Britische Flagge, Bild: Pixabay.com

Die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie muss sich nach dem Brexit neu orientieren. Die Messe AMB bietet dafür wichtige Impulse. Bild: Pixabay.com

Herr Dr. Schäfer, was bedeutet der Brexit für den deutschen Werkzeugmaschinenbau?
Politisch ist das Votum der Briten für den EU-Austritt ein Schock. Es führt zu allgemeiner Verunsicherung der europäischen Wirtschaft und Vertrauensverlust bei den internationalen Geschäftspartnern. Es wird jetzt maßgeblich darauf ankommen, wie der weitere Fahrplan aussieht und wie schnell es der Politik gelingt, Märkte und Investoren zu beruhigen. Davon hängt teilweise auch ab, ob die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie ihr Produktionswachstum von einem Prozent im laufenden Jahr realisieren kann.

Im vergangenen Jahr stand Großbritannien mit einem Volumen von rund 313 Mllionen Euro auf Platz 11 der wichtigsten Märkte für die Branche. Sorgen bereitet auch der reibungslose Waren- und Leistungsaustausch zwischen deutschen Herstellern und ihren britischen Tochterunternehmen. Im Vertrauen auf stabile Rahmenbedingungen haben etliche Unternehmen auf der Insel investiert. Unter welchen Bedingungen ihr Geschäftsmodell künftig funktioniert, ist bislang noch völlig unklar.

Dr. Wilfried Schäfer, Bild: VDW
Dr. Wilfried Schäfer, Geschäftsführer des VDW. Bild: VDW

Wo liegen jenseits des Brexit die größten Herausforderungen und Chancen für die Werkzeugmaschinenhersteller?
Die Werkzeugmaschinenindustrie hat sehr gute Voraussetzungen, alle anstehenden Herausforderungen zu meistern. Mit rund 70 Prozent Exportanteil ist sie weltweit so gut aufgestellt, dass sie eine steigende Nachfrage überall schnell befriedigen kann. Das ist auch notwendig, weil angesichts der Umbrüche in vielen Märkten und der schwachen chinesischen Nachfrage neue Wachstumsmärkte identifiziert und nachhaltig bearbeitet werden müssen.

Ich denke beispielsweise an die Asean-Region, Indien, Mexiko oder den Iran. Eine weitere Herausforderung besteht darin, aus den Potenzialen der Vernetzung in den Unternehmen neue Angebote zu generieren, um den technischen Wettbewerbsvorsprung bei den Maschinen anzureichern. Mit dem dichten Netz an Forschungseinrichtungen und kompetenten Partnern bei Zulieferern und Kunden bestehen jedoch die besten Bedingungen, unseren technischen Führungsanspruch bei Maschinen und Technologien, angereichert um neue Services und Dienstleistungen, auch künftig zu behaupten.

Wesentliche Rahmenbedingungen steckt ja die Politik. Wie kann sie die Branche unterstützen?
Für die mittelständischen Werkzeugmaschinenhersteller wäre es hilfreich, wenn die öffentliche Forschungsförderung ausgebaut würde. Derzeit besteht eine Lücke in der Förderung größerer Mittelständler zwischen 500 und 2000 Mitarbeitern, wie sie in der Werkzeugmaschinenindustrie typisch sind. Sie fallen nicht unter die Mittelstandsdefinition der EU und daher durch das Raster sämtlicher Programme. Ein weiteres Problemfeld behindert die Branche vielfach in ihren Exportgeschäften, die Exportkontrolle.

Aktuell wurden die Regelungen im Bereich der konventionellen Rüstung, dem so genannten Wassenaar-Arrangement, der industriellen Realität angepasst. 5-Achs-Maschinen wurden aus der Liste genehmigungspflichtiger Maschinen herausgenommen, weil sie in vielen Ländern hergestellt werden und problemlos zu beziehen sind. Allerdings besteht noch kein Konsens darin, ob dies auch auf die Nukleartechnik, in der so genannten NSG- oder Nuclear Suppliers Group übernommen wird. Eine einheitliche wirtschaftsfreundliche Regelung wäre für unsere Branche jedoch eine erhebliche Entbürokratisierung. Gelingt dies nicht, steigt der administrative Aufwand der Firmen stark an.

Wie steht Ihr Verband zu den in der Öffentlichkeit umstrittenen Handelsabkommen CETA und TTIP - Chance oder Gefahr?
Bilaterale Handelsabkommen haben auch in der Vergangenheit schon gezeigt, dass die Geschäfte zwischen den beteiligten Ländern enorm in Schwung kommen, Beispiel Südkorea. Die USA sind unser zweitwichtigster Markt. Kanada hat ebenfalls Potenzial. Angesichts der aktuell schwierigen Konjunkturlage können positive Impulse, wie sie von TTIP oder von CETA zweifelsfrei ausgehen, nur hilfreich sein.

Vor diesem Hintergrund: Wo steht der Werkzeugmaschinenbau Ihrer Meinung in fünf oder zehn Jahren, kann er seine führende Rolle verteidigen?
Wir sind sehr optimistisch, dass die Branche ihre Führungsrolle halten und ausbauen kann. Voraussetzungen sind u. a. kontinuierliche Anstrengungen in Forschung und Entwicklung und die nachhaltige Marktbearbeitung von Wachstumsmärkten.

Welche Impulse erwarten Sie von der AMB 2016, wo werden die Ausstellungsschwerpunkte Ihrer Verbandsmitglieder liegen?
Die AMB bietet in den geraden Jahren ihren Besuchern eine ideale Plattform, um Investitionen in Produktionstechnik vorzubereiten. Von der kommenden AMB erwarten wir Aufschluss darüber, wie es mit der Investitionsbereitschaft in Deutschland und Europa für den Rest des Jahres bestellt ist.

Über die AMB

Zur AMB 2016 in Stuttgart werden vom 13. bis 17. September mehr als 90.000 Fachbesucher und über 1300 Aussteller erwartet. Sie zeigen auf rund 105.000 Bruttoquadratmetern Innovationen und Weiterentwicklungen für spanende und abtragende Werkzeugmaschinen, Präzisionswerkzeuge, Messtechnik und Qualitätssicherung, Roboter, Werkstück- und Werkzeughandhabungstechnik, Industrial Software & Engineering, Bauteile, Baugruppen und Zubehör. Unterstützt wird die AMB 2016 von den ideellen Trägerverbänden VDMA Fachverband Präzisionswerkzeuge, VDMA Fachverband Software und Digitalisierung sowie VDW Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken.