Antriebstechnik in Fahrgeschäften 1

Ein Spaziergang über den Augsburger Osterplärrer:
Nein, mit dem Oktoberfest in München ist der Augsburger Plärrer nicht vergleichbar. Doch pure Größe ist nicht alles. Mittelklein aber fein ist das größte Volksfest des bayerischen Schwabens dennoch. Ein Osterspaziergang übers Festgelände förderte interessante Impressionen zu Tage – vor allem antriebstechnisch gesehen.

Es fällt auf dem Weg zum Festgelände nach Augsburg auf, dass kaum plakatiert ist. Vermutlich steht bei den Rummel-Interessierten das Fest schon lange im Terminkalender. Schwabens größtes Volksfest, nahe dem Stadtkern, öffnete vom 24. April bis 8. Mai 2011 wieder seine Pforten. Von Hightech- bis Nostalgiekarussellen, gepflegter Gastronomie mit Biergarten und Bierzelten, wird dem Besucher alles geboten. Die Wurzeln des Augsburger Plärrer lassen sich in der Geschichte der freien Reichsstadt länger als 1000 Jahre weit zurück verfolgen. Ursprünge waren die Dulten, welche auch heute noch gerne als Alternative zu den Kaufhäusern genutzt werden. Die Märkte unter freiem Himmel waren immer auch Bühne für Gaukler, Artisten, Zauberkünstler, Moritatensänger und Schießstandbetreiber.Weniger beliebt war der Lärm, der regelmäßig die Anwohner der heutigen Maxstraße um ihren Schlaf brachte. Nach Beschwerden entschloss man sich, das Geplärre von den Marktständen zu trennen. Als Platz bot sich der kleine Exerzierplatz vor den Toren Augsburgs an, wo bis heute zwei Mal im Jahr (im Frühjahr und Herbst) Attraktionen für Jung und Alt eine Menge Besucher anlocken.

Die Bierzelte, und somit auch die viel besungene Gemütlichkeit, kamen erst im Jahre 1927 auf den Plärrer. Bis 1926 galt noch das Alkoholverbot aus den Jahren des ersten Weltkrieges. Als zunächst der Ausschank von Heidelbeerwein genehmigt wurde, ging alles Schlag auf Schlag: Zuerst gab es eine Bierbude von Hasenbräu, und schon 1928 standen zwei Ausschank-Zelte zwischen den Buden der Schausteller. Inzwischen gehören die Bierzelte mit ihren gastronomischen Angeboten und dem stimmungsreichen Musikprogramm unweigerlich zum Plärrer-Erlebnis.
Etwa eine halbe Million Besucher nutzen die Gelegenheit, diese besondere Mischung aus Hightech-Fahrgeschäften, nostalgischen Schaustellerbetrieben sowie gepflegter Gastronomie neben Imbissgeschäften zu erleben. Das größtenteils umzäunte Gelände des kleinen Exerzierplatzes wird in der Region, außer bei offiziellen Adressangaben, ebenfalls nur als Plärrer bezeichnet. Es dient außerhalb der Volksfeste meist als kostenloser Parkplatz oder für andere Veranstaltungen. Weiterhin gastieren dort regelmäßig Wanderzirkusse. Die beiden stationären großen Festzelte werden gelegentlich für politische und Wahlkampfveranstaltungen genutzt. Zufrieden blickte Dieter Held am Eröffnungstag auf den vollen Biergarten vor dem Schaller-Festzelt. Denn dieser Plärrer-Start war so richtig nach dem Geschmack des Festwirts: „Der Start war überragend, es war einer meiner besten, wenn nicht der beste Plärrersonntag überhaupt.“ Diesen Satz dürften wohl die meisten Inhaber der insgesamt 86 Betriebe unterschreiben, die sich heuer auf dem Osterplärrer präsentierten.

Startschuss im wahrsten Sinne des Wortes war am 24. April. Der Auftakt hatte am Sonntagmittag begonnen, als drei Böllerschüsse in den weiß-blauen Himmel donnerten und den Beginn von Schwabens größtem Volksfest verkündeten. Zur gleichen Zeit trieb Bürgermeister Hermann Weber, der stellvertretend für den im Osterurlaub weilenden Oberbürgermeister Kurt Gribl den Fassanstich übernommen hatte, im Festzelt Binswanger mit nur drei Schlägen souverän den Zapfhahn ins erste Fass des diesjährigen Osterplärrers. Wesentlich mehr Adrenalin als der Fassanstich dürfte Weber die rasante Fahrt mit dem Euro Coaster gekostet haben – eine Schienenbahn mit hängenden Gondeln. Beim traditionellen Rundgang über den Festplatz nahm Weber in einer Gondel der Hängeachterbahn Platz und lernte so ein „ganz neues Gefühl“ kennen, wie er beeindruckt konstatierte. „Eine tolle, wenn auch ruppige Fahrt“, meinte Weber, als er wieder sicheren Boden unter den Füßen hatte.

