Innovationskraft, Bild: © alphaspirit - Fotolia.com

Eine weitreichende Automatisierung in der Produktion macht bestenfalls 20 Prozent der Digitalisierung aus. Deswegen ist es besser, die Technik und Zukunft von morgen mitzugestalten. Bild: © alphaspirit - Fotolia.com

Die Veränderungsdynamik der kommenden Jahre ist fordernder, als wir es in den vergangenen Jahren erlebt haben. Das Potenzial künstlicher Intelligenz wird sich bis 2030 erst voll entfalten.

Die Prognose ist ermutigend und bedrohlich zugleich: Mit den Mittel künstlicher Intelligenz werden wir in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren alle wesentlichen Entwicklungen der vergangenen 150 Jahre noch einmal vollziehen – nur besser.

Nicht nur ein wenig besser, graduell fortgeschrieben, sondern grundlegend anders und wesentlich besser. Disruption quer durch die industriellen Branchen. Zwar führt die Diskussion, wann die Maschinenintelligenz der menschlichen Intelligenz ebenbürtig wird, schnell in die Irre.

Spätestens Mitte des Jahrhunderts wird es soweit sein; dann werden Maschinen uns den Platz als zweitintelligenteste Spezies zuweisen. Wer aber daraus folgern wollte, bis dahin wäre der Mensch der Maschine überlegen, sitzt einem folgenschweren Fehlurteil auf. Die entscheidende Frage ist nicht, wann die Maschinen der menschlichen Intelligenz insgesamt ebenbürtig sind. Die Frage ist, in welchen Teilaspekten sie es heute bereits sind.

Dies ist der entscheidende Treiber der Digitalisierung.

Wohl des Maschinenbaus hängt an Produktion

Der Maschinen- und Anlagenbau, traditionelles Herzstück der deutschen Wirtschaft und mehr noch der deutschen Ingenieurskunst, sieht sich mit dieser Entwicklung gleich auf mehreren Ebenen konfrontiert. Zunächst, und geradezu offensichtlich, hängen Wohl und Wehe des Maschinenbaus am Wohlergehen der produzierenden Industrie, die sich selbst wiederum in einem grundlegenden Wandel befindet.

Allein die Veränderungen der Automobilindustrie können in ihrer Konsequenz kaum überschätzt werden: Die Entwicklung zur Elektromobilität mit ihrem deutlich verringerten Bedarf an beweglichen Teilen im Antriebsstrang wird die Möglichkeiten von Unternehmen der Zuliefererindustrie deutlich einschränken.

Der Maschinenbau ist im Wandel

Wie fragil die Gewichte im Verhältnis zwischen Herstellern und Zulieferern ohnehin schon sind, wurde im Sommer deutlich, als VW im Streit mit zwei Zulieferern die Produktion des Golfs für Tage stoppen musste. Ein leichter Vorgeschmack auf die Umwälzungen, die vor dieser Branche liegen.

Und will die Branche ernsthaft darauf vertrauen, dass der Rettung des maroden Bankensystems die Rettung der deutschen Ingenieurskunst folgt?

Schwerer noch wiegt die Entwicklung autonom fahrender Fahrzeuge. Ganz praktisch: Sie klicken auf ihr Smartphone, ein selbstfahrendes Auto fährt vor. Sie geben die Zieladresse ein und das Auto fährt sie selbstständig dort hin. Während der Fahrt machen sie ihre Arbeit, schlafen, essen, spielen mit ihren Kindern, tätigen den Einkauf oder lassen sich die Haare schneiden. Jedenfalls werden sie nicht mehr fahren. Das geht auch nicht: Das Auto wird kein Lenkrad haben.

Neue Form des Verkehrs entsteht

Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die meisten von uns diese Autos auch nicht kaufen. Es ergibt keinen Sinn, dass ein selbstfahrendes Auto 90 Prozent seiner Zeit in der Garage steht. Vermutlich werden die Menschen nicht einmal für die Fahrt von A nach B bezahlen, denn der Fahrpreis wird von jenen Unternehmen übernommen, die ihnen während der Fahrt Werbung zeigen und nützliche Dinge verkaufen.

In dieser Welt wird es auch keine Daseinsberechtigung mehr für Taxis, den öffentlichen Nahverkehr und die Deutsche Bahn geben. Jedenfalls nicht in der heutigen Art und Weise. Einige der heutigen Mobilitätsunternehmen werden sich radikal neu erfinden müssen.

Für den Maschinen- und Anlagenbau bedeutet dies: Entwicklung, Herstellung, Wartung und Reparatur von Industrieerzeugnissen werden sich ebenso radikal wandeln wie die Anforderungen an die Qualität. Wer seine eigene Zukunft sichern möchte, muss gestaltend Teil dieser Entwicklung sein. Und er muss heute damit beginnen.

Erfolgsrezept: Flexible Produktion

Eine Option: Eine gänzlich neue Form der Flexibilität in der Produktion. Je größer die Anzahl der Einsatzmöglichkeiten autonomer Fahrzeuge, desto vielfältiger und spezifischer die Gestaltungsformen. Das Auto, in dem ich unterwegs arbeite, wird sich grundlegend von dem Fahrzeug unterscheiden, das mich als mobiles Hotelzimmer über Nacht von Berlin nach Köln bringt und dort in den frühen Morgenstunden an einer Hotel-Dockingstation ankoppelt. Die Formenvielfalt steigt, die Stückzahlen sinken.

Kundenzufriedenheit wird zum Katalysator des Erfolgs

Zum Katalysator dieser Entwicklung wird die Kundenzufriedenheit. Mit jedem Schritt, der die Produkte und Services der digitalisierten Wirtschaft besser auf die Bedürfnisse der einzelnen Kunden abstimmt, wächst die Erwartungshaltung der Kunden, diese Passgenauigkeit auch in der nächsten Branche zu erleben.

Standard, lange der stabile Margengarant der Produktion, ist nicht mehr genug, nicht mehr konkurrenzfähig. Die Digitalisierung beendet unsere traditionelle Vorstellung eines Standards.

Die nächsten Schritte sind offenkundig: Nachdem die individualisierte Produktion die auf blanke Effizienz getrimmte Massenproduktion abgehängt haben wird, steht sie direkt selbst unter Druck, die individuellen Kundenbedürfnisse nicht nur einmalig befriedigen zu können, sondern deren Wandel mitvollziehen zu können.

Das auf Dauer flexible Produkt, das adaptive Produkt. Dies ist die eigentliche Stärke der Mobilitätsangebote von Flinkster bis Drivenow. Wir erwarten Adaptivität als den neuen Standard branchenübergreifend spätestens zum Ende des Jahrzehnts – und können bereits die nächste Entwicklungsstufe erkennen.

Wer in der Lage ist, seine Produkte nicht nur individuell auf Kundenbedürfnisse abzustimmen, darüber hinaus auf einen Wandel der Kundenbedürfnisse reagieren kann und diesen auch noch treffend prognostizieren kann, ist in der Mehr-als-Echtzeit-Welt angekommen.