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Hersteller von Holzbearbeitungsmaschinen haben laut VDMA-Studie am meisten mit Plagiaten zu kämpfen. - Bild: Turck

Im industriellen Umfeld eignen sich vor allem robuste RFID-Systeme zur Identifikation von Ersatz- und Verschleißteilen. Maschinen werden häufig nachgebaut. Eine Studie des VDMA zur Produktpiraterie 2014 zeigt, dass 71 Prozent der Maschinenbauer hierzulande von Produktpiraterie betroffen sind. Noch gravierender stellt sich die Zahl bei den Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern dar: In dieser Gruppe zählt die Studie sogar 90 Prozent. Laut Studie verursachten die Plagiate im Jahr 2013 für die betroffenen Unternehmen einen Umsatzverlust von geschätzten 7,9 Milliarden Euro.

Deutschland ist Nr. 2 der Plagiateure

Deutschland liegt mit 23 Prozent als Herkunftsland von Plagiaten auf Platz zwei hinter der Volksrepublik China. Während bei Plagiaten aus China häufig von minderer Qualität und Funktion gesprochen wird, bezeichnet der VDMA die Plagiate deutschen Ursprungs auch als Hightech-Plagiate. „Betrachtet man die Arten der Plagiate aus Deutschland, so gingen wir in den letzten Jahren davon aus, dass es sich grundsätzlich um weiche Plagiate handeln muss. Darunter verstehen wir vor allem Plagiate um das Produkt herum, also Bedienungsanleitungen, Produktfotos, Kataloge und dergleichen“, sagt Steffen Zimmermann, Geschäftsführer der VDMA-Arbeitsgemeinschaft Produkt- und Know-how-Schutz.

„Diese Aussage müssen wir nach Auswertung der vorliegenden Daten komplett revidieren. Die Maschinen- und Anlagenbauer berichten vor allem von Plagiaten ganzer Maschinen, Komponenten und Ersatzteile. Diese Hightech-Plagiate zeigen, dass die Gefahr im eigenen Land sehr ernst zu nehmen ist.“ Als Ergebnis der Studie bietet der VDMA interessierten Unternehmen den Leitfaden „Produkt- und Know-how-Schutz“ an, der bei der Auswahl geeigneter Schutzmaßnahmen vor Produktpiraterie und Know-how-Abfluss unterstützt. Um sich vor Nachahmern zu schützen, muss klar sein, welche Art von Plagiat vorliegt. Ein abgekupfertes Produktdesign oder eine unautorisierte Kopie einer patentierten Konstruktionslösung müssen anders bekämpft werden als der Einsatz nachgebauter Ersatzteile. Um sich davor zu schützen, können Maschinenbauer zu technischen Mitteln greifen.

Produktschutz durch RFID

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Das modulare RFID-Portfolio von Turck erlaubt die passgenaue Konzeption von Identifikationslösungen – nicht nur für den Produktschutz. - Bild: Turck

Ähnliche Maßnahmen ergreifen mittlerweile immer mehr Maschinenhersteller, wenn es darum geht, den Einsatz gefälschter Ersatzteile auszuschließen. Ein Weg, der sich vor allem für Industriemaschinen anbietet, ist die Identifikation von Bauteilen mittels RFID. Der große Vorteil gegenüber anderen Technologien ist, dass RFID-Lösungen Industriestandards entsprechen und auch in der rauen Industrieumgebung meist reibungslos funktionieren. Im Gegensatz zu anderen Identifikationsverfahren können RFID-Datenträger zudem so in einem Werkzeug, einem Werkstückträger oder anderen relevanten Komponenten verbaut werden, dass sie nicht ohne weiteres ausgetauscht werden können. So lässt sich das unerlaubte Nutzen von Plagiaten deutlich erschweren.

Als RFID-Spezialist verspricht Turck individuelle und platzsparende Identifikationslösungen auf Basis seines modularen RFID-Systems BL ident. Der Anwender kann aus dem Portfolio genau die Komponenten auswählen, die in seine Applikation passen, egal ob es sich um Lösungen für den Schaltschrank oder zum Einsatz direkt an der Maschine handelt. Da Turcks RFID-Lösung auf den I/O-Systemen des Unternehmens basiert, stehen neben den modularen Systemen BL20 in Schutzart IP20 und BL67 zur direkten Montage an der Maschine auch Block-I/O-Module in IP67 zur Verfügung. Bei den modularen Turck-Systemen profitiert der Anwender von der Flexibilität, denn neben RFID-Komponenten können auch Module für etliche andere Signalformen an die Gateways angebunden werden, sodass ein komplettes I/O-System mit RFID-Funktionalität zur Verfügung steht.

Einfache Integration

Auch die Integration in die bestehende Automationsinfrastruktur des Kunden ist einfach, denn das BL-Ident-System lässt sich an den gängigen industriellen Feldbussen und Ethernet-Systemen betreiben. Dabei können Schreibleseköpfe für unterschiedliche Frequenzbänder (HF und UHF) am selben Gateway und an denselben Modulen eingesetzt werden. Bei Bedarf erleichtern Codesys-programmierbare Gateways oder mitgelieferte Funktionsbausteine die Datenintegration in vorhandene Systeme und Steuerungen.

