Tropical Islands: Von der Luftschiff- zur Freizeithalle 1

Einst donnerten auf Brandenburgs Boden zum Starten und Landen sowjetische Kampfjets über die Rollbahn, dann sollten moderne Transportluftschiffe in einer gigantischen Halle gebaut und gewartet werden – bis 2002 eine neue Idee geboren und umgesetzt wurde: Indoor-Urlaubsspaß und Fitness vor tropischem Hintergrund im großen Stil.

Autor: Klaus Niehörster, freier Journalist

“Entdecken Sie ein Stück der Tropen auf 66.000 Quadratmetern.” Das lässt sich hören. Die Besucher reiben sich staunend die Augen. Auf einer Fläche von acht Fußballfeldern erleben sie mitten im Winter Traumtemperaturen von 26 Grad, den größten Indoor-Regenwald der Welt, Europas größte tropische Sauna-Landschaft und nachgestellte Südsee mit 200 Metern Sandstrand. 70 Kilometer südlich von Berlin-Mitte ist auf flachem Land eine Erlebniswelt der ganz besonderen Art geschaffen worden.

Freilich waren die Wege ein wenig verschlungen, bis die Besucher in 55 Meter Höhe in einem Ballon über dem Regenwald schweben, Schildkröten im Mangrovensumpf beobachten, entspannt in der Bali-Lagune liegen oder sich vom Wasserrutschen-Turm in rasender Schussfahrt ins gar nicht so kühle Nass stürzen konnten. Und zwar  ganzjährig rund um die Uhr. Auch von außen ist der Eindruck stark, denn die stützenfreie Halle mit ihren Statik-Elementen mutet an wie ein in die Landschaft herabgeschwebtes Ufo, zugleich gigantisch und filigran.

Ursprünglich sollte alles ganz anders sein. Die Vision des Gründers Carl von Gablenz war ein auf Helium-Luftschiffen basierendes globales Transportsystem für Schwerlasten. Point-to-point zu beliebigen Bestimmungsorten kreuzend sollte das Flaggschiff, der  CL 160, mit einer Länge von 260 Metern und einem Durchmesser von 65 Metern, in Serie gehen. Imponierend muten auch die angestrebten Flugleistungen an: Reichweite 10.000 km bei einer maximalen Flughöhe von 2000 Metern und einem Volumen des Flugkörpers von 550.000 m³. Die Nutzlast dieses fliegenden Krans sollte 160 Tonnen betragen bei einem Gesamtgewicht von 480 Tonnen. Zum Vergleich: Das ist um ein Drittel mehr als ein vollbeladener Jumbo-Jet.

2013 sollten 50 solcher fliegenden Kraftprotze weltweit im Einsatz sein, doch der CL 160 blieb nur ein Modell.

Das geplante Top-Modell der CargoLifter AG protzte mit nie da gewesenen Dimensionen. Allein der Laderahmen dieses ersten Großluftschiffs seit 60 Jahren hat Abmessungen von 50 m x 8 m x 8 m. Im Modell wird das Transportgut über Seilwinden und am Boden verankerte Haltepunkte heraufgezogen und am Zielpunkt wieder herabgelassen. Um Gesamtgewicht und Flugeigenschaften in der Balance zu halten, wird die Fracht bei Bedarf gegen Ballastwasser ausgetauscht. Vor zehn Jahren schossen die Pläne optimistisch ins Kraut und zeichneten sich Lösungen für die kniffligsten Beförderungen durch die Luft ab. Um das Jahr 2013, war damals zu lesen, sollten mindestens 50 solcher fliegenden Kraftprotze weltweit im Einsatz sein.