Nervenkitzel pur garantiert das Rundfahrgeschäft Flipper. Die Fahrbahn wird hydraulisch bewegt.

Eine der Hauptattraktionen des Osterplärrers war sicherlich „Flipper“. Ein Rundfahrgeschäft, welches mit einer außergewöhnlichen Kombination von Drehung und der sich hydraulisch anhebenden Fahrbahn dem Fahrgast ein außergewöhnliches Fahrgefühl mit richtig viel Nervenkitzel vermittelt. Die rasante Fahrt mit schwingenden und rotierenden Gondeln bringt die meist jungen Passagiere in eine schwindelerregende Höhe von rund 14 Metern. Süffisant informiert in Kassennähe eine Leuchtschrift dem Interessierten, worauf er sich einlässt: „Der größte Flipper-Automat der Welt“.
Beobachtet man das Geschehen vor Ort, gelangt man unweigerlich zu dem Eindruck: Ziemlich rasant und wohl nichts für Menschen mit einem empfindlichen Magen. Einen empfindlichen Magen hat Emanuel Wolf aus dem rund 40 Kilometer südlich gelegenen Landsberg nach eigenem Bekunden nun wirklich nicht, lässt er auf den diversen Volksfesten auch kaum etwas aus. Aber nach der drei Euro teuren Erlebnisfahrt konstantierte selbst er: „Viel länger hätte die Fahrt nicht dauern dürfen, die geht einem schon kräftig auf den Magen. Aber es hat dennoch richtig viel Spaß gemacht.“

Mit 5 g Beschleunigung unterwegs

Wen wundert`s auch, treten bei der Fahrt doch Beschleunigungen von bis zu 5 g auf. Dass das Ganze gerade mal dreieinhalb Minuten dauert, hat auch seinen Grund. Flipper-Betreiber Ludwig Meeß klärt auf: „Die Fahrzeit schreibt der TÜV vor. Das hat mit den auftretenden Belastungen zu tun.“ Hinter diesen beeindruckenden Daten steckt auch viel Technik – vor allem viel Antriebstechnik.

Ein immerhin 110 Kilowatt leistender Elektromotor treibt eine Hydraulikpumpe an, die den hydraulischen Zylinder für das Anheben und Absenken der Plattform mit Öl versorgt. Den Hydraulikdruck gibt der Fahrgeschäft-Betreiber mit 280 bar an. Aber auch die komplette elektrische Anschlussleistung, also inklusive Beleuchtung, ist irgendwie gigantisch. Sie schlägt mit 220 Kilowatt zu Buche – 480 Ampere Spitzenstrom wohlgemerkt. Auf die Frage, was man denn in eine derartige Anlage investieren müsse, antwortet Meeß freimütig: „Wir haben die Anlage im Jahr 1987 gekauft und 2,5 Millionen Mark dafür ausgegeben.“ Wer nun nicht gerade mit 5 g unterwegs sein möchte sondern eher die Geruhsamkeit und die Höhe liebt, für den ist das Riesenrad genau das Richtige. Es trägt den wohlklingenden Namen „Roue Parisienne“, kommt wider Erwarten aus Dortmund-Soest von der Firma Burghard-Kleuser und nicht aus Paris. Was geboten wird? Ganz einfach: Eine unvergessliche Fahrt in einem in Design, Flair und Atmosphäre beeindruckenden Riesenrad in luftiger Höhe von über 48 Meter mit einem traumhaften Ausblick über den Festplatz sowie der näheren Umgebung. Übrigens: das gute Stück ist nicht nur familienfreundlich sondern auch für Rollstuhlfahrer konstruiert.

19.500 Birnen machen das Riesenrad zum Blickfang

as Riesenrad Roue Parisienne bietet eine unvergessliche Fahrt in luftiger Höhe von über 48 Meter.

