Auf alles vorbereitet 1

Der Markt wird zunehmend sensibler auf das Thema Sicherheit. Was das für einen führenden Hersteller von Sicherheitsbremsen bedeutet, erläutert im Interview Dipl.-Ing. (FH) Johann Eberle, Marketing- und Vertriebsleiter bei mayr Antriebstechnik.

Das Thema Sicherheit wird immer wichtiger. Wie würden Sie das momentane Szenario ganz allgemein be-schreiben?
In den vergangenen Jahren sind die Ansprüche in allen Bereichen enorm gestiegen. Dieser Trend hält ungebrochen an. Besonders stark steigen die Anforderungen, wenn es darum geht, Personen vor Verletzungen zu schützen. Die Verantwortung der Hersteller von Maschinen und Anlagen nimmt zu. Parallel mit den Sicherheitsansprüchen sind auch die Haftungsansprüche in die Höhe gegangen. Risikobetrachtungen für die Gefährdung von Mensch und Maschine nehmen deshalb heute im Wirtschaftsleben eine dominante Rolle ein. Es ist auch nicht angebracht, dass in der Aufzugs- und Bühnentechnik Vorschriften für sichere und redundante Bremsen längst obligatorisch sind, in Maschinen und Anlagen dies aber erst etwas verspätet zum Thema geworden ist. Die Vorschriften, dass Sicherheitseinrichtungen ungewolltes Absinken oder Abstürzen verhindern und redundant vorhanden sein müssen, hat die Entwicklung unserer Sicherheitsbremsen enorm beeinflusst und zur Markteinführung zahlreicher neuer Baureihen geführt. Auch bei Fertigungseinrichtungen und Werkzeugmaschinen gibt es neue Empfehlungen, Richtlinien sowie erweiterte beziehungsweise neue Sicherheitsnormen. Die Sicherheitsnorm EN 954-1 sollte eigentlich zum 29. Dezember 2009 von der neuen Norm EN ISO 13849-1 abgelöst werden, die bereits im August 2008 im EU-Amtsblatt veröffentlicht wurde. Dann wurde Ende letzten Jahres das Beendigungsdatum der Konformitätsvermutung der EN 954-1 auf Ende 2011 verschoben.

Was hat die Verschiebung der neuen Norm für Konsequenzen?
Auf den ersten Blick gibt die Verschiebung den Herstellern mehr Zeit, die Anforderungen der neuen Norm zu erfüllen. Sie haben allerdings nicht mehr uneingeschränkt  die Wahl, welche der beiden Normen sie anwenden wollen. Es gibt mittlerweile bereits mehrere harmonisierte C-Normen, die auf die neue Sicherheitsnorm 13849-1 verweisen. Kritiker der Verschiebung sprechen mitunter auch von Wettbewerbsverzerrung, weil Unternehmen, die rechtzeitig in die Erfüllung der neuen Norm investiert haben, wieder gleich gestellt sind mit denen, die ihre Hausaufgaben noch nicht gemacht haben. Wir sehen das nicht so. Maschinenhersteller müssen nachweisen, dass sie die Anforderungen der Maschinenrichtlinie erfüllen, unabhängig davon, ob sie eine harmonisierte Norm anwenden oder nicht. In keinem Fall werden sie auf hochwertige, zuverlässige Sicherheitsbremsen verzichten können. Fakt ist, dass die neue Norm kommen wird und sich jeder über kurz oder lang darauf einstellen muss, der Maschinen mit Gefährdungspotenzial bauen oder bestücken will. Wer heute noch den Kopf in den Sand steckt und die aktuelle Sicherheitsdiskussion ignoriert, wird in Zukunft enorme Probleme bekommen.  Große Kunden fordern bereits jetzt rigoros die Einhaltung der neuen Bestimmungen. Eine verzögerte Umsetzung führt also eher zu einem Wettbewerbsnachteil jener Maschinenhersteller. Allerdings haben wir den Eindruck, dass bei einigen Firmen auch noch das nötige Verständnis und Wissen fehlt, wie die Vorgaben umzusetzen sind. Aufgrund zahlreicher Anfragen zu unseren Sicherheitsbremsen und zur Sicherheitsthematik allgemein wissen wir, dass es einen enormen Beratungsbedarf gibt und wir sind auch gerne bereit, hier Unterstützung in Bezug auf Bremsen zu leisten.

