Max Ottenwälder und Petra Kurz-Ottenwälder  finden, dass man aus vielen Maschinen und Anlagen mehr

Max Ottenwälder und Petra Kurz-Ottenwälder finden, dass man aus vielen Maschinen und Anlagen mehr machen könnte. „Design ist keine bunte Hülle, sondern ökonomische Notwendigkeit“, lautet ihr Motto.

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Argumente, warum es sich auch für den Maschinen- und Anlagenbau lohnt, auf ein gutes Design zu setzen?
Kurz-Ottenwälder: Die wichtigsten Argumente sind eine deutliche Prägung der Markenidentität, die Visualisierung der Innovationskraft eines Unternehmens, die Verbesserung der Produktqualität, mehr Kosteneffizienz, und die Steigerung der Verkaufszahlen.

Wenn Sie sich die Maschinen aus der Branche anschauen: Welche Schwachpunkte springen Ihnen ins Auge?
Ottenwälder: Bei vielen Herstellern herrscht Beliebigkeit bei der Umsetzung ihrer Konstruktionen. Oft wird auch versucht, sich an Stilelemente von Marktführern anzulehnen. Dadurch entstehen Produkte, die keinen eigenen Charakter haben. Exzellente Ingenieursleistungen und tolle Innovationen werden dadurch oft unter Wert verkauft. Oft fehlt schlichtweg die Glaubwürdigkeit. Andererseits erinnert das Design mancher neuer Maschinen und Anlagen teilweise eher an überdimensionale Kaffeemaschinen und Duschkabinen. Die manchmal  hyperdynamische Formensprache gehört jedoch mehr  in den privaten Wohnbereich als in eine Fabrikhalle.

Einer der wichtigsten Aspekte ist die Möglichkeit für Unternehmen, sich mithilfe des Designs gegenüber ihren Wettbewerbern zu positionieren. Könnten Sie diesen Aspekt bitte näher ausführen?
Kurz-Ottenwälder: Der Wertcharakter und damit das Gebrauchswertversprechen von Maschinen und Anlagen erhöhen sich durch gutes Design eklatant. Gerade in kostensensiblen Produktbereichen und in harten Wettbewerbssituationen hat Design verkaufsunterstützende Effekte.

Sie verstehen sich als Dienstleistungsunternehmen, das Produkte nicht nur funktional und ansprechend gestaltet, sondern vor allem auch profitabel macht. Wie darf man das verstehen?
Ottenwälder: Wenn eine Maschine eine Ausstrahlung besitzt, die einen Wert  von 600.000 Euro repräsentiert  und tatsächlich einen Verkaufspreis von „nur“ 450.000 hat, ist das eine bessere Verkaufssituation als im umgekehrten Fall. Profitabel wird eine Anlage oder Maschine, wenn ihre Wartungs- oder Umrüstzeiten durch ergonomische und funktionale Lösungen verkürzt werden. Wir gestalten auch diese Abläufe im Designprozess mit.

Das denkt die Redakteurin Angela Unger

„Da schaut doch sowieso kein Mensch drauf“, sagte neulich ein befreundeter Ingenieur zum Thema ästhetisches Industriedesign. „Einspruch, mein Herr“, würde ich sagen. Der Mensch handelt eben nicht nur rational, sondern verfügt über ein Stammhirn, das die Instinkte steuert, und das auch noch unterbewusst. Wir wollen das haben, was uns besser dastehen lässt als unsere Konkurrenten in Status und Position. Insofern ist Ästhetik sicher keine spezielle Frauenkiste, wie beispielsweise das Design von Autos beweist. Denn die aktuelle Vermehrung von SUVs, vor allem in den Großstädten, lässt sich angesichts von Spritkosten, Parkplatznot und Klimawandel rational nicht erklären. Mag sein, dass das Design einer Maschine nicht in jedem Fall wichtig ist. Aber angenommen, Sie hätten die Wahl zwischen zwei gleich guten Anlagen zum selben Preis. Welche würden Sie dann nehmen: die im 70er-Jahre-Design oder das coole Stück?

Inwiefern hat das Design einen großen Einfluss auf die Gesamtrendite?
Kurz-Ottenwälder: Maschinen mit herausragendem Design sind im Regelfall nicht teurer als standardmäßige Maschinenkonstruktionen mit Schutzumhausung. Sie lassen sich jedoch einfacher verkaufen und erzielen eine höhere Rendite.

Wie gehen Sie denn in puncto Energieeffizienz vor?
Ottenwälder: Nachhaltigkeit in jeder Form ist einer unserer wichtigsten Werte, die wir durch die Designarbeit schaffen können. Durch intensive Auseinandersetzung mit den funktionalen Aspekten unserer Designaufgaben nehmen wir von der ersten Projektphase an Einfluss auf eine nachhaltige Entwicklung, Funktion, Produktion und Entsorgung des Produkts. Die Langlebigkeit einer Maschine ist eh die beste Energieeffizienz.