Mit vier Antriebsmotoren ausgestattet, die zusammen 8200 PS auf die Propeller von je 6,5 Meter Durchmesser bringen, wurde den schwebenden High-Tech-Zigarren eine Reisegeschwindigkeit von bis zu 100 Stundenkilometer zugetraut. Als Spritverbrauch waren 4,5 Liter pro Kilometer angesetzt. Für die Lastaufnahme und das Absetzverfahren kam eine kurzfristig verfügbare Spitzenleistung von bis zu 24.500 PS ins Gespräch.

Neues Spiel, neues Glück in Brand
Marktstudien des Instituts für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) in Bremen und der Universitäten in Frankfurt und Mainz bescheinigten diesem Mammut-Projekt ein riesiges Potenzial. Vor allem der Maschinen- und Anlagenbau, das Bauwesen, der Automobilbau, die Offshore-Branche sowie Hilfs- und Katastropheneinsätze waren als Logistik-Zielmärkte ausgeguckt. Doch die Pläne waren allzu hochfliegend, und so kamen 2002 nach Nine-Eleven und dem folgenden Einbruch der Luftfahrtindustrie sowie dem Crash der Kapitalmärkte mit dem Platzen der DotCom-Blase Insolvenz und vorläufiges Aus für die Giganten der Lüfte.

Im Tropical Islands lassen sich Sandburgen ohne das Risiko bauen, dass die Flut wieder alles kaputt macht.

Mit dem Stopp für die faszinierende Leichter-Als-Luft-Technologie ist auf Brandenburgs Boden aber noch nicht alles zu Ende. Neues Spiel, neues Glück, sagten sich wagemutige Investoren aus Malaysia und Hongkong und stellten vor den Toren Berlins auf den boomenden Freizeitmarkt um. Die Riesenhalle bietet jetzt alles, was sportliche Betätigung, Entspannung und leibliche Genüsse fordern. “Wenn es draußen kühler wird, lockt es mehr Gäste in die tropische Wärme unserer Halle”, sagt Pressesprecher Patrick Kastner. In der Zeppelin­halle in Brand (Dahme-Spreewald) wird es dann sehr lebendig am künstlichen Südseestrand, in der Lagune, im Regenwald und im Tropendorf. Besonders Kinder sind sehr angetan von den Wasserfahrten in Becken mit rotierenden Inseln und von der Wasserrutsche.

Weit aufgefächerte Fitnesspalette
Die ursprüngliche Bestimmung als wettergeschützte Unterbringung von Luftschiffen in der größten freitragenden Halle der Welt verträgt sich bestens mit Fitness und Fun. In 26 °C warmer, tropischer Umgebung mit 64 Prozent Luftfeuchtigkeit und dem größten inhouse-Regenwald der Welt mit Strand, sprießen die absonderlichsten tropischen Pflanzen. 600 an der Zahl. Palmen, Baumorchideen, Farne und Mangroven haben hier ihr neues Zuhause gefunden. In unmittelbarer Nachbarschaft sind Pools gruppiert sowie Bars und Restaurants – von der Cola bis zum Longdrink, der Ofenkartoffel bis zum Filetsteak gibt es für jeden alles. Tropical Islands ist rund um die Uhr an allen Tagen im Jahr geöffnet.

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Das Angebot wird laufend erweitert. So ist an einen 4000 Quadratmeter großen, ausschließlich Kindern vorbehaltenen Bereich gedacht und fächert sich die Fitnesspalette weiter auf: Wellness- und Saunabereich, Edelsteindampfbad,  Steinsauna, Baumsauna sowie Kräuter-Schwitzhütte, Eisbrunnen und Nebelgrotte, Sprudelbecken und Erlebnisduschen. Exotische südostasiatische Kulissen sind unübersehbar.

In der Startphase gab es allerdings Probleme mit den Pflanzen, die unter der lichtdichten Kuppel kein Tageslicht bekamen. Danach wurde die gesamte Südseite der Halle durch eine UV-durchlässige Spezialfolie ersetzt. Jetzt bringt Tageslicht die nötige Atmosphäre in den Dschungel. Beim Eintritt in die Brandenburger Tropen ist es genauso, als würde der Besucher in einem heißen Land aus dem Flugzeug steigen. Kuschelige Wärme schlägt entgegen und das Bedürfnis ist stark, sich aller Kleider zu entledigen.

