Wolf-Rüdiger Schmidt ist seit vielen Jahren an der IHA aktiv. (Bild: IHA)

Wolf-Rüdiger Schmidt ist seit vielen Jahren an der IHA aktiv. (Bild: IHA)

Wolf-Rüdiger Schmidt gehört zu den Gründungsmitgliedern der IHA, einer Schulungseinrichtung für Hydrauliker. Das Interesse der Industrie an den Kursen und deren Absolventen ist groß. Seine Erfahrung im Schulungsbetrieb hat Schmidt gezeigt: Was die Aus- und Weiterbildung von Facharbeitern angeht, besteht Handlungsbedarf.

Zum Kennenlernen, wie sind Sie zur Hydraulik gekommen?

Ich stamme aus Mecklenburg und bin in der Nähe von Schwerin groß geworden. Mein Vater war Pastor. Ich war immer begeisterter Bastler und lernte auch einen Metallberuf, Werkzeugmacher, den ich mit großer, großer Liebe ausgeübt habe. Und ich hatte natürlich immer mein Hobby – die Musik. Ich habe also Gitarre und Schlagzeug gespielt in dieser wunderschönen Zeit der Flower-Power, der Rock-Zeit – Beatles, Stones.

Aber meine Eltern und auch meine Freundin drängten mich zu einem Studium – ich hatte überhaupt keine Lust. Aber ich bewarb mich in Schwerin an der Ingenieurschule für Maschinenbau. Allerdings waren meine schulischen Leistungen nicht so überzeugend, und man schlug mir vor, dass ich Maschinenbau mit Vertiefungsrichtung Hydraulik und Getriebetechnik studieren könnte. Die Richtung war dort neu und traf auf wenige Interessenten. Außerdem war der Numerus Clausus noch nicht so hoch.

Während des Studiums habe ich sehr großes Interesse für die Hydraulik entwickelt – das hat mir unheimlich gefallen. Ich habe nach dem Studium auch sofort auf dem Gebiet der Hydraulik gearbeitet. Dass ich das schaffe, hätte ich mir nie zugetraut. Ich war bei der Firma Carl Zeiss in Jena und habe dort erst in der Instandhaltung gearbeitet, dann in der Konstruktion.

Wie kommt es dann, dass Sie heute Schulungen machen?

Schmidt schreibt akutell an einem Lehrbuch über Ventile. Es soll den Auftakt zu einer Buchreihe bilden, die sich an Praktiker in der Hydraulik wendet (Bild: IHA).

Schmidt schreibt aktuell an einem Lehrbuch über Ventile. Es soll den Auftakt zu einer Buchreihe bilden, die sich an Praktiker in der Hydraulik wendet (Bild: IHA).

Mit der Wende löste sich Vieles auf bei Carl Zeiss. Ich bekam das Angebot von einer ortsansässigen Hydraulikfirma, Aggregate und hydraulischen Anlage zu entwickeln und zu bauen. Das habe ich gemacht und gemerkt: Dieses Gebiet wird immer interessanter.

Mir fiel damals auf, und das ist eigentlich das Entscheidende, dass die Ingenieure auf dem Gebiet gut ausgebildet sind; aber Monteure, Schlosser – Schrauber, wie man immer so schön sagt – nur über wenig Fachwissen verfügen. Die Berufsausbildung in diesem Bereich ist sehr, sehr dünn. Es gibt nur wenige Institutionen in Deutschland, die tiefgründig die Hydraulik lehren und vermitteln, wie zum Beispiel Bosch Rexroth.

Bei einem Gespräch mit der Firma Hansa-Flex – das war damals unser Kunde – hat man mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, für die Mitarbeiter der Hydraulik ein Schulungszentrum aufzubauen. Und so habe ich mit Schulungen angefangen, zunächst hauptsächlich für Mitarbeiter von Hansa-Flex. Ich kopierte mein erstes, provisorisches Schulungsbuch zusammen – einfach, damit die Leute etwas zum Nachlesen hatten.

Warum wurde die IHA gegründet? 

