Es gibt bei uns in Deutschland den Spruch: „Der frühe Vogel fängt den Wurm.“ Ist das frühe Aufstehen etwas typisch Deutsches?

Ich will hier nicht spekulieren. Man könne auch fragen: Warum stehen die anderen später auf? Das sind Zeitgewohnheiten. In Spanien, wo traditionell Siesta gemacht wird, ist es klimatisch bedingt. Es ist spannend, sich auch mal mit der Einführung der Zeit zu beschäftigen: der frühen Industrialisierung. Mitarbeiter, die aus der Landwirtschaft kamen und in natürliche Rhythmen wie dem Sonnenaufgang und -untergang eingebunden waren, wurden plötzlich durch die Fabrikbesitzer und ihre Stechuhren gezwungen, pünktlich zu sein. Deutschland ist eine führende Industrienation. Dadurch haben wir natürlich auch eine gewisse Disziplin gelernt.

Kann denn eine Eule beschließen, dass sie zur Lerche wird?

Ich bin kein Mediziner, aber vom physiologischen Aspekt spricht nichts dagegen. Der Mensch ist anpassbar, aber das hängt vor allem vom Alter, und selbstverständlich auch vom Willen ab. Die Frage ist: Warum gehen wir abends spät ins Bett? Man will dabei sein, an der Gesellschaft teilnehmen. Außerdem schätzen wir die Bedeutung des Schlafes als gering ein. Das ist auch wieder eine Metapher der frühen Industrialisierung, als wir die Zeit in nützliche Zeit und unnütze Zeit eingeteilt haben. Und der Schlaf galt als unnütze Zeit. Man gar nicht erkannt, wie regenerativ die Schlafenszeit ist.

Was macht das mit uns, wenn wir zu wenig schlafen?

Es gab in den 60er-Jahren in Andechs Versuche im Schlafbunker, in dem die exogenen Zeitgeber ausgeschaltet waren und man über mehrere Nächte versucht hat, den Schlaf zu unterbinden. Am Ende hatten die Teilnehmer ernsthafte psychische Wahrnehmungsstörungen, bis hin zu Depressionen.

Wenn ich mich ständig 14 Stunden lang im Büro verausgabe, abends noch fernsehe und nur sechs anstatt der durchschnittlich benötigten 7,5 Stunden schlafe, mache ich mich kaputt?

Ja, auf längere Sicht steigt die Wahrscheinlichkeit hierfür. Denken Sie wieder an den Begriff des Rhythmus´, der dahinter steht. Ich habe gesagt: das Ein- und Ausatmen. Sie können aber auch sagen: Information aufnehmen und Information innerlich verarbeiten.

Das heißt, wir haben wir leistungsstärkere und leistungsschwächere Tagesphasen. Das widerspricht aber dem, wie wir momentan denken, dass wir arbeiten müssten, oder?

Ja, wir sollten Arbeit etwas differenzierter sehen. Allein die Sprache ist schon ein bisschen verräterisch. Wir sagen „leistungsschwache“ Phasen – was heißt das? Wir könnten ja auch sagen: Ich orientiere mich stärker nach innen, um mich zu regenerieren. Unsere Sichtweise ist noch stark von muskulärer Arbeit geprägt, die zuweilen schnelle, kraftvolle Bewegungen einfordert. Hinzu kommt ein maschinenhaftes Denken: Eine Maschine kennt keinen Rhythmus, läuft im Zweifelsfall 24 Stunden und sieben Tage durch. Zuweilen betrachten wir auch den Menschen als eine Maschine. Ich höre immer wieder, dass sich Beschäftigte wie Humanroboter fühlen, die eben zuverlässig funktionieren müssen.

Manche Mitarbeiter verlangen von sich bis zum Feierabend durchgehend eine konstante, sehr gute Leistung, manchmal mithilfe eines starken Kaffeekonsums. Geht das überhaupt?

Wir haben uns vorhin mit den BRAC-Rhythmen beschäftigt. Im Arbeitsalltag werden die passiven BRAC-Phasen zumeist ignoriert oder durch Koffeingenuss überlistet. Regelmäßige Essens- und Schlafenszeiten werden häufig vermeintlich Wichtigerem geopfert. Während der arbeitende Mensch dadurch Leistungskraft demonstrieren will, erreicht er genau das Gegenteil, indem er die leistungserhaltende Regeneration seines Organismus behindert. Dieser verliert allmählich die Fähigkeit, selbständig in eine rhythmische Ordnung zurückzufinden. Wir haben zahlreiche Schläfrigkeitsversuche mit Kraftfahrern gemacht und ich kann versichern, dass Koffein unwirksam ist, um das Schlafbedürfnis zu überwinden.

Wie viel Regenerationszeiten braucht denn der Mensch? Und wie kann er die sich am geschicktesten legen?

