Interview: In Form gebracht 1

Die im wunderschönen Kochel am See ansässige Firma Dorst Technologies entwickelt und produziert Maschinen und Anlagen für die Herstellung keramischer und pulvermetallurgischer Produkte. Dazu braucht es enorm viel Wissen über Rohstoffaufbereitung und Formgebung. Das Interview mit Josef Spensberger, Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung, offenbart es.

fluid: Stellen Sie bitte das Unternehmen Dorst Technologies mit den wichtigsten Kennzahlen kurz vor.

Dorst Technologies ist ein inhabergeführtes Unternehmen, das mittlerweile auf eine 150-jährige Geschichte zurückblicken kann. Um`s deutlicher zu machen: Wir sind in diesem Jahr 150 Jahre alt. Wir beschäftigen aktuell rund 350 Mitarbeiter und haben eine sehr hohe Ausbildungsquote. Das hat damit zu tun, dass wir sehr spezielle Kenntnisse benötigen, die nur sehr schwer am Markt zu bekommen sind. Das wird gleich transparenter, wenn wir über unser Produktprogramm sprechen. Dazu noch folgendes vorab: Wir sind eigentlich als Dorst Maschinen- und Anlagenbau gestartet. Seit mittlerweile zehn Jahren firmieren wir nun als Dorst Technologies.

Damit soll deutlich werden, dass wir uns vom reinen Maschinenbauer hin zum Technologiespezialisten entwickelt haben. Wir decken im Grunde genommen von der Materialaufbereitung über Formgebung bis hin zum Handling des Produktes alles ab. So gesehen sind wir eigentlich Technologen und nicht nur Ingenieure und Maschinenbauer. Unser Ursprung liegt in der klassischen Keramik, wir sind traditionell Formgebungsspezialisten im Geschirr- und Sanitärbereich. Darüber hinaus haben wir drei weitere produktbezogene Bereiche: technische Keramik, Hartmetalle und Pulvermetallurgie. Um das Ganze etwas zu gewichten: Die Pulvermetallurgie ist im Unternehmen mittlerweile umsatzbezogen mit einem Anteil von 30 bis 35 Prozent der stärkste Zweig. Der Bereich Service und Dienstleistungen entwickelt sich bei uns zu einem immer stärkeren Gebiet, das immerhin etwa 25 Prozent ausmacht. Der Umsatz bewegt sich zwischen 50 und 60 Millionen Euro – je nach Konjunktur. Der gesamte Konjunkturzyklus ist derzeit, aber das ist ja bekannt, ziemlich volatil.

fluid: Gibt es neben Kochel noch weitere Werke?

Der Hauptsitz ist hier in Kochel am See. Zudem haben wir ein Zweigwerk in Bad Kötzting im Bayerischen Wald und eine Schwestergesellschaft in Amerika. Bad Kötzting ist ein reiner Montage­standort mit einer kleinen angelagerten Fertigungsstätte. Dort erfolgt vorwiegend die Montage von Maschinen, die in größeren Stückzahlen laufen, wie keramische, mechanische und kleine hydraulische Pressen. Hier in Kochel ist die gesamte Verwaltung und auch eine Schnellwerkstätte zur Fertigung von Ersatzteilen angesiedelt. Darüber hinaus findet hier die Montage von großen Pressautomaten im Bereich von 200 Tonnen und mehr statt. Um es etwas konkreter zu machen: Wir haben ein Produktportfolio, das zur Zeit bis 1600 Tonnen Presskraft reicht.

fluid: Ihr beruflicher Werdegang bei Dorst Technologies?

Ich habe 1986 im Entwicklungsbereich für keramische Maschinen bei Dorst begonnen und habe dieses Tätigkeitsfeld dann ausgebaut in Richtung Service und Inbetriebnahme für unsere Maschinen – weltweit wohlgemerkt. 1993 übernahm ich Führungsverantwortung als stellvertretender Konstruktionsleiter und 1997 dann die Konstruktionsleitung für den keramischen Bereich. Im Jahr 2008 bin ich schließlich, verbunden mit der neuen Stelle als Koordinator Markt/Technik, zum Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung berufen worden. Mein Aufgabengebiet umfasst neben organisatorischen Aufgaben die Koordination und Aufbereitung von kundenspezifischen Anforderungen aus dem Vertrieb mit entsprechender Umsetzung im Technischen Büro.

fluid: Wenn Sie all die Jahre bei Dorst in Kochel am See Revue passieren lassen: worauf sind Sie besonders stolz?

Dass es uns als mittelständisches Unternehmen doch gelungen ist, am Markt zu bestehen. Mehr noch, dass wir in bestimmten Bereichen auch Weltmarktführer sind. Und dass wir unseren Beschäftigten einen interessanten und sicheren Arbeitsplatz bieten können. Darauf können wir schon stolz sein.

fluid: An welchen aktuellen Projekten arbeitet das Unternehmen derzeit?