Dass die Helfer beim Aufbau besonders viel zu tun hatten versteht sich beinahe von selbst, wurden doch die Einzelteile auf drei Lastern von Dortmund nach Augsburg gebracht. Über 1000 Teile, von den 36 großen Fahrgondeln bis hin zu den kleinsten Schrauben, mussten dafür verbaut werden. Insgesamt sechs Mann sind mit dem Aufbau beschäftigt. Und das rund zwölf Stunden pro Tag. Aufbauzeit je nach Untergrund: ein bis zwei Tage. Für den Arbeiter Hans Serafin ist das alles Routine: „Ich mache das seit neun Jahren. Da kennt man jede Schraube beim Namen. Das Riesenrad ist in dieser Saison zum ersten Mal draußen. Da muss jedes Teil geputzt werden. Und an vielen Stellen muss auch noch frische Farbe drauf. Danach müssen wir dann noch alle Lämpchen überprüfen“, sagt der 33-jährige Rumäne und lacht. Apropos Lämpchen: In dem Riesenrad mit einem Nettogewicht von 195 Tonnen sind insgesamt 19.500 Birnen verbaut. Auf einer Tafel mit den technischen Daten wird auf eine installierte Leistung von 200 Kilowatt hingewiesen.

Der Dauerrenner auf den diversen Volksfestplätzen mit Überschlag und Wasser-Springfontänen war auch in Augsburg präsent. Von Top Spin No.1 ist hier die Rede, eine Anlage der Firma Huss. Drei Euro für knapp vier Minuten Fahrt müssen die Abenteurer für dieses Spektakel berappen. Besucher mit Technik-Faible sehen und verstehen auf Anhieb das Antriebskonzept. Aber der Reihe nach. Der Name Top Spin leitet sich von der Schlagart Topspin beim Tennis ab, bei dem sich der Ball nach dem Schlag in der Luft stark um die eigene Achse dreht. Übertragen auf das Fahrgeschäft bedeutet das: In einem Top Spin sitzen die Fahrgäste in einer etwa zehn Meter breiten Gondel, die zwischen zwei Tragarmen freischwingend aufgehängt ist. Die Tragarme werden per Elektromotoren angetrieben und sind an zwei seitlichen breiten Ständern sichtbar montiert. Gegenüber der Gondelaufhängung sind Gegengewichte an den Armen angebracht.

Die Gondel kann nur durch kreisförmig am Drehpunkt angebrachte pneumatische Bremsen festgestellt oder gelöst werden. Beim Lösen der Bremse ist für Fahrgäste wie für Zuschauer ein typisches Zischen zu vernehmen. Und nun kommt`s: Durch das Feststellen der Bremsen kann sich die Gondel in maximaler Fahrhöhe überschlagen. Bei Lösen der Bremsen in bestimmten Fahrpositionen und gleichzeitiger Drehung der Arme kommt es zu Überschlägen der Gondel in ihrer Drehachse.

Der elektrische Antrieb von Top Spin: Der Dauerrenner auf den Volksfestplätzen mit Überschlag und Wasser-Springfontänen.

Bei der Top-Spin-Ausführung auf dem Plärrer feuchteten Wasserfontänen im vorderen Bereich die Fahrgäste während der Fahrt etwas an – manche verließen aber auch klitschnass den Stahlgiganten. Die Fahrgäste werden gegen ein Herausfallen aus den Sitzen durch Schulterbügel, die sich hydraulisch gesteuert schließen und feststellen, gesichert. Zusätzlich fixiert eine weitere Sicherung zwischen den Beinen den Bügel. Auch für Top Spin gilt: Bei der Fahrt treten relativ hohe Beschleunigungskräfte durch die Rotation der Gondel auf engem Raum auf, obwohl nur eine Geschwindigkeit von zirka 30 km/h erreicht wird.

Die Standard-Version Top Spin 1 bietet Platz für 40 Personen in zwei Reihen und ist 18 Meter hoch. In der transportablen Version nimmt sie eine Grundfläche von rund 19×19 Metern ein und hat ein installierte elektrische Leistung für den Antrieb von 160 Kilowatt. Charakteristisch für die Anlage sind die rechts und links neben den Masten angebrachten Säulen, die Wassertanks mit einem Volumen von jeweils 27 Kubikmeter beinhalten. Auf die Frage, wie viele Personen in der Stunde denn Spaß an der Sache hätten, antwortet Fahrgeschäftbetreiber Rudi Bausch: „Wir schleusen rund 600 Personen in der Stunde durch.“ Und (fast) alle plärren aus Spaß.

Autor: Franz Graf, Chefredakteur