Im Test: Elektro-Dreirad Klimax 5k für Spaßfahrer und Berufspendler 1

Beim Thema Elektromobilität scheint sich die westliche Welt voll auf Pkw und Größeres zu konzentrieren. Und so saust man mit pfiffigen Lösungen wie dem E-Dreirad schnell einmal unter dem Radar durch. Unter dem der Politiker ebenso wie unter dem der anderen Autofahrer. Zu Unrecht, wie ein Test zeigt.
32, 1, grün! Ich trete kräftig in die Pedale. Gleichzeitig drehe ich am linken Lenkergriff. Der 500-Watt-Motor an der Vorderachse unterstützt die Beschleunigung. Nicht brachial, aber merklich. Ein Blick in den großen Rückspiegel zeigt verunsicherte Autofahrer: Wie schnell wird die komische Kiste denn noch? Am rechten Lenkergriff bediene ich die Achtgang-Nabenschaltung, schalte hoch und erreiche zügig eine Geschwindigkeit von rund 45 km/h. Der Autofahrer, der mich überholen wollte, hat es sich anders überlegt. Cool. Ich schwimme im Straßenverkehr mit wie ein Großer.

Die 8-Gang-Nabenschaltung wird über einen Drehgriff am Lenker bedient und überträgt die Kraft über eine zweite Kette auf die Antriebsachse.

So ganz wohl fühle ich mich in meinem Flitzer anfangs dennoch nicht. Das liegt daran, dass mein Hintern keinen halben Meter über der Fahrbahn dahinrauscht und die Oberkante meines Kopfes die 150 cm nicht übersteigt. Wo ich als Radfahrer aus zwei Meter Höhe den Verkehr überblicke und wenigstens die Illusion habe, gesehen zu werden, liege ich in meinem Test-Dreirad gefühlt unter dem Radar aller anderen Verkehrsteilnehmer. Spontan wünsche ich mir eines jener Fähnchen ans Heck, die ich meinen Kindern auch schon an ihre Fahrräder montiert habe. Den TÜV-Vorschriften sei Dank hat das flotte Dreirad eine kräftige Hupe und eine sehr gute Lichtanlage, die ich vorsichtshalber immer an habe.
Apropos Radar: In einer Zone 30 entdecke ich das Radar der Polizei gerade rechtzeitig. Ein Blick auf den Bordcomputer:
37 km/h. Es ist schiere Psychologie, dass man nicht glauben möchte, wie schnell man schnell wird mit dem Klimax 5k. Doch wie vieles ist es eine Sache der Gewohnheit. Schon nach einigen Tagen ist der Blick auf den Tacho automatisiert, und das Tempo im Griff.

Das Cockpit zwischen den Beinen. Unten eine einfache Anzeige von Ladezustand und Geschwindigkeit, oben ein Fahrradcomputer.

Ein Dreirad für Profis

Das Klimax 5k von Hase Spezialräder in Waltrop ist eindeutig mehr als ein Fahrrad. Das beginnt schon damit, dass es drei Räder hat. Es ist ein schmales, schnittiges Gefährt, ähnlich jenen Liegerädern, die Individualisten gerne benutzen, und bei denen ich mich immer frage, warum sie nicht umfallen. Immerhin, das Klimax hat ein Rad mehr und das Umfallen ist kein Problem – selbst wenn man es mit den Kurvengeschwindigkeiten übertreibt, neigt es zum Driften statt zum Kippen. Das pedalbetriebene Dreirad hat einen in der Länge unterschiedlichen Körpergrößen anpassbaren Aluminiumrahmen. Die beiden Hinterräder weisen einen deutlich negativen Sturz auf, der die Straßenlage bei Kurvenfahrt erkennbar verbessert, und das einzelne Frontrad wird über einen unter den Oberschenkeln befindlichen Lenker über eine Schubstange angesteuert.