Und auch bei den Schreibleseköpfen bietet BL ident eine große Auswahl für viele Anwendungsfälle und Reichweiten. Brandneu ist zum Beispiel der TB-Q08, der derzeit kleinste ISO15693-konforme RFID-Schreiblesekopf in Schutzart IP67 auf dem Markt. Dank seiner kompakten Quaderbauform mit 32 mal 20 mal acht Millimetern und der 15 Zentimeter langen Anschlussleitung mit M12-Stecker eignet sich der TB-Q08 für den Einsatz in besonders beengten Einbausituationen, wie zum Beispiel in der Werkzeugidentifikation.

Steffen Zimmermann, VDMA

Steffen Zimmermann, VDMA
Steffen Zimmermann, VDMA

„Die Maschinen- und Anlagenbauer berichten vor allem von Plagiaten ganzer Maschinen, Komponenten und Ersatzteile. Diese Hightech-Plagiate zeigen, dass die Gefahr im eigenen Land sehr ernst zu nehmen ist.“

Beispiel Bandfilteranlage

Wie sich Plagiatschutz in der Praxis umsetzen lässt, zeigt das Beispiel eines Turck-Kunden: Der Hersteller von Bandfilteranlagen identifiziert mit RFID, ob in seinen Maschinen die richtigen Filtervliese eingesetzt werden. Die Vliese filtern Öle, Emulsionen, synthetische Lösungen und andere Flüssigkeiten. Sie unterscheiden sich in der Größe ihrer Poren und in ihren Materialien (zum Beispiel Polyester oder Viskose). Die Maschine überprüft mit RFID-Unterstützung, ob ein Originalvlies eingesetzt wird und ob für die spezifische Applikation das Vlies aus dem richtigen Material mit der passenden Porengröße verwendet wird. Durch die Dokumentation der Standzeiten der Vliese wie der gesamten Maschine lassen sich Wartungszeiten darüber hinaus präzise auf den konkreten Bedarf hin planen. Einen Schritt weiter gedacht, ergeben sich aus der ursprünglich zum Schutz vor Plagiaten eingesetzten Identifikationslösung neue Geschäftsmodelle: Statt Maschinen zu erwerben, kann sie der Kunde leasen. Der OEM stellt dann die dauerhafte Einsatzbereitschaft der Maschine sicher.

Potenziale für OEM und Endkunden

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Kompakter Plagiat­schutz mit Passwortfunktion: In-Metal-Datenträger R10 und R12 und kompakter Schreiblesekopf TB-Q08 von Turck.

Bei diesen Vorteilen bleibt die Frage, warum RFID bislang nicht häufiger zum Schutz vor nachgebauten Ersatzteilen eingesetzt wird. Ein Grund dafür ist, dass die Maschinenbauer das Risiko durch Plagiate nur abschätzen können. Und wie bei Risiken üblich, können die riskanten Ereignisse eintreten oder auch nicht. Die Kosten für ein Plagiatschutzsystem fallen hingegen garantiert an. Die durch RFID neu gewonnene Transparenz kann bei Reklamationen für beide Seiten von Vorteil sein.

Sie schützt einerseits den OEM vor unberechtigten Reklamationen bei Plagiaten, unterstützt andererseits aber auch den Endkunden bei berechtigten Reklama­tionen, zum Beispiel durch reduzierte Standzeiten von Originalteilen, denn die Garantiezeit der Ersatzteile beginnt erst mit dem Einbau in die Maschine. Wie lang ein Bauteil in der Maschine eingesetzt wurde, ist in der Steuerung oder auf dem Datenträger des Bauteils dokumentiert. Zusätzlich profitieren beide Seiten von der Möglichkeit der automatischen Parametrierung. Sie ist ein innovatives Werkzeug für den OEM und schützt zugleich den Endkunden vor Fehlbedienung. Letztendlich tragen RFID-Lösungen auch zum effizienten Betrieb einer Maschine samt Ersatzteilmanagement bei.

Wenn erkannt wird, dass ein Ersatzteil dem Ende seiner Laufzeit entgegen geht, kann eine automatische Info an den Maschinenbauer erfolgen, der daraufhin das neue Ersatzteil anliefert. Auf diese Weise hat der Maschinenbauer ein automatisiertes Ersatzteilgeschäft, und der Endkunde kann ungeplante Stillstandzeiten aufgrund fehlender oder minderwertiger Ersatzteile deutlich reduzieren.

Hintergrundinfo: Risiko durch Plagiate

Der Schaden durch den Einsatz gefälschter Ersatzteile kann immens sein. Entsprechen die Produktionsergebnisse nicht den geforderten Standards, drohen dem Kunden Image- und Wertverlust. Dem Maschinenbauer droht der gleiche Schaden, wenn der Kunde dessen Maschine als Ursache für Qualitätsprobleme ausmacht.

Dass gefälschte Ersatzteile verantwortlich sind, ist in der Praxis oft schwer zu beweisen.

Auch der Sicherheitsaspekt ist nicht zu vernachlässigen: Vor allem bei Maschinen mit Messern und anderen Schneidwerkzeugen sind nachgeahmte Ersatzteile ein Sicherheitsrisiko für die Mitarbeiter. Bei Personenschäden potenzieren sich die Risiken und möglichen Kosten nochmals.