Hawe Hydraulik profiliert sich als Axialkolbenpumpen-Hersteller  1

Hawe Hydraulik gibt bei Axialkolben-Verstellpumpen mächtig Gas. Und was 1999 mit der Übernahme von InLine Hydraulik klein begann, hat sich mittlerweile zu einer stattlichen und bedeutenden Produktsparte gemausert. Die beiden anstehenden Fachmessen Bauma und Hannover Messe werden es offenbaren.

Die derzeit im Internet nachlesbare Unternehmensgeschichte der Hawe Hydraulik SE endet mit der Erkenntnis: „Vieles hat sich bei Hawe im Laufe der Zeit verändert. Geblieben ist der Geist der Gründerzeit.“ Liest man die mittlerweile über 63-jährige Firmenchronik aufmerksam und kennt obendrein den heutigen Firmenlenker Karl Haeusgen, dann muss man nicht Vermutungen bemühen, sondern kann sicher sein, dass sich auch zukünftig bei dem Hydraulikunternehmen noch viel verändern wird.

Die Weichen für den nächsten großen Schritt wurden vor etwa einem Jahr mit den Erdarbeiten für das neue Hawe-Werk in Kaufbeuren gestellt. Das Werk entsteht auf einem 145.000 m2 großen Grundstück an der B12. Geplant sind vier Hallen mit einer Bruttogeschoßfläche von etwa 50.000 m2. Die Hallen sollen nacheinander bis zum zweiten Quartal 2014 fertiggestellt und bezogen werden. Das Investitionsvolumen in Gebäude und Grundstück wird rund 100 Millionen Euro betragen. Nach Inbetriebnahme aller vier Hallen werden voraussichtlich 500 Mitarbeiter beschäftigt sein.

Derartige Investitionen tätigt ein Unternehmen aber auch nur dann, wenn das Produktportfolio auf die Zukunft ausgerichtet werden soll – und da hat das mittlerweile in der dritten Generation inhabergeführte Familienunternehmen wahrlich noch viel vor. Ganz nach der Devise: Innovation ist Erfahrungssache.

Wie langfristig und strategisch geschickt das heute 2100 Mitarbeiter zählende Münchener Hydraulikunternehmen dabei vorgeht, zeigt sich am Beispiel der Axialkolbenpumpen. Bislang ist Hawe primär als Anbieter von Kompakt-Pumpenaggregaten und Ventilen in den Köpfen der Hydraulikanwender verankert. Dabei haben die Münchener schon Ende 1998 mit der Übernahme der Berliner Firma InLine Hydraulik GmbH Axialkolben-Verstellpumpen-Kompetenz eingekauft. Mehr oder weniger auf leisen Sohlen hat man nun in den letzten Jahren auf diesem Gebiet eine Produkt-Offensive auf den Weg gebracht und ein stattliches Feuerwerk gezündet.

Andreas Gonschior, Geschäftsführer von Hawe InLine Hydraulik

Andreas Gonschior, Geschäftsführer von Hawe InLine Hydraulik: „Exotisch bei allen unseren Pumpen ist die Verbindung zwischen Kolben und Gleitschuh.“

Erinnern wir uns an die Bauma 2010. Neben vielen anderen Exponaten stand im Rampenlicht der Fachmesse in München die für anspruchsvolle Anwendungen in der Mobilhydraulik ausgelegte Axialkolben-Verstellpumpe Typ V30E-270. Das in Schrägscheibenbauart für einen Betriebsdruck bis maximal 350 bar ausgeführte Triebwerk kommt beispielsweise in Betonpumpen, Hafenkränen und Großhydraulikbaggern zum Einsatz. Ein breites Reglerprogramm unterstützt die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten. Charakteristisch für dieses Pumpenmodell ist der niedrige Geräuschpegel.

Die Axialkolben-Verstellpumpe V60N wurde vor drei Jahren zusammen mit einem neuen Load-Sensing-Regler präsentiert und damit der Schrägscheibenkonstruktion ein noch vielfältigerer Einsatz ermöglicht. Die V60N eignet sich für offene Kreisläufe der Mobilhydraulik, beispielsweise für den Nebenabtrieb von Nutzfahrzeugen. Zu den wichtigsten Eckdaten: geometrisches Fördervolumen bis 110 cm3/U, Förderstrom bis maximal 240 l/min.
Um nun aber die aktuellen Entwicklungsanstrengungen bei Axialkolbenpumpen besser verstehen zu können, ist ein kurzer Zeitsprung zurück ins Jahr 1999 vonnöten. Andreas Gonschior, Geschäftsführer der Hawe InLine Hydraulik GmbH, erinnert sich: „1973 wurde die Firma in Berlin errichtet, in der heute rund 97 Mitarbeiter beschäftigt sind. Damals unter der Regie einer amerikanischen Firma, die bereits ein Jahr später an Volvo Motors, die auch eine Hydraulikdivision hatte, verkauft wurde. 20 Jahre lang war das der bestimmende Faktor für den Standort Berlin. Dann ging es Schlag auf Schlag.

