an Landarbeitern, Tagelöhnern und ungelernten Fabrikarbeitern liegt oft nur bei wenigen Cent pro Stunde. Etwa 44 Prozent der Bevölkerung haben im Schnitt täglich weniger als einen US-Dollar zur Verfügung. Dem stehen stark steigende Gehälter der hochqualifizierten Arbeitskräfte mit mehrjähriger Berufserfahrung gegenüber. Denn qualifizierte Fachkräfte sind rar und lassen sich für ihre Leistung entsprechend bezahlen. „Ist Expertenwissen gefragt, über das nur wenige Fachkräfte in Indien verfügen, muss man in Ausnahmefällen sogar bereits übereuropäische Löhne zahlen“, berichtet Werner Heesen, Personalexperte bei Dr. Wamser + Batra.

Tipp

Guter Rat braucht nicht teuer zu sein. Oft gibt es den umsonst, in einem informellen Gespräch auf einer Messe oder Veranstaltung mit Indienexperten, welche aus der Praxis kommen. Die Gelegenheit zum direkten Austausch werden die deutschen Unternehmen auf der kommenden Hannover Messe vom 13. bis zum 17. April 2015 haben, wenn Indien erneut als Partnerland der Deutschen Messe fungiert.

 Autor: Dr. Thomas Kiefer, freier Autor für ke NEXT

Sanjay Kulkarni ist Managing Director bei Pilz India.

Sanjay Kulkarni ist Managing Director bei Pilz India.

Interview mit Sanjay Kulkarni, Pilz India

Wie ist Pilz momentan in Indien aufgestellt?
Pilz hat 2011 eine eigene Tochtergesellschaft in Indien gegründet. Hauptsitz der Tochtergesellschaft ist Pune. Regionale Vertriebsbüros unterhält Pilz in Banaglore, Chennai und Delhi. Neben Komponenten und Systemen für die sichere Automation unterstützt Pilz die Kunden auch mit einem umfassenden Dienstleistungsangebot, bestehend aus Beratung, Engineering und Schulungen. So bietet Pilz India auch die international anerkannte, zertifizierte Qualifikation zum CMSE – Certified Machinery Safety Expert an.

Ist Sicherheit ein Thema in Indien?
Unternehmen in Indien beschäftigen sich zunehmend mit dem Thema Sicherheit im industriellen Umfeld und den technischen Lösungen, mit denen sich die entsprechenden Schutzziele erreichen lassen. Natürlich ist Pilz India auf diesen Aspekt fokussiert und legt seine Geschäftstätigkeit unter anderem darauf aus, den erforderlichen Paradigmenwechsel und die Sicherheit von Mensch und Maschine in der indischen Industrie zu verankern. Das Leistungsspektrum von Pilz ist heute jedoch auf die komplette Automation ausgerichtet – und das natürlich auch in Indien.

In welchen Branchen sind die Sicherheitslösungen von Pilz in Indien gefragt?
Zu den wichtigsten Branchen für Pilz in Indien zählen Automotive, Werkzeugmaschinen, Windenergie, Robotik, Prozessindustrie und der allgemeine Maschinenbau. In all diesen Branchen ist Pilz bereits sehr aktiv. Neben den OEMs adressieren wir insbesondere die Endanwender, die über den gesamten Maschinenlebenszyklus unterstützt werden. So kann Pilz India passende Lösungen für Kunden vieler Industriebereiche anbieten.

Gibt es spezielle Probleme, mit denen Pilz in Indien zu kämpfen hat?
Die größte Herausforderung ist nach wie vor die oftmals mangelhafte Infrastruktur innerhalb und zwischen den Industriemetropolen. Zum anderen ist das lokale Wissen und die Akzeptanz  für das Thema Maschinensicherheit aufgrund fehlender verbindlicher Vorschriften noch sehr begrenzt.
Viele Maschinenbauer implementieren Sicherheitsfunktionen nur dann, wenn der Endkunde diese fordert oder die Maschine nach Europa oder Nordamerika exportiert wird. Das Wissen um den Mehrwert intelligenter Sicherheitslösungen für die Verfügbarkeit und Effizienz der Maschine ist noch nicht überall vorhanden. Daran arbeiten wir. Egal ob Sicherheit oder Automation – Pilz ist hier ein verlässlicher Partner für seine Kunden.

Die Fragen stellte Ingrid Fackler, Redaktion