Brasilien, Bild: Fotolia; jool-ya

Brasiliens Wirtschaft schwächelt. Laut Prognose der Germany Trade and Invest rechnet der Brasilianische Maschinenbau- und Ausrüstungsverband Abimaq (Associacao Brasieira da Industria de Maquinas e Equipamentos) mit einem zweistelligen Umsatzrückgang für die Branche. Bild: Fotolia; jool-ya

Brasiliens wirtschaftliche Entwicklung hat sich nach mehr als einem Jahrzehnt hoher Wachstumsraten deutlich verlangsamt. BIP-Zuwachsraten von über fünf Prozent, die dem Land einen Platz in der Reihe der aufstrebenden BRICS-Staaten gesichert haben, erreicht es nicht mehr. 2014 tendierte das Wachstum mit mageren 0,15 Prozent gen Null, und die Prognose für 2015 liest sich nicht besser: minus 1,03 Prozent.

Die Prognosen des brasilianischen Maschinenbaus für 2015 klingen noch verheerender: nach Angaben von Germany Trade and Invest (gtai) rechnet der Brasilianische Maschinenbau- und Ausrüstungsverband Abimaq (Associacao Brasieira da Industria de Maquinas e Equipamentos) mit einem zweistelligen Umsatzrückgang für die Branche.

Windrad in Brasilien, Bild: Fotolia; Cmon
Mit 80 Prozent Wasserkraft setzt Basilien bereits stark auf erneuerbare Energien, jedoch müssen weitere hinzukommen. Bild: Fotolia; Cmon

Zwischen Januar und Mai 2015 sanken die Verkäufe von Maschinen und Anlagen gegenüber dem Vorjahreszeitraum bereits um 3,4 Prozent auf rund 16 Milliarden Euro. Als Gründe nennt gtai die geringen Investitionstätigkeiten des Landes, dessen Regierung einen Sparkurs fährt sowie den Korruptionsskandal um den Staatskonzern Petrobras. Als positive Ausnahmen können die Lieferanten von Anlagen oder Maschinen für die Papier- und Zelluloseindustrie, für die Landwirtschaft sowie für erneuerbare Energien und die Automobilindustrie genannt werden.

Die Abkühlung bekommt auch der deutsche Maschinen- und Anlagenbau zu spüren, der unter anderem mit der Abwertung des brasilianischen Reals zu kämpfen hat, die ein Grund für rückläufige Maschinenimporte ist. Nach Angaben des VDMA sind die Maschinenlieferungen aus Deutschland nach Brasilien im Jahr 2014 um 16,4 Prozent zurückgegangen. Vor diesem Hintergrund ist der Zuwachs von 6,8 Prozent im ersten Quartal 2015 nur ein kleiner Hoffnungsschimmer für die Branche.

Der Schritt in die Zukunft

frischer Wind in die Produktionshallen Brasiliens
Es gilt frischen Wind in die Produktionshallen Brasiliens zu bringen: die Digitalisierung soll helfen.Bild: Fotolia-dabl

Jedoch hat das Land weiterhin viel Entwicklungspotenzial. Derzeit sind die Unternehmen des Landes mit einem durchschnittlich sehr alten Maschinenpark ausgestattet. Nach Angaben von Abimaq liegt das durchschnittliche Alter der Maschinenausrüstung in Brasilien bei 17 Jahren – ein biblisch anmutendes Alter im Vergleich zu Deutschland, wo das Durchschnittsalter bei gerade einmal fünf Jahren liegt. Und auch in den USA, einer Nation, die gerade erst wieder eine Reindustrialisierung anstrebt, liegt das durchschnittliche Alter einer Industriemaschine bei sieben Jahren.

Hier sieht Siemens einen Ansatzpunkt für deutsche Unternehmen in Brasilien: Um effizienter produzieren zu können, wird das Land in neuere Ausrüstung investieren müssen. Hinzu kommt, dass ein Maschinenpark, der bald zwei Jahrzehnte im Einsatz ist, nicht in die Konzepte einer modernen Fabrik passt, die für ihre Zukunftsfähigkeit auf Digitalisierung setzen sollte.