Was das Gerät über ein normales Dreirad hinaushebt ist die Tatsache, dass es einen Elektromotor hat, zusätzlich zu seinen Pedalen. Es gibt das Klimax in einer klassischen Pedelec-Version mit 180-Watt-Motor, Modell 2k. Da fährt es maximal 25 km/h und der E-Motor wird über die Tretkurbel gesteuert. Man muss also immer treten, um voran zu kommen. In dieser Version hat das Klimax sogar den Eurobike Green Award 2010 gewonnen. Der größere Bruder Klimax 5k ist, wie man so schön sagt, „a different animal“. Der 500-Watt-Motor im Vorderrad wird wie bei einem Motorrad per Drehgriff am Lenker angesteuert. Damit ist das Fahren auch ohne jegliches Treten möglich, vom Anfahren bis zur Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h. Aufgrund der hohen Geschwindigkeit und der Selbstfahrfähigkeit braucht das Klimax 5k ein Versicherungskennzeichen wie ein Mofa. Kosten: zirka 70 Euro im Jahr.
Die Fahreigenschaften sind spektakulär. Der Wendekreis ist sehr eng und das Kurvenverhalten macht richtig Spaß, wenn man sich an die Grenzen einmal vorsichtig herangetastet hat.

Technik im Detail
Hase Bikes Klimax 5k
Gesamtlänge: 160 bis 205 cm
(ohne Vorderrad 137 cm)
Gesamtbreite: 86 cm
Sitzhöhe: 46 cm
Tretlagerhöhe: 47 cm
Gesamthöhe inkl. Verdeck: 107 cm
Wendekreis: links 3,30 m, rechts 3,50 m (bei mittlerer Größen­einstellung)
Radstand: 116 bis 162 cm
Gewicht: 37,5 kg
Motor: Bürsten- und getriebelos, 500 W Dauerleistung, 48 V DC,
35 Nm Anfahrdrehmoment,
TÜV-Zulassung für Deutschland
Batterie: Lithium-Mangan-Festzellen, 13 seriell, 5 parallel, 11,25 Ah, 540 Wh, 48 V, Ladezyklen 500-800, Ladezeit 2,5 Sunden
Bremse: Scheibenbremsen vorne und hinten, hinten hydraulisch gekoppelt, vorne zusätzlich Rekuperationsbremse durch den Motor

Der Motor. Durch die Rekuperation von Bremsenergie wird nicht nur die Batterie geladen, sondern auch die Bremse geschont.

Optimierte Antriebstechnik

All das liegt zu einem guten Teil auch an der ausgeklügelten Antriebs- und Steuerungstechnik. Damit meine ich jetzt nicht meine Beine… Der Radnabenmotor Marke Crystalyte ist bürsten- und getriebelos und damit weitestgehend verschleiß- und wartungsfrei. Er arbeitet mit 48 V Betriebsspannung und liefert eine Dauerleistung von 500 W. Das maximale Drehmoment beim Anfahren liegt bei 35 Nm, und die Drehzahl wird elektronisch bei 609 U/min abgeregelt – sonst würde das Klimax mit seinen 20-Zoll-Rädern die zugelassenen 45 km/h übersteigen. Hallsensoren sorgen zusammen mit der Motorsteuerung für sanftes Anfahren, die Traktion an der leichten Vorderachse käme sonst leicht an ihre Grenzen.
Überhaupt kommt der Steuerungseinheit eine wichtige Rolle zu. Sie ist bis zu einer Leistung von 1,5 kW ausgelegt und regelt die Betriebsspannung bis 48 V. Im Vorwärtsbetrieb bietet sie zwei Stufen mit unterschiedlichen Drehmomentverläufen, zusätzlich einen Rückwärtsgang zum Rangieren. Sie steuert die Rekuperation, die aktiviert wird, sobald man am linken Bremshebel zieht. Dass die Steuerung zudem einen USB-Port als Spannungsversorgung für GPS-Geräte hat, ist ein nettes Gimmick.

