„Wir konzentrieren uns auf ein Produkt“ 1

Ein Muldenkipper-Anbieter aus Südafrika fertigt in Deutschland und trifft damit indirekt auf den europäischen Marktführer. Die Unterschiede erläutert Stephan Giese, Leiter Engineering bei Bell Equipment, Hörselberg.

Herr Giese, welche Produkte fertigt Bell Equipment im Werk Eisenach?
Knickgelenkte Muldenkipper für den Offroad-Einsatz, auch Dumper genannt. Auf der bauma präsentierten wir allerdings auch ein Hakenliftgerät mit Palfingersystem.

Ein Unternehmen aus Südafrika betreibt ein Zweigwerk in Deutschland. Das klingt, mit Verlaub, eher ungewöhnlich?
Bell Equipment verbaut einerseits in Südafrika bereits seit Jahren aus Europa stammende Motoren, Getriebe sowie Hydraulik. Andererseits entwickelte sich der alte Kontinent hin zu einem guten Absatzmarkt für das Unternehmen. Das schließlich führte zur Entscheidung, ein eigenes Werk in Deutschland aufzubauen, das seit 2003 im südafrikanischen Stammwerk gefertigte Einheiten und Komponenten nutzt. Wir kaufen die entsprechenden Teile oder lassen sie nach unserem Lastenheft entwickeln. Zu den Aufgaben des südafrikanischen Stammwerks zählt das Konstruieren der Fahrzeuge entsprechend den Vorschriften der europäischen Maschinenrichtlinie und Normen. Die Struktur der Hydraulik entsteht ebenfalls in Richards Bay. Die in Thüringen entstehenden Dumper für den Nutzlastbereich von 25 bis 50 Tonnen sind in erster Linie für Einsätze im Straßen- und Tagebau sowie in Gruben konzipiert. Der Fokus liegt dabei auf dem europäischen und russischem Markt.

Bekanntermaßen gilt Volvo im Sektor Muldenkipper als Marktführer in Europa. Welche Unterschiede sehen Sie zu Bell Equipment?
Wir sind kein Vollsortimenter, wir konzentrieren uns vielmehr auf ein Produkt. Das wiederum bedeutet hohe Qualität bieten zu müssen. Wir bauen die leichtesten Fahrzeuge mit dem geringsten Kraftstoffverbrauch. Ein immenser Vorteil, denn aufgrund permanenten Einsatzes der Fahrzeuge spielt die Effizienz des Antriebsstranges eine wichtige Rolle.

Welche Funktionen erfüllt dabei die Hydraulik?
Kippen, Lenken, Bremsen. Das erfordert zwar nicht so komplexe Lösungen wie etwa bei Baggern, dennoch zählt die Hydraulik auch bei unseren Produkten zu den Schlüsseltechnologien im Rahmen der Entwicklungsaufgaben. Beispielsweise bei Kippvorgängen, denn die Effektivität der Dumper steht und fällt nun mal mit dem dafür nötigen Zeitaufwand. Die von uns eingesetzten doppeltwirkenden, einstufigen Kippzylinder beim Modell B35D etwa kippen die Mulde bei maximaler Nutzlast von rund 32 Tonnen in 13 Sekunden um 70 Grad.

Gibt es Sonderlösungen?
Ja. Aufgrund deutlich niedriger Temperaturen in einigen Regionen Russlands muss die Hydraulik beheizbar ausgelegt werden.

Wie ist der aktuelle technische Stand?
Bell Equipment konnte den Aufbau der Hydraulik dank Einsatzes von Steuerelektronik erheblich vereinfachen. Beispielsweise startet der Fahrer das Kippen nicht mehr per pneumatisch betätigten Ventils, sondern mittels elektronischer Folientastatur. Er kann dabei programmieren, wie der Kippvorgang ablaufen soll. Die elektronische Vernetzung führte allerdings zur Verwendung eines komplexeren Steuerblocks, gleichwohl aber auch zu übersichtlicherer Verrohrung und Verschlauchung der Komponenten.