Geht man jedoch nach den Ergebnissen einer aktuellen Studie, wird deutlich, dass sich die einheimischen Unternehmen zunehmend der Bedeutung des Themas für ihre Geschäfte bewusst werden: Zusammen mit der Dom Cabral Stiftung befragte Siemens 250 Teilnehmer aus den für Brasilien strategisch wichtigen Branchen Automotive, Bergbau und Stahl, Chemie, Energieversorgung und -übertragung, Elektronikprodukte, Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie.

Mit 85 Prozent der Teilnehmer sieht ein Großteil der Befragten die Digitalisierung als einen entscheidenden Faktor an, um die brasilianische Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, besonders, wenn es um die Produktivität der Industrie und das Energiemanagement geht.

Die Studie zeigt aber auch, dass brasilianische Unternehmen nicht ganz untätig in Sachen Digitalisierung sind. 72 Prozent der Geschäftsführer – vorrangig aus den Branchen Automobilbau, dem Energiesektor und der Chemieindustrie – geben an, dass die Implementierung von digitalen Strategien in ihrem Unternehmen bereits fortgeschritten ist.

Produktivität steigern

Jedoch warnt Professor Carlos Arruda von der Dom Cabral Stiftung, dass in vielen Unternehmen noch kein klares Verständnis dazu bestünde, was durch die Digitalisierung alles möglich sei und wie sie produktiv eingesetzt werden könne. Aber auch er erkennt: „Die wettbewerbsfähigsten Länder dieser Welt öffnen sich der Digitalisierung. Es ist also Zeit, das Thema zu adressieren.“ Nur so könne Brasilien in Sachen Wettbewerbsfähigkeit an andere Länder aufschließen.

Paulo Stark, CEO und Präsident bei Siemens Brasilien rechnet mit hohen Produktivitätszuwächsen: „Die Digitalisierung hat das Potenzial, die brasilianische Produktivität zu verdoppeln oder gar zu verdreifachen“, so Stark. „Dem Land biete sich eine historische Chance, einen großen Schritt für seine wirtschaftliche Entwicklung zu machen.“

Neue Energie für die Wirtschaft

Getriebe der Baureihe 300
Die Getriebe der Baureihe 300 von Bonfiglioli sind kompakt, aber dennoch extrem leistungsfähig und eignen sich für Windkraftanlagen. Für den brasilianischen Markt fertigt das Unternehmen die Getriebe seit 2014 auf einer... Bild: Bonfiglioli

Um zukunftsfähig zu sein, muss sich Brasilien jedoch auch Gedanken zu seiner Energieversorgung machen. Das Land setzt für seine Stromgeneration vorrangig auf Wasserkraft: Diese Energiequelle deckt 80 Prozent des brasilianischen Energiemixes ab. Die geringe Diversifizierung der Energieträger rächt sich nun, da das Land in einer langen Dürreperiode steckt, die den Pegelstand in den Wasserkraftwerken des Südostens des Landes auf den niedrigsten Stand seit 84 Jahren hat sinken lassen.

Spätestens ab der zweiten Jahreshälfte 2015 ist daher mit größeren Stromausfällen zu rechnen. Gegenmaßnahmen werden bereits kurzfristig in Angriff genommen: das Land greift auf teure thermische Kraftwerke zurück, Erdgas wird aus Nigeria importiert, Einkaufzentren werden dazu angehalten, Generatoren einzusetzen, und Unternehmen erhalten Anreize zur Selbsterzeugung mittels Kogeneration.

