Wie ist die Akzeptanz bei den Unternehmen?

Die Akzeptanz ist positiv. Es ist allerdings immer eine gewisse Aktivierungsenergie notwendig, denn die Entwickler müssen ihr Verhalten ein Stück weit ändern. Aber der positive Effekt stellt sich relativ schnell ein. Die Mitarbeiter kennen sich in ihren Projekten besser aus und können genauer beurteilen, was sie selber tun müssen und was von ihnen erwartet wird, damit die Projekte gut laufen und der Kunde zufrieden ist.

Auch der erhöhte Grad an Eigenverantwortung ist zum Teil bei der Einführung etwas schwierig, wird aber nach einer gewissen Zeit als durchaus positiv gesehen, wenn man sich daran gewöhnt hat, und wenn die Mitarbeiter auch merken, wie die Führungskräfte mit dieser Verantwortung umgehen. Die Führungskräfte auf der anderen Seite spüren sehr schnell eine Entlastung, da die Mitarbeiter sich stärker selbst einbringen und mehr Verantwortung übernehmen. Die Führungskräfte können sich dadurch mehr um die eigentlichen Steueraufgaben kümmern.

Gibt es beim agilen Entwickeln mehr Vor- oder Nachteile?

Es gibt mehr Vorteile. Ich empfehle den Unternehmen auf jeden Fall, diese Vorgehensweise in das Prozessportfolio mit aufzunehmen. Auch, weil der Zeitdruck immer größer wird und weil es immer seltener der Fall sein wird, dass ein Kunde einem Lieferanten zum Projektstart ein vollständiges Lastenheft übergeben kann.

Dieser Trend ist ganz klar zu sehen, und die klassischen Vorgehensmodelle bieten nicht die Möglichkeit, auf diese sich ändernde Situation ausreichend zu reagieren. Ich sehe es also als zwingend an, sich ein Stück weit dieser agilen Methodik zu nähern. Allerdings sehe ich nicht den Bedarf, vollständig von der klassischen Vorgehensweise auf die agile Vorgehensweise umzustellen.

Was meinen Sie damit genau?

Das heißt, dass geprüft werden muss, wie unsicher und komplex die Lastenheftanforderungen sind. Bei einer einfachen Applikation mit klaren Anforderungen macht es keinen Sinn, mit der agilen Methode anzufangen. Hier kann einfach das klassische Modell verwendet werden.

Das setzt aber voraus, dass wirklich alle Anforderungen klar sind und dass die Umsetzung genau so stattfinden kann. Das andere Beispiel ist, dass der Kunde nicht genau sagt, was er will. Häufig tritt das bei asiatischen Kunden auf, die neu in ein Technologiefeld einsteigen und zwar wissen, dass sie ein bestimmtes Produkt bauen und verkaufen möchten, aber denen das technische Know-how fehlt, um einen ausreichenden Anforderungskatalog zu schreiben. Hier ist der Lieferant als Entwicklungspartner mehr oder weniger notwendig.

Und in solchen Extremfällen ist es aus meiner Sicht notwendig, die Projekte mit einer agilen Vorgehensweise anzugehen. Diese Vorgehensweise ist aber zeitlich begrenzt beziehungsweise auf die Anfangsphase des Projektes begrenzt, wo kreativ gearbeitet wird. Es muss ganz klar ein Punkt gesetzt werden, bis wann agil gearbeitet wird und ab wann nicht mehr. Die folgenden Projektphasen sollten idealerweise rein klassisch durchgeführt werden. Das setzt jedoch voraus, dass keine Änderungen mehr auftreten, die noch einmal Konstruktionsänderungen notwendig machen.

Was ist Ihrer Meinung nach der negativste Aspekt des agilen Engineering?

Ein ganz riskanter Aspekt ist, dass man am Anfang natürlich noch nicht genau weiß, was am Ende herauskommen wird. Das ist ja Teil des Konzeptes und das hat natürlich starke Auswirkungen auf die Vertragsgestaltung und darauf, wie die Vereinbarung mit dem Kunden aussieht. Im klassischen Vorgehensmodell, wenn wir einmal auf das magische Dreieck im Projektmanagement schauen, bestehend aus Leistungsumfang und Qualität, Kosten und Terminen, werden im Wesentlichen Leistung und Qualität vertraglich festgesetzt. Wenn die ursprünglichen Vertragsvereinbarungen nicht eingehalten werden können, dann werden de facto die Parameter Kosten und Termin verändert. Die Projekte werden in der Regel teurer und später fertig, aber die Hauptsache ist, dass die Leistung gleich bleibt.

Im agilen Ansatz kehrt sich das Ganze um. Hier lässt man den Parameter Leistung bewusst offen und setzt dafür den Kostenrahmen und den Terminrahmen fest. Das ist ganz wichtig, um die Kontrolle über die Kosten und über den Zeitpunkt der Fertigstellung zu haben. Es wird versucht das zu erreichen, was mit dem Kunden vereinbart wurde und was den Kunden dann letztendlich auch zufriedenstellen wird. Hier dann auch ins Ziel zu treffen, erfordert Erfahrung und ein gutes Bewertungsvermögen.