Mann an Startlinie, Bild: © Creativa Images - Fotolia.com

Deutsche Unternehmen dürfen sich nicht von der German Angst lähmen lassen. Für die Industrie 4.0 müssen Geschäftsführer ihre Belegschaft in die Zukunft führen. Denn sie bietet enormes Potenzial. Bild: © Creativa Images - Fotolia.com

"Go West, Ihr Genies!" heißt eine ARD-Reportage vom 16.1.2017 über eine deutsche Tech-Elite im Silicon Valley, die dort ihre Ideen verwirklicht oder in einem lockeren Umfeld bei Google & Co. arbeitet. Für diese Kolumne bewegten mich insbesondere die gezeigten Entwicklungen in der Robotik und am Auto der Zukunft. Drastische Prognosen der Befragten führten mich zum Thema: Wir müssen mit den Belegschaften in die Zukunft gehen!

Zehntausende entlassen oder umschulen?

In zwei Interviews zum Auto der Zukunft wird deutlich, wie elementar die Veränderungen und Ansätze zu dem sind, was wir heute Auto nennen (18. und 43. Minute). Ein Entwickler meint hierzu, dass die Elektronik des Autos künftig eher einem Smartphone gleichen wird. Mit einer Plattform-Philosophie, in der Funktionen als Apps heruntergeladen werden. Und er spricht davon, dass kommende Entwicklungen die Automobilindustrie auf den Kopf stellen werden. In der Folge werden die Chefs vor der Wahl stehen, entweder zehntausende Mitarbeiter zu entlassen oder sie radikal umzuschulen.

Dramatisch unterscheiden sich auch die Einschätzungen von Industrie und Forschung zum Tempo durchschlagender Veränderungen. Zum Beispiel die Verbreitung der E-Mobilität: Der Markt- und Technologieforscher Tony Seba, Professor an der Universität Stanford meint, dass bis 2025 alle Neuwagen dieser Welt einen Elektroantrieb haben werden (36. Minute). Demgegenüber spricht Daimler-Chef Dieter Zetsche in seinem Statement auf der Detroit Motor Show 2017 von fünfzehn bis zwanzig Prozent (21. Min.).

Erwähnen möchte ich noch die Erfahrung von Margit Wennmachers. Sie vergibt im Silicon Valley große Summen Risikokapital an Startups. Firmenbosse aus aller Welt suchen das Gespräch mit ihr. Die Reaktion mehrerer Top-Manager der Automobilindustrie beschreibt sie wie folgt: "Schock; Glaube ich nicht; Wir wissen es besser; Oh My God!" (34. Min.).

Was bedeutet das für Unternehmen?

Selbst wenn die Wahrheit in der Mitte liegt, geht es bereits heute um die Belegschaft der Zukunft. Warum heute? Weil der Mensch für Entwicklung und Veränderung viel mehr Zeit benötigt, als die derzeit exponentiell voranschreitenden Tech-Entwicklungen. Die Hirnforscher bestätigen: neue Denk-Muster (Synapsen-Verbindungen) erlangen wir durch stetiges Üben und Wiederholen.

Es wird immer nach den jungen Menschen gerufen. Aber selbst wenn sie all die auf uns zukommenden Probleme kompensieren oder lösen könnten, so wären doch rein mengenmäßig nicht genügend auf dem Arbeitsmarkt vorhanden.

Wir müssen die vorhandenen Mitarbeiter auf die Zukunft vorbereiten: Die sich rasant entwickelnde Technologie droht unseren Verstand demnächst zu überrollen, weil wir diese mit rein logischer Beurteilung allein nicht mehr voll erfassen können.

Neuer Spirit für Unternehmen

Es ist eine Veränderung in den Köpfen nötig, um mit rasanten Entwicklungen weiterhin mithalten zu können und um blockierende "Ängste, etwas zu wagen" zu überwinden. Technologieschulung ist nicht mehr ausreichend.