Langfristig wird das Land auf einen Energiemix setzen müssen, der Ausfälle auffangen kann. Zum einen gewinnt Solarenergie an Interesse. Gtai berichtet, dass das Energieministerium nach einer ersten Spezialauktion im Oktober 2014 für 2015 zwei weitere Auktionen – eine im August und eine im November – plant. Ziel sei es, den Unternehmen durch dauerhafte Nachfrage Anreize zu geben, das Equipment in Brasilien zu produzieren. Ein wichtiger Teil dieser Pläne: die brasilianische Entwicklungsbank Banco Nacional de Desenvolvimento Econômico e Social (BNDES), die eine spezielle Kreditlinie aufgelegt hat, diese gilt vor allem auch für den Ausbau der Windkraftkapazitäten. Jedoch weiß Mateus Botelhos, Managing Director bei Bonfiglioli do Brazil um die Auflagen, an die die Investitionen geknüpft sind: „Die brasilianische Regierung hat eine Richtlinie aufgestellt, die sicher stellen soll, dass Hersteller von Windkraftanlagen einen gewissen Anteil von einheimisch hergestellten Teilen einsetzen – das gilt genauso für die Komponentenhersteller.“

Das Unternehmen hat die Chancen, die der brasilianische Erneuerbare-Energien-Markt bietet, 2014 mit der Eröffnung einer Montagelinie für Windturbinengetriebe in Brasilien ergriffen und kann derzeit bis zu 250 Getriebe pro Monat produzieren.

Brasilianische Energiegroßprojekte

Viel Geld für Energie

  • Exploration im Libra-Erdölfeld: Probebohrungen sind abgeschlossen und die Exploration, die sich auf rund 12 Mrd. Barrel belaufen soll, wurde an ein internationales Konsortium vergeben; Investitionssumme: 80,0 Mrd. R$.
  • Bohrungen in den Pre-Sal-Erdölreservoirs: sollen bis 2020 durchgeführt werden; Investitionssumme: 58,0 Mrd. R$.
  • Wasserkraftwerk Belo Monte, Pará: befindet sich im Bau und soll 2019 fertig sein; Investitionssumme: 33,9 Mrd. R$.
  • Wasserkraftwerk Sao Luiz do Tapajos, Pará: es wurde noch keine Umweltlizenz erteilt, eine Auktion ist für 2015 geplant, aber umstritten, unter anderem könnte das Projekt mit chinesischer Beteiligung umgesetzt werden; Investitionssumme: 35,0 Mrd. R$.
  • Raffinerie Abreu e Lima im Bundesstaat Pernambuco: befindet sich im Bau, jedoch hat sich das Projekt schon mehrfach verzögert und es kam zu einer Kostenexplosion; Investitionssumme: 18,8 Mrd. R$.
  • Vier bis 12 Atomkraftwerke: Vier neue Akw sollen bis 2030 gebaut werden, weitere acht sollen bis 2050 hinzukommen; Investitionssumme: keine Angaben.  Quelle: gtai

Die Projekte im Erdölsektor werden vom Korruptionsskandal rund um den staatlich kontrollierten Ölkonzern Petrobras beeinträchtig, in dem die brasilianische Staatsanwaltschaft seit 2014 ermittelt. Managern des Konzerns wird vorgeworfen, fast zehn Jahre lang mit Zulieferern überhöhte Preise etwa für den Bau von Raffinerien vereinbart zu haben. Ein Großteil der Gelder ging wohl an die regierende Arbeiterpartei PT und Politiker der Koalitionspartei. Das größte Unternehmen Brasiliens hat unter anderem auch Aktivitäten im Bereich der erneuerbaren Energien und betreibt einen Windpark in Macau.

ke NEXT hakt nach

Mateus Botelhos
Mateus Botelhos ist Managing Director bei Bonfiglioli do Brazil. Das Unternehmen produziert hier Planetengetriebe für Windkraftanlagen. Bild: Bonfiglioli

Sechs Fragen an Mateus Botelhos, Bonfiglioli do Brazil

Seit wann hat Bonfiglioli eine Produktionsstätte in Brasilien? Ist das Unternehmen noch in weiteren südamerikanischen Ländern aktiv?

Bonfiglioli hat seit 2009 ein Montagewerk in Brasilien, und seit 2014 laufen hier Produktionsaktivitäten. In den meisten anderen südamerikanischen Ländern sind wir durch Distributoren vertreten.

