Tim Cole bei Rittal, Bild: Rittal

Tim Cole: „Deutsche Unternehmen brauchen mehr Mut in der digitalen Transformation.“ Bild: Rittal

„Die digitale Transformation läuft in Deutschland noch lange nicht so gut, wie sie könnte und sollte“, sagte Buchautor und Blogger Tim Cole. Zwar seien viele Prozesse und Informationen bereits digitalisiert, sie könnten aber häufig nicht gefunden werden.

Der Grund dafür liegt nach Aussage des Deutsch-Amerikaners in der mangelnden Vernetzung. Zu oft gebe es „Silos“ mit Informationen, auf die beispielsweise nur das Marketing zugreifen kann, nicht aber der Vertrieb, weil eine Schnittstelle für die Daten nicht vorgesehen ist. Eine der größten Aufgaben von Unternehmen für die nächsten zehn bis 15 Jahre sei es daher, „die Vernetzung zu Ende zu führen und digitale Inseln miteinander zu verbinden“.

Deutschland hinkt hinterher

Besonders bei der Digitalisierung und Vernetzung der Produktion hinge Deutschland weit zurück, analysierte Cole weiter. Industrie 4.0 oder „Industrial Internet of Things“ stelle die Wirtschaft vor große Herausforderungen: „Mit den Datenmengen, die die Sensoren in ‚Smart Factories‘ auswerfen, ist die IT häufig noch überfordert.“, erläuterte der Internet-Publizist.

Dabei sollten Unternehmen, so empfiehlt Cole, ihre eigenen Daten als Teil des Firmenvermögens verstehen und aus ihnen Aussagen für die Zukunft ziehen. Wem es gelinge, Verknüpfungen zwischen scheinbar nicht verbundenen Daten herzustellen, könne mit Methoden der Predictive Analysis zukünftige Ereignisse vorhersagen: „Dann generiert das Triebwerk eines Flugzeugs, bevor es defekt ist, eine Systemmeldung, dass es gewartet werden muss.“

Auf die Frage, welche einzelne Maßnahme die dringlichste Veränderung für die deutsche Wirtschaft wäre, hielt Cole ein Plädoyer für mehr Mut. Im Vergleich zur amerikanischen Wirtschaft habe er den Eindruck, dass es deutschen Unternehmen an ausreichend Mut fehle.

Diskussion über Wandel der Datacenter-Technik

Nach dem Impulsvortrag von Tim Cole diskutierten die Teilnehmer der Rittal Praxistage IT in vier Workshops mit Branchenexperten, wie sich der Wandel der Datacenter-Technologie auf die Praxis im Unternehmen auswirkt.

So knüpfte Dr. Sebastian Ritz, Gründer und Geschäftsführer der iNNOVO Cloud, an die Ausführungen des Keynote-Sprechers an: „Wenn wir uns die Rechenzentren in Deutschland anschauen, sind wir heute noch nicht ausreichend auf Smart Factories, Smart Cities oder Smart Science vorbereitet.“

95 Prozent der Rechenzentren in Deutschland seien kleiner als 100 Quadratmeter. Sieben von zehn Unternehmen nutzten immer noch ein eigenes Rechenzentrum und nicht Colocation- oder Cloud-Ressourcen. Dabei würde die Auslastung unternehmenseigener Kapazitäten von lediglich 30 Prozent dafür sprechen, Hybrid-Modellen den Vorzug zu geben.

„Die digitale Transformation wird für den Mittelständler kommerziell beherrschbar, wenn man ihm Datacenter-Ressourcen anbietet, die er mieten kann“, so Ritz weiter.

Auch Ralf Eberhardt von Cisco Systems stellte das Trendthema in den Vordergrund seines Workshops. Er zeigte den Teilnehmern auf, wie sie den Weg in die private Cloud gestalten können.

Laut einer Studie von 451 Research ist ein signifikanter Rückgang bei der Nutzung von Non-Cloud-Ressourcen in den nächsten zwei Jahren zu erwarten.

Für 2018 prognostiziert die Studie, dass bereits 60 Prozent der Unternehmen eine Rechenzentrum-Umgebung in der Cloud setzen werden. Von ihnen werden demnach Dreiviertel mit externen Cloud-Providern arbeiten.

Rechenzentrum-Norm als ganzheitlicher Ansatz

In weiteren Workshops stellte Joachim Faulhaber von TÜV IT die Rechenzentrum-Norm EN50600 als ganzheitlichen Ansatz für alle Parteien vor, die Datacenter planen, beschaffen oder integrieren.

Die Norm gibt Empfehlungen zum Design und Betrieb von Datacentern ab und eignet sich auch, im Zusammenspiel mit dem TSI-Prüfkatalog, als Kriterium für die Zertifizierung von Rechenzentren.

Zudem führte Gerald Fritzen von Janitza electronics auf, welche Anforderungen an eine permanente Überprüfung der elektrischen Hochverfügbarkeit und Sicherheit im Rechenzentrum gestellt werden müssen. hei