Interview: Uwe Meißner, F.X.Meiller 1

Als Global Player schreibt F.X. Meiller seit mittlerweile über 160 Jahren Erfolgsgeschichte. Das Münchner Unternehmen entwickelte sich zum Marktführer für Kippaufbauten in den Bereichen Bauwirtschaft und Entsorgungswirtschaft und ist Systempartner für die Nutzfahrzeugindustrie. Dabei setzt die Fahrzeug- und Maschinenfabrik schon seit jeher auf Hydraulik Marke Eigenbau. fluid: Stellen Sie das Unternehmen F.X.Meiller kurz vor.

Meiller ist eine sehr traditionelle, familiengeführte und europäisch aufgestellte Firmengruppe mit Stammsitz in München. Die beiden Familien Meiller und Meyer sind noch heute aktiv im Unternehmen tätig. Im vergangenen Jahr konnten wir 160-jähriges Firmenjubiläum feiern.

Es sind in der Gruppe derzeit etwa 1600 Mitarbeiter beschäftigt. Neben dem Werk in München haben wir deutsche Fertigungsstätten in Ulm, Karlsruhe und Ratingen. Unser größtes Werk befindet sich mittlerweile in der Tschechischen Republik in Slany, das liegt in der Nähe von Prag.

Dort stellen wir den kompletten Stahlbau her. Der Rest der Gruppe beschäftigt sich vornehmlich mit der Montage. In München ist darüber hinaus noch die komplette Hydraulikfertigung angesiedelt. Denn Sie müssen wissen: Wir entwickeln und fertigen Hydraulikkomponenten wie Pumpen, Ventile und Hydraulikzylinder selbst. So können wir diese zielgerichtet auf die Anforderungen unserer Produkte ausrichten.

Die Frage schließen möchte ich mit dem Hinweis, dass wir auch in Österreich mit einem Werk vertreten sind und ein Joint Venture in der Türkei haben.

fluid: Wenn Sie uns jetzt noch das Produktportfolio beschreiben.

Nun, im Mittelpunkt unseres Produktprogramms stehen Kipper. Hier sind aber zwei Klassen zu unterscheiden: Zum einen das typische Baufahrzeug, also der klassische Baustoffkipper, der im Wesentlichen zur Beförderung von Schüttgütern verwendet wird.

Darüber hinaus sind Maschinen für die Abfallwirtschaft Bestandteil unseres Produktprogramms. Das sind primär Abroll- und Absetzkipper, die Container aufnehmen können und damit Abfälle oder auch Baustoffe transportieren können.

Da kommen sich die beiden Produktgruppen ein bisschen nahe und überschneiden sich zum Teil auch. Es gibt durchaus auch Abroller, die im Baustoffsegment eingesetzt werden. Aber im Wesentlichen haben wir es hier mit der Abfallwirtschaft zu tun.

fluid: Wenn man diese zwei Klassen umsatzbezogen betrachtet: Welche Gruppe macht den Löwenanteil aus?

Das sind ganz klar die Kipper für die Bauwirtschaft. Dort sind wir auch international aufgestellt. In Europa haben wir sehr hohe Marktanteile und in Deutschland ist Meiller mit großem Abstand ganz klar die Nummer 1. Das gilt auch für die Geräte, wobei diese sehr spezifisch sind in ihren Lösungen.

Hier sind wir im Wesentlichen in Deutschland unterwegs. Das erklärt auch den hohen Umsatzanteil der Baustoffkipper, der über 60 Prozent ausmacht.

fluid: Womit hat sich Uwe Meißner vor seiner Meiller-Zeit beschäftigt?

Ich bin heute einer der wenigen, die noch klassisch den zweiten Bildungsweg gegangen sind. Habe mit einer Ausbildung als Maschinenschlosser begonnen und danach Maschinenbau an der Fachhochschule in Karlsruhe studiert.