Das muss man zweigeteilt sehen. Ausgelöst durch die Wirtschaftskrise haben wir uns um Nischen bemüht, die unser Unternehmen vorher nicht bearbeitet hat. Dies hatte zur Folge, dass wir spezielle Konstruktionen entwickelt haben, die man jetzt natürlich auch in der guten Zeit weiter voran treibt und die uns sicherlich auch in der Zukunft ein stabiles Fundament geben werden. Durch modulare Bauweise versuchen wir aber, dass sich diese individuellen Produktentwicklungen auch leicht auf andere Anwendungsfälle adaptieren lassen. Der zweite Aspekt wird Ihnen, was die Fluidtechnik angeht, nicht so sehr gefallen. Fakt ist, dass man speziell im Kleintonnagen-Bereich zwischen 15 und 160 Tonnen vermehrt versucht, von der Hydraulik weg zu kommen und auf die elektrische Antriebstechnik zu setzen. Ich rede hier konkret von servomotorisch angetriebenen Pressen. Dieses Projekt steht bei uns ganz oben in der Agenda. Die Markteinführung ist schon erfolgt und wir werden auch hier eine komplette Produktpalette anbieten.

fluid: Was ist das Hauptargument für den Technologiewechsel?

Die Energieeffizienz ist primär der Treiber bei der ganzen Geschichte. Hinzu kommt, dass gewisse Anwendungsbereiche – nehmen wir mal die Medizintechnik – einfach auf die Hydraulik verzichten wollen und auf die Elektrik setzen.

fluid: Sie setzen grundsätzlich in Ihren Maschinen auf unterschiedliche Antriebstechniken: Mechanik, Hydraulik und Elektrik. Wann kommt welche Technologie zum Einsatz?

Die Frage ist nicht ganz so einfach zu beantworten. An der Stelle deshalb vielleicht folgender Grundsatz: Die Mechanik ist nach wie vor ein Arbeitstier, das sehr robust, langlebig und schnell ist, aber hinsichtlich der Einstellbarkeit gewisse Grenzen aufweist. Maschinenbediener wollen lieber mit PCs und freier Konfigurierbarkeit arbeiten, bevor sie sich einen mechanischen Ablauf vergegenwärtigen. Dass hohe Leistungsdichte für die Hydraulik spricht, ist hinlänglich bekannt. Im Presskraftbereich über 200 Tonnen gibt es kaum eine Alternative zum Hydraulikkonzept. Da geht es jetzt lediglich noch darum, im Hinblick auf die Energieeffizienz weiterhin zu optimieren. An der Stelle möchte ich zudem betonen, dass wir gegenüber unseren Wettbewerbern hier sehr viel getan haben und doch einen sehr großen Vorsprung haben. Und die elektrische Antriebstechnik? Ihr wird in bestimmten Bereich die Zukunft gehören – aber beschränkt im Presskraftbereich, das muss man ganz klar sehen.

fluid: Auf das gesamte Maschinenportfolio fokussiert – wie stellt sich heute in etwa das Technologieverhältnis dar?

Präzise Angaben kann ich hierzu im Augenblick noch nicht machen. Die Elektrik läuft ja gerade erst an. Da würde ich sagen bewegen wir uns noch im einstelligen Prozentzahlbereich. Tatsache ist auf jeden Fall: Es ist sehr großes Interesse vorhanden. Die Technik muss sich jetzt erst einmal beweisen und dann – glaube ich – ist im unteren Presskraftbereich der Siegeszug der Elektrik nicht mehr aufzuhalten. Gegenwärtig macht aber die Hydraulik bei uns im Unternehmen sicherlich noch rund 70 Prozent aus. Die Kraftdichte ist insbesondere im hohen Presskraftbereich gefordert und schon alleine deshalb wird die Hydraulik immer eine Berechtigung haben und ein System sein, das wir anwenden werden.

fluid: In bestimmten Industriezweigen hat die Hydraulik heute teilweise einen schweren Stand. Die mögliche Leckage ist nur ein Grund von vielen. Werden Sie in Ihrem Kundenkreis auch mit diesem Thema konfrontiert?

Ja sicherlich. Es sind einfach gewisse Vorbehalte da. Andererseits hat sich in letzter Zeit auch sehr viel getan was die Zuverlässigkeit von Hydrauliklösungen anbelangt. Und dennoch ist es so, dass der damit verbundene Wartungs- und Instandhaltungsaufwand nicht weg zu diskutieren ist und damit werden wir sicherlich auch von Außen immer wieder konfrontiert. An der Stelle aber der Hinweis: Was wir natürlich machen, ist die Instandhalter bei den Kunden auf einen gewissen Wissenstand zu bringen. Wir bieten Serviceverträge an, um den Zustand der Maschinen konsequent und in bestimmten Zeitabständen überwachen zu können. Damit wird auch die Hydraulik zu einem Produktionsmittel, das auch auf einem sicheren Level arbeitet.

fluid: Bezogen auf die Steuerungstechnik: welche Technologien präferieren Sie?

