Dr. Matthias Peissner

Dr. Matthias Peissner ist Leiter des Kompetenzzentrums Mensch-Computer-Interaktion beim Fraunhofer IAO

Herr Dr. Peissner, welches Ziel verfolgt das Verbundprojekt HMI 4.0?

In einer Trendstudie haben wir die wichtigsten Handlungsfelder für eine erfolgreiche Mensch-Technik-Interaktion in der Produktion der Zukunft identifiziert und untersucht. Plattformen für Kommunikation und Wissen werden in der zunehmend vernetzten Produktion immer wichtiger. Im Verbundprojekt HMI 4.0 beschäftigen wir uns daher zunächst mit Bedienhilfen - also Funktionen, die die Nutzer in ihrer alltäglichen Arbeit unterstützen. Das können Hinweise sein, die ein anderer Nutzer hinterlässt, um Fehler zu vermeiden oder den Prozess zu optimieren, eine Unterstützung bei der Fehlersuche bei einem Maschinenstillstand oder aber eine Handlungsanleitung, die den Nutzer Schritt für Schritt durch den Prozess führt. Bedienhilfen können also Fehlersituationen und anderen Handlungsbedarf in automatisierten Prozessen effizient unterstützen. Das Besondere dabei ist, dass diese Bedienhilfen nicht nur vom Betreiber oder vom Hersteller erstellt werden, sondern dass die Mitarbeiter selbst ihr Wissen dort hinterlegen können und es so mit anderen teilen können.

Die Nutzung des World Wide Web ermöglicht die Entwicklung und Umsetzung einer Vielzahl von
Die Nutzung des World Wide Web ermöglicht die Entwicklung und Umsetzung einer Vielzahl von innovativen Applikationen, mit denen Maschinenbediener standortunabhängig zusammenarbeiten und Informationen austauschen können.

Info - Fragen HMI 4.0:

Folgende Fragen werden im Rahmen des Verbundprojekts HMI 4.0 behandelt:


a. Wie können Nutzer ihr Wissen über die Schnittstelle effizient zur Verfügung stellen?


b. Wie kann die Qualität der Bedienhilfen sichergestellt werden?


c. Wie können Nutzer motiviert werden, ihr Wissen mit anderen zu teilen?


d. Wie sehen geeignete Geschäftsmodelle aus, so dass nicht nur Betreiber von Produktionsanlagen, sondern auch Maschinen- und Anlagenhersteller und Technologieunternehmen profitieren?

Bedienhilfen sollen Fehlersituationen und anderen Handlungsbedarf in automatisierten Prozessen
Bedienhilfen sollen Fehlersituationen und anderen Handlungsbedarf in automatisierten Prozessen effizient unterstützen.

Wer ist involviert und welchen Input erhoffen Sie sich?

Neben der Forschungsleistung durch das Fraunhofer IAO profitieren die Teilnehmer des Verbundprojekts besonders von der interdisziplinären und branchenübergreifenden Zusammenstellung des Konsortiums. Dieses umfasst Betreiber von Produktionsanlagen wie Daimler, Maschinenhersteller wie Broetje-Automation und Oerlikon sowie Software- und Technologie-Unternehmen wie, Copa-Data, Getac und Siemens. Das Verbundprojekt HMI 4.0 steht allen Wirtschaftspartnern offen, die Interesse an innovativen Ansätzen im Bereich der HMI-Gestaltung haben und sich aktiv einen Wettbewerbsvorteil erarbeiten möchten.

Wie verändert sich die Mensch-Maschine-Interaktion im Zuge der vierten industriellen Revolution?

Ich denke das Schlagwort ist Kooperation. Durch die zunehmende Automatisierung und Vernetzung wird aus der heute vorherrschenden 1:1-Interaktion zwischen einem Menschen und einer Maschine, in der einerseits Informationen über Produktionszustände dargestellt werden und andererseits Funktionen ausgelöst und überwacht werden, eine immer engere Kooperation zwischen dem Menschen und der Technik. Ich sage auch gerne Symbiotische Mensch-Technik Systeme. Diese Systeme ermöglichen eine besonders enge Kooperation von Mensch und Technik bei der Bewältigung der Herausforderungen und bei der Nutzung der Potenziale, die sich durch Industrie 4.0 ergeben. So können die besonderen Fähigkeiten des Menschen wie Kreativität und Flexibilität mit den Stärken der Technik wie Wiederholbarkeit, Genauigkeit und Ausdauer optimal kombiniert werden. Darüber hinaus zeichnen sich symbiotische Mensch-Technik Systeme durch eine bedarfsgerechte Anpassung der Rollenverteilung und Verantwortlichkeiten zwischen Mensch und Technik aus. Je nach Situation können die Initiative, die Handlungsentscheidung und die Ausführung der wertschöpfenden Tätigkeiten zu unterschiedlichen Anteilen durch den Mensch oder die Technik übernommen werden. In einem selbstlernenden System kann sich die Rollenverteilung dabei über die Zeit hin zu einer zunehmenden und intelligenten Automatisierung entwickeln. Kooperation ist aber auch im Sinne der Kooperation zwischen Menschen zu verstehen. Wenn schon aufwändige HMI-Technik vorhanden ist, warum sollte ich HMI dann nicht auch als Plattform für die Kommunikation und die Koordination zwischen den verschiedenen Akteuren nutzen. Entscheidungen werden immer komplexer und müssen häufig in Teams getroffen werden – auch über Unternehmensgrenzen hinweg. Auch hierfür werden wir neue Ansätze der Informationsdarstellung und Interaktionsgestaltung benötigen.

Gestengesteuerte interaktive Multimediawand beim Fraunhofer IAO

Sie sprechen im Kontext Ihres Verbundprojekts von einem Fokus auf Bedienhilfen. Welche Kriterien erfüllen für Sie optimale Bedienhilfen?

In unserem Fall soll das zu entwickelnde System den Mitarbeitern ermöglichen, Wissen zu Fehlern oder anderen Situationen, in denen ein menschliches Eingreifen nötig ist, ohne großen Aufwand zu teilen und damit einen Beitrag dazu leisten, dass das Wissen, das häufig über verschiedene Mitarbeiter verteilt ist, immer genau dort verfügbar ist, wo es gerade benötigt wird. Darüber hinaus soll es den Umfang und die Korrektheit sowie die didaktische Qualität der Bedienhilfen sicherstellen und Mitarbeiter motivieren, ihr Wissen zu teilen. Dazu werden Anreizsysteme auf dem HMI und auf der organisatorischen Ebene betrachtet. Eine gute Bedienhilfe zeichnet sich natürlich besonders durch eine klare Struktur und eine optimale Verständlichkeit aus. Außerdem sollte die Nutzung der Bedienhilfe direkt in die Arbeitsaufgabe integrierbar sein. Das betrifft zum einen das Darstellungsmedium, zum anderen aber auch den benötigten mentalen Aufwand und inwieweit die Bedienhilfe auf die tatsächliche konkrete Situation angepasst ist.

Das Interview führte Florian blum, Redaktion