„Zufrieden darf man nie sein“ 1

INTERVIEW: René Achnitz, igus GmbH
„Zufrieden darf man nie sein“ - Einem Paukenschlag gleich kam die auf der Hannover Messe 2007 verkündete Nachricht über den Einstieg von igus in das Wälzlagergeschäft. Nun hat sich in den vergangenen drei Jahren entwicklungstechnisch in Köln eine ganze Menge getan. Eine Zwischenbilanz im Interview mit René Achnitz.

antriebspraxis: Als Hersteller von Energieketten und Gleitlagern ist Igus bereits seit 45 beziehungsweise 25 Jahren weltweit bekannt. Auf der Hannover Messe 2007 hat das Unternehmen mit dem Einstieg ins Wälzlagergeschäft die Fachwelt überrascht. Wenn Sie nun die vergangenen Jahre Revue passieren lassen: Sind Sie mit dem Erreichten zufrieden?
Zufrieden darf man nie sein, erst recht nicht nach so kurzer Marktpräsenz mit einem für uns völlig neuen Produktsegment. Der Markt bietet noch viele Chancen und Aufgaben für die Zukunft. Sicherlich fühlen wir uns aber durch die Arbeit und die Erfolge der letzten Jahre darin bestärkt, diesen Schritt gewagt zu haben.

antriebspraxis: Wie sieht das Portfolio heute denn konkret aus?
Von anfänglich einer Xiros-Werkstoffreihe sind wir heute auf drei Xirodur-Werkstoffreihen gewachsen. Zu der ursprünglichen Hochtemperaturvariante Xirodur A500 sind die Universalreihe Xirodur B180 sowie die günstige Chemielagervariante Xirodur C160 hinzugekommen. Alle immer trockenlaufend ohne Schmierung. Auch das Abmessungsprogramm hat deutlich zugelegt. In diesem Jahr haben wir erstmals Xiros-Radialrillenkugellager für den Wellendurchmesser 60 mm vorgestellt. Wir starten nach wie vor bei Wellendurchmesser 3 mm.

antriebspraxis: Gibt es Pläne für den weiteren Ausbau des bestehenden Programms?
Natürlich haben wir solche Pläne. Wir haben ja bereits in diesem Jahr gezeigt, dass die Radialrillenkugellager nicht die einzige Xiros-Bauform bleiben sollen. In Hannover haben wir Axiallager, Kugelrollen und Rundtischlager vorgestellt. Zudem sind Bauformen mit Deckscheibe hinzugekommen. In diese Richtung werden wir sicherlich weitergehen, aber auch ganz andere Ideen hinsichtlich Bauvarianten und Werkstoffen kreisen in unseren Köpfen – zumeist angeregt durch das Feedback unserer Kunden.

antriebspraxis: Welche Teile des Lagers sind aus Kunststoff ?
Es können alle sein! Innen- und Außenring fertigen wir aus unseren eigens entwickelten, tribologisch optimierten Xirodur-Werkstoffen. Für besondere Anwendungsbereiche im Niedriglastsegment bieten wir auch Kunststoffkugeln an. Die neue Kugelrolle besteht sogar standardmäßig ausschließlich aus Kunststoffelementen. Und der Käfig der Radialrillenkugellager ist natürlich aus Kunststoff.

antriebspraxis: Klassische Wälzlagerhersteller bieten diese Kunststoff-Varianten teilweise bereits an. Wie will Igus hier langfristig dagegen halten und sich positionieren?
Ähnlich wie wir es im Gleitlagersektor machen. Mit harter Arbeit und der Konzentration auf unsere Stärke: die Fokussierung auf die Kombination von Tribologie, Kunststoff-Know-how und Lagertechnik. Und natürlich gelten die allgemeinen Igus-Grundsätze auch hier: liefern in 24 Stunden oder heute, bestellen ab Stückzahl 1 ohne Mindermengenzuschläge, direkter Draht zum Kunden und mit unserem neuen Internet-Werkzeug, der Lebensdauerberechnung online auch für Xiros-Polymerkugellager.

antriebspraxis: Seit der Markteinführung sind gut drei Jahre vergangen. Welche Anwendungen werden mit den Wälzlagern konkret abgedeckt?
Wir sehen uns durch die realisierten und zurzeit in Planung befindlichen Anwendungen in unseren ursprünglichen Grundgedanken bestätigt. Da wo die absoluten Trag- und Drehzahlen, die mit dauergeschmierten metallischen Wälzlagern zu erzielen sind, nicht benötigt werden, stattdessen aber andere Aspekte in den Vordergrund rücken, kommen wir zum Zuge. Vieles konzentriert sich dabei auf Bereiche, wo dem klassischen metallischen Kugellager Chemie, Einsatz in flüssigen Medien und somit Auswaschen von Schmierstoff beziehungsweise Korrosion zu schaffen machen. Auch Gewichtsreduzierung, Vermeidung von Magnetismus oder einfach ein reduzierter Reibwert im Vergleich zu unseren Iglidur-Gleitlagern können Argumente sein.

antriebspraxis: Gibt es langfristig betrachtet noch Nischenmärkte, die Sie erobern möchten?
Nun, wir denken, dass der Kunststoffkugellagermarkt selbst eine kleine aber feine Nische des gigantischen Wälzlagermarktes ist. In dieser Nische wollen wir uns zukünftig noch besser zurechtfinden.Dabei stellen wir schon jetzt fest, dass auch in der Nische die Kundenwünsche nochmals sehr stark variieren können. Wir lassen uns da sehr gerne von unseren Kunden inspirieren, fordern, leiten.

antriebspraxis: Beschreiben Sie kurz ein aktuell abgewickeltes Projekt, das mit Igus-Wälzlagern verwirklicht wurde?
Da fällt es schwer, einzelne herauszuheben. Nur so viel: Die Vielfalt ist groß und unheimlich spannend. Das reicht von medizinischen Geräten über Transport- und Fördertechnik aller Art – verstärkt natürlich im Food- oder Chemiebereich – sowie Modellbau bis hin zu Pumpen oder Messtechnik.

antriebspraxis: Zur Markteinführung auf der Hannover Messe 2007 beteuerte Igus hinsichtlich des Erfahrungs-Potenzials bei Kunststoff-Wälzlagern, man stünde derzeit da, wo man mit den Gleitlagern Mitte der 80er Jahre war. Die liegt die Frage nahe: Wo stehen Sie heute?
Um im Bild zu bleiben: Der Übergang in die 90er Jahre steht bevor, aber wie im richtigen Leben muss man auch hier ohne Zeitmaschine auskommen und sich die Erfahrung jeden Tag neu erarbeiten.