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Das Gehirn denkt in geregelten und oft eingeübten Abläufen. Mit gezielten Methoden lassen sich diese Bahnen verlassen. Damit werden dann auch echte Innovationen möglich. Bild: Coloures-Pic - stock.adobe.com

Fünf Tipps zum Brechen von Denkblockaden

Wer als Führungskraft möchte, dass sein Team etwas Neues kreiert, sollte für Mut und Begeisterung sorgen. Mit den folgenden fünf Tipps lassen sich schädliche Denkmuster vermeiden:

  • Fokussierte kompakte Aktivitäten am Stück: Sorgen Sie für Entspannung und für die richtige Rollenverteilung. Wenn Sie Weihnachtspost versenden, wird doch auch eine Hilfskraft eingestellt. Gehen Sie strukturiert und fokussiert bei der Entwicklung vor. Nutzen Sie kompakte Einheiten über einen definierten Zeitraum von drei bis sechs Monaten. Die Experten entwickeln die nächste Jahrhundertinnovation nicht innerhalb weniger Stunden.
  • Fehler zulassen: Ingenieure sind klug. Nutzen Sie das und geben Sie ihnen die Chance, zu reflektieren und sich einzugestehen, dass sie gegebenenfalls aus Unsicherheit auf die ein oder andere Idee verzichten. Machen Sie ihnen klar: Die reine Wahrheit gibt es nicht. Scheitern ist erlaubt!
  • Raus aus dem eigenen Saft: Als Maschinenbauer denkt man in Stahl und Eisen. Gehen Sie weg davon! Interdisziplinäre Teams fördern das abstrakte Denkvermögen. Sie liefern Beispiele und bewährte Innovationsmuster aus anderen Branchen. Die Zusammenarbeit mit externen Experten oder auch Start-ups kann Teams beflügeln, neu zu denken.
  • Nicht in Lösungen denken: Packen Sie bestehende Lösungsideen beiseite! Vorschnelle Lösungen schränken das Denken und die Möglichkeiten unnötig ein. Schauen Sie hinter die Lösung. Denken Sie zum Beispiel an gewünschte Funktionen und Eigenschaften: Der Kunde will kein Auto, sondern komfortablen Transport. Eine scheinbar fertige Lösung im Kopf ist schwer wieder loszulassen. Sie verhindert, an dem zu arbeiten, was der Kunde wirklich will.
  • Die Atmosphäre muss stimmen: Vermeiden Sie die Nähe zu eingeübten Denkmustern! Mieten Sie für Ihren Innovations-Workshop ungewöhnliche Räumlichkeiten mit Rückzugsmöglichkeiten. Meiden Sie eine „Ja, aber...“-Atmosphäre. Für Killerphrasen gibt es eine rote Karte. Stattdessen sollte Spaß an der Arbeit herrschen. Sorgen Sie dafür, dass die Mitarbeiter lachen.

Effizient, pragmatisch, zurückhaltend – Ingenieure sind die stillen Helden der Moderne. Ob es um die Wirtschafts- und Innovationskraft des Standorts geht, oder um die großen Herausforderungen der Menschheit wie Mobilität, Ressourcen und Klimawandel: Ohne die lösungsorientierten Damen und Herren läuft gar nichts. Viele unter ihnen sind Ingenieure aus Leidenschaft für Neues. Ein Ingenieur startet seine Karriere mit der inneren Überzeugung, die Welt verändern zu dürfen. Neugier und die Unzufriedenheit mit dem Status Quo treiben ihn voran. Leider sehen sie sich oft einer Unternehmensrealität gegenüber, die es ihnen schwermacht. Starre Strukturen und intransparente Entscheidungen prägen den Alltag. Kein guter Nährboden für innovative Ideen. Während die begeisterten Innovatoren einigen technikaffinen Menschen die große Vision einer Erfindung verständlich machen, steigt die Mehrheit mit einem deutlichen „Ja, aber...“ aus.

