Interview: Lorenz Stöger, Stöger Automation GmbH 1

Spezialist für Schraubtechnik

Bescheiden ist Lorenz Stöger über all die Jahre hinweg immer geblieben. Und zusammen mit seinem technischen Wissen in der Schraub- und Verbindungstechnik hat der Firmenchef das in Geretsried ansässige Unternehmen zu einem in der Szene anerkannten Spezialisten gemacht. fluid: Stellen Sie bitte das Unternehmen Stöger Automation kurz vor.

Wir sind in erster Linie Spezialist für Schraub- und Verbindungstechnik mit automatischer Zuführung. Das Produktportfolio reicht von einfachen Handschraubern bis hin zu vollständig prozessautomatisierten Anlagen. Zum Einsatz kommen unsere Systeme vorrangig in der Automobilindustrie. Wir decken aber auch andere Industriezweige ab wie beispielsweise die Elektroindustrie, Möbelindustrie, oder Freizeitindustrie.

So kommen zum Beispiel auch bei Skibindungen unsere Schraubsysteme zur Anwendung. Wir beschäftigen derzeit rund 40 Mitarbeiter. Stöger Automation ist ein nach klassischen Strukturen aufgebauter Betrieb. Wir haben alle Bereiche im Hause, also von der Konstruktion und Entwicklung über die Fertigung, Montage bis hin zum Vertrieb. Selbst die Software-Entwicklung findet bei uns im Hause statt.

fluid: Womit hat sich Lorenz Stöger vor der Firmengründung im Jahr 1987 beschäftigt?

Ich fange einmal am besten ganz von vorne an. Der Einstieg ins Berufsleben begann mit einer Lehre als technischer Zeichner. Daran schloss sich die Ausbildung zum Techniker an. Aber der Schwerpunkt war bei mir immer schon die Konstruktion und Entwicklung. Der Gang in die Selbständigkeit hat sich aber mehr oder weniger rein zufällig ergeben.

fluid: Lässt sich dieser zufällige Weg zur Firmengründung etwas konkreter beschreiben?

Im Grunde genommen hat mich ein ehemaliger Arbeitskollege dazu animiert. Er wollte sich um die vertriebliche Seite kümmern und ich sollte aufgrund meiner Affinität zur Technik den Entwicklungpart übernehmen. Das war 1987. Man muss natürlich schon auch selbst den Willen dazu mitbringen.

Für mich aber habe ich da ganz kurzfristig eine Chance gesehen verbunden mit der Überlegung: entweder du machst es jetzt aufgrund dieses Anstoßes oder du bleibst vielleicht doch wieder hängen wie bisher. Gestehen muss ich aber auch: Ich hatte damals weder einen Businessplan noch ein Konzept.

Das war aber nicht unbedingt ein Nachteil. Denn wenn man am Anfang alles theoretisch durchspielen würde, käme es vermutlich nie zum Start. Man würde sich dann vermutlich auch noch Berater dazu holen und die würden alle zunächst mal den Worst Case an die Wand malen. Dann fängt man an sich abzusichern und so weiter. Ich habe seinerzeit einfach nur den Optimismus und nicht den Pessimismus in den Vordergrund gestellt.

fluid: Wie groß war die Firma ganz am Anfang?

Ich habe wirklich bei Null begonnen. Ich hatte wirklich nichts – kein Werkzeug, keinen Hammer. Es war keinerlei finanzielle Absicherung vorhanden und habe trotzdem den Sprung in die Selbständigkeit gewagt. Ich hatte zu dem Zeitpunkt gerade ein Haus gebaut, das zu etwa zwei Drittel fertig war.

In der Garage habe ich dann den Geschäftsbetrieb aufgenommen. Das erste Jahr habe ich mich als Einzelkämpfer ausschließlich mit Produktentwicklungen beschäftigt. In der Zeit habe ich aber schon ein paar Produkte verkauft. So wuchs das dann stetig. Und drei Jahre nach der Firmengründung konnte ich bereits auf die erste Umsatzmillion, damals noch Mark, stolz sein.

fluid: Sie leiten vom ersten Tag an die Geschicke des Unternehmens und in der mittlerweile 23-jährigen Firmengeschichte gab es sicherlich Höhen und Tiefen. Welche davon sind in Erinnerung geblieben?

Fangen wir mit den Tiefen an, denn aufhören sollte man immer mit den positiven Dingen. Ich denke hier primär an abgewickelte Projekte, die beispielsweise durch die Insolvenz des Kunden gefährdet waren. Und das geht dann bei einem Privat- oder Einzelunternehmen schon an die physische Substanz. Aber ich habe es trotzdem immer wieder gut geschafft solche Rückschläge zu überwinden, ohne dass die Firma in Schieflage geraten wäre.

