Marktreport: Baumaschinen in China 1

2010 war China zum ersten Mal der größte Produzent von Baumaschinen weltweit. Aufgrund guter Wachstumsaussichten und der schieren Größe des Landes wird sich diese Entwicklung festigen. Eine wesentliche Bedeutung kommt hierbei know-how-intensiven Komponenten wie der Fluidtechnologie zu. Hier fehlt nach wie vor eine einheimische Basis an wettbewerbsfähigen Zulieferern.

Im Zeitraum zwischen dem Jahr 2000 und 2010 wuchsen die Verkäufe von Baumaschinen in China durchschnittlich um 25 Prozent pro Jahr. Während 2009 die weltweite Nachfrage nach Baumaschinen in Folge der Weltfinanzkrise zusammenbrach, konnte der chinesische Markt dank eines 442 Milliarden Euro starken Konjunkturprogramms der Zentralregierung ein neues Allzeithoch erreichen. Die meisten der initiierten Infrastrukturprojekte starteten allerdings erst 2010 in ihre kritische Phase, was die Nachfrage nach Baumaschinen weiter verstärkte und nach unseren Erhebungen zu einer Produktion von über 500.000 Einheiten im vergangenen Jahr führte. Damit war China erstmals der größte Produktionsstandort der Welt in diesem Segment.

Der chinesische Markt für Baumaschinen war lange Zeit eindeutig von Radladern als dem Maschinentyp mit den größten Stückzahlen dominiert. Mit über 200.000 produzierten Einheiten spielten Radlader auch 2010 die wichtigste Rolle. Allerdings haben Bagger in den vergangenen Jahren stark aufgeholt. Die prozentual größten Zuwächse waren in jüngster Vergangenheit indessen bei Betonpumpen, Mobil- und Raupenkranen sowie bei Straßenbau- und Bodenverdichtungsequipment zu beobachten.
Industrielandschaft stark fragmentiert

Im Vergleich zu den entwickelten Industrienationen in Europa, Nordamerika und Ostasien ist die chinesische Baumaschinenindustrie noch stark fragmentiert: Wir identifizierten 66 relevante Baumaschinenhersteller, die in China tätig sind. Davon sind acht Einheimische bereits unter den globalen Top-50-Produzenten, wiederum drei dieser acht sind bereits unter den globalen Top Ten, gemessen am Umsatz. Ferner besitzen fünf große staatliche Konzerne, deren Kerngeschäft jeweils in anderen Bereichen liegt, starke Töchter in der Baumaschinenindustrie. Gegenwärtig unterhalten 18 ausländische Baumaschinenhersteller Produktionsstandorte in China und bauen diese zunehmend zu Exportbasen aus.

Chinesische Maschinenhersteller werden zunehmend professioneller. Alte Parteikader in den Führungsetagen treten zunehmend ab und an ihre Stelle tritt eine neue Generation international ausgebildeter Manager. Die einheimischen Hersteller nehmen ihren internationalen Wettbewerbern dabei immer mehr Marktanteile ab. Während 2008 noch 70,2 % der Baggerproduktion in China in Hand von ausländischen Herstellern war, schrumpfte deren Anteil bis Ende 2010 auf etwa 50 %. Ähnliche Entwicklungen lassen sich in anderen Bereichen, etwa bei Mobilkranen beobachten.

Von dem verschärften Wettbewerb sind auch die kleineren Maschinenhersteller betroffen und es ist davon auszugehen, dass sich die Industrie weiter konsolidieren wird. Große Unternehmen wachsen stärker als der Markt durch aggressives Pricing und professionelle Vertriebsorganisationen. Ferner treibt der Gesetzgeber die Modernisierung der Industrie voran: Jüngste Änderungen in der Gesetzgebung erleichtern M&A-Aktivitäten. Verschärfte Abgasnormen drängen Hersteller mit veralteter Technologie zunehmend aus dem Markt.
Die Baumaschinenindustrie veranschaulicht schön die Internatinalisierungsstrategien chinesischer Konzerne. Neben Vertriebsorganisationen bauen die großen chinesischen Baumaschinenhersteller Produktionskapazitäten im Ausland auf. In erster Linie in Schwellenländern wie Brasilien oder Indien, mit Ausnahmen allerdings auch in Europa und den USA.

Aufbau von einheimischem Know-How
Eine Herausforderung für die einheimische Baumaschinenindustrie, die mit strengerer finanzieller Disziplin und professionelleren Organisationsstrukturen noch nicht gelöst ist, ist der Mangel an einheimischen Schlüsseltechnologien: In den Bereichen Hydraulikkomponenten, leistungsfähigen Motoren, elektronischen Kontrollsystemen und anspruchsvollen Getrieben sind chinesische Maschinenhersteller immer noch nahezu vollständig abhängig von Importen aus Deutschland, Japan oder Südkorea und leiten einen großen Teil ihrer Erlöse dorthin weiter. Caterpillar, einer der ausländischen Hersteller mit der größten Präsenz in China, importiert beispielsweise nach wie vor 40 % der Komponenten für seine in China hergestellten Bagger aus Japan.

