Technologiefabrik Scharnhausen, Bild: Festo

Ein eingespieltes Team: Joaquim Jose Teixeira de Freitas arbeitet in der Ventilgehäusemontage in der Technologiefabrik Scharnhausen von Festo zusammen mit einem Roboter – ohne, dass sich ein Schutzzaun zwischen beiden befindet. Bild: Festo

Der erste Arbeitsschritt von Joaquim Jose Teixeira de Freitas, wenn seine Schicht in der Ventilgehäusemontage beginnt, ist es, zu prüfen, wie es Uschi geht. Vorgegeben ist, dass ihre Kraft im freien Raum 32 Newton nicht übersteigen darf, ansonsten darf sie ihre Arbeit erst einmal nicht antreten. Uschi hat weiche Rundungen, eine sehr helle Haut und ist ein kollaborativer Roboter. Heute liefert der Roboter mit 24,67 Newton einen sehr guten Wert. Teixeira de Freitas kann den Roboter starten. Es ist eine sehr kurzzyklische, monotone Arbeit, die Uschi ihren menschlichen Kollegen seit einiger Zeit abnimmt. Ventilgehäuse nehmen, Patronen einsetzen, in die Presse damit, aus der Presse entnehmen und auf ein kleines Fließband ablegen, das die Komponente zur nächsten Station fährt.

Der Output liegt bei etwa 60 Gehäusen pro Stunde. Das hält ein Mensch rund drei bis vier Stunden aus, danach würde ein Mitarbeiterwechsel folgen. Uschi kann das den ganzen lieben langen Tag machen. Außer in Momenten, in denen auch sie – wie jede andere Maschine eben auch – einmal streikt. Eigentlich ist Uschi nicht schüchtern, auch einen Besuch der Bundeskanzlerin hat sie schon ohne Allüren mitgemacht, aber heute wirft sie ihren Greiferkopf ab. In so einem Moment bleibt sie stehen. Sollte das nicht der Fall sein, oder ein anderes Problem vorliegen, stoppt sie spätestens, wenn ihr ein Mensch nahe kommt und verliert ihre Spannung. Dafür ist der Roboter mit einer weichen Sensorhaut ausgestattet.

Ein wichtiger Aspekt, da die nächsten Schritte der Montage menschliche Kollegen übernehmen: Während sie in die Ventilgehäuse unter anderem noch O-Ringe einlegen und an diversen Stellen für die richtige Fettung sorgen, trennt sie lediglich das etwa 50 Zentimeter lange Fließband von ihrem maschinellen Kollegen. Hier findet sie statt, die MRK - Mensch-Roboter-Kollaboration.

In Teixeira de Freitas‘ Team sind noch drei weitere Kollegen, die den Roboter bedienen dürfen – pro Schicht ist immer einer anwesend. Wenn der Roboter ohne Störungen läuft, widmen sie sich anderen Aufgaben. Hier freut man sich, dass es genau dieser Arbeitsplatz ist, der für den ersten Robotereinsatz ohne Schutzzaun ausgesucht wurde. Teixeira de Freitas begeistert vor allem, dass er die Möglichkeit hat, neueste Technologien kennenzulernen. Wenn es nach ihm ginge, würde er noch mehr Roboter bedienen.

Aber bei aller Technikbegeisterung: einen Kaffee kann man mit dem Roboter nicht trinken gehen. Auch kein Feierabendbier. Ein Kollege ist der Roboter einfach nicht und das ist auch ein kleiner Wehrmutstropfen, den Teixeira de Freitas sieht: Man hat plötzlich einen menschlichen Kollegen weniger. Dafür nimmt einem der Roboter die Aufgaben ab, die einem nach ein paar Jahren körperliche Beschwerden einhandeln können.

Noch ist das Werk in Scharnhausen eines der wenigen, die die kollaborative Technik tatsächlich einsetzen. Und doch ist es nur die Version 1.0, ein Pilot Case. Geht man nach der Meinung von Ralf Riemensperger, Leiter Technologiemanagement bei Festo in Scharnhausen, werden die Anwendungsfälle für kollaborative Roboter in der Form, wie auch Uschi sie verkörpert viel zu krampfhaft gesucht. Er möchte einen anderen Ansatz verfolgen: Er möchte den „Wanderarbeiter-Roboter“ etablieren. Einen Tausendsassa der monotonen Aufgaben. ke NEXT hat ihn dazu befragt...