Darüber hinaus habe ich stets eine sehr vorsichtige Finanzpolitik betrieben, auch was Privatausgaben anbelangt. Ich habe persönlich immer darauf geachtet, dass das Verhältnis von Einnahmen und Firmengröße auch zu meinem Lebensstil stimmt. Ich habe nicht anders gelebt wie meine Arbeitnehmer. Das ist gleiches Niveau.

fluid: Weitere Erinnerungen…

…gibt`s zur Genüge. 1990 waren wir dann schon fünf Leute in der etwa 53 Quadratmeter großen Garage, da wurde der Platz dann aber allmählich zu klein.

Im Haus hatten wir teilweise Maschinen montiert und im Keller war das Materiallager. Was natürlich auch negativ war: die Außenwirkung den Kunden gegenüber. Dann hat sich aber 1990 in Geretsried etwas ergeben: ich konnte eine Halle mit 550 m² mieten. So waren wir dann auch in der Lage, die Belegschaft Stück für Stück weiter ausbauen.

Zum 10-jährigen Firmenjubiläum, also 1997, zählten wir dann schon 18 Mitarbeiter. In diesem Jahr erfolgte dann auch die Zertifizierung nach ISO 9001. Diesen Schritt mussten wir schon alleine aufgrund der Kunden in der Automobilindustrie gehen. Dann ist der Maschinenpark sukzessive erweitert worden.

fluid: Wir haben noch nicht über die positiven Erinnerungen gesprochen.

Wir haben als kleine Firma immer wieder auch Projekte bekommen, die eine technische Herausforderung waren und wo wir uns aufgrund der technischen Kompetenz, die uns die Kunden auch zugetraut haben, vom Wettbewerb abheben konnten.

Da konnten wir uns nicht selten gegenüber weit größeren Konkurrenten durchsetzen. Und da sind wir dann schon ganz stolz drauf. Das ist eine Bestätigung für die jahrelange qualitativ gute Arbeit in den verschiedensten Branchen – auch in der Luftfahrtindustrie. Stolz bin ich aber auch auf den Wirtschaftspreis, der alljährlich im Landkreis Bad Tölz/Wolfratshausen vergeben wird. Wir waren der erste Preisträger im Jahr 1999. Im Rahmen der bekannten Top 100-Aktion sind wir im Jahr 2006 auch ausgezeichnet worden.

fluid: Inwieweit war die Firma von der Finanz- und Wirtschaftskrise betroffen?

In diesen 23 Jahren hat es mehrere wirtschaftliche Höhen und mehrere wirtschaftliche Tiefen gegeben. Sie waren aber nie sehr stark ausgeprägt. Auch wenn 2009 insgesamt das schlimmste Jahr war, so haben wir es dennoch gut überstanden – ohne Entlassungen.

Gegenüber dem hohen Niveau in 2008 hatten wir in 2009 einen Umsatzrückgang von 15 Prozent zu verzeichnen. Wir mussten aber Ende 2009 durch den Auftragseingang bedingt schon wieder Personal aufstocken. Ums so zusammenzufassen: Die Wirtschaftskrise war vorhanden, wir haben sie aber gut gemeistert.

fluid: Was bereitet Ihnen derzeit am meisten Kopfzerbrechen?

Die Frage lässt sich kurz und bündig beantworten: die Lieferzeiten. Das ist momentan richtig frustrierend, weil das sehr viel Kraft kostet. Denn es gibt in einer Geschäftsbeziehung eigentlich nichts Schlimmeres, als wenn man den Kunden erklären muss, dass man nicht termingerecht liefern kann. Dabei sind wir ja auch nur ein Glied in einer langen Wertschöpfungskette.

fluid: Wenn Sie bezüglich Ihrer Abnehmer einen Wunsch frei hätten: welchen hätten Sie?

Es werden ja permanent neue Produkte entwickelt. Und gerade was die Verbindungstechnik betrifft, da werden manchmal Schraubstellen vorgesehen, die fast nicht oder nur schwer zugänglich sind. Derart problembehaftete Schraubverbindungen müssen dann mit einem enorm hohen Aufwand automatisiert werden.

Da würden wir uns schon weit im Vorfeld der Produktentwicklung mehr Einbindung wünschen. Losgelöst von technischen Aspekten ist grundsätzlich aber festzustellen, dass der Umgangston in der Geschäftswelt schon ein bisschen hart geworden ist. Preis und Lieferzeit sind ja meist die vieldiskutierten Themen. Diesbezüglich würde man sich manchmal schon mehr Menschlichkeit wünschen. Das war früher um einiges besser.

fluid: In den von Ihnen konzipierten und gebauten Schraubsystemen kann der Antriebssatz elektrisch oder pneumatisch sein. Wann ist welche Antriebsvariante zu empfehlen?

