Das vereinbarte Treffen mit Max war ins Wasser gefallen. Max musste kurzfristig ihren Chef zum Hauptinvestor der Firma nach China begleiten. Die Finanzierung des neuen Entwicklungs- und Produktionsgebäudes, dessen Spatenstich im Norden von Las Vegas erst kürzlich erfolgt war, stand auf der Kippe. Es ging um Millionen staatlicher Subventionen, die es zu sichern galt und mit denen man sich als Gegenspieler zu Tesla positionieren wollte. Max hatte aber versprochen, einige ihrer Kontakte anzurufen, ob sie auch ohne ihre Anwesenheit zu einem Treffen bereit wären. Benedikt versuchte, etwas zu schlafen. Er erwartete nicht, dass sich innerhalb der nächsten Stunde viel tun würde.

Plötzlich schreckte er hoch. Er konnte nicht sagen, was ihn geweckt hatte. Außer dem leisen Summen der Klimaanlage war nichts zu hören. Durch die dicken Thermofenster drang kein Laut der fünf Stockwerke unter ihm vorbeifahrenden Autos hoch. Er fühlte sich immer noch wie gerädert. Die Nachricht auf seinem Handy half nicht, um seine Stimmung zu heben. Max hatte zwei Absagen bekommen und wartete noch auf Antwort eines dritten Kontakts, den sie jedoch als sehr unzuverlässig beschrieb. Benedikt fühlte sich, als würde das Pech an ihm hängen wie Federn am Teer. Doch Trübsal blasen half nicht weiter. Immerhin war er in Las Vegas und seine Software konnte einen Tag ohne Programmierung auskommen. Er stand auf und duschte ausgiebig. Der Geruch der Limetten-Kokosnuss-Seife vertrieb seine Niedergeschlagenheit. Wenn er schon in der glitzernden Welt des Glückspiels war, dann würde er sich wenigstens den Strip ansehen. Außerdem hatte er Hunger.

 

Wüstenregion rund um Las Vegas
Wasser ist knapp in der Wüstenregion rund um Las Vegas.

Das Hotel lag etwa vier Blocks vom lebendigen Treiben des Las Vegas Boulevards entfernt. An der gegenüberliegenden Straßenecke lockte vermeintliche bayerische Gemütlichkeit, doch Vegetarier wie er würden dort nicht viel zu essen finden. Außerdem bevorzugte er das heimische Original, selbst wenn hier das Bier aus Bayern eingeflogen wurde. Die Bewegung tat ihm gut und die Hitze hatte ein wenig nachgelassen. Auf dem Strip ließ er sich in dem Strom von ausgelassenen Touristen Richtung Norden treiben. Unterwegs kaufte er sich einen Spinat-Käse-Wrap und Vitaminwasser, was er hungrig auf einer Bank vor dem Eiffelturm verschlang. Gegenüber am Bellagio versammelte sich bereits eine Menschenmenge. Er schloss sich an, um das Wasserspektakel zu genießen. Fast jeder Zweite filmte mit seinem Handy.

Die Show war auch beeindruckend. Wie viel Geld wurde allein dafür ausgegeben? Die Einstellung von 1200 Wasserdüsen musste mit 4500 Lichtern synchronisiert werden. Sicher konnte das Bellagio eine ganze Riege von Programmierern und Designern beauftragen, die immer wieder neue Varianten entwickelten. Wenn er doch nur einen Bruchteil von deren Budget hätte. Hunderttausend würden ihm fürs Erste reichen. Vielleicht sollte er sich an einen der Spieltische setzen? Wenn sich seine Mathematikkenntnisse nur mit einem Quentchen Glück paaren ließen, um die gesetzten Gewinnchancen auszuhebeln. War er schon so verzweifelt? Nein, entschied er. Bei dem herrlichen Wetter zog ihn nichts in das Innere der Casinos. Er ging weiter. Die Piratenshow des Treasure Island einige Blocks weiter nördlich schien es nicht mehr zu geben und der Anblick des Stratosphere von weitem genügte ihm. Er wechselte die Seite und machte kehrt, denn das weltberühmte Willkommensschild am anderen Ende des Strips wollte er an seinem ersten Tag unbedingt noch sehen.

Am Venetian blieb er für einige Augenblicke auf der Rialto-Brücke stehen und sah den Gondeln zu, wie sie im Inneren verschwanden. Ein Mann hinter ihm fluchte. Die Erregung war deutlich in seiner Stimme zu hören. Emotionen wie diese, aber auch Gleichgültigkeit, Langeweile oder Aufregung, konnte Benedikt mit seinem System bereits in Grundzügen erkennen. Selbst den Grad an Traurigkeit, Freude oder Aggression. Allerdings gab es je nach Land, ethnischer Herkunft, Alter und Geschlecht große Unterschiede. Ganz zu schweigen von Akzent oder Dialekt. Um all diese Facetten eindeutig zu identifizieren, brauchte man eine riesige Datenbank mit Millionen von Stimmmustern. Interpol erhielt gerade von der EU eine satte Förderung, um eine globale Stimmdatenbank aufzubauen. Aber Interpol als Partner war für ihn momentan eine Nummer zu groß. Außerdem ging es denen um die Identifizierung von Personen, ihm um deren Emotion. Das war datenschutzrechtlich ein riesiger Unterschied. Wie sollte er so eine Datenbank nur aufbauen?

Auf einmal entdeckte er in einer der Gondeln das Pärchen, das morgens so fröhlich neben ihm am Gepäckband des Flughafens gestanden hatte. Die junge Frau mit ihrem großen, schwarz-weißen Hut und dunkler Sonnenbrille hätte einem Spielfilm mit Sophie Loren entsprungen sein können. In der Hand hielt sie ein Glas Wein. Sie sah nicht aus, als ob sie sich große Sorgen um ihre Zukunft machte. Ihr Mann auch nicht. Sie genossen beide einfach den Moment. Gerne würde er mit ihnen tauschen. Bei der Stimmanalyse gab es noch einen weiteren Punkt: zu erkennen, wie eine Person über das Gesprochene dachte. Benedikt fiel sein italienischer Kumpel ein. Wenn dieser mit seiner Mutter telefonierte, schienen sie sich immer bis aufs Blut zu streiten. Aber der Schein trügte.

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Red Rock Canyo
Wird sich am Red Rock Canyon alles zum Guten wenden?