Der viel bewunderte Spirit erfolgreicher Startups entspringt ihrer Haltung. Sie setzen für die Realisierung ihrer Idee alle Hebel in Bewegung, ohne sich von Fehlschlägen beirren zu lassen. Wie überträgt man Spirit und Mut auf ein Unternehmen? Zunächst muss das Management vorneweggehen, dicht gefolgt von der Belegschaft.

Die innere Haltung verändern

Das ist für mich der Kern für Veränderung und geschieht über mehr Bewusstheit und die Entscheidung, die Haltung ändern zu wollen. Das erzeugt mehr Offenheit für Neues und Veränderung.

Ein bewusstes Akzeptieren, dass in diesen neuen Zeiten nicht mehr alles planbar und kontrollierbar ist, öffnet für neue Ansätze des Arbeitens und baut Ängste ab.

In der Summe ist dies eine Basis für die neue Sichtweise agiler Methoden: "Don't plan. Trust and follow the Process!".

Von und mit den Jungen lernen

Beispielsweise die Neugier, das Interesse, die Welt zu entdecken. Die jungen Menschen in Unternehmen könnten uns dabei helfen, diese Neugier zurückzuholen. Viele Menschen verlieren sie im Laufe des Lebens. Aber: alle Kinder aller Generationen sind neugierig und experimentierfreudig. So lange, bis sie daran gehindert oder bestraft werden. Die heutige junge Generation ist liberaler aufgewachsen und ist noch nicht resigniert.

Das Lernen von den Jungen funktioniert dann, wenn wir es unterlassen, sie in unsere festgefahrenen Unternehmensstrukturen hineinzuzwingen und stattdessen uns selbst mehr geistige Freiheit erlauben. Und das wiederum beginnt mit einer veränderten "inneren Haltung zu…".

Vieles können alle gemeinsam lernen. Vorneweg die Kommunikation und Team-Arbeit, denn hier besteht sowohl bei jungen Menschen als auch generell in vielen Unternehmen ein großer Verbesserungsbedarf.

Der Verstand braucht den freien Geist

Neben der veränderten inneren Haltung brauchen wir für unseren Verstand eine Hilfestellung, die es ihm ermöglicht, über die rein technokratische Beurteilung hinaus etwas zu begreifen. Gefragt ist eine andere Sicht auf die Dinge, ein Verknüpfen der intellektuellen Beurteilung mit der Freiheit des Geistes und der Phantasie. Diese kann etwas Vorhandenes völlig abseits der ursprünglichen Bedeutung anwenden.

Wahrnehmung und Intuition fördern hierbei das 'Erfassen' des Ganzen. Dies ist das Denken und Handeln der Visionäre und der Künstler. Darüber habe ich bereits in meinen Kolumnen zum Agilen Arbeiten geschrieben. Den jungen Erwachsenen wird das leichter fallen, weil sie bereits mit rasanten technischen Veränderungen aufgewachsen sind.

Die innere Haltung und den Geist in Unternehmen zu öffnen und Ängste abzubauen, wäre ein Schritt, die Türen für die junge Generation weit zu öffnen und gleichzeitig als Unternehmen davon zu profitieren. hei

Business-Coach Amanda Pur. Bild: Pur

Amanda Pur ist Business-Coach, Dipl.-Finanzwirtin, Lehrbeauftragte, Sängerin, Schauspielerin, Autorin und Regisseurin. Sie bringt Kunst + Wirtschaft für Seminare, Trainings, Coachings und interaktive Vorträge zusammen.

Haupt-Themen: Kommunikation + Botschaft, 4.0-Themen, Ausstrahlung in 5 Minuten optimieren, Stressabbau. Vor ihrer Gesangs- und Schauspiel-Ausbildung an der Berliner Hochschule für Musik war sie als Managerin und IT-Spezialistin in großen Konzernen tätig.