Mit dem Merger von Volvo und Atlas Copco wurde das Unternehmen VOAC ins Leben gerufen. Das ging schließlich bis 1993. Das war zugleich auch die Zeit, in der unsere Pumpen in den Grundzügen entwickelt worden sind. Und wir sind stolz darauf, auch heute noch für unsere Kunden eine originale Volvo-Pumpe auf unseren Maschinen fertigen zu können. 1993 wurde schließlich als Management-Buy-out aus der VOAC die Firma InLine Hydraulik gegründet. Das lief dann fünf Jahre unter der Regie zweier Inhaber, bis Ende 1998 Hawe Hydraulik in Berlin das Ruder übernahm.“

In seinen Erinnerungen an vergangenen Tagen ist Andreas Gonschior heute noch auf eines ganz besonders stolz: „Die allerersten Leistungsregler der Welt kamen aus Berlin. Und wer von Hydraulik etwas versteht, kann erahnen, welche Bedeutung diese Regler für Axialkolbenpumpen hatten. Ohne würden viele Anwendungen gar nicht funktionieren.“ Vor der Hawe-Übernahme war den Angaben des Geschäftsführers zufolge das Pumpenprogramm in Berlin sehr stark auf Industrieapplikationen ausgerichtet. Aus der Volvo-Zeit stammt beispielsweise noch die V30D-Reihe. Erst die in den letzten Jahren neu entwickelten Pumpen hätten nun die Mobilausrichtung erfahren. Gonschior ergänzt: „Unter Hawe kamen neu die Mobilpumpenreihen V30E und V60N hinzu. So haben wir heute mit etwa 70 Prozent Anteil unseren Schwerpunkt eindeutig im Mobilbereich. Dass Berlin und München eng zusammenarbeiten, versteht sich von selbst. Das ist schon deshalb dem Umstand geschuldet, dass wir Pumpen entwickeln, die zu den Hawe-Ventilen passen.“

So richtig ins Schwärmen kommt Andreas Gonschior aber auch bei der Absichtserklärung, dass man nun über ein komplettes Programm an Axialkolbenpumpen verfüge. Das jüngste Familienmitglied, das in diesem Jahr auch auf der Bauma präsentiert wird, trägt den Namen V60N-130. „Da ist richtig viel Substanz erarbeitet worden“, betont der Hawe InLine-Geschäftsführer.

Im Vorfeld der Pumpenentwicklung habe man Wettbewerbsanalysen betrieben und beim Wettbewerb einige Schwachstellen entdeckt, sagt Gonschior. „Wir haben festgestellt, dass unser Reglerbaukasten hinsichtlich Reaktionsgeschwindigkeit, Feinfühligkeit und Hystereseverhalten überlegen war. Auch Wirkungsgradvergleiche haben Stärken unseres Konstruktionsprinzips erkennen lassen.“ Mit diesem Wissen ausgestattet, haben sich Entwicklungsteams in Berlin und München ans Werk gemacht.

„Jede unserer Pumpen fährt auf dem Prüfstand etwa 20 bis 40 Minuten lang bis zum Maximaldruck hoch. Wir nennen das die letzte spanende Bearbeitung.“
Andreas Gonschior, Hawe InLine Hydraulik

Dass Pumpen heute strömungsoptimiert konzipiert werden, versteht sich von selbst. Bei der neuen V60N-130 war die Aufgabenstellung aber etwas komplexer. Der Berliner Hydraulikexperte: „Die 130er Pumpe war insofern etwas kniffliger, da sie in den begrenzten Bauraum eines LKW untergebracht werden muss. Die wird am Nebenabtrieb angeflanscht und dort ist schon mal eine Kardanwelle im Wege. Das geht sogar soweit, dass wir die Pumpe als Option schräg einbauen. Aber wir haben die Pumpe mit einem Breitenmaß von 130 mm doch so schmal ausführen können, dass sie entsprechend montiert werden kann. Und das immerhin in der Größe 130 cm3. Vor diesem Hintergrund ist es natürlich besonders schwierig, Gehäuse strömungsoptimiert zu gestalten. Mit Unterstützung der FEM-Berechnungsmethode ist uns das dennoch gelungen und in der Folge hat das auch zu höheren Wirkungsgraden geführt.“

Die Frage, ob denn exotische Werkstoffqualitäten zum Einsatz kämen, verneint Andreas Gonschior, und dennoch sind zahlreiche Alleinstellungsmerkmale umgesetzt worden. „Exotisch bei allen unseren Pumpen ist die Verbindung zwischen Kolben und Gleitschuh, denn beide sind aus Stahl. Üblicherweise kommt hier Bronze zum Einsatz. Das ist etwas, was uns heraushebt. Die Aufgabe war, 130 cm3 in einem sehr begrenzten Bauraum unterzubringen und das verbunden mit einem möglichst guten Wirkungsgrad. Mit der V60N-130 ist uns das tatsächlich auch gelungen.“