Ich bin nach einem kurzen Abstecher in die Elektroindustrie wieder zum Maschinenbau zurückgekehrt, konkret zu Mulag, einem Unternehmen, das primär Böschungsmähwerke und Flughafenfahrzeuge herstellt. Dort war ich verantwortlich für die Konstruktion und Entwicklung.

Nach Mulag bin ich zur Firma Schmidt Winterdienst und Kommunaltechnik in St. Blasien gewechselt und war dort für die gesamte Unternehmensgruppe auch wieder verantwortlich für die Konstruktion und Entwicklung. Die nächste Station war schließlich Meiller.

Bin seit zwei Jahren hier in der Funktion als Geschäftsführer neben der Entwicklung auch für die Produktion in der Meiller-Gruppe verantwortlich.

fluid: Bitte kurz die beruflichen Stationen bei Meiller.

Die Stationen sich überschaubar. Ich habe 2003 bei Meiller angefangen als Entwicklungs- und Konstruktionsleiter und diese Funktion bis zum Jahr 2008 ausgefüllt.

Wie schon erwähnt habe ich anschließend die Geschäftsführung für die Technik übernommen und bin damit neben der Entwicklung auch für die Produktion verantwortlich.

fluid: Wenn Sie die letzten Jahre Revue passieren lassen: worauf sind Sie besonders stolz?

Besonders stolz bin ich eigentlich darauf, mit meinem Entwicklungsteam gemeinsam Produkte entwickelt zu haben, die das Unternehmen auch wirklich weitergebracht haben bezüglich Technologieführerschaft.

Ich möchte das noch etwas konkreter erläutern: Wir haben im vergangenen Jahr auf der Bauma und der IAA ein Schwerpunktthema gehabt was neue Steuerungen angeht. Denn Sie müssen wissen, unsere Maschinen sind bislang pneumatisch vorgesteuert worden.

Und wir haben jetzt den großen Schritt gemacht hin zur elektrischen und elektronischen Ansteuerung. Über diese Entwicklung bin ich wirklich sehr stolz und freue mich auch, dass das im Markt einen so tollen Anklang gefunden hat.

fluid: An welchen aktuellen Projekten arbeiten Sie derzeit?  

Wir arbeiten momentan weiterhin an der schon erwähnten neuen Steuerungstechnik. Das ist ein ganz großer Schwerpunkt bei uns. Hohe Priorität haben aber auch die Arbeiten an Systemen zur Ladungssicherung.

Denn die Ladung darf nicht verloren gehen und das ist natürlich auch beim Schüttguttransport eine wichtige Grundvoraussetzung. Da arbeiten wir an Systemen, die von der Bedienung her so einfach sind, dass sie dann auch wirklich angewendet werden.

Denn das beste System hilft nichts, wenn es der Anwender nicht akzeptiert. Wir arbeiten da an Lösungen, die sicher und komfortabel sind. In der Produktion arbeiten wir permanent daran, immer noch höhere Qualitätslevels zu erreichen.

Andererseits ist es unser stetiges Bemühen, die Produktivität weiter zu steigern. Hier in München sind wir gerade dabei, das Werk umzubauen und in den Abläufen zu optimieren.

fluid: Welchen Stellenwert nimmt die Hydraulik in Ihren Produktentwicklungen ein?

Einen relativ großen, da die Antriebstechnik und damit die Hydraulik das Herz unserer Produkte ist. Der beste Stahlbau funktioniert immer nur dann gut, wenn auch die Antriebstechnik gut funktioniert. Unser Motto ist: die Hydraulik darf der Anwender gar nicht spüren.

Sie muss klaglos und ohne Schwierigkeiten dauerhaft in unseren Maschinen funktionieren. Und die Einsatzbedingungen sind dort sehr rau. Die Komponenten werden wirklich sehr stark beansprucht, auch von äußeren Einflüssen, die man in der Hydraulik normalerweise in der Form so nicht vorfindet – zumindest nicht in den stationären Anwendungen.

Das beginnt bei Schmutz, Staub, aber auch sehr harte Schmutzpartikel wie Sand oder mineralische Schmutzpartikel können den Dichtungssystemen ganz schön zu schaffen machen. Wir wenden deshalb ein ganz spezielles Oberflächen-Behandlungsverfahren für unsere hydraulischen Komponenten an.