Welche Komponenten verwenden Sie?
Steuerblöcke von Parker, Hydraulikmotoren als Lüfterantrieb von Brüninghaus, Ölkühler von Hayden. Die Vernetzung der Steuergeräte und Komponenten erfolgt über CAN-Bus. Das Ansteuern der Hydraulik übernimmt das Chassis-Steuergerät. Sämtliche Hydraulikzylinder entstehen in eigener Regie im Stammwerk.

Wie verbinden Sie die Komponenten miteinander?
Wir verschlauchen die Bauteile mit Schläuchen und Armaturen von der Eaton-Tochter Aeroquip. Bell Equipment setzt bei den Armaturen aufgrund höherer Zuverlässigkeit mittlerweile statt konischer nunmehr flächig dichtende Verbindungen ein. Zum Teil finden auch Armaturen von Parker Verwendung und bei speziellen Anforderungen auch Verbindungselemente von Hansaflex.  

Bitte nennen Sie einige typischen Kennwerte!
Die Hydraulik kippt in der Regel mit 210 bar und lenkt mit 220 bar. Die Pumpen von Parker und Bosch Rexroth sind für einen Maximaldruck von 250 bar ausgelegt. Sie arbeiten nach dem Load-Sensing-Prinzip. Das Besondere der Hydraulikanlage, die mit einem Volumenstrom von 245 Kubikzentimeter pro Sekunde  arbeitet: Sie bedient gleichzeitig Fahr- und Arbeitsfunktionen. Die Elektronik steuert über den Druck auch die vorrangigen Funktionen Bremsen und Lenken. Die Kippzylinder mit einer Länge bis zu 3200 Millimeter arbeiten mit Kolben von 170 Millimeter Durchmesser. Eine Besonderheit: Da es sich um eine vollhydraulische Lenkung handelt, sorgt bei Motorausfall eine bedarfsstromgesteuerte Notlenkpumpe von Bosch Rexroth für die Lenkfähigkeit des Fahrzeugs.

Setzen Sie auch Pneumatik ein?
Lediglich zum Betätigen von Bremse und Hupe mit einem Druck von 8,5 bar sowie für die Federung des Fahrersitzes. Und dann noch auf eine ganz besondere Weise: Wir nutzen das Abblasen der Druckluft beim Erreichen des Maximaldrucks, um die Bereiche vor dem Ölkühler sauber zu halten.

Welche Wünsche hätten Sie an die Hydraulikbranche?
Ich betreue auch die Arbeitsvorbereitung und Montage. In der Praxis traten immer wieder Undichtigkeiten aufgrund falscher  Anzugmomente auf. Denn es gibt leider zu wenig verbindliche Angaben zu den nötigen Anzugsmomenten. Wir setzen daher auf eigene sowie Erfahrungswerte unserer Partner. Meine Bitte lautet daher, verbindliche Angaben zu den Anzugmomenten zu nennen.

Dumpertechnik aus Südafrika
Seit 1954 baut die Bell Equipment Ltd. aus Richards Bay (Südafrika) Maschinen und Geräte für die Bauindustrie sowie Land- und Forstwirtschaft. 1984 entstand der erste Bell-Knicklenker in konventioneller 6×6-Bauart. Enge Zusammenarbeit mit renommierten Zulieferern im Antriebs- und Steuerungsbereich prägte dabei von Anfang die Dumper-Technik.

Bell Equipment beschäftigt weltweit rund 2000 Mitarbeiter und ist über eigene Niederlassungen und Vertriebspartner in über 70 Ländern vertreten. Das Unternehmen belegt nach eigenen Angaben mit jährlich etwa 1300 verkauften Knicklenkern Platz zwei auf dem Weltmarkt. Als dritte europäische Niederlassung nach Frankreich (1997) und Großbritannien (1998) wurde die Bell Equipment (Deutschland) GmbH Anfang 2000 mit Sitz im oberhessischen Alsfeld gegründet, die sich nach Firmenangaben mit über  20 Prozent Marktanteil fest an der Spitze des deutschen Dumpersegments (rund 350 Fahrzeuge pro Jahr) etabliert hat.