Nach vier, fünf Jahren war der Bedarf so gestiegen, dass ich das alleine gar nicht mehr geschafft habe. Wir stellten weitere Leute ein. Die Resonanz bei den Kunden war sehr, sehr gut, der Zulauf war wirklich gigantisch. Wir merkten, dass wir das Ganze größer aufziehen müssen und unsere Geschäftsleitung entschied, eine eigenständige Hydraulikakademie zu gründen, was aus heutiger Sicht sehr weitsichtig war. Heute sind aus den drei Mitarbeitern, meine Kollegin für die Koordination mitgezählt, 17, 18 Leute geworden.

Wir haben als eine der wenigen Institutionen nicht nur Theorie im Programm. Wir entwickelten eigene Stände, an denen wir sehr nah an der Praxis Übungen machen können. Unser Ansinnen ist es, Monteure, die das Fach also nicht studiert haben, Tipps zu geben, sie aufzubauen und weiterzubilden, um auf diesem komplizierten Gebiet zu bestehen.

“Unsere Trainer geben sehr viel, um ihr Wissen weiterzugeben. Alles Idealisten, die hoffen, dass sich durch ihr Engagement etwas ändert.” Wolf-Rüdiger Schmidt, IHA

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass bei der Ausbildung von Monteuren, Schlossern und so weiter die Hydraulik so wenig beachtet wird?

Meiner persönlichen Meinung nach? Es gibt leider zu wenige Ausbilder. Viele der Berufsausbilder haben kaum praktische Erfahrungen und stützen ihr Wissen auf rein theoretische Kenntnisse aus Büchern. Hier gibt es sicher auch super Fachleute, aber nicht genug. Dazu kommt, dass die Simulationsstände, die Sie für Schulungen brauchen, sehr teuer sind – für einen einzelnen zahlen Sie 20.000 bis 25.000 Euro. Für die Ausbildung braucht man aber immer mehrere davon – das ist für die Ausbildungsbetriebe natürlich oft zu teuer.

Wolf-Rüdiger Schmidt ist seit vielen Jahren an der IHA aktiv. (Bild: IHA)

Wolf-Rüdiger Schmidt ist seit vielen Jahren an der IHA aktiv. (Bild: IHA)

Dann stellen viele Leute die Pneumatik mit der Hydraulik auf eine Stufe. Nach dem Motto: Wer weiß, wie pneumatisch ein Zylinder fährt, kennt sich auch ungefähr mit dem hydraulischen aus. Das ist natürlich eine große Fehleinschätzung. Dazwischen liegen Welten, schon alleine wegen des Mediums und der Drücke.

Führen die Schulungen dann zu einem offiziellen Titel?

Ja, bei uns kann man sich zur Hydraulik-Fachkraft mit HWK-Abschlussprüfung ausbilden lassen. Wir sind dafür eine Symbiose mit der Handwerkskammer in Dresden eingegangen: Wir stellen das Fachpersonal und die Handwerkskammer nimmt die Prüfung ab. Wir bilden jedes Jahr so um die 15 Hydraulikfachkräfte aus, die sofort von der Industrie aufgesaugt werden. Die Nachfrage ist wirklich beachtlich.

Was sind bei der IHA Ihre Aufgaben?

Ich bin in der IHA als Trainer für das Fachgebiet Hydraulik und für die Weiterentwicklung der Lehrgangsinhalte der Seminare mitverantwortlich. Ich schreibe Lehrbücher, wobei es sich dabei um Lehrunterlagen handelt, die dann zu einzelnen Heften oder Büchern zusammengefasst werden. Sie richten sich an Praktiker, das ist das Besondere daran. Ansonsten hätte es auch keinen Sinn, es gibt genügend hervorragende Hydraulikliteratur. Wir versuchen, viele Funktionsweisen visuell zu erklären. Es gibt meiner Meinung nach – ohne überheblich zu sein – nur wenige Institutionen, die so intensiv mit Videos und Animationen von Hydraulikkomponenten arbeiten.