Wie hat sich mayr Antriebstechnik fit gemacht für die heutigen Sicherheitsansprüche?
Seit mehr als 50 Jahren gehört das Thema Sicherheit zu unseren Kernkompetenzen. Anfangs ging es freilich in erster Linie um Maschinensicherheit. Die mayr-Kupplung wurde bereits in den 60er- und 70er-Jahren zum Markenbegriff für mechanischen, drehmomentbegrenzenden Überlastschutz. Wir sind seit Jahrzehnten Marktführer auf diesem Gebiet. Diesen Status über so viele Jahre zu halten und auszubauen geht nur mit einem durchgängigen Qualitäts- und Sicherheits-Managementsystem. Das dabei gesammelte umfangreiche Know-how bei der Entwicklung, Fertigung und Applikation sicherheitsrelevanter Komponenten bildete die Basis dafür, dass sich mayr Antriebstechnik in den vergangenen zehn Jahren auch zu einem führenden Hersteller von Sicherheitsbremsen entwickeln konnte. Sicherheitstechnisch ist dieser Produktbereich wesentlich sensibler als die Sicherheitskupplungen, schließlich dreht sich hier alles um Personenschutz. Wir haben bisher mehrere Millionen Bremsen in vielfältigen Anwendungen mit sicherheitsrelevanten Bewegungen appliziert. Mit unserer Erfahrung, unserem durchgängigen Sicherheitsmanagement und im Vertrauen auf unsere Produktqualität sind wir in der Lage, weitreichende Gewährleistungen zu bieten. Zudem haben wir uns schon sehr früh und intensiv mit der neuen Sicherheitsnorm 13849-1 befasst und sind längst für ihre Einführung gerüstet. Aufgrund unserer umfangreichen Felderfahrung können wir auch die in der Norm geforderte Ausfallwahrscheinlichkeit problemlos angeben. Fakt ist, dass die Zuverlässigkeit unserer Produkte und die Kompetenz unserer Beratung anerkannt und honoriert werden. Ein Hersteller kann sich beim Thema Sicherheit auch keine Kompromisse leisten.
Was macht aus Ihrer Sicht eine Bremse zu einer Sicherheitsbremse?
Grundvoraussetzung ist, dass sie nach dem Fail-Safe-Prinzip arbeitet, also im energielosen Zustand geschlossen ist. Das allein sagt aber noch wenig über die Qualität und Zuverlässigkeit einer Bremse aus. Wir berücksichtigen bei der Entwicklung und Fertigung unserer Roba-stop-Bremsen seit Anfang an konsequent grundlegende und bewährte Sicherheitsprinzipien, lange bevor sie in der Norm EN ISO 13849-2 definiert wurden. Alle Bauteile sind sicher dimensioniert und ausschließlich aus hochwertigen, bekannten und bewährten Werkstoffen gefertigt. So sind beispielsweise die verwendeten Schraubendruckfedern zur Erzeugung der Bremskraft aus rostfreiem Stahl und auf eine Lebensdauerfestigkeit von 10 Millionen Lastwechsel getestet. Der Einsatz bewährter Federn aus bekannten Materialien und von Lieferanten, die seit vielen Jahren ihre Zuverlässigkeit unter Beweis stellen, zahlt sich aus. In 40 Jahren Felderfahrung haben die Federn bewiesen, dass sie nicht brechen. Zusätzliche Sicherheit resultiert aus der Anwendung des bewährten Sicherheitsprinzips „Vervielfachung von Teilen“. In der Regel arbeiten mehr als fünf Federn in einer Bremse. Das verringert die Fehlerwirkung. Zudem praktizieren wir längst bewährte Konstruktionsprinzipien, die jetzt in der Norm definiert wurden und verwenden in den Bremsen ausreichend geführte Federn mit einem Drahtdurchmesser, der größer ist als der Abstand zwischen zwei Windungen. Sollte entgegen allen Erfahrungswerten trotzdem eine Feder brechen, können sich die beiden Bruchstücke nicht ineinander verschrauben. Die ursprüngliche Federlänge und die Federkraft bleiben weitgehend erhalten. Was für die Federn gilt, gilt wie bereits erwähnt natürlich auch für alle anderen Bauteile, nämlich die konsequente Berücksichtigung bewährter Sicherheitsprinzipien. Letztendlich liegt aber der größte Vorteil unserer Produkte in der Kompetenz unserer Mitarbeiter.

