Dr. Martin Braun, Bild: Fraunhofer IAO

Dr. Martin Braun, Bild: Fraunhofer IAO

Herr Dr. Braun, unter Digitalisierung verstehen viele Menschen jeweils etwas anderes. Wie sehen Sie die Digitalisierung?

Ich möchte gerne mit den Auswirkungen der Digitalisierung anfangen. Die Digitalisierung an sich ist ja nicht ganz neu, denn die einzelnen technischen Komponenten, also Computer, Netzwerke und Schnittstellengeräte, kennen wir seit etwa 40 Jahren. Aber die Auswirkungen sind neu. Dadurch, dass jeder mit jedem kommunizieren kann, man denke nur an das Smartphone, haben wir eine massive Komplexitätssteigerung unserer wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen. Und das ist meines Erachtens die relevante Herausforderung, vor der wir stehen. Dafür hat Nathan Bennett den Begriff Vuca geschaffen.

Könnten Sie diesen Begriff bitte kurz erklären?

Vuca bezeichnet das Zusammenwirken von Komplexität, Sprunghaftigkeit, Mehrdeutigkeit und Unsicherheit. Diese Faktoren kennzeichnen unsere Arbeitssituation immer stärker. Das ist die Konsequenz der Peer-to-Peer-Vernetzung, also dass jeder prinzipiell mit jedem in Kontakt treten kann.

Wie würden Sie unsere frühere Arbeitswelt aus arbeitswissenschaftlicher Sicht beschreiben?

Unsere Arbeitsgesellschaft war klassischerweise seit 100 Jahren tayloristisch geprägt. Nach Taylor hatten wir klare Prozesse, Ursache-Wirkungsbeziehungen, und das Hierarchieprinzip als ein sehr wirkungsvolles Ordnungssystem, in dem etwas zur Ausführung vorgegeben wird. Das alles wird durch die Vuca-Welt ganz massiv in Frage gestellt. Aus der Managementkybernetik wissen wir, dass diese komplexen Beziehungen hinsichtlich Ursache und Wirkung nicht mehr so einfach zu handhaben sind.

Was bedeutet das für die Praxis?

In der Praxis erlebe ich in den Betrieben, dass sich Kunden ungern festlegen, sondern Bestelloptionen sichern. Den Betrieben fällt es schwer, mit Stückzahlschwankungen umzugehen. Ich habe es bei einem Autozulieferer erlebt, der mir berichtet hat: „Wir haben einen unheimlichen Zuwachs an Produkten, aber weil es sich um optionale Produkte handelt, rufen die Kunden diese doch nicht ab. Wir haben einen Riesenaufwand, diese Flexibilität im vorgegebenen Zeitrahmen zu managen.“ Dies sind die praktischen Konsequenzen unserer Vuca-Welt.

Und wie lässt sich unter den komplexen Bedingungen ein Betrieb organisieren?

Hierbei spielen die Informationsflüsse immer eine ganz große Rolle. Das ist der eigentliche Kern. Bislang war es Aufgabe des Menschen, Informationen zu verarbeiten, zu interpretieren und zu Entscheidungen zu kommen. Es ist natürlich auch im Zuge der Digitalisierung etwas Neues, dass allmählich Maschinen, also intelligente Systeme, eine Entscheidung treffen sollen. Wobei ich den Eindruck habe, dass dieser Punkt in der Praxis viel nüchterner und realistischer gesehen wird als in der Theorie.