Wenn wir von 24 Stunden ausgehen, gibt es eine grobe Faustregel. Ein Drittel davon arbeitet man, ein Drittel hat man Freizeit und ein Drittel schläft man. Ingenieure und Konstrukteure sollten also nicht bloß an die acht Stunden Arbeitszeit denken, sondern die anderen weiteren acht Stunden Freizeit oder 16 Stunden – wenn man den Schlaf einbezieht – auch mit berücksichtigen.

Und vielleicht nicht ganz so viele Überstunden machen, wenn es nicht sein muss?

Das ist ein schwieriges Thema. Überstunden haben verschiedene Facetten, es gibt ja auch den Begriff des Flow. Man muss unterscheiden: Arbeitet jemand länger, weil er von seiner Arbeit begeistert ist, dann ist dies zunächst einmal in Ordnung. Die Gedanken lassen sich nicht ohne Weiteres abschalten. Wenn er sie als Zwang erlebt, dann sieht dies anders aus. Was ich darüber hinaus auch noch mal ansprechen wollte, ist die Abhängigkeit.

Was meinen Sie damit?

Die Arbeitswelt ist komplexer geworden. Je moderner die Arbeitswelt wird, umso vernetzter wird sie auch. Das heißt, wir sind voneinander viel abhängiger. Wenn soziale Kontakte in Abhängigkeit münden, weil ich beispielsweise alles stehen und liegen lassen und ins Meeting laufen muss, wenn mein Chef ruft, dann komme ich natürlich auch unter Zeitdruck. Außerdem ist die Frage nach einer Zeitelastizität ganz entscheidend. Wie viel Puffer kann ich mir nehmen? Das ist ein Effekt, den wir eigentlich aus der Produktion kennen. Durch die Lean-Prinzipien hat man die Puffer rausgenommen und damit bei den Werkern einen Riesenstress ausgelöst. Und langsam überlegt man, ob man die Puffer wieder reinbringt. Das gilt natürlich auch für die Konstrukteursarbeit.

Das heißt, bei meiner Wochenplanung kalkuliere ich einen Zeitpuffer ein, zum Beispiel um auch mal innezuhalten?

Zum einen das. Aber auch die Planbarkeit spielt eine Rolle. Wenn ich etwas absehen kann, fällt es mir leichter, als wenn ich ad hoc von irgendeinem Ereignis überrascht werde. Die andere Frage, die häufig diskutiert wird, betrifft die Zeitsensibilität: Geschlossene Handlungsepisoden, in denen Begonnenes zu Ende geführt werden kann, sind wichtig. Das Empfinden des Fertigwerdens motiviert zum Durchhalten; das Empfinden des Fertiggewordenseins ist Grundlage einer verdienten Entspannung. Um eine Aufgabe abzuschließen, muss man deren Anfang und Ende klar definieren. Eine umsichtige Aufgabenplanung vermeidet, dass eine Tätigkeit nahtlos in die nächste übergeht. Sie ermöglicht einen selbstkritischen Blick nach hinten und vorne, um zu prüfen, ob eine Aufgabe tatsächlich gelöst ist. Derartige Pausen sind unentbehrlich, um das Grundbedürfnis nach Zeitlosigkeit zu erfahren.

Es gibt immer noch Arbeitgeber ohne Gleitzeit. Was macht das mit einem Eulentypus-Konstrukteur, wenn er immer um acht Uhr anfangen muss?

Ich denke, der kann sich gewöhnen. Er könnte aber sagen, dass er andere Vorstellungen von seinem Leben hat. Ich habe aber den Eindruck, die Konzerne haben das erkannt und sind da flexibler. Wenn ich morgens früh anfange, dann müsste ich mir natürlich die Freiheit herausnehmen, nachmittags nach acht Stunden nach Hause zu gehen. Das sehe ich als viel kritischer an, weil ich mitbekomme, dass Mitarbeiter nach acht Stunden zwar fertig sind und ausstempeln, sich dann aber wieder an den Büroarbeitsplatz setzen. Und da müsste man natürlich den Arbeitgeber fragen: Wie habt ihr eigentlich eure Arbeitskapazitäten geplant?

Also als Vorwurf gegenüber den Arbeitgebern?

Nein, nur eine Anregung. Denn wir hatten ja vorhin angesprochen, dass es irgendwann zu einer Verausgabung führt. Wenn wir diese ausgeprägte Rhythmik aus Aktivität und Ruhe nicht mehr haben, kommt irgendwann Mittelmaß raus. Das ist die Konsequenz. Und das hilft am Schluss niemanden.

Über den Interviewpartner

Der promovierte Diplom-Ingenieur Martin Braun hat Maschinenwesen mit den Vertiefungen Arbeitswissenschaft und Fabrikbetriebslehre studiert und verfügt über Erfahrung als Sicherheitsfachkraft. Seit 1999 ist er am Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in der Anwendungsforschung tätig. Dort leitet er zahlreiche Projekte mit Auftraggebern aus Industrie, Dienstleistung und öffentlicher Verwaltung und führt internationale Projekte unter anderem in China, Kanada und USA durch.