Wie ist das Wirtschaftsklima aktuell in Brasilien und wie wirkt es sich auf Ihr Unternehmen aus?

Brasilien sieht sich derzeit mit einer schwierigen wirtschaftlichen Situation konfrontiert. Viele Investitionen für Infrastrukturprojekte wurden entweder gestrichen oder aufgeschoben. Bis dieser Zyklus vorbei ist, verlangt die Situation von den Herstellern von Investitionsgütern zusätzliche Anstrengungen.

Bonfiglioli do Brazil wird 2015 gerade deswegen wachsen, da wir uns in diesem Jahr einem Business gewidmet haben, das im Land vorher praktisch nicht existierte: eine einheimische Produktion von Antrieben für Windkraftgeneratoren. In vielen anderen Sektoren musste Bonfiglioli jedoch erhebliche Einbußen hinnehmen

Haben Sie weitere Pläne für Ihre brasilianische Niederlassung?

Ja, wir werden dieses Jahr eine weitere Montagelinie für Antriebe für Windkraftanlagen aufbauen. Hiermit wollen wir einer steigenden Nachfrage gerecht werden, die für das vierte Quartal 2015 erwartet wird. Ein weiteres Ziel ist es, unser Unternehmen so aufzustellen, dass wir Branchen, die von der wirtschaftlichen Abkühlung betroffen sind, beliefern können, wenn sie sich wieder erholt haben.

Was hat Ihr Unternehmen dazu bewogen, Planetengetriebe für Windkraftanlagen in Brasilien herzustellen?

Die brasilianische Regierung hat eine Richtlinie aufgestellt, die sicher stellen soll, dass Hersteller von Windkraftanlagen einen gewissen Anteil von einheimisch hergestellten Teilen einsetzen – das gilt genauso für die Komponentenhersteller.

Bonfiglioli ist der einzige Antriebshersteller in Brasilien, der es rechtzeitig geschafft hat, dieser Vorgabe gerecht zu werden und die Komponentenherstellung zu einem Zeitpunkt in Brasilien zu starten, zu dem die Hersteller der Windkraftanlagen sie benötigten.

Die Energieerzeugung aus Windkraft ist in Brasilien vielversprechend. Die brasilianische Bundesregierung plant, die Quellen für die Stromerzeugung zu diversifizieren – derzeit wird ein Großteil des Stroms aus Wasserenergie generiert. Windenergie ist die Quelle, die im brasilianischen Energiemix innerhalb des nächsten Jahrzehnts am stärksten wachsen soll.

Welchen Herausforderungen muss sich ein Unternehmen stellen, wenn es sich entscheidet, nach Brasilien zu expandieren?

Man muss sicher stellen, dass der Markt die hohen Kosten für die Expansion rechtfertigt. Da Kosten in Brasilien hoch sind, muss der Markt zunächst sehr vorsichtig analysiert werden, um das Risiko zu vermeiden, dass es keine Reaktionen vom Markt gibt.

Was sind die Besonderheiten, die zum Beispiel eine europäische Firma beachten muss, wenn sie in einem südamerikanischen Land aktiv werden möchte?

Zunächst muss sicher gestellt werden, dass die Geschäftsentwicklung in Relation zur Kostenentwicklung steht. Denn – wie bereits erwähnt – sind die Kosten in Brasilien sehr hoch. In vielen anderen südamerikanischen Ländern – und zu einem gewissen Grad auch in Brasilien – darf das teilweise Fehlen einer sicheren Rechtslage nicht außer Acht gelassen werden. Hier kann höchstens Chile ausgeklammert werden.

Auch wenn die Kosten für Investitionen in den anderen Ländern Südamerikas tendenziell niedriger sind, sind hier auch die Märkte kleiner und weniger diversifiziert, als sie es in Brasilien sind. Abhängig von der Branche, in der ein europäisches Unternehmen tätig ist, können manche Länder jedoch sehr attraktiv sein: Chile zum Beispiel im Bereich Bergbau.

Die Fragen stellte Julia Lansen, Redaktion