Spiegelt Ihr hoher Anspruch an die Sicherheit Ihrer Bremsen allgemein die Forderungen des Marktes wider?
Sicher gibt es einfache, unkritische Applikationen, die mit einem geringeren Sicherheitsstandard auskommen. Wenn es aber um den Schutz von Personen geht, fordern Anwender bei Sicherheitsbremsen hundertprozentige Qualität und Zuverlässigkeit und akzeptieren keine fehlerhaften Produkte. Ständige Qualitätskontrollen während der Produktion sollten also heutzutage allgemeiner Marktstandard sein. Wir machen hier keine Kompromisse und setzen auch bei der Produkt-Endkontrolle Maßstäbe. Jede einzelne Bremse wird auf selbst entwickelten automatisierten Prüfständen vor dem Versand zum Kunden ausführlich getestet und die Ergebnisse protokolliert. So kann auch noch nach Jahren anhand der Seriennummer nachvollzogen werden, in welchem Zustand jede einzelne Bremse unser Haus verlassen hat.

Beschreiben Sie eine typische Sicherheitsbremse aus Ihrem Produktportfolio, die prädestiniert ist für den Einsatz in sicherheitskritischen Anwendungen.
Für den Einsatz im Vertikalachsen sind beispielsweise redundante Bremssysteme der Baureihe Roba-topstop konzipiert. Sie sind in der Lage, das Gefährdungsrisiko in allen Betriebssituationen zu minimieren. Die Roba-topstop hält als eigenständiges Modul auch ohne Servomotor die Vertikal-achse in jeder beliebigen Position. Zusätzliche Maßnahmen zur Abstützung der Achse – beispielsweise bei Transport und Maschinenwartung – sind nicht erforderlich. Dieser Vorteil bringt erhebliche Kosten- und Zeiteinsparungen, zum Beispiel beim Wechsel des Antriebsmotors, und verringert die Stillstandszeiten bei Reparaturen. Die Bremssysteme gewährleisten volle Sicherheit, auch wenn der Servomotor – beispielsweise bei Wartungsarbeiten – abgebaut wird. Diese Funktion kann eine im Motor integrierte Bremse natürlich nicht bieten, da sie mit abgebaut wird. Die Bremsmomente können mit ausreichenden Sicherheiten gewählt werden. Wie bereits erwähnt, ist das bei integrierten Motorbremsen nicht möglich, weil oft nicht genügend Bauraum zur Verfügung steht. Eine integrierte Funktionsüberwachung mit Signalgabe informiert permanent über den Zustand der Bremse. Auch diese Sicherheitsfunktion sucht man bei Motorbremsen vergeblich. Bei der Entwicklung wurden nicht nur die sicherheitsrelevanten Aspekte berücksichtigt, sondern auch die konstruktiven Gegebenheiten der Antriebseinheiten in Vertikalachsen. Diese Bremssysteme können aufgrund ihrer angepassten Flanschabmessungen problemlos in bestehende Konstruktionen zwischen Servomotor und Gegenflansch integriert werden.

Wo sehen Sie die Stärken Ihres Unternehmens?
Wir haben mehr als 50 Jahre Erfahrung mit der Thematik Sicherheit in Antriebsachsen. Ein sehr hoher Prozentsatz unserer ausgelieferten Produkte sind anwendungsoptimierte Lösungen, die wir gemeinsam mit unseren Kunden entwickelt haben. Deshalb sind wir immer sehr früh über alle möglichen Trends informiert und wissen, wohin sich der Markt entwickelt. Das gehört sicher zu unseren Stärken und hat erheblich dazu beigetragen, dass wir uns besonders bei Bremsen für sicherheitskritische Bereiche wie die Aufzugs- und Bühnentechnik sowie für schwerkraftbelastete Achsen zum Markt- und Technologieführer entwickeln konnten.