David L.H. Johansson, Bild: SKF

„Wir wollen unsere Kunden nicht mit Springfluten aus unüberschaubaren Daten konfrontieren, sondern mit Erkenntnissen versorgen.“ David L.H. Johansson, Direktor Geschäftsbereich Marine, SKF in Göteborg, Schweden

Herr Johansson, welchen Trend sehen Sie bezüglich Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung im deutschen Schiffbau?

Im Schiffbau haben einige Werften bereits damit begonnen, vermehrt Roboter einzusetzen. Das steigert definitiv die Produktivität. Für einen echten Vorreiter auf diesem Sektor halte ich beispielsweise Geoje Shipyard von Samsung Heavy Industries in Südkorea, weil deren automatisierte Produktionsrate bei etwa 68 Prozent liegt. Andere Länder wie Brasilien und China investieren ebenfalls erheblich in Automatisierung und Robotik für den Schiffbau. Diesem Trend wird sich manche deutsche Werft noch stärker anschließen müssen. Im Bereich des Schiffsbetriebs gewinnt das Automatische Identifikationssystem (AIS) an Bedeutung. Dabei handelt es sich um eine Art Satelliten-Navigationssystem, das es Reedereien ermöglicht, die Routen ihrer Schiffe zu optimieren. Außerdem versetzt es durch seine präzisen Echtzeit-Informationen die Kapitäne in die Lage, beispielsweise schwere Wetter zu umschiffen beziehungsweise in schwierigen Seegebieten sicher zu manövrieren.

Schiff, Bild: SKF
Strahlruder und Schiffsgetriebe müssen auf harte Einsatzbedingungen an Bord ausgelegt werden und mit mehreren Systemen kommunizieren können. Bild: SKF

Wie werden sich diese Systeme weiterentwickeln?

Langfristig werden solche Systeme vermutlich dazu beitragen, dass selbststeuernde Schiffe mit Hilfe von Sensordaten die Meere befahren und ihre Fracht womöglich ohne eine einzige Person an Bord transportieren. Das mag noch Zukunftsmusik sein, aber schon jetzt tragen digitale Lösungen dazu bei, die Wartung von Schiffen zu optimieren.

Wie beurteilen Sie die Optimierungspotenziale in der Wartung?

Um lange Ausfallzeiten, Umsatzeinbußen und Risiken für Gesundheit und Sicherheit zu minimieren, ist eine vorausschauende Instandhaltung von entscheidender Bedeutung. Hierfür bietet SKF diverse Zustandsüberwachungslösungen an, die permanent wichtige Leistungsparameter erfassen. Die dabei gewonnenen Daten kann unser kompaktes Multilog Onlinesystem IMx-8 bündeln und via Cloud weiterleiten. Dank der immer besseren Ship-to-Shore-Konnektivität erhalten unsere Zustandsüberwachungsexperten an Land die entsprechenden Sensordaten von hoher See in Echtzeit.

Zustandsüberwachungslösung,  Bild: SKF
Zustandsüberwachungslösungen unterstützen die vorausschauende Wartung und verringern Umsatzeinbußen durch Minimierung der Ausfallzeiten. Bild: SKF

Welche Maßnahmen erlauben die gesammelten Sensordaten?

Sollten die Experten in unseren Remote Diagnostic Centern Abweichungen von definierten Grenzwerten erkennen, benachrichtigen sie die Crew an Bord und empfehlen auf Wunsch auch Gegenmaßnahmen, bevor ein größerer Fehler auftritt. Dieses Verfahren spart Reedereien viel Zeit und Geld und reduziert das Risiko schwerer Unfälle. Darüber hinaus helfen intelligente Überwachungssysteme den Reedereien, immer strengere Öko-Vorschriften einzuhalten und schmerzhafte Bußgelder für Umweltsünden zu vermeiden.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Digitalisierung?

Im Zuge der Digitalisierung wachsen die gewonnenen Datensätze naturgemäß drastisch an und werden immer komplexer. Für den Anwender brauchen wir aber eine Vereinfachung dieser enormen Datenmengen: Die Essenz sämtlicher Informationen muss, quasi aufs Wesentliche komprimiert, in leicht verständlichen Dashboards dargestellt werden. Auf Seiten der Anbieter braucht es dazu beispielsweise Big Data Analytics oder auch Deep-Learning-Ansätze, die im Hinblick auf eine größere Effizienz sicher noch weiter ausgefeilt werden können.

Wie schnell sehen Sie den Fortschritt der Digitalisierung in den nächsten Jahren?

Im Moment gibt es große Unterschiede, was die Verwendungsmöglichkeit und Konnektivität der neuen Technik in Bezug auf verschiedene Sub-Segmente im Schiffbau anbelangt. Einige Bereiche werden die Entwicklung und Implementierung der Digitaltechnik sicher schneller vorantreiben als andere. Wie zügig und erfolgreich sich die Digitalisierung durchsetzt, hängt auch von Faktoren wie dem Schiffstyp, der Handelsroute, dem Eigner, dem durchschnittlichen Flottenalter, der Konnektivität und der jeweiligen Unternehmensstrategie ab. Nicht zuletzt müssen auch noch Herausforderungen in punkto Standardisierung gemeistert werden, etwa von Sub- und Automatisierungssystemen unterschiedlicher Hersteller.