Das ist Gasnitrocarbonieren, was im Vergleich zu einer verchromten Oberfläche eben auch bei kleinen Beschädigungen sicherstellt, dass es keine flächigen Abplatzungen gibt.

fluid: Hydraulik Marke Eigenbau. Hat das bei Meiller schon lange Tradition?

Meiller hat mit dem ersten Stufendruckzylinder der Welt, also Teleskopzylinder, im Jahr 1918 ein Weltpatent besessen. Dieser Stufendruckzylinder war in einem Nutzfahrzeug installiert und hatte oben und unten eine Kugel und war damit für einen Drei-Seiten-Kipper, der ja kardanisch aufgehängt sein muss, geeignet.

Seit dieser Zeit entwickelt und produziert Meiller eigene Hydraulikzylinder, -pumpen und -ventile. An der Stelle nochmals die Anmerkung: Die Antriebstechnik war immer schon Kernstück unserer Produkte und deshalb geben wir solche Entwicklungen dann auch nicht außer Haus. Das sind für uns Kernkompetenzen.

fluid: Nochmals nachgefragt: Der freie Markt der Hydraulikindustrie kann Ihr Pflichtenheft nicht erfüllen?

Naja, wir haben natürlich im Vergleich zu Massenproduktionen in anderen Märkten relativ geringe Stückzahlen in den einzelnen Produktvarianten. Können aber durch geschickte Auswahl unseres Baukastensystems innerhalb der Hydraulik eine Abstimmung darstellen zu unserem Baukastensystem im Stahlbau.

Und das ermöglicht es uns schließlich mit einem überschaubaren Baukasten alle unsere Produktvarianten mit eigener Antriebstechnik auszustatten. Wir gehen da auch keine Kompromisse ein. Wenn ein Zylinder besonders geeignet ist, dann bauen wir den auch selbst und müssen nicht auf irgendein Katalogprodukt zurückgreifen oder einen Sonderzylinder für sehr viel Geld einkaufen.

Das ist eigentlich der Vorteil. Hinzu kommen dann noch die technischen Anforderungen, die wir uns selbst auferlegen um eben die entsprechende Anwendung abzusichern.

fluid: In bestimmten Industriezweigen, mobil wie stationär, hat die Hydraulik heute teilweise einen schweren Stand. Die mögliche Leckage ist nur ein Grund von vielen. Werden Sie im Rahmen von Kundengesprächen auch mit diesem Thema konfrontiert?

Natürlich besteht bei dem Einsatz von Hydraulik immer das Risiko von Leckage. Und dennoch: Die Leistungsdichte der Hydraulik ist das entscheidende Kriterium in der Baumaschine oder überhaupt in mobilen Anwendungen.

Es gibt meiner Erkenntnis nach heute noch keine elektrischen oder andere alternativen Antriebe, die derart hohe Kräfte auf engen Bauräumen wirklich realisieren würden. Und insofern wird sicherlich die Hydraulik bei uns noch lange vertreten sein. Die Physik gilt für alle.

Und wir sprechen heute von Antriebsdrücken im mobilen Bereich von etwa 200 bar, bei den Geräten von 340 bar. Und wenn man dann sieht, wie kompakt die Hydraulikzylinder sind und welche Kräfte sich damit erzeugen lassen, kommt man zu der Erkenntnis: Es ist schon schwierig, dazu Alternativen zu finden. Schließlich ist gerade im mobilen Bereich das Gewicht ein Riesenthema.

Jedes Kilo, was wir in die Maschine einbauen, fehlt uns an Nutzlast. So gesehen ist die Hydraulik dort nach wie vor unschlagbar.

fluid: Wird der Hydraulikanteil bei Ihren zukünftigen Produktentwicklungen eher steigen oder stagnieren?