Stress bewirkt etwas im Gehirn

Echte Innovationen basieren oft auf Lösungen von Problemen, die vorher unmöglich lösbar erschienen. Einige Beispiele dafür sind der biegsame Bildschirm, Stromübertragung ohne Kabel oder auch Chatbots als Problemlöser für Kunden. In vielen Firmen geht es jedoch nicht darum, Risiken einzugehen und die großen Probleme dieser Zeit anzugehen. Vielmehr werden Ergebnisse angestrebt, die unter großem Zeit- und Kostendruck überhaupt zu verwirklichen sind. Man bewegt sich auf sicheren Pfaden inkrementeller Verbesserung. Dabei gilt: Für junge Erfinder ist es frustrierend, wenn außergewöhnliche Ideen eher belächelt und nicht umgesetzt werden. Oft sind es nicht die sinnvollsten Projektideen, sondern solche, die dem Chef am besten passen, in die investiert wird. Das erzeugt Unzufriedenheit, Frustration und Stress – und bleibt nicht ohne Auswirkungen. Denn unser Gehirn passt sich unser Leben lang an unsere Umgebung an.

Denkblockaden werden gelernt

Neuroplastizität heißt die Strategie unseres Gehirns, die uns erlaubt, dass wir uns in jeder Situation zurechtfinden. Das funktioniert ganz einfach. Jede emotionale Erregung bewirkt im Gehirn, dass neue Verknüpfungen erstellt werden. Dabei ist es egal, ob die Emotion positiv oder negativ ist. Nehmen wir zum Beispiel Daniel, einen jungen Verfahrenstechniker. Er ist seit drei Jahren bei einem Maschinenbauer für Dosieranlagen tätig. Daniel ist Feuer und Flamme für das Unternehmen. Er liebt die Entwicklung und diskutiert begeistert ungewöhnliche Problemlösungen. Im Unternehmen läuft ein Patent aus. Ein neues muss her, um die Cash-Cow zu ersetzen.

Ein Entwicklungsteam wird zusammengerufen und Daniel äußert eine besondere Idee: Statt Stahl und Eisen könnte man Gel verwenden, um die gewünschte Funktion technisch umzusetzen. Als Reaktion bekommt er müdes Lächeln und die üblichen Killerphrasen: Das geht nicht. Wer soll das bezahlen? Das haben wir bereits verworfen und so weiter. Er wird vor seinem Chef bloßgestellt. Die Erniedrigung wird er nicht vergessen. Was passiert in Daniels Gehirn? Die Entscheidung, seine Idee voranzutreiben, kann Daniel nicht treffen. Wertschätzung und Anerkennung bleiben aus. Die Zugehörigkeit zur Gruppe wird in Frage gestellt. Daniels psychologische Grundbedürfnisse nach Autonomie, Selbstwerterhöhung und Bindung werden verletzt. Die Verletzung dieser Grundbedürfnisse führt zu emotionaler Erregung. Die Gelassenheit schwindet. Erfahrungen brennen sich in Daniels Gehirn ein und er wird diese nie wieder vergessen. Außerdem wird das Schmerzzentrum in Daniels Gehirn aktiviert. So kommt es zur Ausschüttung von Stresshormonen. Dadurch ist er nicht in der Lage, kreativ zu denken und zu argumentieren. Die Areale für kreatives Problemlösen sind nicht aktiv und er ist wie gelähmt.

In Stresssituationen greift unser Gehirn zurück auf altbekannte Lösungsmuster, Reflexe aus der frühen Kindheit und rudimentäre Verhaltensmuster wie Flucht oder Schreckstarre. Das nächste Mal, wenn er nach einer Lösung gefragt wird, wird er sich an diese Situation erinnern. Wieder wird die Demütigung lebendig. Wieder werden Stresshormone ausgeschüttet. Selbst wenn er wollte – kreatives Problemlösen ist jetzt nicht mehr möglich. So werden aus anfänglich kreativen, lösungsorientierten und offenen Persönlichkeiten diejenigen Menschen, die als erste Killerphrasen äußern, um sich nie wieder einer Situation auszusetzen, in der sie gedemütigt oder enttäuscht wurden. Ein Teufelskreis ist enstanden.

