Anlaufbild Fachkräftemangel

Anlaufbild Fachkräftemangel

Der Mangel an qualifizierten Fachkräften nimmt immer mehr zu. Im Durchschnitt fallen zwei offene Stellen auf einen Ingenieur. Dem deutschen Mittelstand gehen damit jährlich etwa 31 Milliarden Euro verloren. Ein Mittel, dem entgegenzuwirken ist es, auch Frauen für den Beruf des Ingenieurs zu begeistern. Ein Plan, den nicht nur Universitäten, sondern auch Unternehmen intensiv verfolgen.

Im Dezember 2013 verschärfte sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt für Fachkräfte. Im Vergleich zum Vormonat stiegen die offenen Stellen um 10,6 Prozent auf 63.700 Stellen an; dabei suchten gleichzeitig nur 27.208 Ingenieure nach Arbeit. Demnach kommen durchschnittlich 2,3 Stellen auf einen Ingenieur. Vor allem in den Bereichen „Maschinen- und Fahrzeugtechnik“ und in der „Energie- und Elektrotechnik“ ist die Lage kritisch. Hier fallen sogar 4,2 beziehungsweise 3,7 offene Stellen auf einen arbeitsuchenden Ingenieur. Laut einer aktuellen Umfrage fällt es demnach jedem siebten Unternehmen schwer, passende Fachkräfte zu finden. Die Folge: Die mittelständischen Unternehmen büßen jährlich etwa 31 Milliarden Euro ein.

Arbeitsmarktexpertin Dr. Ina Kayser vom VDI

Dr. Ina Kayser, VDI: “Der VDI hat mit MINTalente ein Projekt, bei dem jungen Frauen von sogenannten Role Models Eindrücke vom Berufsalltag vermittelt werden.”

Das ist das Ergebnis einer Studie des Beratungsunternehmen Ernest & Young, die 3000 Unternehmen dazu befragte. Nachdem für 2014 eine steigende Konjunktur erwartet wird, wird sich die Lage nach Ansicht der Experten noch verschärfen. Schon heute können sechs von zehn Unternehmen nicht alle offenen Stellen besetzen. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) fehlen bis 2030 etwa 1,227 Millionen Fachkräfte – wenn sich nichts ändert.

Ein Mittel dem Fachkräftemangel und dem demographischen Wandel entgegenzuwirken ist es, vermehrt Frauen für diesen Beruf zu interessieren. Im Moment sind etwa 17 Prozent der Ingenieure in Deutschland Frauen. Dr. Ina Kayser, Arbeitsmarktexpertin des VDI, dazu: „Auf europäischer Ebene liegt Deutschland damit im Mittelfeld.“

Begeisterung für MINT-Berufe

Seit Jahren engagieren sich Universitäten, Unternehmen und auch der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) Frauen für die sogenannten MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zu begeistern. Und das mit Erfolg: So stieg zwischen 2002 und 2012 die Zahl der weiblichen Studierenden in den Ingenieurwissenschaften von 62.000 auf knapp 106.000.

Auch in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern stieg die Zahl von 120.000 auf 165.000 Studierende an. Dabei darf man jedoch nicht die doppelten Abiturjahrgänge vergessen. Trotzdem gibt es eine positive Entwicklung. „Die Tendenz ist positiv, wie ein Blick auf die Absolventenzahlen offenbart: Im Jahr 2012 waren 13.545 Erstabsolventinnen in den Ingenieurwissenschaften zu verzeichnen – zum Vergleich: Im Jahre 2002 waren es 7298“, erklärt Kayser. Demnach sind heute etwa 21 Prozent der Hochschulabsolventen Frauen.

Kayser begründet diese Entwicklung mit den verschiedenen Förderprogrammen und Projekten, wie beim VDI. „Der VDI hat mit MINTalente beispielsweise ein Projekt, mit dem jungen Frauen von sogenannten Role Models Eindrücke vom Berufsalltag vermittelt werden.“ Dabei decken die Role Models die ganze Vielfalt der Berufe und Wissenschaften ab: Von der Elektrotechnikstudentin bis zur Geschäftsführerin, von der Raffinerie bis zur Universität.

Neben dem VDI setzt auch der deutsche Ingenieurinnenbund (dib) darauf, jüngeren Generationen starke weibliche Ingenieurinnen und Vorbilder zu zeigen. Dipl.-Ing. Christa Wolf, Abteilungsleiterin der Technischen Dienste beim Fraunhofer IAF und im Vorstand des dib, sieht in der Arbeitsweise von Ingenieurinnen einige Vorteile im Vergleich zu den männlichen Kollegen. „Die Arbeitsweise unterschiedet sich teilweise schon sehr deutlich. Frauen sind pragmatischer und lösungsorientierter. Sie kommen einfach schneller auf den Punkt. Ebenso halte ich die Sozialkompetenz für ausgeprägter, was zum Beispiel die Teamarbeit und Konfliktbewältigung vereinfacht“, erklärt Wolf.

Umdenken in den Unternehmen

Dass sich viele Frauen für einen wissenschaftlichen Beruf interessieren und diesen auch ergreifen, liegt auch am Umdenken in den Unternehmen. Diese bieten immer öfter Arbeitsmodelle an, wodurch Ingenieurinnen Arbeit und Familie leichter miteinander vereinbaren können. Kayser dazu: „Wir beobachten, dass viele Unternehmen im Zuge der Steigerung der Arbeitgeberattraktivität und des Employer Brandings verstärkt den Fokus auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf richten.“ Demnach seien flexible Arbeitszeiten, aber auch eine Betreuung – vor allem für Kinder unter drei Jahren – wichtig, damit Ingenieurinnen wieder schnell in den Berufsalltag zurückkehren.

