Prof. Dr. Klaus Kornwachs vom Büro für Kultur und Technik sagt: "Wir brauchen neben den

Prof. Dr. Klaus Kornwachs vom Büro für Kultur und Technik sagt: "Wir brauchen neben den Spezialisten auch Generalisten, die sagen: Ist das eine vernünftige Entwicklung? Lasst uns darüber diskutieren?"

Herr Prof. Kornwachs, was kann ein Ingenieur mit Philosophie in seinem alltäglichen Geschäft anfangen?

Zunächst mal nicht viel. Im Gegenteil: Er muss sogar aufpassen, dass er vor lauter Nachdenken über Philosophie nicht sein Alltagsgeschäft vergisst. So direkt geht das natürlich nicht. Aber es geht anders herum: Wenn man ein bisschen kritisch geworden ist, indem man sich im Nachdenken geübt und den Mut hat, ein paar Warum-Fragen zu stellen, dann sieht man auch, dass es nicht nur darum geht, ein Produkt zu verbessern. Sondern dass man eben die Zwecke auch mit bedenken muss. Da kommen ethische Fragen, Verantwortungsfragen, Sinn-Fragen mit ins Spiel. Und dann kann man auch als Konstrukteur vielleicht die eine oder andere Fehlentwicklung vermeiden, weil man sie vorausbedacht hat.

Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wäre also die Philosophie eine Art Denkschule …

Sie ist eine Denkschule und sie stellt auch zum Teil unangenehme Fragen: Wofür mache ich das eigentlich alles? Ist es sinnvoll, wenn wir immer besser und höher werden und mehr vom Gleichen machen? Oder brauchen wir nicht etwas Neues? Auch die klassischen Fragen: Haben wir die Technik, die wir brauchen? Und brauchen wir die Technik, die wir haben? Wenn man da kritisch rangeht, kommen irgendwann Verantwortungsfragen auf den Tisch.

Beispielsweise?

Was sind eigentlich notwendige oder weniger notwendige Bedürfnisse? Ist es noch verantwortbar, wenn wir in eine technische Entwicklung so und so viel reinstecken? Wenn man sich ein bisschen mit Philosophie, Soziologie oder der Technik-Geschichte beschäftigt hat, dann sieht man, dass diese Fragen immer wieder kommen. Die helfen zwar nicht, ein technisches Problem zu lösen, an dem ich als Konstrukteur gerade sitze. Aber sie helfen mir, meine Arbeit einzuordnen und zu sagen: Vielleicht ist diese Richtung der falsche Weg.

Aber was hat ein Konstrukteur oder Ingenieur mit Ethik und Soziologie zu tun?

Die Energiewende war natürlich auch eine technologiepolitische Entscheidung, sie ist letzten Endes aber nicht von einem Ingenieurs-Gremium oder der deutschen Industrie abgesegnet worden, sondern von einer Ethikkommission. Und da sitzen neben Ökonomen, Naturwissenschaftlern und Ingenieuren auch Theologen und Philosophen drin, also Leute, die einen rein philosophischen Hintergrund haben. Oder denken Sie an den Club of Rome. Da kommen ethische Fragen, wie: Ist das, was wir hier machen, auf Dauer überhaupt verantwortbar? Und Ethik ist ja bekanntlich auch eine Disziplin der Philosophie.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Ingenieure nicht die Klappe halten und kalkulieren, sondern Verantwortung tragen sollten. Wie kann das denn auf den Einzelnen bezogen aussehen?

Das können Sie so nicht herunterbrechen. Es gibt zwei Begriffe von Philosophie, einmal im Sinne von Geschäfts- oder Firmenphilosophie. So eine Philosophie braucht jeder, wenn er erfolgreich sein will. Die Philosophie selbst hilft beim Nachdenken über den Alltag und über den Tellerrand hinaus. Und wenn Sie nicht genügend nachdenken, dann scheitern Sie ebenfalls, weil Sie kein Koordinatensystem haben. Also mittelbar ist es schon vernünftig, sich mit Philosophie zu beschäftigen. Sie können aber nicht sagen: Als ich Kant gelesen habe, ist mir zur Konstruktion etwas eingefallen. Das wäre auch naiv. Aber es ist der Hintergrund, der Ihnen dann eine bessere Urteilskraft gibt – eben auch in Sinn-Fragen wie: In welche Richtung sollte man vielleicht forschen oder konstruieren oder Produkte entwickeln? Wenn man das Gefühl hat, dass dies etwas ist, was die Leute brauchen, und nicht nur ein mögliches Geschäftsmodell, dann muss man auch gute Gründe haben.