Künstliche Horizonte setzen hier den Fernurlaub in den Sand von Brandenburg und nähren die Illusion, sehr weit weg vom Alltag zu sein.

Überall sind Menschen in Badehose oder Bikini. Mitten im Winter tut sich hinter dem Sandstrand ein Regenwald auf und tummeln sich die Menschen im Wasser. Allein die “Südsee” ist mit 4000 Quadratmetern so groß wie vier olympische Schwimmbecken. Der flache Planschbereich mit Rutsche, Kippeimer und Fontäne ist ideal für die Kleinsten. Der künstliche Horizont am Beckenrand setzt den Fernurlaub in den Sand von Brandenburg. Neben dem 200 Meter langen Strand dümpelt ein riesiges Edelstahlbecken, umsäumt von hunderten Liegestühlen. Der Tropino Kinderclub mit Trampolin, Kartbahn und Klettervulkan nimmt den Spaßfaktor beim Wort.

Manche verbringen in Little Indonesia Tag und Nacht und wechseln laufend zwischen Eiscafé Borneo, Kräuter-Schwitzhütte,  Nebelgrotte und künstlichem Gestade. Aus aller Herren Länder kommen die Menschen und verfallen binnen kurzem dem Südseetrip. Von oben strahlt die winterliche Sonne. Seitlich ist die graue Stahlverkleidung erhalten aus der Zeit, als noch davon geträumt wurde, im großen Stil die Zeppeline als Lastenträger aufleben zu lassen. Tropical Islands ist kleinteilig und nährt doch die fernwehgetriebene Illusion, sehr weit weg zu sein. Irgendwo in Südostasien zum Beispiel. Vor dem Bali-Tor werden Kameras gezückt, beliebt ist auch das Posieren vor dem Thai-Haus. Ebenso gut kommt der Schnappschuss vor Bananenstauden im vollen Saft an. In Spitzenzeiten sind unter dem weit gewölbten Hallendach gut 6000 Menschen auf Erholungs- und Funsuche.

Hier ist immer was los
Berliner und andere müssen jetzt gar nicht mehr nach Afrika, Asien oder Südamerika düsen, denn der Regenwald liegt mitten in Europa. Beach-Partys  für Großstädter können kurzfristig gebucht werden, und wer hier für kurz oder lang einziehen will, findet auch ein Quartier. So floriert das Geschäft in Brandenburgs wärmstem Dorf.

Der Blick vom Wasserrutschenturm über das Tropical Islands.

In originellen Projekten wie Tropical Islands steckt offenbar auch deshalb solch eine Menge Zukunft, weil weite Reisen nicht mehr jedermanns Geldbeutels Sache sind. Die ersehnten Ziele finden sich ja auch vor der Haustür. Hier ist immer was los. Überall ist Party. Die Riesenrutschen sind nonstop belegt, im Wasser ist Dauerplanschen angesagt, an der Bar sind die Stammplätze vergeben.

Weil es nie so richtig dunkel wird, liegt sogar die Impression Mittsommernacht nahe, freilich übertragen auf viel südlichere Breiten. Das Unternehmen startet durch und investiert in voller Breite weiter. Beispielsweise in den Ausbau des Übernachtungsangebots in der Halle. Inspiriert von Afrika, Asien und Amazonien wurden bis Anfang des Jahres beispielsweise 120 neue Lodges eingebaut. Geschäftsführer Ole Bested Hansing  geht damit auf erkundete individuelle  Gästewünsche ein: “Mitten in der südlichen Urlaubswelt werden sie lebendiger Teil der Szenerie.” Schließlich sind die Tropen auch bunt und voller Überraschungen.

www.tropical-islands.de