„Das Engineering wird digital“ 1

Seit dem Kauf von UGS für 3,5 Milliarden Dollar im Jahr 2007 widmet sich Siemens Industry Automation verstärkt dem Thema Konstruktionssoftware und PLM. ke fragt nach dem Stand der Dinge bei Anton Huber, CEO der Siemens-Division Industry Automation.

Welche Rolle messen Sie Konstruktionstools und PLM-Software in der Zukunft bei?
Eine sehr große, eine immer größere. Das sehen Sie daran, dass wir große Summen investiert haben.

Warum?
Engineering ist eine teure Geschichte. Wenn Sie an Automatisierung denken, nur 30% der Kosten sind Material und Komponenten, über 60% ist Engineering. Die Produktivität lässt sich mit intelligenteren Komponenten nur noch begrenzt steigern. Deshalb glauben wir, dass der Produktivitätsfortschritt ganz besonders beim Engineering stattfinden muss.

Und das klappt Ihrer Meinung nach mit neuer Software?
Sehen Sie, wir machen ja schon viele Jahre Automatisierung. Und wir sehen auch, dass der Produktivitätsfortschritt mit der Einführung neuer Technologien geringer wird. Wir in der westlichen Welt leben von Innovation. Von Kostenführerschaft redet ja keiner mehr. Ich muss mit besseren Produkten schneller am Markt sein als die anderen. Heute werden die Emerging Markets dazu verwendet, die einfachen Teile zu fertigen. Wenn die aber in der Wertschöpfung so weit sind wie wir – und es gibt keinen Grund, warum ein indischer oder chinesischer Ingenieur nicht auch eine komplexe Maschine entwickeln soll – dann müssen wir in der Entwicklung einfach schneller sein. Das geht mit Software.

Aber in den neuen Märkten wachsen viele junge Ingenieure heran…
…ja, ja. 500 000 Ingenieure verlassen jedes Jahr chinesische Universitäten. Das klingt oft etwas pessimistisch. Dabei spielen viele Ingenieure, die wenig kosten, eher eine untergeordnete Rolle. Wenn Sie 100 Ingenieure auf ein einzelnes Projekt setzen, geht das ja nicht unbedingt schneller. Irgendwann kann man ein Projekt mit noch mehr Leuten nicht beschleunigen. Schon wenn Sie fünf Ingenieure zusammensetzen ist der Aufwand, dass da nichts verloren geht, weil einer etwas ändert wo der andere noch dran ist, riesig. Das ist mit manuellem Management kaum machbar. Die Software hilft dabei, parallel an einem Projekt zu arbeiten.

Sie behaupten also, dass deutliche Effizienzsteigerungen durch den Einsatz von Softwaretools möglich werden?
Nicht werden, sondern bereits sind. Gerade wenn man selber Ingenieur war, hat man ja eine Vorstellung, was möglich sein könnte und was nicht. Aus dieser Vorstellung heraus haben wir die Firma UGS gekauft und damit auch deren Kunden. Und ich muss sagen, ich war beeindruckt, wie weit manche Kunden bereits waren. Viel weiter, als wir dachten, dass es möglich wäre. Wirklich beeindruckend.

Das heißt konkret?
Ich erzähle jetzt keine Vision, sondern nur, was es schon gibt, was Best Practice ist. Wenn ich da die Besten mit den Schlechtesten vergleiche, sind 50% Produktivitätssteigerung kein Problem. Und da ist sicher noch nicht alles ausgereizt.

Welche Branchen sind besonders weit und wo ist Nachholbedarf?
Es gibt schon sehr gute deutsche Maschinenbauer, etwa im CNC-Bereich. Ansonsten sind Firmen in Japan, im Konsumgüterbereich, sehr gut. Da herrscht auch sehr hoher Wettbewerb. Auch die deutschen Automobilhersteller sind sehr gut, also man kann das nicht auf Branchen einschränken. Es hängt von den Menschen in Unternehmen ab, die das treiben. Wir haben die einen, die das sehr vorsichtig und evolutionär weiterentwickeln, und auf der anderen Seite haben wir junge Leute, die gerade eine Firma gegründet haben, die selber gut ausgebildet sind und selbst als Mechanik-Ingenieur an der Uni CAD/CAE intensiv gelernt haben. Die steigen auf sowas natürlich schneller ein. Aber manche Entscheider tun sich schwer, ihre gesamte Entwicklung und Produktion einem System anzuvertrauen, dass sie nicht verstehen. Ein neues iPhone kauft man sich schnell. Aber wenn ein Maschinenbauer investiert, denkt er an die Mitarbeiter, die er neu schulen muss, die Prozesse die er anpassen muss und an Ausfall- und Fehlerrisiken.