Aber ist es nicht schwierig, zwischen wahren und falschen Bedürfnissen zu unterscheiden?

Ein Ingenieur kann es sich nicht anmaßen zu sagen, was wahre und falsche Bedürfnisse sind. Das ist eine gesamtgesellschaftliche Diskussion. Aber der Ingenieur muss – weil er durch die Gestaltung seiner Technik Lebensvollzüge verändert und mitgestaltet – in dieser öffentlichen Diskussion seine Stimme mit einbringen und die Diskussion nicht allein den Geisteswissenschaftlern überlassen.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch, dass unser Umgang mit Technik fehlerfreundlicher werden muss. Fehlt es uns an einer guten Fehlerkultur?

Ja, vor allen Dingen fehlt es uns an der Kultur des Scheiterns. Das kann uns die USA vormachen. Wenn Sie dort wegen einer Erfindung eine Firma gründen und damit scheitern, gehen Sie halt in Insolvenz und fangen später wieder von vorne an. In Deutschland gilt das Lebenswerk dieser Person als gescheitert. Das ist natürlich falsch. Auch die Technik selbst muss fehlerfreundlicher werden. Wenn Sie an das Over-Engineering denken – da sind viele Dinge dabei, die man eigentlich nicht braucht. Auch was Gestaltung von Technik für den Benutzer anbelangt – da müssen wir fehlerfreundlicher werden.

Wie lassen sich denn solche Fehlentwicklungen mit Hilfe der Philosophie vermeiden?

Die Philosophie behandelt ja auch die Analyse von Begrifflichkeiten: Was bedeutet eigentlich ein bestimmter Begriff? Wo kommt er her? Wie wird er verwendet? Dieses Auseinandernehmen ist manchmal ganz gut, beispielsweise bei der aktuellen Vernetzung. Dadurch stellt man fest: Vernetzung ist so ein euphemistischer, also beschönigender Begriff: Man muss mit seinen Bekannten und im Internet vernetzt sein und so weiter. Was heißt Vernetzung eigentlich? Wenn Sie einen Organismus nehmen, in dem alle Zellen mit allen vernetzt wären – angenommen Sie hätten eine direkte Leitung zwischen einer Leber- und einer Hirnzelle, dann würde Ihr Organismus gar nicht mehr funktionieren. Also brauchen Sie eine funktionelle Gliederung. Dieses alles mit allem – wie es manchmal euphemistisch mit der Industrie 4.0 propagiert wird – würde zum „Vermatschen“ eines Gesamtsystems führen. Und wenn alles zu eng gekoppelt ist, das haben auch Katastrophenforscher schon gezeigt, dann ist ein System viel anfälliger, als wenn Sie die Dinge separat halten. Wenn man Schlagwörter auseinander nimmt, dann sieht man, dass sie nicht nur Beschreibungen enthalten, sondern auch versteckte Roadmaps transportieren. Da muss man ein bisschen hinter die Begriffe schauen und sich fragen: Welche Interessen stecken dahinter, wenn jemand einen solchen Begriff verwendet? Und wenn man da ein bisschen kritisch ist, dann kann man vielleicht auch die eine oder andere Fehlentwicklung erkennen. Ob man sie vermeiden kann, ist noch mal eine andere Frage. Das ist dann auch eine Macht-Frage.

Die Naturwissenschaften beantwortet keine Warum-Fragen. Die Philosophie macht das zwar, bringt uns aber schnell an den Rand des Wissens. Warum lohnen diese Fragen trotzdem?

