„Die Vorteile der agilen Entwicklung liegen bei der hardwarelastigen Entwicklung speziell in der

„Die Vorteile der agilen Entwicklung liegen bei der hardwarelastigen Entwicklung speziell in der Anfangsphase, wenn die Anforderungen noch in Klärung sind.“ Philipp Oleinek, Staufen AG

Herr Oleinek, Sie raten Unternehmen nun auch dazu agil zu entwickeln. Wie sind Sie auf das agile Engineering aufmerksam geworden?

Der Auslöser waren Beobachtungen in den Unternehmen, speziell im Zulieferbereich in der Automobilbranche. Hier haben Zulieferer immer mehr mit der Situation zu kämpfen, dass die Kunden-Anforderungen nicht ausreichend gut genug formuliert sind oder nicht vollständig genug sind, um nach klassischen Prozessmodellen störungsfrei arbeiten zu können. Sprich: Die Lastenhefte sind am Anfang entweder unvollständig, kommen zu spät oder werden zwar übergeben, es folgen aber relativ viele Änderungen, auch noch spät in den Projekten.

Dadurch haben die Zulieferer mit vielen Änderungen zu kämpfen und werden auch wegen der Lastenheft-Klärung nicht im vereinbarten Zeitraum fertig. In der Konsequenz sind die Zulieferer mehr oder weniger gezwungen, mehrere Runden zu drehen: Zur Lastenheft-Klärung oder zur Anforderungsklärung. Und de facto wird hier schon ein Stück weit agil gearbeitet, ohne dass es in den Prozessen bisher hinterlegt ist.

Wie würden Sie das agile Konzept eher konservativen Unternehmen verkaufen?

Man kann nicht sagen, dass das agile Engineering nur Vorteile gegenüber dem klassischen Vorgehensmodell hat. Ob man das agile Modell einsetzen sollte, ist abhängig von der Komplexität der Aufgabe und von der Projektphase. Hardwarelastige Projekte haben andere Rahmenbedingungen als reine Software-Projekte.

Letztere werden im Grunde in einer Fachabteilung abgehandelt mit relativ wenigen Schnittstellen zu anderen Fachbereichen. Und der ganz große Unterschied ist, dass in der Software keine Hardware aufgebaut werden muss. Es können Teilprodukte ohne Fertigungsaufwand hergestellt, getestet und ausgeliefert werden. Das ist der wesentliche Unterschied.

Hier muss ich nach dem Design in die Beschaffung gehen, dann in die Herstellung, im Anschluss habe ich einen hardwarebasierten Testaufwand und dann kann ich erst etwas dem Kunden übergeben. Das heißt, die Vorteile der agilen Entwicklung liegen bei der hardwarelastigen Entwicklung speziell in der Anfangsphase, wenn die Anforderungen noch in Klärung sind und in solchen Projekten, wo die Anforderungen komplex und von Anfang an unklar sind. Besonders, wenn der Kunde selber noch nicht genau sagen kann, was er braucht und will.

Gibt es noch andere Hindernisse wie zum Beispiel bestimmte Branchen?

In den Branchen ist zu unterscheiden, ob rein digital gearbeitet werden kann oder ob Hardware aufgebaut werden muss. In der Hardware habe ich immer die Einschränkung, dass ich etwas fertigen muss und in der Fertigungsphase keine Änderungen mehr machen kann. Das ist jetzt extrem ausgedrückt. Natürlich passieren hier auch Änderungen, aber dann zu massiven Kosten, die in den vorgegebenen Rahmenbedingungen nicht mehr abgedeckt werden können. Ansonsten ist das agile Vorgehensmodell im Grunde auf alle Bereiche anwendbar.

Welche Vorteile sehen Sie in der Methode?

Die Vorteile sind schon immens, besonders wenn Lastenhefte oder Anforderungen nicht ganz klar sind und die Agilität auf die Anfangsphase eines Projektes beschränkt wird. Mit dieser Methode kann man erreichen, dass das fertige Produkt viel besser zu dem passt, was der Kunde eigentlich haben möchte. Der Kundenwunsch wird deutlich besser getroffen, und man hat durch den agilen Austausch mit dem Kunden die Möglichkeit, zusätzlich noch Begeisterungsmerkmale zu identifizieren, die man dann noch in das Produkt einbauen kann. Letztendlich kommt in der agilen Vorgehensweise das Produkt dem Kundenwunsch deutlich näher als das in der klassischen Vorgehensweise der Fall ist.

Das setzt natürlich voraus, dass der Kunde auch bereit ist, diesen gemeinsamen Kommunikations- und Klärungsaufwand mit seinem Lieferanten zu betreiben. In der agilen Vorgehensweise wird mit einem Satz von Kernanforderungen gestartet, ein vorläufiger Prototyp erstellt, dieser mit dem Kunden besprochen, diskutiert und analysiert.

Basierend auf diesem Zwischenergebnis werden die nächsten Schritte festgelegt, entwickelt, sich wieder mit dem Kunden zusammensetzt, das Ergebnis angesehen und die nächsten Schritte festgelegt.

Der Prozess hat einen festen Zeitrahmen, sodass sich Kunde und Lieferant in diesem Takt schrittweise an das Ziel annähern und dieses jedes Mal intensiv besprechen. Das erfordert natürlich auch einen gewissen Aufwand beim Kunden.

Sind die Konstrukteure gegenüber der agilen Entwicklung aufgeschlossen?

Meiner Erfahrung nach sind auch altgediente Konstrukteure froh, wenn sie genauer das tun können, was der Kunde tatsächlich haben möchte. Kein Konstrukteur ist mit einer Situation zufrieden, wo er Arbeit in Ergebnisse steckt, die dann vom Kunden nicht akzeptiert werden; oder wenn er seine Arbeitsergebnisse ständig überarbeiten muss, weil der Kunde Änderungen einstreut. Dieser intensive Austausch mit dem Kunden ist in der Regel durchaus gewünscht.

Was allerdings oft ungewohnt ist und abgelehnt wird, ist das Arbeiten nach einem festen Zeittakt. Das ist für viele eine massive Umstellung. Ein anderer Aspekt bei der agilen Vorgehensweise ist der, dass den Mitarbeitern mehr Eigenverantwortung bei der Definition und der Bearbeitung der Themen gegeben wird. Aber auch darüber sind die meisten Konstrukteure letztendlich froh, da sie so mehr Gestaltungsfreiraum in ihrer Arbeit bekommen.