Doch was kann ein betroffener Konstrukteur oder Ingenieur konkret tun? Die Rahmenbedingungen ändern, wie Lärmschutzwände aufstellen, Schalldämmplatten anbringen oder leisere PC-Tastaturen anschaffen, kann nur der Arbeitgeber. In kleineren Bürogemeinschaften helfen manchmal gemeinschaftliche Absprachen: Alle stellen ihr Telefon leiser und bemühen sich um eine geringere Lautstärke, Privatgespräche führt man woanders und niemand ruft durch den Raum. Das funktioniert jedoch nur, wenn im Raum eine homogene Gruppe mit gleichartigen Tätigkeiten und einem ähnlichen Ruhebedürfnis sitzt, und wenn die Arbeitsorganisation solche Maßnahmen zulässt. Wenn das nicht hilft, bleibt dem Einzelnen mit geplagten Ohren und strapazierten Nerven meist nur der Griff zu Ohrstöpseln und Gehörschutzkopfhörern – und damit die Qual der Wahl.

Denn auf dem Markt tummeln sich nicht nur Wachs-, Schaumstoff- und Silikonohrstöpfsel, sondern auch diverse Kapselkopfhörer, die den Lärm passiv, also durch die Abdichtung der Ohrmuschel, dämmen, und Gehörschutzkapseln mit aktiver Elektronik. Und alle versprechen die Erlösung. Die Preisspanne liegt jedoch zwischen fünfzig Cent für das preiswerteste Paar Ohrstöpsel und einigen hundert Euro für Kopfhörer mit Antischall-Technik. „Die Gegenschall-Kopfhörer sind eigentlich für Piloten gemacht worden, weil das Turbinengeräusch ein gleichbleibend tieffrequentes Geräusch ist“, sagt Hörgeräteakustikmeister Maximilian Bauer, Geschäftsführer des Unternehmens Neues Hören. „Die bekommen wir gar nicht so. Bose und Sennheiser fertigen Kopfhörer, um im Flugzeug oder Zug die eigene Musik gut hören zu können. Aber auch diese werden sich schwer tun, dynamische Signale, wie Gespräche auszublenden, weil das Gegensignal ja erst mal erzeugt werden muss.“ Anders als der Gegenphasengehörschutz funktioniert der aktive Gehörschutz, der bei der Jagd und in der Industrie verwendet wird. Er besteht aus einer Kombination von Kapselgehörschutz und Hörgerät, das trotz Dämmung eine Unterhaltung per Mikrofon, Verstärker und Lautsprecher ermöglicht. „In dem Moment, in dem der schädliche Impulsschall, wie etwa ein Knall, auftritt, hört die Verstärkung auf und der passive Kapselgehörschutz wirkt“, so Bauer.

Den Ton der anderen runterschalten

Otoplastik mit Filter
Eine Otoplastik mit Filter eignet sich beispielsweise zum Telefonieren, wenn man den Umgebungslärm ausblenden will. Foto: ke NEXT/jv

Man braucht also erst gar nicht zu den teuren Lösungen mit Elektronik greifen, die preiswerten funktionieren im Großraumbüro sogar besser. Dabei sollte man auf den SNR-Wert achten. SNR ist die englische Abkürzung für Single Number Rating und bedeutet „einfacher Dämmwert“. Ein SNR unter 20 dB steht für eine leichte bis mittlere Dämmung, bei der die Kommunikation voll erhalten bleibt. Eine mittlere bis starke Dämmung mit einer noch teilweise möglichen Kommunikation erreicht man mit einem SNR zwischen 20 dB und 30 dB. Wer sich im Büro kontemplativ abschotten möchte, greift zur einer extremen Dämmung mit einem SNR über 30 dB, der die Stimmen maximal absenkt. Aber auch auf das Gewicht sollten Ruhewillige achten. Die meisten der Kopfhörer mit passiver Lärmdämmung, die ke NEXT getetest hat, verfügen über einen solchen extremen Dämmwert, taugen damit für die schnelle Ruhe im Großraumbüro und sind mit Preisen von unter zehn Euro bis etwa 30 Euro auch erschwinglich. Weniger zufrieden war das ke-NEXT-Team im Langzeittest mit den im Handel erhältlichen Schaumstoffgehörschutzstöpseln. Bei korrektem Einsetzen ins Ohr dämmen sie zwar ebenfalls extrem, doch lässt auf längere Sicht der Tragekomfort zu wünschen übrig. Dafür helfen die Stöpsel im Hosentaschenformat als schnelle Zwischenlösung, wenn man einen Lärmschutzkopfhörer nicht zur Hand hat. Wen das permanente Tragen des Lärmschutzkopfhörers dennoch nervt, kann sich beim Hörgeräteakustiker perfekt sitzende, anschmiegsame Otoplastiken anfertigen lassen. Die reißen zwar mit etwa 90 Euro ein Loch in die Haushaltskasse, jedoch amortisieren sich die Kosten über die lange Lebensdauer von mehreren Jahren und sie lassen sich zu unterschiedlichen Arbeitsplätzen platzsparender mitnehmen. In einigen Ingenieursabteilungen haben die Chefs bereits begriffen, dass ihre Mannschaft und sie selbst bei mehr Ruhe effizienter arbeiten. Dort bezahlt das Unternehmen den Mitarbeitern zumindest den Kapselgehörschutz.

Von anderen Ländern lernen

Dass Umgebungslärm nervt, haben beispielsweise die Franzosen und Ungarn längst erkannt. Während in deutschen Zügen, und dort sogar in den für Lärmgeplagte gedachten Ruheabteilen, munter geplaudert und telefoniert wird, was das Zeug hält, dürfen Reisende im französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV nur vor den Ausstiegen ihr Mobiltelefon bemühen. Und über das Einhalten zum Nutzen aller Fahrgäste wacht das Zugpersonal argwöhnisch und energisch. In der ungarischen U-Bahn ist Lärm in Form von lauter Musik aus Kopfhörern oder Telefonieren unerwünscht. Bleibt zu sagen: Auch wenn wir Deutsche in der aktuellen Krise wirtschaftlich als Vorreiter dastehen – wir dürfen uns ruhig auch mal etwas von den europäischen Nachbarn abgucken.