Sokrates würde drauf antworten: Damit wir besser wissen, was wir nicht wissen. Es ist schon mal ganz gut, wenn man die Grenzen seines Wissens kennt. Und dann weiß man auch, dass es nicht für jedes Problem eine technische Lösung gibt. Man kann sich auch überlegen: Was tun wir eigentlich? Im Idealfall überführen wir eine kausale Beziehung in eine Zweck-Mittel-Relation. Und hier sieht man schnell, dass wir durchaus technisch erfolgreich handeln können, wenn wir nur die Regel kennen, also nur die Zweck-Mittel-Relation, aber nicht die kausale Relation. Daher können wir viele Dinge machen, die wir eigentlich gar nicht verstanden haben. Und es ist natürlich klar, dass man eine Technik besser gestalten kann, wenn man das Warum weiß. Insofern sind solche Fragen manchmal auch weiterführend in der Technologie.

Wobei Sie auf der anderen Seite auch schreiben, dass sich die beste Lösung nicht schon aus dem gesammelten Sachverstand und den Naturgesetzen ergeben.

Wir können nicht gegen die Naturgesetze konstruieren, aber die Naturgesetze sagen uns nicht, wie wir konstruieren sollen. Dazu brauchen wir den Sachverstand. Der technische Sachverstand reicht aber alleine auch nicht. Überlegen Sie mal: Sie haben in Kontinentaleuropa überwiegend eine Türklinke, um eine Türe zuzumachen und zu öffnen. Im angelsächsischen Markt, also England und USA, haben Sie überwiegend den Knauf. Warum? Das hat mit Sachverstand nichts zu tun, das sind kulturelle Unterschiede.

Hinter der ganzen Technik stecken natürlich auch Interessen. Das sehen Sie zum Beispiel bei der Standardisierung. Da ist es nicht immer eine Frage der Zweckmäßigkeit, sondern welches System sich am Markt oder bei Verhandlungen in solchen Normenausschüssen entsprechend durchsetzt. Das sind Machtfragen und wer da die besten Nerven hat, setzt sich durch. Ein Kollege von mir hat das einmal so genannt: Technik ist machtschlüssig. Das heißt, sie schmiegt sich in ihrer Gestaltung sozusagen den herrschenden Machtverhältnissen an.

Ist dies etwas, von dem Sie glauben, dass Ingenieure und Konstrukteure es zu wenig beherrschen?

Ja, eindeutig. Weil sie nicht dazu ausgebildet sind. Sie sollten es aber, weil sie Gestalter der Technik sind. Und da müssen sie solche Machtspielchen einfach durchschauen. Was meinen Sie, weshalb Toll Collect so lange gedauert hat? Technisch war das eigentlich kein Problem. Aber da gab es noch zu viele Wünsche von diversen Stellen.

Kommen wir mal zum Prototypen-Test. Sie schreiben, dass man für den Test in der Realität eine Theorie benötigt, über die man erst mal nachdenken muss. Was genau meinen Sie damit?

Bevor Sie einen Test machen – der manchmal auch sehr teuer ist – muss man wissen, was man dabei beobachten möchte. Wenn Sie eine Lampe 1000 Mal ein- und ausschalten und ausprobieren wollen, wie viele Schaltungen man machen kann, bevor sie kaputt geht, muss ich natürlich auch noch mit berücksichtigen, dass der Schalter auch einem Verschleiß unterworfen ist. Das ist schon eine ganz grobe kleine Vortheorie. Also muss ich mir schon überlegen, bevor ich einen Test aufbaue und arrangiere, was ich erwarte und was eigentlich bei dem Test rauskommen soll. Dann kommen natürlich immer noch Überraschungen dazu. Aber Überraschungen kann ich nur dann feststellen, wenn ich vorher schon eine Erwartung habe und das Ergebnis dann von dieser Erwartung abweicht. Auch bei Experimenten hat man vorher eine Art Vortheorie. Einstein hat mal gesagt: „Die Theorie bestimmt, was wir beobachten.“ Sie gehen immer mit bestimmten Erwartungen an ein Experiment oder auch an eine Beobachtung heran.

Inwiefern funktioniert denn Technik ohne Organisation?

