Open-Source-Software hat den Computer-Markt aufgewirbelt 1

Eine kleine Revolution erreicht den Maschinenbau: Open-Source-Software hat den Computer-Markt aufgewirbelt, weil kostenlos verfügbare und für jeden einsehbare Programme qualitativ mit kommerziellen Angeboten konkurrieren können. Ist diese Idee angesichts der harten Anforderungen auf Lösungen für die Industrieproduktion übertragbar?

Die Idee der Open Source Software, bei der nicht ein Hersteller die technischen Grundlagen als Geschäftsgeheimnis behandelt und alleine für die Verbesserung und das Funktionieren verantwortlich ist, hat auf viele Bereiche übergegriffen. Datenbanken, Browser, Textverarbeitungen, Programmierumgebungen, CMS-Systeme und E-Mail-Programme sind frei verfügbar. Und sie können qualitativ mit kommerziellen Lösungen mithalten, weil die Gemeinschaft im offenen System Fehler schnell findet und Innovationen aus Eigeninteresse vorantreibt.

Trotz der nachweisbaren Erfolge, die Branchengrößen wie IBM, SAP oder Intel dazu gebracht habe, Open Source Projekte offiziell zu unterstützen, bleiben berufliche Anwender oft skeptisch. Zum einen wegen der Haftungsfrage. Da es keinen offiziellen Hersteller gibt, gibt es auch niemanden, an den man sich formal bei Problemen wenden kann. Diese Lücke schließen Dienstleister, die auf Basis der kostenlosen Software Lösungen anbieten und für das Funktionieren auch eintreten.

Zum anderen wird befürchtet, dass eine Gruppe von Freiwilligen das Interesse an ihrem Hobby auch verlieren kann. Dann stünde ein kommerzieller Anwender vor einem Problem, wenn er auf die Technologie angewiesen ist. Diese Befürchtung ist allerdings inzwischen weitgehend gegenstandslos; denn viele Projekte werden überwiegend von angestellten Ingenieuren betreut. Im Falle des Open-Source-Betriebssystems Linux ist dies bei über 95 Prozent der Entwickler der Fall.

Carsten Emde vom Open Source Automation Development Lab (OSADL) kennt diese Bedenken. OSADL ist eine eingetragene Genossenschaft, die Open Source Software im Maschinenbau und in der Fabrikautomation fördern und koordinieren möchte. „Anwender und Hersteller haben einen extrem ausgeprägten Qualitätsanspruch“, sagt Carsten Emde, „wir sprechen von Anlagen, die rund um die Uhr fehlerfrei funktionieren müssen. Das ist nicht nur eine Frage der Profitabilität der Maschinen, sondern auch der Sicherheit der Mitarbeiter und Erzeugnisse.“

Doch genau das spricht laut Emde für den Einsatz von Open-Source-Software: „Das Linux-Betriebssystem weist eine bisher unerreichte Qualität und Stabilität auf. Grund dafür ist unter anderem die Open-Source-Softwarelizenz und die dadurch bedingte große Anzahl an Entwicklern und Testern.“ Fortschritte sind nicht von den Ressourcen eines einzigen Unternehmens abhängig. Denn wer die kostenlose Software einsetzt, verpflichtet sich umgekehrt, seine Innovationen offenzulegen und damit anderen Nutzern zur Verfügung zu stellen. Das erscheint zunächst wirtschaftlichen Interessen zu widersprechen, weil kommerzielle Unternehmen auf das geistige Eigentum an ihrer Arbeit verzichten sollen. Tatsächlich überwiegt aber der Nutzen der gemeinschaftlichen Arbeit die Kosten und Risiken.

Da bei Open Source Software der gesamt Quellcode offen zugänglich ist, sieht Carsten Emde auch keine Gefahr, dass Projekte schnell im Sand verlaufen. „Open Source Software kann nicht abgekündigt werden. Mit Linux braucht ein Maschinenbauer seinen Kunden nicht mehr etwas zu versprechen, was sein früherer Lieferant von proprietärer Software nicht halten konnte – nämlich die kontinuierliche Pflege der Software während des gesamten Lebenszyklus einer Maschinenserie.“ Das macht Open Source Software sogar sicherer als viele kommerzielle Projekte. Hier kann ein Hersteller beschließen, eine Produktreihe nicht weiterzuführen oder eine Entwicklungsrichtung einzuschlagen, die Anwendern nicht gefällt. Mit Open Source Software können Endkunden das Projekt problemlos in Eigenregie weiterführen oder Entwicklungen in ganz neuen Anwendungsfeldern voran-treiben.

Die Verfechter der Open-Source-Idee hoffen, der Fabrikautomation auf der Software-Seite neue Impulse geben zu können. Denn man muss im Maschinen- und Anlagenbau zwischen der physischen Automation und der logischen Automation unterscheiden. Bei der Hardware gibt es verschiedene Industrial-Ethernet-Lösungen, die durch Kabel und Protokolle sicherstellen, dass Steuerbefehle und Informationen zwischen Antrieben und Steuerungen ausgetauscht werden. Hier verläuft die Entwicklung naturgemäß in längerfristigen Entwicklungsschritten, um die Kompatibilität der Komponenten sicherzustellen.

Eine permanente Änderung von Steuerbefehlen würde keine Vorteile bringen. Anders sieht es auf der Software-Seite aus. Hier können neue Programmier-Werkzeuge, bessere Entwicklungsumgebungen und schnellere Prozessoren Fortschritte bringen. Anlagen können durch innovative Software in den Steuerungen verbessert werden, was bei verhältnismäßig geringen Investitionen die Produktivität erhöhen kann. Außerdem kann es für Entwickler sehr attraktiv sein, neue Programme zu entwickeln, wenn diese auf einer ganzen Reihe von Hardware-Lösungen laufen können und nicht nur auf der Steuerung eines Herstellers.

Als Open Source Software ist Linux auf verschiedenen Plattformen anpassbar. Sie läuft nicht nur auf Standard-PCs, sondern wird auch gerne in Embedded-Lösungen verwendet. Software, die auf Linux aufbaut, kann durch einfache Compilierung portiert werden. Bei allen Vorteilen gibt es im Maschinenbau auch einen entscheidenden Haken. Die Software in der Steuerung muss mit der Hardware kommunizieren können. Dies erfolgt über sogenannte Treiber, die die Übersetzungsarbeit von Kommandos für die jeweiligen Geräte und Netzwerke übernehmen. Die Entwicklung von Treibern ist jedoch keine triviale Angelegenheit.

Peter Lutz, Geschäftsführer von Sercos International, erklärt: „Sercos International tritt für offene, herstellerunabhängige und frei verfügbare Technologie ein. Als leistungsfähige Real-Time-Ethernet-Lösung verwendet zwar auch Sercos III patentierte Technologien. Weil die entscheidenden Rechte jedoch im Besitz der Nutzerorganisation sind, konnten wir eine Masterbibliothek erarbeiten, die sowohl den Ansprüchen der Open-Source-Bewegung, als auch den Rechten auf geistiges Eigentum entsprechen.“