Wie sind Sie darauf gekommen, dass unser Kopf nicht für das Multitasking geeignet ist? Gibt es dazu wissenschaftliche Untersuchungen?

Ganz viele! Beispielsweise hat Professor Cornelius König aus dem Saarland dazu sehr viele Studien gemacht. Inzwischen kann man sogar visuell darstellen, dass Menschen, die mit so vielen ungeplanten Störungen umgehen müssen, gegen Mittag nur noch die Intelligenz und gedankliche Energie eines siebenjährigen Kindes besitzen. Die Energie, die man visualisieren kann, wird immer weniger, weil der Kopf durch die ungeplante Störung und dem damit einhergehendem Wechsel zwischen den einzelnen Gedanken ermüdet. Das ist ein Grund, warum es in manchen Unternehmen so wenig Kreativität und Innovationen gibt. Denn innovativ sein heißt, seine Gedanken laufen lassen können. Ich kann mich nicht einfach hinsetzen und sagen, jetzt bin ich mal zehn Minuten innovativ. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass Mitarbeiter eine Chance bekommen, innovativ zu sein. Und das sind sie nicht, wenn sie sich morgens zwei Arbeitspakete vorgenommen haben und abends mit fünf rausgehen, und die beiden, die sie sich vorgenommen haben, sind immer noch nicht abgearbeitet. So arbeiten ganz viele Mitarbeiter. Viele empfinden dies als extremen Stress, weil sie nie fertig werden. Die haben gefühlt den Mount Everest vor sich, und es kommt immer noch was dazu.

Könnten Sie bitte ein Beispiel für ein Arbeitspaket eines Entwicklungsingenieurs bilden? Wie würden Sie da rangehen?

Wir würden aus dem Team des Entwicklungsingenieurs drei oder vier Mitarbeiter danach befragen, bei welchen Tätigkeiten sich die einzelnen Teammitglieder intensiv konzentrieren müssen. Diese Tätigkeiten würden wir in ein halbtägiges Arbeitspaket packen, beispielsweise wenn sich der Entwicklungsingenieur Gedanken über die Steuerung einer Maschine machen muss. Danach muss er vielleicht das Ganze noch dokumentieren, und vielleicht sagt er uns, dass er dabei durchaus gestört werden kann. Also bekommt er ein zweites Arbeitspaket, bei dem er Störungen annehmen kann. Noch mal zur Differenzierung: Wenn wir etwas bewusst unterbrechen, dann können wir sofort wieder anschließen. Das kann unser Kopf sehr gut. Aber ungeplante Störungen zerreißen den roten Faden. Das merkt man beispielsweise, wenn jemand versehentlich in ein Meeting platzt. Im Anschluss fragen mindestens drei Teilnehmer: „Wo sind wir stehen geblieben?“. Weil der rote Faden weg ist.

Die meisten Ingenieure und Konstrukteure arbeiten mittlerweile im Großraumbüro und sind sowieso schon genervt von dem ständigen Telefonklingeln und Lärm. Wie gehen Sie hier vor, damit er seine Ruhe zum Arbeiten bekommt?

Wir entwickeln für das Team, das im Großraumbüro sitzt, unterschiedliche Signale. Wenn jemand während eines Arbeitspakets nicht gestört werden soll, dann setzt der beispielsweise ein rotes Papierhütchen auf seinen Monitor, und die anderen halten sich daran, ihn dann nicht zu stören. Das Gute ist: Wenn ich die Regeln im Team erarbeite, sieht jeder den Nutzen für sich. Außerdem gibt es immer eine Möglichkeit, dass im Großraumbüro das Telefonieren entweder leise passiert oder man beispielsweise einen Tisch mit moderner Schallschutzinsel installiert. Die gute Botschaft lautet: Wir finden immer eine Lösung. Bei einem unserer Kunden, der ebenfalls Ingenieure beschäftigt, gehen die Mitarbeiter, wenn sie telefonieren wollen, in die Kantine, weil diese nur 1,5 Stunden geöffnet hat und danach zur Verfügung steht. Die Lösungen sind aber individuell und damit ist die Methode unheimlich flexibel.

Und mit der Möglichkeit zum ungestörten Arbeiten kehrt dann auch die Innovationskraft zurück?

Wir haben den Mitarbeitern eines Kunden, der wusste, dass er das Unternehmen in Richtung Digitalisierung verändern muss, aber zu wenig interne Innovationsideen hatte, ein ganztätiges Arbeitspaket „Innovation“ definiert. Dazu haben wir uns mit Psychologen zusammengesetzt. Die Mitarbeiter müssen jetzt an diesem Tag zwei Stunden im Grünen spazieren gehen, eine Stunde Sport treiben und anschließend einer Lieblingsbeschäftigung nachgehen. Nach sechs Wochen kamen Innovation und Kreativität zurück. Weil der Kopf die Chance hat, frei durchzuatmen. Ich denke, das brauchen wir gerade im Ingenieurwesen dringend, sonst hängen uns irgendwann die Silicon Valleys dieser Welt ab.

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