Funktionsbedingt sind nun beispielsweise bei Müllfahrzeugen hoher Druck oder aber hohe Fördervolumina gefordert. Brisant ist aber folgender Umstand, den Gonschior so beschreibt: „Unsere am Nebenabtrieb angeflanschte Pumpe kann sowohl hohen Druck als auch hohe Mengen liefern. Aber wird beides gleichzeitig abgerufen, so kann der Nebenabtrieb überlastet und damit auch zerstört werden. Verhindern lässt sich das über einen Leistungsregler. Um es zu betonen: Wir haben als einziger Hersteller eine nebenabtriebsgeeignete Pumpe dieser Größe mit Leistungsregelung.“ An der Stelle noch der grundsätzlich Hinweis: Hersteller von nebenabtriebsfähigen Pumpen gibt es nicht sehr viele. Und historisch betrachtet waren das früher beinahe ausnahmslos Konstanteinheiten. Erst mit dem zunehmenden Druck auf mehr Energieeffizienz hat sich das Bild hin zu Verstelleinheiten gewandelt. „Und an dem Markt sind wir heute auf jeden Fall vorne mit dabei“, bilanziert der Hawe InLine-Geschäftsführer.

Axialkolbenpumpe V60N-130 von Hawe Hydraulik

Die neue Axialkolbenpumpe V60N-130 von Hawe Hydraulik bietet in anspruchsvollen Einsätzen einen überaus hohen Wirkungsgrad.

Doch das ist noch nicht alles, was die Pumpen-Neuentwicklung auszeichnet. Die besondere Stärke der Pumpe sei nach Aussage von Andreas Gonschior der Betriebsdruck, der bis satte 400 bar reiche. Warum nun über 350 bar hinaus? Der Hydraulikfachmann: „Bei mobilen Maschinen spielt das Thema Gewichtsreduzierung mehr und mehr eine Rolle. Ich denke hier beispielsweise an Stückgutkräne. Und Gewicht lässt sich dadurch reduzieren, indem man den Druck in den Hydraulikkreisläufen erhöht. Der Anwender kann mit unserer Pumpe in der Tat mit 400 bar fahren.“

Um die wichtigsten Fakten abschließend noch einmal zusammenzufassen: Hawe Hydraulik stellt auf der Hannover Messe und Bauma 2013 das breite Angebot an Axialkolbenpumpen in den Mittelpunkt des Messeauftritts. Durch nun vier verschiedene Baureihen und die Bauweise nach dem Schrägscheibenprinzip wird das benötigte

Fördervolumen ohne die Pumpenleistung zu über- oder unterdimensionieren, bereitgestellt. Über intelligente Regelungen unterstützt die Hydrauliklösung außerdem die Energieeffizienz von mobilen Maschinen und damit die Einhaltung von Abgasvorschriften wie Tier 4 und Euro 6.

Programmerweiterung nicht nur nach oben

Die Axialkolbenpumpen eignen sich für den Einsatz in Baumaschinen, Betonpumpen, Kommunalfahrzeugen, Müllfahrzeugen und vielen weiteren Maschinen. Die Pumpen beweisen sich in Load-Sensing-Systemen, wenn hydraulische Verbraucher mit unterschiedlichen Druckniveaus und/oder variablen Volumenströmen versorgt werden müssen.

Die neue Baugröße V60N-130 gehört zu der bereits etablierten Baureihe V60N, setzt aber in Bezug auf Lebensdauer, Wirkungsgrad und Regelgenauigkeit neue Maßstäbe. So gibt es für diese Pumpe eine große Auswahl an Reglern, Flanschen und die Möglichkeit zum Anbau weiterer Pumpen im Durchtrieb. Sie bietet als einziges Triebwerk dieser Baugröße einen serienmäßig eingebauten Leistungsregler, als Schutz des Nutzfahrzeuggetriebes vor Überlastung. Diese größte Pumpe der Baureihe V60N-130 ist für Betriebsdrücke bis 400 bar geeignet und fördert Volumina bis max. 130 cm3/U. Sie wird an den Nebenabtrieb des Nutzfahrzeuggetriebes direkt angeflanscht oder über einen SAE-Flansch verbunden. Sie weist mit einer Breite von 130 mm ein Idealformat für beengte Platzverhältnisse auf.

Parallel dazu haben sich die Hawe-Ingenieure aber auch Gedanken über Axialkolbenpumpen mit geringem Fördervolumen gemacht. Andreas Gonschior erklärt: „Um die Druckölversorgung für möglichst viele Anwendungen so effizient wie möglich zu gestalten, möchten wir unser Produktprogramm nicht nur nach oben erweitern. So gesehen lohnt sich in jedem Fall ein Besuch bei Hawe im April auf der Hannover Messe und Bauma.“
So gesehen darf man gespannt sein, wie Hawe seine Hydraulikgeschichte fortschreibt. Eines steht heute schon fest: der Geist der Gründerzeit wird bleiben.

Autor: Franz Graf, Chefredakteur