Kollaboration an sich ist nicht das Maß der Dinge in der Robotik, eine Koexistenz von Mensch und Roboter sieht man bei Festo als sinnvoller an. Der Roboter wird in der Vision des Unternehmens zum Wanderarbeiter, der von Station zu Station „wandert“ um dort zu arbeiten, wo er gerade benötigt wird.

Simon Brugger, Bild: ke NEXT / jl
Simon Brugger, bei Festo verantwortlich für das Thema HR und Digitalisierung. Auf dem Shopfloor zählen eben nicht nur technologische, sondern auch menschengerechte Entwicklungen. Bild: ke NEXT / jl

Vorweg: Wie sind Sie vorgegangen, um Ihren Mitarbeitern zu vermitteln, dass sie mit Robotern zusammenarbeiten sollen?

Brugger: Wir versuchen, einen partizipativen Ansatz zu fahren. Wir sind zu den Mitarbeitern hingegangen und haben sie gefragt: Welchen Arbeitsplatz könntet ihr euch vorstellen, mit einem Roboter zu besetzen? Und dann kam tatsächlich der Arbeitsplatz raus, an dem Uschi jetzt arbeitet. Da wir nicht alle Mitarbeiter einbeziehen konnten, haben wir Einzelne ausgewählt, bei denen wir das Gefühl haben, dass es gute Kommunikatoren sind, die die Ergebnisse der Verhandlungen und die technologischen Abwägungen in die Mannschaft tragen. Das hat bei Uschi gut funktioniert: Die Akzeptanz war bei den Kollegen durch die Partizipation groß.

Aber hatten die Kollegen nicht auch Bedenken? Was waren ihre Fragen an Sie?

Brugger: Während des Implementierungsprozesses kamen Fragen auf, wie: Was passiert mit dem Mitarbeiter, der bisher an diesem Arbeitsplatz stand, wo geht er hin? Oder: Was muss ich mit dem Roboter machen? Muss ich dafür qualifiziert werden? Kann ich das überhaupt? Natürlich, solche Ängste treten auf. Aber wir haben immer eine Antwort finden können, da es bei Festo Usus ist, die Mitarbeiter dann an einer anderen Stelle einzusetzen.

Jetzt wollen Sie im Rahmen des Forschungsprojektes Ariz (Arbeiten in der Fabrik der Zukunft) einen Schritt weitergehen.

Brugger: Wir gehen von der Haltung des Prosumenten aus: Wenn sehr individuelle Produkte bestellt werden – und da ist Festo ein super Beispiel für, denn alleine bei den Ventilinseln können wir 1040 Varianten generieren – dann bin ich froh, wenn ich Produktionsprozesse habe, die wandlungsfähig sind. Und so kommen wir ganz einfach von der Konsumentenhaltung zu einer Produktionsveränderung. Dafür muss eine Fabrik wandlungsfähig sein, ich muss Kapazitäten hoch und auch flexibel wieder runterfahren können. Wir haben hier in Scharnhausen teilweise hohe Auftragsschwankungen. Die liegen bei bis zu +/- 30 Prozent an einem Tag.

Stand heute ist unser kooperierender Roboter jedoch fest am Boden fixiert. Er hat genau eine Aufgabe. Wenn wir dort etwas an der Konstruktion verändern – auch technologisch gesehen – dann muss die Berufsgenossenschaft neu zertifizieren. Das heißt: Aktuell ist der Roboter Null flexibel.

Das Forschungsprojekt Ariz ist letztes Jahr im September gestartet und generell geht es darum, zu erforschen, wie eine sichere Mensch-Maschine-Kooperation als wirtschaftlicher, flexibler und wandlungsfähiger Produktionsassistent entwickelt werden kann sowie daraus die Qualifizierungsbedarfe der Mitarbeiter abzuleiten. Parallel zu dem Forschungsprojekt gibt es einen Fast Track, also die anwendungsbezogene schnelle Umsetzung der wissenschaftlichen Erkenntnisse. Und da denken wir gerade in einem Szenario eines Wanderarbeiters.

