„Qualität und Lebensdauer rücken stärker in den Fokus“ 1

Seit Mai 2009 hatte Joachim Guhe die Position des Vice President of Operations der Parker Dichtungsgruppe Europa inne. Zum 1. März 2010 hat er mit der Führung der Parker Filtration Group Europe eine neue Herausforderung übernommen. fluid
fragte nach, wie er die drei Geschäftsbereiche Packing Division, O-Ring-Division und Chomerics Division durch die Zeiten der Rezession geführt hat.

Wie geht es der Parker Dichtungsgruppe? Sind die Mitarbeiter aktuell noch immer in Kurzarbeit?
Insgesamt hat sich die Situation in den vergangenen Monaten wesentlich verbessert. Unsere Auftragseingänge liegen seit einigen Monaten wieder deutlich über den Umsätzen, deshalb gehen wir mittlerweile von einem Trend und nicht nur von einem kurzzeitigen Effekt aus. Die Kurzarbeit wurde bei uns in fast allen Bereichen eingestellt. Lediglich an einem Standort wird noch in wenigen Produktionszellen kurzgearbeitet. Es sieht aber so aus als ob wir auch dort in wenigen Wochen den Dreischichtbetrieb wieder aufnehmen werden.

Wie haben Sie die Zeit der Rezession genutzt?  
Ganz wesentlich war sicher die Entscheidung, uns – gegen den allgemeinen Trend – sowohl im Bereich Engineering als auch im Verkauf durch die Einstellung weiterer Entwickler und Market Manager personell weiter zu verstärken und ganz bewusst in Kompetenz und Technologie zu investieren.

Gerade in schwierigen Zeiten gilt es, mit Nachdruck an Neuentwicklungen und Problemlösungen zu arbeiten. Schließlich brauchen unsere Kunden jetzt mehr denn je Lösungen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, indem sie ihre Prozesse noch wirtschaftlicher – und gleichzeitig auch noch umweltfreundlicher – machen.
Daneben haben wir natürlich intensiv an der weiteren Verschlankung und Optimierung unserer Abläufe gearbeitet.

Worin liegen die Herausforderungen für neue Werkstoffentwicklungen für Dichtungen – allgemein in der Fluidtechnik sowie in der Pneumatik/Hydraulik?
Als wesentliche Punkte sind hier sicherlich die Themen Energieeffizienz und Energiedichte zu nennen. Gefordert sind zudem Werkstoffe, die resistent gegen Medien jeder Art sind, auch bei höheren und tieferen Temperaturen ihre Eigenschaften beibehalten und längere Laufzeiten garantieren.

Wie begegnen Sie den Forderungen der Industrie nach größerer Energieeffizienz?
Diese wie auch die vorgenannten Forderungen des Marktes erfüllen wir im Rahmen unseres Produktdesigns, bei dem wir die Schwerpunkte auf Aspekte wie Reibungsarmut, Miniaturisierung sowie die Weiterentwicklung und den Einsatz spezieller Hochleistungswerkstoffe legen. Ein gutes Beispiel hierfür im Bereich Fluidtechnik ist unsere neue Stangendichtung HL, die sich durch besonders niedrige Reibungswerte auszeichnet.

Werden Sensoren in Dichtungen für Condition Monitoring tatsächlich nachgefragt?
In Bezug auf die Dichtungstechnik beschreibt der Begriff Monitoring üblicherweise das Messen von Leckagen jeglicher Art mittels entsprechender elektronischer Messtechnik. Diese wird jedoch nur bei wenigen Anwendungen, bei denen das Kosten-Nutzen-Verhältnis dies rechtfertigt, unmittelbar in die Dichtungskomponenten integriert.
Häufiger wird hingegen die Messtechnik in die betreffende Anwendungsbaugruppe eingebunden. Aber auch hier muss im Einzelfall entschieden werden, ob nicht eine vorbeugende, auf Erfahrung und Richtwerten basierende Instandhaltung die wirtschaftlich sinnvollere Lösung darstellt.

Gibt es Anwendungen, die einfach nicht dicht zu bekommen sind?  
Ich könnte mich jetzt natürlich auf die wissenschaftliche Position beziehen, nach der es im physikalischen Sinne dichte Dichtungen eigentlich nicht gibt, da alle Dichtungswerkstoffe, je nach dem abzudichtenden Stoff, mehr oder weniger permeabel sind.
Es ist deshalb im Vorfeld stets mit dem Anwender abzuklären, was unter dicht beziehungsweise undicht verstanden werden soll. Auch hier verstehen wir uns als Problemlöser: Je schwieriger die Fragestellung, desto größer ist unser Ansporn, die richtige Lösung für die jeweilige Anwendung zu finden.

Gibt es neue Branchen, in die Sie Ihre Dichtungen liefern möchten?
Selbstverständlich engagieren wir uns auch in neuen Märkten wie den Bereichen Life Sciences und erneuerbare Energien. Allerdings tun wir dies nicht zu Lasten unserer etablierten Märkte, insbesondere der Fluidtechnik oder dem Bereich Automotive. Wir haben aber ganz bewusst zusätzliche Kapazitäten sowohl für die neuen als auch unsere angestammten Märkte aufgebaut.

Welche Auswirkungen hat die neue Maschinenrichtlinie auf die Dichtungstechnik?
Im Rahmen unserer Zusammenarbeit innerhalb des VDMA haben wir auch die Bedeutung der neuen Maschinenrichtlinie für die Hersteller von Maschinen und Maschinenelementen erörtert. Die neue Maschinenrichtlinie 2006/42/EG hat ja am 29. Dezember 2009 die bis dahin gültige 98/37/EG abgelöst, auch wenn die alte Norm noch zwei Jahre weiter gelten wird.

Unter die neue Maschinenrichtlinie fallen dann auch Zulieferer von Maschinen- und Anlagenherstellern. Der Geltungsbereich wird auf einzelne Maschinenteile ausgeweitet, und damit sind auch Unternehmen im Bereich der Fluidtechnik betroffen.

Was bedeutet dies für die Hersteller?
Die Geschäftsprozesse zwischen Zulieferer und Hersteller müssen entsprechend angepasst werden. Ein zentraler Aspekt ist die Anwendung der Risikobeurteilung, die die bisherige Gefahrenanalyse ersetzt beziehungsweise auf den gesamten Produktlebenszyklus von der Entwicklung bis zur Demontage ausweitet.

Und konkret für die Dichtungshersteller?
Die Maschinenelemente Dichtungen in der Fluidtechnik fallen nicht unter den Begriff der unvollständigen Maschinen. Somit sind die Auswirkungen für unsere Branche lediglich mittelbar. Die Themen Qualität und Langlebigkeit/Lebensdauer rücken nun jedoch noch stärker in den Fokus der Maschinenbauer und damit auch die Anforderungen an die Dichtungstechnik.  

Das Interview führte fluid-Redakteurin Ingrid Fackler