Der pneumatische Antrieb hat ja seine Grenzen. Zum einen ist er mit einem hohen Energieverbrauch verbunden. Schließlich ist vielen Anwendern die Geräuschentwicklung ein Dorn im Auge.

Und nicht zu vergessen, der pneumatische Antrieb ist sehr wartungsintensiv. Im Vergleich zum Elektroantrieb ist der pneumatische Antrieb aber auch nicht regelbar. Die Anschaffungskosten für eine pneumatische Lösung sind geringer, aber die Folgekosten sind viel höher.

Und was die Prozessauswertung angeht – dafür ist die pneumatische Lösung absolut nicht geeignet. Aufgrund der aufgezählten Attribute entscheidet sich nun der Anwender für die eine oder andere Lösung. Wir können jedenfalls beide Techniken zur Verfügung stellen. Fakt ist: Früher war das Verhältnis von Pneumatik und Elektrik etwa 80:20, heute ist das Verhältnis beinahe umgedreht.

fluid: Auf der Automatica in München hat das Unternehmen erstmalig GAP Control vorgestellt. Was ist das und was kann es?

GAP ist englisch und steht sinngemäß für anlegen. Bei dem neuen Schraubverfahren geht es im Wesentlichen um die mechanische Prüfung der Kopfanlage. In der Praxis stellt sich beim Verschraubungsprozess ja immer wieder die Situation so dar, dass das Drehmoment und der Drehwinkel vorschriftsmäßig erreicht sind.

Liegt aber auch der Schraubenkopf am Werkstück an? Diese Frage kann nun unser GAP Control beantworten. Das neue Schraubverfahren erfasst die Schraubenkopfhöhe und errechnet individuell die Eindrehtiefe unter Einbeziehung des Werkstückniveaus. Der Nutzwert für den Anwender: dokumentierbare Sicherheit, da es sich um ein direktes Messverfahren zur Kopfanlage handelt. Kombiniert mit einem kontrollierten Anzugsverfahren geht die Fehlerwahrscheinlichkeit gegen Null.

Insbesondere selbstfurchende Schrauben in Metallgussteile sind ein Beispiel für die mögliche Summierung von Fehlerquellen, die mit indirekten Messverfahren wie Drehmoment und Drehwinkelt nicht mehr ausreichend zu kontrollieren sind. Dafür gibt es nun GAP Control. Es handelt sich hier um ein neues Produkt, das seit etwa einem halben Jahr bei einem Kunden als Pilotprojekt läuft. Mittlerweile liegt die Erfahrung vor, dass das Ganze funktioniert und jetzt gehen wir damit auf den Markt.

fluid: Was ist in nächster Zeit an besonders kreativen Lösungen von Lorenz Stöger und seinem Team zu erwarten?

Die Antwort hört sich jetzt etwas merkwürdig an, aber wir wollen jetzt den Standardbereich standardisieren. Die Standardisierung unseres doch sehr umfangreichen Produktportfolios soll dazu führen, dass wir auch die Lieferzeiten verkürzen können. Also auch im Konstruktionsbereich weniger Aufwand haben und im Vertrieb und Angebotswesen schon auf mehrere vorgefertigte Module zurückgreifen können. Da haben wir schon einiges umgesetzt und das greift auch schon. Natürlich wird es darüber hinaus auch weiterhin Sonderlösungen geben.

fluid: Wo sehen Sie im Kreise Ihrer Wettbewerber für Ihr Unternehmen die größten Stärken?

Wir haben uns auf die Schraubtechnik spezialisiert. Und hier wollen wir gut sein. Nein, wir wollen die Besten werden. Wir haben den Ehrgeiz, auch diffizile Kunden-Aufgabenstellungen zu lösen. Wir trauen und das auch zu. Und da sehe ich schon den Vorteil gegenüber großen Firmen.

Wir fühlen uns als Spezialist in der Schraubtechnik und gehen auch Projekte an, wo nicht das große Geschäft dahinter steckt. Da steckt man eventuell mehr rein, als man rausholt. Aber da geht es primär um die Ingenieurleistung und durch solche Lösungen entwickeln wir uns auch weiter.

fluid: Was wünschen Sie sich für die Weiterentwicklung des Unternehmens in den nächsten Jahren?

Wir betreiben hier in Geretsried unser Geschäft seit nunmehr 23 Jahren in angemieteten Räumen. Jetzt sind wir auf drei Gebäude aufgeteilt. Das verursacht natürlich auch gewisse Reibungsverluste und Leerlauf. Im Jahr 2011 werden wir in ein neues, eigenes Firmengebäude umziehen und 2012, zu unserem 25-jährigen Betriebsjubiläum, die Räumlichkeiten auch einweihen.

fluid: Sie bleiben in der Region?

Ja, etwa drei Kilometer von hier entfernt. Wir gehen in die Gemeinde, wo ich seinerzeit angefangen habe.

www.stoeger.com