Wir haben bislang viele SPS-Steuerungen im Einsatz, die jetzt aber sukzessive abgelöst werden. Wir setzen mehr und mehr auf eine einheitliche Steuerungsplattform, die PC-basierend ist. Diese Lösung setzen wir bei den hydraulischen Pressen jetzt schon seit mittlerweile zehn Jahren mit Erfolg ein. Die gesamte Software wird im Haus entwickelt. Vor diesem Hintergrund haben wir eine einheitliche Plattform geschaffen, die modular aufgebaut und entsprechend schnell adaptiert werden kann.

fluid: Ansatzweise haben wir bereits über Energieeffizienz gesprochen. Noch einmal nachgefragt: Wo setzen Sie in der Produktentwicklung aktuell den Hebel an?

Einerseits wie schon erwähnt im Bereich der servomotorischen Antriebe, die hier sehr große Möglichkeiten bieten. Das ist ein sehr erfolgversprechender Weg. Auf der anderen Seite haben wir schon seit mehreren Jahren unsere hydraulischen Antriebe nach diesen Richtlinien ausgelegt. Da ist sehr viel Entwicklungskapazität investiert worden. Wenn ich einmal einen Vergleich ziehen darf zwischen den Pressen unserer Wettbewerber und den eigenen Produkten, dann ist der Energieverbrauch um etwa 50 Prozent reduziert. Und das heißt in der Hydraulik schon einiges. Das Ende der Fahnenstange ist aber noch nicht erreicht. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Antriebskonzepte entsprechend zu optimieren, um den Verbrauch weiter zu reduzieren.

fluid: Was bereitet Ihnen im Berufsalltag derzeit am meisten Kopfzerbrechen?

Wir haben ja eingangs über die sprunghafte Marktentwicklung gesprochen. Zum einen die sehr steilen Abstürze und auf der anderen Seite dann wieder die sehr steilen Anstiege. Diese Wechselbäder muss man mit der vorhandenen Mannschaft und Kapazität erst einmal in den Griff bekommen. Das stellt immer eine sehr große Herausforderung dar. Im Moment bereitet uns aber auch Kopfzerbrechen, dass die Zulieferer aufgrund der Wirtschaftskrise auch ihre Kapazitäten entsprechend angepasst haben. Jetzt nehmen die Lieferzeiten Dimensionen an, die so eigentlich nicht mehr akzeptabel sind. Das wird sich in nächster Zeit eher noch verschärfen.

fluid: Wie steuern Sie dagegen?

Wir versuchen, in der Produktionsplanung rechtzeitig die Weichen zu stellen. Fakt ist: kurze Lieferzeiten sind momentan fast wichtiger als der Preis.

fluid: Wenn Sie bezüglich Ihrer Abnehmer einen Wunsch frei hätten: welchen hätten Sie?

Dass man Äpfel mit Äpfeln vergleicht, also einen fairen Wettbewerbsvergleich führt. Wir sind technikgetrieben, wir bieten Spitzentechnologie. Wichtig wäre mir also, dass man auch die ausgeführten Technologien fair miteinander vergleicht und den Vergleich nicht nur ausschließlich auf den Preis fokussiert. Wir sind ein stabiles Unternehmen, das die Anwender in allen Belangen unterstützt. Das hat natürlich seinen Preis und sollte anerkannt werden. Es ist zugegeben immer ein schwieriger Prozess, die Kunden davon zu überzeugen, dass sie mit dem Namen Dorst Qualität und eine langfristige Lieferantenpartnerschaft aufbauen können.

fluid: Wo sehen Sie im Kreise Ihrer Wettbewerber für Ihr Unternehmen die größten Stärken?

Unsere größten Stärken sind die Kundennähe und die Kundenberatung, die wir von Beginn an aufgrund unseres Know-hows auch leisten können. Wir können mit Spitzentechnologien aufwarten, die unsere Kunden wiederum in die Lage versetzen, sich gegenüber ihren Wettbewerbern einen Marktvorteil zu verschaffen.

fluid: Was wünschen Sie sich für die Weiterentwicklung des Unternehmens in den nächsten Jahren?

Zunächst einmal, dass die stabilen Gesellschafterverhältnisse, die wir heute haben, weiter Bestand haben werden. Ein familiengeführtes Unternehmen mit einer überschaubaren Hierarchie und kurzen Entscheidungswegen ist ein unschätzbarer Vorteil. Darüber hinaus wünsche ich mir aber auch, dass wir in vielen Bereichen die richtigen Entscheidungen treffen, damit wir unser Unternehmen auch für die Zukunft richtig aufstellen.

Autor: Franz Graf, Chefredakteur