Dampferparade, Bild: SEW

Dampferparade zur Saisoneröffnung auf dem Vierwaldstätter See bei Luzern. Bild: SEW

Es war im Jahr 1835, als der Kaufmann Casimir Friedrich Knörr die Luzerner Bevölkerung mit der Mitteilung überraschte, eine Schifffahrtsgesellschaft auf dem Vierwaldstättersee betreiben zu wollen. Was als Idee begann, wurde mit der Jungfernfahrt des Schaufelraddampfers „Stadt Luzern“ zwei Jahre später Wirklichkeit. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Schifffahrtsgesellschaft des Vierwaldstättersees (SGV) dank des stark wachsenden Verkehrs auf der Nord-Südachse der Alpen (Gotthardpass – Vierwaldstättersee). Mit dem touristischen Aufschwung während der anschließenden Belle Époque um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert wuchs die SGV zur größten Schifffahrtsgesellschaft der Schweiz an. Schließlich entwickelte sich mit dem steigenden Fahrtenaufkommen auch die Schiffswerft. Anfänglich nur mit spärlichen technischen Anlagen ausgerüstet, bekam sie im Laufe der Zeit eine umfangreiche und moderne Infrastruktur.

Dampfschiff Unterwalden, Bild: Shiptec / Collage: SEW
Das Dampfschiff Unterwalden – hier im ursprünglichen Zustand – steht heute unter Denkmalschutz. Bild: Shiptec / Collage: SEW

1907 ging ein Schwimmdock in Betrieb und seit 1931 werden in der Schiffswerft Sanierungen an Schiffen aller Art durchgeführt. Seit der Inbetriebnahme des MS Mythen im selben Jahr werden auf der Werft auch Motorschiffe konstruiert und gebaut. In den Folgejahren entstanden die Schiffe Waldstätter, Titlis und Rigi. Später verließen weitere neue Schiffe die Werft: die MS Schwyz, Winkelried, Pilatus, Gotthard und Unterwalden. Ein Großteil der Schiffe wurde mit – für die damalige Zeit – innovativen Materialien erstellt. So kam für den Rumpf verzinkter Stahl und für die Aufbauten Aluminium zum Einsatz.

Generalrevision des Dampfschiffs Unterwalden

Der Geschäftsbereich Schiffstechnik der SGV wurde 2007 in Shiptec Lucerne umbenannt und seit 2013 als eigenständige Tochtergesellschaft Shiptec AG geführt. Mit etwa 70 Mitarbeitern erbringt sie heute auch Leistungen für externe Kunden. Langjährige Erfahrungen und großes Know-how bestehen in der Entwicklung, dem Bau und der Instandhaltung von Fahrgastschiffen, Arbeitsschiffen und Yachten. Der Hauptumsatz wird durch Service an technischen Systemen sowie mit komplexen Erneuerungsprojekten generiert. „Eines der spannendsten Projekte war die Generalrevision des Dampfschiffs Unterwalden“, berichtet Pius Barmet, Leiter Marketing und Verkauf bei Shiptec. Hierbei waren die Anforderungen unterschiedlicher Interessengruppen zu berücksichtigen. Daher wurde ein Gestaltungskonzept angestrebt, das weitgehend dem Zustand zwischen 1920 und 1960 entspricht.

Was nicht passt, wird passend gemacht

Historisches Schiffsaggregat, Bild: Bild: Gestumblindi/Wikipedia CC0 1.0
Das 19. Jahrhundert ist durch die stürmische Entwicklung des Maschinenbaus geprägt, auch sichtbar an den Schiffsaggregaten jener Zeit. Diese technische Eleganz und baulich harmonische Schönheit zu erhalten und fahrplanmäßig zu betreiben ist ein Anliegen des gemeinnützigen Vereins Trivapor. Bild: Gestumblindi/Wikipedia CC0 1.0

Das seit 2008 unter Denkmalschutz stehende Schiff sollte weiterhin die lediglich 8,5 Meter hohe Achereggbrücke in Stansstad am Vierwaldstädtersee passieren können. Deshalb mussten einige pfiffige Lösungen integriert werden: Die beiden Masten, der Schornstein und das Steuerhaus müssen für die Unterquerung der Brücke eingeklappt beziehungsweise abgesenkt werden. Der Schornstein wird wie ein Teleskop eingefahren. Das geschieht mit Hilfe eines Getriebemotors von SEW-Eurodrive, der vom Schweizer Partnerunternehmen Alfred Imhof geliefert wurde. Im Mai 2011 feierten die Dampferfreunde schließlich die dritte Jungfernfahrt des Dampfschiffs Unterwalden, begleitet von einer festlichen Eröffnungsparade.