Zu den Schubert-Verpackungsanlagen schreiben Sie: „Die hochwertige Formensprache des Designs fördert die Identifikation mit der Arbeit und erhöht damit auch die Sicherheit und Produktivität am Arbeitsplatz.“ Wie kommen Sie darauf?
Kurz-Ottenwälder: Das ist ganz normale Verhaltenspsychologie. Ein lieblos gestaltetes Objekt wird auch lieblos behandelt, vor allem in einer Stress-Situation. Über hässliche Dinge ärgern sich Menschen schneller und vor allem nachhaltiger als über schöne. Genauso verhält es sich mit nützlichen oder nutzlosen Funktionen. Eine Anlage, die gut gestaltet ist, wird mit mehr Respekt und Achtung behandelt. Die Menschen sind stolz, an einer perfekten Maschine zu arbeiten. Dies fördert die Identifikation und Zuwendung zur Arbeit und erhöht dadurch signifikant und nachweisbar die Sicherheit am Arbeitsplatz.

Das Unternehmen Ottenwälder und Ottenwälder

Das Schwäbisch Gmünder Designbüro Ottenwälder und Ottenwälder, das über 130 mal durch nationale und internationale Design- und Marketingorganisationen ausgezeichnet wurde, bietet neben der Industrie- und Interaktionsdesign, Modell- und Prototypenbau auch Designberatung und -strategie sowie Markenentwicklung und gestaltung.
Die Spezialisten haben unter anderem das Design der aktuellen Hobart Bandtransport-Spülmaschinen für Großküchen sowie das komplette Bedienkonzept inklusive Bedienoberfläche entwickelt und gestaltet. Für die Firma Zahoransky haben sie das Corporate Produkt Design für vier verschiedene Maschinenlinien (Anlagen zur Bürstenverarbeitung  und Verpackungsmaschinen) definiert.

Für mittelständische Unternehmen ist auch der Markenschutz wichtig, beispielsweise wenn es um das Vorgehen gegen Produktpiraten geht. Wie hilft das Design hierbei?
Ottenwälder: Durch das neue Designgesetz ist neben der reinen Form die kreative Gebrauchsgestaltung per se geschützt. Industriedesign bekommt hiermit eine gehaltvolle Bedeutung. Da dieser Designschutz international anwendbar ist, lassen sich Schutzrechtsverletzungen einfacher und wesentlich kostengünstiger nachweisen und verfolgen als zum Beispiel Patentverletzungen. Dies liegt daran, dass durch den Schutz der visuellen Erscheinung sich jeder Richter, egal wo auf der Welt, sehr schnell und eindeutig ein klares Bild von einer Nachahmung oder einem Plagiat machen kann. Unsere Erfahrung zeigt, dass durch gutes, eigenständiges Design ein wirkungsvoller Kopierschutz erreicht werden kann.

Was ist aus den Kunden geworden, für die Ottenwälder und Ottenwälder einen Designpreis gewonnen haben?
Kurz-Ottenwälder: Die Öffentlichkeitsarbeit dieser Kunden ist spektakulärer und effizienter geworden, da eine außergewöhnliche Story mehr Aufmerksamkeit erregt. Das Ansehen der Unternehmen innerhalb ihrer Branche ist gewachsen. Dieser  Imagegewinn generiert wiederum mehr Interesse, mehr Anfragen und damit neue Kunden. Der Stolz, der alle im Unternehmen durch gewonnene Preise erfüllt, ist von unschätzbarem Wert. Designpreise haben eine extrem positive Außenwirkung, zum Beispiel auch auf das Recruitment von neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Das Interview führte Angela Unger, Redaktion

Vier Regeln zum Maschinenneudesign

Wenn das Schwäbisch Gmünder Designbüro Ottenwälder und Ottenwälder das Design einer Maschine überarbeitet, gehen die Experten nach den folgenden Regeln vor:

  1. Der beste Ansatz für eine gute Gestaltung bei der Überarbeitung vorhandener Maschinentypen ist eine klare Strukturierung des Maschinenschutzes nach funktionalen und ästhetischen Gesichtspunkten. Dies gilt ebenso für das User Interface.
  2. Je geringer die strukturale Komplexität der Gesamterscheinung, desto souveräner und sicherer kann eine Maschine wirken, desto vertrauenswürdiger ist ihr Auftritt auf der Messe und in der Fabrikhalle.
  3. Am Anfang steht also stets das Aufräumen. Danach kommt die logische Gliederung, dann die ergonomische Optimierung und dann ein markenspezifisches Erkennungsmerkmal. Ein solches Ident kann beispielsweise eine bestimmte Sockelfarbe, eine leichte Wölbung bestimmter Flächen oder eine interessantes Material sein.
  4. Wichtigste Regel: Das Design der Maschine soll nicht originell, sondern die Maschine ein Original sein. Etwas, das originell ist, erhält zwar spontan Aufmerksamkeit, doch diese verflacht schnell und lässt das Objekt dann alt aussehen – ein baldiger Relaunch ist fällig. Ein Original ist nachhaltig und auf Dauer kostensparend.