Das Belohnungssystem aktivieren

Wie Führungskräfte ihre Ingenieure motivieren

  • Verankern Sie eine positive Zukunftsvision im Kopf der Ingenieure. Der Unternehmer und Investor Elon Musk sagt: „Ein guter Tag ist ein Tag mit positiven Zukunftsaussichten“. Innovative Unternehmen wie Apple und Google schaffen es, eine Zukunft zu prognostizieren, die lieber heute als morgen erreicht wird – und in der die Entwickler eine große und fantastische Rolle spielen. Nicht umsonst träumen viele Menschen davon, dort zu arbeiten. Es macht einfach Spaß.
  • Visionäre Ideen unterstützen menschliche Grundbedürfnisse. Sie wecken das Belohnungszentrum im Gehirn. Die Hormone Serotonin und Oxytocin sorgen daraufhin für ein Wohlgefühl und bescheren uns Ruhe und Gelassenheit. Wir sind kreativ, mutig und weniger schnell erschöpft. So entsteht ein positiver Kreislauf. In Kombination mit Innovations- und Fachkompetenz ist dies, so unser Credo, ein Erfolgsrezept für eine patentfähige Lösung innerhalb weniger Tage.

Typische Lösungen sind nicht immer die besten

Haben wir ein Problem, denken wir sofort in Lösungen. Ein Beispiel: Soll eine Brille kratzfest werden, dann härtet man die Gläser. Diese weicher zu machen und ihnen so Selbstheilungseigenschaften zu geben, ist die untypische Lösung. Um diese zu sehen, ist es wichtig, sich nicht auf die erstbeste Lösung zu stürzen. Denn unsere Entscheidungen sind subjektiv. Stellen Sie sich vor, Sie hören immer wieder vom Trend der Digitalisierung. Je öfter Sie davon gehört haben und je kürzer dies her ist, desto eher werden Sie glauben, der Trend sei wichtig. Auf Basis dieser subjektiven Bewertungsmaßstäbe werden innovative Ideen abgelehnt oder angenommen. Und wenn Stress, emotionale Anspannung und Zeitdruck hinzukommen, machen wir Fehler.

Blockaden brechen

Innovation zu erzeugen und komplexe, technische Hürden zu überwinden ist deshalb nicht nur eine rein technische Fragestellung. Ingenieure sind Experten auf ihrem Gebiet. Was sie jedoch wieder neu lernen müssen, ist Denkblockaden zu brechen und Risiken einzugehen. Fehler müssen erlaubt sein. Bei einem Automobilzulieferer haben wir einen einfachen Test mit Workshop-Teilnehmern durchgeführt. Wir behaupteten, einen Entwicklungsauftrag angenommen zu haben und zeigten eine etwas eigenartige Skizze einer Schubkarre. Ein ungeschultes Team lässt kein gutes Haar an ihr, denn sie entspricht nicht den Erwartungen an typische Schubkarren. „Geht nicht. Ist doch Quatsch!“ Nach gemeinsamer Arbeit mit dem Team an dessen Denkblockaden wurden am Ende perfekte Merkmale für die Schubkarre gefunden. Nach nur wenigen Tagen ließ sich auf diesem Weg die Lösung für ein langjähriges Problem finden. aru

Zwei Fragen an die Autorin

Nina Defounga weiß als Wirtschaftsingenieurin und als Geschäftsführerin eines Unternehmens, das Innovationsberatung anbietet, was Ingenieure brauchen, um zu neuen Ideen zu gelangen. Bild: Tom Spike

Frau Defounga, was sind im Joballtag eines Ingenieurs die am häufigsten auftretenden Ursachen für Denkblockaden?

Denkblockaden resultieren häufig aus einer Angst vorm Scheitern oder wenn Inspiration von außen fehlt. Hinzu kommt: Das Tagesgeschäft schränkt wertvolle Zeitfenster für Konferenzen, Team-übergeifende Zusammenarbeit, Kooperation mit Start-ups oder für Weiterbildung häufig stark ein. Und wenn kaum Entscheidungsspielräume vorhanden sind und zudem Spaß fehlt, sind Denkblockaden quasi vorprogrammiert.

Inwieweit wirkt sich Zeitdruck, zum Beispiel durch Personalmangel verursacht, negativ auf das kreative Denken aus?

Zeitdruck, beispielsweise durch Personalmangel, führt zu Stress. Stress führt dazu, dass lediglich die Areale im Gehirn aktiviert werden, die für risikofreie und bewährte Lösungsstrategien zuständig sind. Auf diese Weise sorgt Zeitdruck dafür, dass vielfältige Handlungsoptionen und kreatives Denken stark eingeschränkt werden – am Ende zu Lasten der Innovationsfähigkeit von Unternehmen.

Die Fragen stellte Angela Unger, Redaktion