Auch andere Dampf- und Motorschiffe müssen unter Brücken verkehren können, beispielsweise das Dampfschiff Neuchâtel. 2007 kaufte der gemeinnützige Verein Trivapor dieses Schiff, das seit 1969 als schwimmendes Restaurant genutzt wurde. Sein Ziel war, diesen ehemaligen Dampfer wieder fahrplanmäßig in Betrieb zu nehmen. Die Instandsetzung erfolgte in einer provisorischen Werft in Sugiez, im Herzen des Dreiseen-Landes am Murtensee gelegen, rund 30 Kilometer westlich von Bern. Damit die Reparatur reibungslos klappt, wurde die Firma Shiptec als Generalunternehmer beauftragt. So kümmerte sich der Spezialist vom Vierwaldstättersee um die gesamte Planung der Sanierung der Neuchâtel sowie um technische Systeme wie den einfahrbaren Schornstein.

Projektierung mit Hilfe eines 3D-Modells

„Ganz einfach war die Projektierung des Antriebs nicht“, erinnert sich Armin Pfister, Außendienstmitarbeiter der Alfred Imhof. „Im Schornstein herrschen zwischen 80 und 100 Grad Celsius, die vom Dieselgenerator herrühren sowie von den Abgasen eines umweltfreundlichen Marinebrenners für die Beheizung des Dampfkessels. Zudem gibt es beim Absenken des Schornsteins Kollisionspunkte, die berücksichtigt werden mussten. Mit Hilfe eines 3D-Modells konnten wir den Antrieb entsprechend anpassen.“ Schließlich wurde ein Kegelstirnrad-Getriebemotor des Typs K87 R57 DRS71 von SEW-Eurodrive mit Bremse eingesetzt. Dieser 0,37-kW-Motor sorgt dafür, dass der Schornstein eingefahren werden kann. „In solchen Applikationen arbeiten die Antriebe aufgrund der niedrigen Betriebsdauer nicht an ihrem Limit“, erläutert Pfister. „Daher wird außer Abnutzungen infolge von Vibrationen kaum Verschleiß auftreten.“

DRS-Motor mit K-Getriebe von SEW-Eurodrive, Bild: SEW
Ein DRS-Motor mit K-Getriebe von SEW-Eurodrive sorgt dafür, dass der Schornstein eingefahren werden kann. Bild: SEW

Shiptec sucht sich kompetente Partner, die mehr als nur den eigenen Produktkatalog kennen müssen. Daher wurden Lieferanten gewählt, die Verfügbarkeit, technische Unterstützung und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten können. Adrian Märki, Projektleiter Elektro bei Shiptec: „Der Schornstein muss im Notfall auch manuell absenkbar sein. Wenn zum Beispiel das Stromnetz an Bord ausfällt, kann man weiterhin unter den Brücken hindurchfahren.“ Das Unternehmen Alfred Imhof ergänzte den Antrieb mit einer Handlüftung, die über eine Zugkette fernbedient wird, und rechnete auch die notwendige Zugkraft aus. Märki: „Wir müssen uns darauf verlassen können, dass der Antrieb richtig projektiert wird, auch weil es sich jedes Mal um eine Einzelanfertigung handelt. Imhof erstellte uns ein Konzept, das im Vergleich zu früheren Lieferanten besser und einfacher ist.“ Genau diese Kompetenz wird heute von einem zuverlässigen Partner erwartet. Vor allem bei gutem Wetter ist die Nachfrage nach Schiffsfahrten groß. Da würde ein Schiffsausfall schnell ins Geld gehen. Deshalb kann sich Shiptec für den unwahrscheinlichen Fall, dass an der Antriebstechnik mal etwas kaputt geht, auf den Service der Alfred Imhof verlassen.jl