Außerdem sorgt sie dafür, die Leistung bei leer werdendem Akku zu reduzieren. Das Motorsystem schaltet so nicht schlagartig ab, das erhöht die Reichweite und der Fahrer merkt den geringen Batteriestand an schlechteren Fahrleistungen. Falls der Akku doch mal leer gefahren wird, speist der Motor die Beleuchtung ab etwa 10 km/h. Sicherheit geht vor. Das gilt auch für den integrierten Überhitzungsschutz: Hohe Leistungsanforderungen, etwa lange steile Strecke bergauf bei hohen Temperaturen im Sommer, könnten zur Überhitzung des Systems führen. Um Schaden auszuschließen, wird die maximale Leistung in Abhängigkeit der Systemtemperatur zurückgefahren. Ein Unterspannungsschutz vermeidet auf der anderen Seite Beschädigung des Akkus.

Das Verdeck des Klimax 5k ist eine Art halber Regenschirm mit etwas stabilerem Bezug. Zum Ein- und Aussteigen kann man es (von beiden Seiten) am hinteren Schmutzfänger abklipsen und nach seitlich oben wegklappen. An sonnigen Tagen kann man das Verdeck auch gänzlich entfernen, bei Geschwindigkeiten jenseits der 30 km/h ist es aber sehr vorteilhaft, weil es einen großen Teil des Fahrtwindes über den Kopf hinwegleitet. Bei leichtem Regen reicht das sogar, um einigermaßen trocken zu bleiben.

Wird mitgetreten, reicht eine Akku-Ladung für etwa 40 Kilometer. In zweieinhalb Stunden an der Steckdose ist der wieder voll, was bei den heutigen Strompreisen etwa acht Cent kostet. Bis zu 800 Ladevorgänge sind laut Hasebikes möglich, was etwa 32.000 Kilometer mit einem Akku ermöglicht. Was man an Benzin, Versicherung und Steuer einspart, wenn man aufs Auto verzichtet, ist leicht auszurechnen. Ein Pappenstiel sind die 7490 Euro Kaufpreis nicht. Spaß macht die kleine Fahrmaschine aber trotzdem.

Autor: Wolfgang Kräußlich, Leitender Chefredakteur

Das denkt der Redakteur
Endlich ein Ansatz für neue Mobilität

Chefredakteur Wolfgang Kräußlich liebte es, Autofahrer zu verblüffen.

Das nenne ich mal einen neuen Ansatz für moderne Mobilität. Es reicht eben nicht, 1,5 Tonnen schwere Pkws mit Elektromotoren auszurüsten und zu denken, dass das dann klappt mit dem Ende der fossilen Brennstoffe in Fahrzeugen. Die elektrische Revolution wird kommen, daran glaube ich. Aber sie wird von unten kommen. 7500 Euro sind viel für ein nicht in allen Bereichen praxistaugliches Gefährt. Aber im Gegensatz zu den 24.000 Euro eines kaum nützlicheren Elektro-Smart sind sie wenigstens für eine breitere Masse erschwinglich.
Werde ich mir ein Klimax kaufen? Nein. Mein Weg zur Arbeit beträgt nur einen Kilometer, da komme ich auch mit dem normalen Fahrrad nicht ins Schwitzen und der Zeitvorteil ist aufgrund einiger Ampeln bestenfalls marginal. Außerdem habe ich eine Familie und würde gerne einmal wenigstens eine Person mitnehmen können. Aber wenn es so ein Gefährt für zwei Personen und mit Kofferraum groß genug für einen Kasten Bier gibt, dann kaufe ich eines. Selbst wenn es zum selber Treten ist und nur 45 km/h fährt. In meiner Stadt brauche ich meist nicht mehr, für weitere Strecken könnte ich ein Hybrid-Auto mieten.
Deshalb meine Bitte an Sie, liebe Leser: Konstruieren Sie derartige, neue Fahrzeuge. Entwickeln Sie intelligente neue Mobilität. Sie haben es in der Hand. Erfinden Sie Elektro-Rikschas, selbstfahrende Einkaufswagen mit Stehplatz oder Go-Karts mit Ladefläche. Sehen Sie es als weiteres Standbein neben Ihren sonstigen Maschinen. Unsere Zukunft hängt in hohem Maße davon ab, dass wir technische Lösungen für die Probleme unserer Zeit finden. Auf politische Lösungen brauchen wir nicht zu warten.