Aufgrund rapide steigender Lohnkosten ist die chinesische Baumaschinenindustrie gezwungen, größere Teile der Wertschöpfung im Land zu generieren, will sie im internationalen Vergleich nicht an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Ein weiterer Aspekt ist das Thema Versorgungssicherheit: Lieferengpässe westlicher Komponentenhersteller während des Wirtschaftsbooms vor 2008 sorgten damals für Produktionsverzögerungen bei chinesischen Herstellern. Um diesen Themen in Zukunft erfolgreich zu begegnen, hat die chinesische Regierung angekündigt, den Aufbau einer einheimischen Industrie für Schlüsselkomponenten stärker zu unterstützen. Obwohl sich wertvolle Aktivposten westlicher Zulieferer, wie die jahrzehntelange Erfahrung und gut ausgebildete Ingenieure, nicht einfach per Dekret verordnen lassen, lassen solche Nachrichten vor dem Hintergrund der Entwicklung in anderen Branchen (etwa der Raum- und Luftfahrttechnologie oder im Eisenbahnbau) aufhorchen.

Fokus auf energieeffiziente Technologien
Die chinesische Regierung ist sich im Klaren darüber, dass sie aufgrund steigender Rohstoffpreise mit den heute existierenden Technologien nicht allen ihren 1,3 Milliarden Einwohnern einen westlichen Lebensstandard ermöglichen können wird. Daher besitzt die Entwicklung energieeffizienter Technologien in Peking einen hohen Stellenwert: Alleine im Jahr 2010 flossen 6,76 Mrd. Euro in Projekte für mehr Energieeffizienz und alternative Methoden zur Energieerzeugung, ein Vielfaches dessen, was die EU-Länder zusammen oder die Vereinigten Staaten für diese Zwecke aufwenden.

Heruntergebrochen auf den Bereich Baumaschinen bedeutet dies, dass neben der politischen Unterstützung (deren Bedeutung insbesondere in China nicht zu vernachlässigen ist) beispielsweise im 863-Programm, einem der wesentlichen Forschungsförderprogramme der Volksrepublik, ein fixer Betrag für die Entwicklung eines Hybridbaggers budgetiert ist.

Neben dem sparsameren Umgang mit Ressourcen erhoffen sich die chinesische Regierung sowie einheimische Unternehmen vom Wandel zu so genannten grünen Technologien, dass sie dadurch schneller zu ihren westlichen Wettbewerbern aufschließen oder diese überholen können. Mit neun chinesischen Baumaschinenherstellern, die gegenwärtig an Baggern mit hybriden oder elektrischen Antrieben experimentieren und diese bereits vorgestellt haben, ist die Liste solcher Projekte dementsprechend umfangreich.

Mittel- und langfristig gute Perspektiven
Aufgrund weiterer umfangreicher angekündigter Projekte zur Infrastrukturentwicklung und die Tatsache, dass es sich bei einem Großteil der Maschinenanschaffungen in China um den Aufbau, statt um die Instandhaltung von Kapazitäten handelt, wird die Nachfrage nach Baumaschinen in den kommenden zwei bis fünf Jahren weiterhin zunehmen. So geht der chinesische Fachverband von einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum der Baumaschinenproduktion von 17 % bis zum Jahr 2015 aus. Die Erwartungen der großen Maschinenhersteller sowie deren Kapazitätsexpansionspläne sind sogar noch ambitionierter – das alles vor dem Hintergrund des hohen Absatzniveaus. Die von uns nach den exorbitanten Zuwachsraten des vergangenen Jahres erwartete kurzfristige Nachfrageabkühlung ist bisher nicht eingetreten.

Auch die langfristigen Perspektiven sind gut. Über die Hälfte der 1,3 Milliarden Chinesen lebt noch in ländlichen Regionen. Bereits während der Weltfinanzkrise wiesen die städtischen Agglomerationen im Landesinneren stärkere Wachstumsraten als die Wirtschaftsmetropolen an der Küste auf. In den westlichen und inneren Teilen Chinas besteht ein enormes Urbanisierungs- und Modernisierungspotenzial, das für eine hohe Nachfrage nach Baumaschinen sorgen wird.

Trotz aller Risiken und Schwierigkeiten, die einen Markteintritt oder ein verstärktes Engagement in China begleiten, steht damit fest: Dieser Markt darf nicht mehr ignoriert werden. Bei allen Unsicherheiten unserer volatilen Welt ist der Aufstieg Chinas wohl einer der verlässlichsten Trends.

Autor: Joachim Stieler,

Stieler Technologie- & Marketing-Beratung