Aktuell arbeite ich an einem neuen Schulungsbegleitbuch. Ich visiere darin das gesamte Spektrum der Hydraulik an, das für die Praktiker von Bedeutung ist. Der erste Teil ist jetzt fast fertig. Darin geht es um die Erläuterung der Funktion der Ventile der Hydraulik. Aktuell kümmere ich mich intensiv um dieses Projekt und bin deshalb nur minimal als Trainer aktiv.

Wie entwickelt sich die Nachfrage bei den Kursen?

Sehr progressiv, muss ich sagen. Teilweise ist es so, dass wir nicht nachkommen mit den Lehrgängen. Wir haben uns auch schon weitere Schulungsräume eingerichtet. In Linz zum Beispiel haben wir einen größeren Schulungsraum mit gleichen Bedingungen wie in Dresden eingerichtet, sodass wir auch Interessenten aus Österreich und dem Süden Deutschlands bedienen können. Inzwischen ist es so, dass einige namhafte Hydraulikfirmen ihre Leute lieber zu uns schicken, als sie kostenaufwendig selbst auszubilden. Denn wir haben einen sehr guten Simulationsprüfstand, wo wir gerade in der Mobilhydraulik Ventile und Pumpen und Motoren so darstellen, als wären sie im praktischen Einsatz. Ich habe noch nichts Gleichwertiges gesehen.

Was spricht dagegen, einfach ausrangierte, alte Maschinen zu verwenden für die Lehre?

Das Problem ist: Sie müssen hineinschauen können. Und in der Hydraulik arbeitet man viel mit Blöcken, da gibt es nichts zu sehen. Wir können anhand von Einzelventilen, die wir mit Leitungen verknüpfen, den Leuten klarmachen, wie das System funktioniert. Das Visuelle spielt dabei eine wichtige Rolle. Wir versuchen von der Praxis zur theoretischen Simulation zu gehen: Bloß nicht zu theoretisch, sonst ist es wie an der Hochschule. Da gibt es zwar brillante Leute, wie in Dresden, Aachen und so weiter, aber dorthin können Sie keinen Schlosser schicken.

Welche Probleme ergeben sich  aus dem Fachwissensmangel?

Unwissen kann zu bösen Überraschungen führen. Gerade in Österreich hatten wir so ein Beispiel jetzt. Dort hat ein Mann eine Leitung geöffnet, die unter 180 bar Druck stand. Und dabei ist die Leitung beziehungsweise die Verschraubung zerrissen und hat ihm die Hand stark verletzt. Er wusste nicht, was er falsch gemacht hat.

Wir sagen immer: Keine Ahnung – keine Angst. Das klingt sehr hart, aber es ist tatsächlich so: Viele gehen mit ziemlicher Naivität ans Werk. Ein Elektriker lernt dreieinhalb Jahre und wird hinterher von einem erfahrenen Facharbeiter oder Meister an die Hand genommen. In der Hydraulik gelten die Leute nach einer Woche Lehrgang schon als Experten. Dabei sind sie oftmals nur in der Theorie geschult worden.

Ist es schwierig für Sie, passende Trainer zu finden? 

„Im Bereich der Facharbeiter ist die Ausbildung meiner Meinung nach immer noch mangelhaft, gerade in Bezug auf Praxis: Zu theoretisch, zu billig, zu einfach.“ Wolf-Rüdiger Schmidt (Bild: IHA).

Wolf-Rüdiger Schmidt sieht in Bezug auf die Ausbildung der Facharbeiter Handlungsbedarf (Bild: IHA).

Unsere Trainer geben sehr viel, um ihr Wissen weiterzugeben. Alles Idealisten, die hoffen, dass sich durch ihr Engagement etwas ändert. Wir suchen immer nach Trainern, die viel Praxiserfahrung haben und die bereit sind, dieses Wissen weiterzugeben und sich dabei auf die Praktiker einzulassen, auch von der Sprache her.

Besteht beim Nachwuchs Ihrer Ansicht nach Handlungsbedarf?