Riemensperger: Das Konzept zielt auf kleinere Losgrößen ab. Wenn man ein Auftragsvolumen von 20.000 im Jahr in Kalenderwochen unterteilt, sind die Losgrößen so klein, dass man heute relativ schnell sagen würde, dass sich der Robotereinsatz nicht lohnt. Es sei denn, ich kann diese Maschine – sagen wir mal – am Vormittag am Arbeitsplatz 32/11 einsetzen und am Mittag kommt ein Kollege und sagt, er benötigt ihn jetzt auf Arbeitsplatz 35/12.

Die Losgrößen sind damit immer noch nicht größer geworden. Aber dadurch, dass wir den Roboter durchreichen können, wird es interessant: Am Ende vom Tag war der Roboter den ganzen Tag im Werk für uns im Einsatz, aber immer an kleinen Losgrößen – und das ist der Benefit, das ist unsere Strategie.

Ralf Riemensperger, Bild: ke NEXT / jl
Ralf Riemensperger, Leiter Technologiemanagement. Er ist zuständig für alles, was sich im Werk Scharnhausen um Automatisierung dreht. Sein derzeitiges Ziel: den Roboter als Wanderarbeiter fit zu machen. Bild: ke NEXT / jl

Was muss der Roboter dafür können?

Riemensperger: Zunächst müssen wir dieses digitale Werkzeug so fit machen, dass es auch auf Shopfloor-Ebene beherrscht werden kann, ohne einen Spezialisten zwischenschalten zu müssen. Ein Highend-Gerät muss einem ganz normalen Operator unterstellt werden können – und ich sage ganz bewusst unterstellen. Dieser ist in der Lage einen Roboter an eine Position – sprich eine Maschine – zu schieben und schnell ein Programm aufzurufen damit der Roboter eine bestimmte Aufgabe übernimmt. Wenn diese Aufgabe erledigt ist, dann zieht der Operator den Wanderarbeiter auf eine andere Position, wo er eine neue Aufgabe verrichtet.

Dabei soll er nicht programmieren müssen, denn selbst, wenn er es könnte, ist die Sicherheitsfrage so nicht geklärt. Das bedeutet ein Roboter, der in sich sicher ist, würde unsicher werden. Bei unserem Konzept geht es lediglich um eine Wiederinbetriebnahme. Da sind wir gerade dran zu überlegen, wie könnte so eine Plattform aussehen? Als Vorbild greifen wir auf das Smartphone zurück. Ich sage immer, wenn jemand aus der Fabrik rausläuft, ist das erste, was er macht, in seine Tasche zu greifen und sein Smartphone herauszuholen. In dieser Welt muss er sich wiederfinden.

Das zweite ist natürlich das Thema Schnittstellen. Wenn ein Roboter einen Prüfautomaten automatisieren soll, dann muss der Prüfautomat mit dem Roboter kommunizieren können. Wenn der gleiche Roboter am Nachmittag mit einem Bearbeitungszentrum kommunizieren soll, dann findet er dort ganz andere Schnittstellen vor. Und diese Thematik, die ist heute noch nicht gelöst, die muss man angehen. Eine Universalschnittstelle – ähnlich einer USB-Schnittstelle – die muss erst einmal entwickelt werden.

Woran arbeiten Sie aktuell noch?

Riemensperger: Derzeit ist der Roboter, den wir nutzen ein Apas von Bosch, den wir jetzt mit unserer digitalen Ventilinsel Motion Terminal kombinieren. Dadurch können wir per Software-Umrüstung jeden Arbeitsplatz so ertüchtigen, wie wir ihn brauchen; ohne, dass wir jeden Arbeitsplatz mit einer eigenen Insel ausrüsten müssen.

Ein interessantes Konzept. Wie wird es sich auf die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Roboter auswirken?

Brugger: Heute haben wir noch einen relativ geringen Grad an Interaktion zwischen Roboter und Mensch. Ich glaube aber, dass wir durch das Konzept des Wanderarbeiters zukünftig eine größere Durchdringung der MRK haben werden. Der Entwicklung kann sich niemand entziehen, es ist nur die Frage je nach Anwendungsfall, ob es Sinn macht, eine direkte Kooperation anzustreben, und das auch dauerhaft. Oder ob es eben mehr Sinn macht, den Roboter nur temporär an einer Stelle einzusetzen.

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