Dennis Blöcher, Personalmarketing Stihl

Dennis Blöcher, Stihl: “Wir bieten einen Maßnahmenmix aus flexiblen, individuell gestaltbaren Arbeitszeitmodellen über Homeworking bis hin zu Belegplätzen in Kindergärten und Kleinkindgruppen.”

Dieses Konzept setzen verschiedene Unternehmen in der Industrie um, um so weibliche Fachkräfte für ihre Unternehmen zu begeistern. Die Firma Andreas Stihl, ein Unternehmen aus der Metall- und Elektroindustrie, hat derzeit einen Frauenanteil von 20 Prozent. „Das ist für ein Unternehmen der Maschinenbaubranche relativ hoch“, erklärt Dennis Blöcher, Leiter Personalmarketing. Besonders auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf legt Stihl viel wert.

Für sein Engagement in diesem Bereich wurde das Unternehmen vom Land Baden-Württemberg ausgezeichnet. Blöcher erklärt das Stihl-Konzept: „Es gibt einen Maßnahmenmix aus sehr flexiblen, individuell gestaltbaren Arbeitszeitmodellen über Homeworking bis hin zu Belegplätzen in Kindergärten und Kleinkindgruppen.“

Das Unternehmen bietet auch einen firmenunabhängigen Familienservice zur Vermittlung von Tagesmüttern, Kinderfrauen, Au-pairs oder Notfallbetreuungen und die Möglichkeit, die berufliche Tätigkeit bis zu zwei Jahren zur Pflege von Kindern oder Angehörigen zu unterbrechen.

Auf ein familienfreundliches Konzept setzt auch der Hard- und Software-Spezialist Bizerba. Julia-Kathrin Vollmer, Leiterin Aus- und Weiterbildung Bizerba, dazu: „Wir bieten unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Möglichkeit eines sehr flexiblen Arbeitsmodells sowie die Möglichkeit auch im Home Office zu arbeiten. Weiterhin arbeiten wir derzeit an einem Konzept, um Eltern bei der Suche nach einem Kinderbetreuungsplatz zu unterstützen.“

Für ihr Unternehmen sieht Vollmer verschiedene Vorteile in Ingenieurinnen: „Frauen sind oft empathischer im Umgang mit Mitarbeitern und nicht selten auch etwas ehrgeiziger und zielstrebiger. Zudem bringen sie in vielen technischen Bereichen auch wirklich physisch mehr Fingerspitzengefühl mit für feine Lötverbindung und empfindliche Bauteile.“ Der Frauenanteil bei Bizerba beträgt etwa 21 Prozent.

Reine MINT-Frauenstudiengänge

Verschiedene Förderprogramme an Hochschulen sind auf die Frau im Ingenieurberuf zugeschnitten: An einigen Universitäten gibt es heute schon reine Frauenstudiengänge im MINT-Bereich. An der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) ist der Bachelor Informatik und Wirtschaft ein reines Frauenstudium. So will die HTW den Frauenanteil in diesem Studiengang fördern.

Ingenieurin Christa Wolf

Dipl.-Ing. Charista Wolf, dib: “Frauen sind pragmatischer und lösungsorientierter. Sie kommen einfach schneller auf den Punkt und haben eine ausgeprägtere Sozialkompetenz.”

Das ist auch der Plan an der Jade Hochschule in Wilhelmshaven mit dem Frauenstudiengang Ingenieurwissenschaften. Ulrike Schleier, Leiterin des Frauenstudiengangs an der Jade Universität: „Viele Abiturientinnen denken, ihre Vorkenntnisse wären zu schlecht und haben Sorge unterzugehen.“

Zurzeit gibt es in Deutschland noch vier weitere monoedukative Studiengänge: Wirtschaftsingenieurwissenschaften an den Universitäten in Wilhelmshaven und Stralsund, Informatik an der Hochschule Bremen und Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Furtwangen.

Ein weiteres Projekt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, ist das Orientierungsjahr Pro Technicale. Hier sollen junge Frauen mit Interesse an einem technischen und naturwissenschaftlichen Studium Einblicke in die MINT-Studiengänge erhalten. Neben Orientierungsphasen an Hochschulen in Hamburg, Stuttgart und Konstanz gehören auch Praktika im In- und Ausland sowie die Zusammenarbeit mit Ingenieurinnen und Wissenschaftlerinnen zum Programm.

Hier zeigt sich auch, dass MINT-Berufe eine Chance auf gute Karriereperspektiven bieten. „Die deutsche Wirtschaft baut auf MINT, unser Wachstum ist stark abhängig von Forschung und Entwicklung“, erklärt Kayser. Auch für Ingenieurin Christa Wolf bietet der Ingenieurs-Beruf viele Vorteile: Vielfältige und interessante Arbeitsgebiete, Karrierechancen, gutes Gehalt und gesellschaftliches Ansehen: „Es war mir bis jetzt nie langweilig. Und die vielfältigen Erfahrungen und Höhen und Tiefen möchte ich nicht missen.“

 

Autorin: Felicitas Heimann, Redaktion