Gar nicht! Stellen Sie sich ein Auto vor, ohne Verkehrsrecht, ohne Polizei, ohne ein politisches System, das den Straßenbau organisiert, ohne weltpolitisch stabile Strukturen, damit Sie ans Öl rankommen. Wenn diese Dinge fehlen, können Sie nicht von A von B fahren. Das Auto alleine ist dann nur noch ein Haufen Blech mit Elektronik und sonstigen Teilen. Entfalten kann es seine technische Funktion erst dann, wenn die ganzen Co-Systeme funktionieren. Jedes Gerät ist eingebettet in eine organisatorisch technische Umgebung, die auch funktionieren muss. Auch bei der Erfindung wird diese organisatorische Hülle immer mit bedacht. Am stärksten sehen Sie es beim Internet. Das ist ja eben nicht nur ein Computer, eine Leitung, sondern da gehört auch eine internationale Organisation dazu. Die sieht man meistens nicht. Aber wenn sie nicht funktioniert, dann bricht das ganze Netz zusammenbrechen. Das müssen Sie irgendwo regulieren. Wenn diese Regulierung zusammenbricht, dann bricht Ihnen auch die Technik zusammen. Das Problem ist, dass Ingenieure gern sagen: Das organisatorische Klimbim kommt irgendwann von alleine. Man muss das aber mit bedenken, sonst funktioniert es nicht! Auch beim Fahrkartenautomaten nützt es nichts, wenn er so kompliziert ist, dass jeder Nutzer zehn Minuten braucht – und bis Sie dran sind, ist der Zug weg.

Die Technik beeinflusst ja auch die Organisationsform?

Ja natürlich. Das sehen Sie daran, wie die Einführung beispielsweise des Computers die Betriebe umgekrempelt hat. Damit haben sich die ganzen Organisationsformen geändert. Da ist fast kein Stein mehr auf dem alten geblieben.

Glauben Sie, dass Ingenieure für den Umstand, dass Technik auch die Organisationsform ändert, noch sensibler werden sollten?

Ja natürlich. Wir brauchen neben den Spezialisten auch Generalisten, die fragen: Ist das eine vernünftige Entwicklung? Da kann man vielleicht auch die eine oder andere Fehlentwicklung vermeiden. Nur ein Beispiel: Das BTX-Telefon mit dem kleinen Bildschirm, ein Vorläufer des Internets, hat in den 70er-/80er-Jahren in Frankreich zu wahnsinnigen Absätzen geführt. Und bei uns war es ein absoluter Flop. Das hat auch einen kulturellen Hintergrund. Wenn die Ingenieure damals ein bisschen nachgedacht hätten, hätten sie festgestellt, dass in Deutschland das Telefon üblicherweise in der Diele auf einer kleinen Kommode stand. In Frankreich gab es eine lange Schnur, und man trug das Telefon überall hin, wo man es haben wollte. Im Flur können Sie mit einem Bildschirm aber nichts anfangen. Das war mit der Grund, warum es ein Flop war. Oft sieht man eine ganz tolle technische Möglichkeit und beschließt: Das machen wir jetzt mal. Und dann wundert man sich, dass die Leute das nicht mögen. Mittlerweile gibt es den Ansatz, auch Benutzer oder zukünftige Kunden mit ins Design, in die Konstruktion, in die Spezifikation von Neuentwicklungen einzubinden. Das ist ja ganz vernünftig so. Da sieht man plötzlich, dass eben Konstruktion von Technik nie nur Technik ist, sondern dass immer auch noch andere Gesichtspunkte mit eine Rolle spielen.

Who is who: Prof. Dr. Klaus Kornwachs

Klaus Kornwachs studierte in Tübingen, Freiburg und Kaiserslautern Physik, Mathematik und Philosophie und war als Visiting Fellow an der University of Massachusetts Amherst. Er arbeitete als Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung, später am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation. 1991 erhielt er den Forschungspreis Technische Kommunikation.
Von 1992 bis 2011 hatte er den Lehrstuhl für Technikphilosophie an der BTU Cottbus inne. Dort leitete er von April 1997 bis Oktober 1998 als Direktor das Zentrum für Technik und Gesellschaft und gründete 2006 den Bachelor- und Masterstudiengang Kultur und Technik. Er lehrt an der Uni Ulm und ist seit der Gründung seines Büros für Kultur und Technik hauptsächlich beratend tätig.