Der wird aus heutiger Sicht meiner Meinung nach steigen, weil im Vergleich zu den früheren Maschinen ein höherer Anteil an kraftbedienten Funktionen da ist. Wir wissen beispielsweise, dass die Bediener nicht mehr aussteigen wollen, sondern vieles vom Fahrerhaus aus steuern wollen.

Und damit sehen wir zusätzliche Funktionalitäten, die bewegt werden müssen. Damit wird zwangsläufig auch der Anteil der Hydraulik steigen. Das ist natürlich eine andere Form der Hydraulik. Bezugnehmend auf die Frage von vorhin: natürlich sind für kleinere Stellkräfte alternative Antriebe denkbar.

Wenn man allerdings die Pumpe schon mal an Bord hat und das Ventil auch, dann liegt es nahe, dass man auch noch den kleinen Zylinder für den Unterfahrschutz oder für die seitliche Bordwand-Funktion hydraulisch ausführt. Im Gerätebereich ist die Entwicklung besonders interessant.

Dort nehmen Ladungssicherungs-Einrichtungen einen immer höheren Stellenwert ein. Die sind heute entweder durch aufwendiges Verzurren oder Abstecken von Anschlägen oder eben durch hydraulische Einrichtungen ausgeführt. Und auch dort haben wir eine sehr vorausschauende Entwicklung der Containerverriegelung bei Absetz-Kipperfahrzeugen getätigt.

Dadurch ist der Hydraulikanteil auch wieder gestiegen. Ich sehe auch weiterhin, dass durch Verlagerung in automatische Abläufe einerseits oder eben Ersatz von manuellen Tätigkeiten durch mechanisierte Varianten oder Funktionen dort der Hydraulikanteil wachsen wird.

fluid: Was bereitet Ihnen im Berufsalltag derzeit am meisten Kopfzerbrechen?

Es ist nach wie vor das stetige Bemühen vorhanden, wieder auf das alte wirtschaftliche Niveau zurückzukehren, das wir vor der Krise erreicht hatten.

Mir persönlich liegt besonders am Herzen, dass wir Vollbeschäftigung an unseren Standorten für unsere Mitarbeiter haben. Und natürlich auch, salopp formuliert, dass wir weiterhin unsere guten Produkte an den Mann bringen.

fluid: Sie haben des öfteren von Technologieführer gesprochen. Damit einher gehen ja in der Regel innovative, nicht selten bahnbrechende Lösungen. Lassen Sie die schützen oder wie gehen Sie mit dem Thema Patente um?

Wir prüfen regelmäßig unsere neuen Ideen bevor wir an die Öffentlichkeit gehen, vor allem auf die Frage hin, ob es schutzrechtswürdig ist. Zu Ihrer Frage: Ja, wir lassen die Entwicklungen auch schützen. So sind beispielsweise in unserer neuen Steuerung auch wieder Schutzrechte enthalten, die verhindern sollen, dass die typischen Nachbauer sehr schnell auf gleiches Niveau kommen.

Uns ist aber auch klar: Ein Schutzrecht kann das vielleicht einen kleinen Moment verzögern – verhindern wird es das nicht. Denn ein Schutzrecht ist oftmals die Anleitung zur Umgehung. Und was wir halt auch wirklich versuchen ist, schneller zu sein als der Wettbewerb. Und exakt das verbinden wir mit der Begrifflichkeit Technologieführerschaft.

fluid: Wenn Sie bezüglich Ihrer Abnehmer einen Wunsch frei hätten: welchen hätten Sie?

Dass man beim Produktvergleich wirklich Äpfel mit Äpfeln vergleicht und nicht Äpfel mit Birnen. Das ist sehr wichtig, weil wir technisch sehr anspruchsvolle Produkte herstellen.

Denn das eigentliche Know-how ist meist im Inneren verborgen und die Alleinstellungsmerkmale sind äußerlich in der Regel nicht erkennbar. Nur wir denken an die Gesamtkosten – neudeutsch: total cost of ownership. Und daran würde ich ganz gerne erinnern, wenn man die Produkte vergleicht.

www.meiller.com