Bei den Ingenieuren habe ich keine Sorgen. Da gibt es hervorragende Institutionen. Aber im Bereich der Monteure, Schlosser, Facharbeiter ist die Ausbildung meiner Meinung nach immer noch mangelhaft, gerade in Bezug auf Praxis: Zu theoretisch, zu billig, zu einfach. Es geht sogar soweit, dass große Hydraulikfirmen Systeme nach dem Prinzip Plug-and-Play entwickeln, damit die Monteure nicht mehr so viel wissen müssen.

Welche Entwicklung der Hydraulik hätten Sie vor zehn Jahren nicht für möglich gehalten?

Die Entwicklung ist schon gigantisch. Früher hat man mit 160 bar maximal gearbeitet. Heute gehen wir in der Standardhydraulik bis 400, 450 bar, sogar noch höher. Früher hatte eine hydraulische Anlage mindestens 30 Prozent Energieverlust, so die Faustformel. Heute liegen die Verluste oft unter zehn Prozent. Die Hydraulik, in Kombination mit der Elektronik, lässt sich so elegant führen, dass sie wieder eine große Zukunft hat.

An welche Höhen und Tiefen Ihres Berufslebens erinnern Sie sich besonders gut? 

Ich habe 1998 an einer hydraulischen Recyclinganlage gearbeitet, die in ihrer Art damals revolutionär war. Es ging um Komposterde, das war ein Projekt der Grünen. Und alle haben gesagt: „Das kriegt ihr nie zum Laufen“. Aber wir haben das Projekt erfolgreich abgeschlossen und sogar eine zweite Anlage gebaut. Ich war damals der verantwortliche Konstrukteur und bin immer noch sehr stolz darauf. Das war eines der wichtigsten Projekte in meinem Leben.

Vielleicht noch eine Frage zur Akademie. Was würden Sie sich bei der Weiterentwicklung in den nächsten Jahren wünschen?

Ich würde mir noch mehr Geräte und Simulationsstände wünschen, damit wir insbesondere das Gebiet der Mobilhydraulik noch intensiver verfolgen können, einen Bagger als Simulationsstand beispielsweise. Und natürlich noch viele, viele Leute, die in der Hydraulik arbeiten und ihr Wissen weitergeben wollen. Das wäre ein großer Wunsch von mir. Denn in zwei Jahren gehe ich in Ruhestand – und es wäre mir ein großes Anliegen, dass die Akademie ihren erfolgreichen Wege weitergeht.

Persönliches gefragt

Wolf-Rüdiger Schmidt ist seit vielen Jahren an der IHA aktiv, wo er sich neben dem Kursbetrieb mit Schulungsunterlagen befasst. Aktuell schreibt er an einem Lehrbuch über Ventile. Es soll den Auftakt zu einer Buchreihe bilden, die sich an Praktiker in der Hydraulik wendet (Bild: IHA).

Wolf-Rüdiger Schmidt ist seit vielen Jahren an der IHA aktiv, wo er sich neben dem Kursbetrieb mit Schulungsunterlagen befasst (Bild: IHA).

Ihre Mitarbeiter halten Sie für…?

Ich sage es ganz ehrlich: sehr emotional. Auch mal aufbrausend. Und ich sage gerne ehrlich meine Meinung, auch wenn nicht immer alle mir zustimmen.

Welches Buch lesen Sie gerade? 

John Grisham „Der Partner“. Ich bin ein ganz großer Freund und Fan von John Grisham. Ich habe fast alle Bücher gelesen oder als Hörbücher gehört und bin total begeistert von dem Schriftsteller.

In welcher Firma wären Sie gerne Chef?

Das ist schwierig. Auf so einen Gedanken bin ich noch nicht gekommen. Aber vielleicht mal bei Stollwerk Sprengel, weil ich gerne nasche.

Ihre größte Aufgabe in den nächsten 12 Monaten ist?

Die größte berufliche Aufgabe ist das Buch, das ich gerade schreibe auf dem Gebiet der Hydraulik. Und privat ist es die Renovierung beziehungsweise Sanierung des Hauses meines Sohnes, dort werde ich mich an meinen Wochenenden stark einbringen und einbringen müssen, weil mein Sohn es allein nicht schaffen kann.

Das Interview führte Dagmar Oberndorfer, Redaktion